Medienjunkie

7. Februar 2010

Zwei Vampirfilme jenseits von Hollywood: “Durst” vs. “So finster die Nacht”

Abgelegt unter: Film — Medienjunkie @ 18:56
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Dem Vampirgenre kann man in Film und Fernsehen zurzeit nur schwer entkommen: “Twilight”, “True Blood”, “Vampire Diaries” heißen die aktuellen Kassen- und Quotenhits. Auffälligerweise gibt es fernab dieser aufwändigen US-Produktionen, die teilweise von großem Medienhype begleitet werden, in letzter Zeit aber auch einige interessante Beiträge aus Ländern, die man nicht sofort mit Vampirfilmen in Verbindung bringen würde.

Aus Korea kommt Park Chan-Wooks “Durst”, der hierzulande hoch gelobt wurde: Ein junger katholischer Priester nimmt an einem bizarren medizinischen Experiment teil, lässt sich freiwillig mit einem Virus infizieren. Während alle anderen Patienten an diesem sterben, scheint der Priester zunächst auch tot zu sein, steht jedoch kurz darauf wieder auf. Er verspürt nun den Drang, Blut zu trinken und stillt diesen, indem er seine Patientenbesuche als Krankenhausseelsorger nutzt, um sich heimlich an den Transfusionsbeuteln gütlich zu halten. Aber sein Körper meldet noch weitere, für ihn neue Bedürfnisse an. So fängt er eine leidenschaftliche Affäre mit einer verheirateten jungen Frau an, die ihn schon bald dazu benutzt, ihren verhassten Ehemann umzubringen. Doch damit nicht genug: Auch sie möchte ein Vampir werden – und mit Blutkonserven gibt sie sich nicht zufrieden.

Das Ganze klingt jetzt interessanter als es ist, denn letztlich ist “Durst” trotz aller – eher platten – religiösen Metaphorik eher ein traditioneller Genrefilm. Die Gewissensnöte des Gottesmannes, der praktisch auf die dunkle Seite der Seele wechselt, werden nicht wirklich überzeugend heraus gearbeitet. Stattdessen gibt es viele wilde Sexszenen und genreüblichen Splatter. Einige Szenen sind durchaus gelungen, so wenn die nichtsahnende Kartenspielrunde zum wöchentlichen Treffen in der Wohnung anrückt, in der das inzwischen zu Blutsaugern mutierte Paar lebt. Ansonsten bietet der Film aber wenig Überraschungen und ist vor allem – typisch fürs asiatische Kino – sehr langatmig erzählt. Das Ende ist auch nicht gerade logisch überzeugend. Insgesamt ein durchwachsener Unterhaltungsfilm, der dem Vampirgenre nicht wirklich etwas Neues abgewinnt.

Da ist der schwedische Überraschungserfolg “So finster die Nacht” (die englische Fassung heißt, wohl als wörtliche Übersetzung des Originaltitels, “Let the Right One in”) schon von anderem Kaliber. Der 12-jährige Oskar lebt mit seiner geschiedenen Mutter in einem Vorort von Stockholm. Er ist ein Ausßenseiter, der regelmäßig von einer Gruppe Mitschüler getrietzt und geschlagen wird, sich aber nicht traut, sich zu wehren. Eines Abends beobachtet Oskar, wie in die Nachbarwohnung ein geheimnisvoller Mann mit seiner Tochter einzieht. Die scheinbar gleichaltrige Eli trifft Oskar allerdings immer nur im Dunkeln, im Innenhof. Behutsam freunden sich die beiden Kinder an. Währenddessen wird der Ort von einer brutalen Mordserie heimgesucht, bei der der Täter seinen Opfern Blut abzapft und in Gefäßen sammelt. Während Oskar durch Elis Hilfe langsam lernt, zurück zu schlagen, kommt er mit der Zeit hinter das Geheimnis seiner neuen Freundin…

Was an “So finster…” zunächst fasziniert, ist seine düstere Atmosphäre: Schweden im Winter ist kein anheimelnder Ort, aber Dunkelheit und Schnee legen sich auch wie Watte über die Straßen und Menschen, scheinen das Alltagsleben fast zum Stillstand zu bringen. Eine unwirkliche Atmosphäre, in der es auch nicht verwundert, dass Vampire unter normalen Menschen leben. Statt einer herkömmlichen Genregeschichte erzählt Regisseur Thomas Alfredson von zwei Außenseitern, die sich zaghaft und unsicher näherkommen und eine Beziehung jenseits aller Vernunft und Wahrscheinlichkeit eingehen. Dass diese beiden Hauptfiguren erst 12 Jahre alt sind und damit noch kurz vor der Pubertät, ist ein besonders cleverer Kunstgriff, denn dadurch bekommt ihre Freundschaft/Liebe etwas Unschuldiges und bleibt fernab jeglicher Spekulativität. Vampire dienen hier einmal gerade nicht als Metaphern für sexuelle Begierden oder Abgründe. Natürlich geht es auch hier ums Entdecken des anderen Geschlechts, aber eher auf eine platonisch-naive Weise. Dabei sind die Kinderdarsteller so natürlich, dass ihr Spiel nie peinlich oder künstlich wirkt.

Im Gegensatz zu “Durst”, wo der Kampf gegen die eigenen vampirhaften Gelüste eher aufgesetzt wirkt, versucht Eli nie, ihrem Wesen zu entkommen. Sie ist nun einmal, was sie ist, trinkt Blut, “weil sie es muss”, wie sie Oskar einmal erklärt. Damit stellt sich gar nicht erst die Frage von Gut oder Böse, denn man würde ja auch einem Raubtier nicht vorwerfen, andere Tiere bei lebendigen Leib zu zerfleischen. Als böse werden hier vielmehr die Mitschüler dargestellt, die Oskar quälen, ohne einen Grund dafür zu haben. Und Oskar gibt Eli gegenüber dann auch zu, dass er seine Peiniger auch gerne töten würde, wenn er könnte.

Auch “So finster die Nacht” ist langsam erzählt, wird aber wegen seiner faszinierenden Bilder, der stimmungsvollen Musik und der mehrschichtigen Story nie langweilig. Genrefans werden sich vermutlich darüber freuen, dass hier alle Vampirregeln eingehalten werden und alle Anderen werden sich einfach von der ungewöhnlichen Liebesgeschichte berühren lassen. Und sowohl Hollywood mit seinen moralisch-verklemmten “Twilight”-Verfilmungen als auch Korea mit seinen pseudo-tiefgründigen Filmen über von Gott abgefallene Priester muss man zurufen: Seht her, so kann ein Vampirfilm auch aussehen.

6. Februar 2010

Viel zu viele Filmkritiken

Abgelegt unter: Film, Print — Medienjunkie @ 17:19
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Was mich an allen etablierten Filmzeitschriften in Deutschland stört, ist der Platz, den sie aktuellen Filmkritiken einräumen. Bei “epd Film” gehen dafür gerne mal 23 von 68 Seiten drauf, also mehr als ein Drittel. Oft beginnt der Teil mit den Kritiken schon vor dem Heftfalz, also vor der Mitte des Heftes. Nach den Filmkritiken kommen dann nur noch DVDs, Bücher, TV-Tipps, also im Grunde auch Kritiken, so dass diese dann insgesamt rund die Hälfte des Heftes ausmachen. Ähnlich sieht es beim “Schnitt” aus, der zwar insgesamt mehr Seiten hat, aber auch das Problem, nur alle drei Monate zu erscheinen, was dann auch zu noch mehr Filmkritiken führt, sowie beim “film-dienst”. Der erscheint zwar sogar alle 14 Tage, hat aber dafür den Anspruch, wirklich jeden Film zu besprechen, der in Deutschland (und der Schweiz) im Kino, auf DVD oder im Fernsehen rauskommt, was wiederum zu einem Wust von Kritiken führt.

Jetzt mal ehrlich: Wer soll eigentlich diese ganzen Kritiken lesen? Wer sich gezielt über einen bestimmten Film informieren will oder auch nur darüber, was denn aktuell so in den Kinos läuft, wird wahrscheinlich eher auf eine Internetseite gehen, z.B. auf filmstarts.de o.ä. Andere, die sich nicht so stark fürs Kino interessieren, sondern eher Gelegenheitsgänger sind, werden sich mit den wöchentlichen wenigen Kritiken in ihrer Tageszeitung oder in allgemeinen Zeitschriften zufrieden geben. Und wer wirklich so filmverrückt ist, dass er sich eine Fachzeitschrift kauft, möchte der dann unbedingt dort auch noch über (fast) jeden neuen Film eine Kritik finden? Ich glaube ehr nicht.

Das Problem ist doch, dass es unheimlich ermüdend ist, mehr als zwei, drei Kritiken hintereinander zu lesen. Und zu den meisten Filmen, die da vorgestellt werden, hat man entweder vorher schon irgendwo eine gelesen oder wird das spätestens in der Woche, in der der jeweilige Film dann wirklich in die Kinos kommt. Andere Filme, die in den Fachzeitschriften besprochen werden, sind so speziell, dass sie in 90 bis 99 Prozent aller deutschen Städte eh nie ihren Weg auf eine Kinoleinwand finden. Was nützt es mir dann, dazu Kritiken zu finden, die eh im Wust der ganzen anderen untergehen. Und der Platz, den diese Überfülle an aktuellen Besprechungen wegnimmt, fehlt dann für Berichte und ausführlich behandelte Themen.

Kauft sich irgendjemand eine Filmzeitschrift hauptsächlich, um Kritiken zu aktuellen Neustarts zu lesen? Oder will man darin nicht vielmehr etwas lesen, was man in der Tagespresse und im Internet halt nicht so häufig (oder gar nicht) findet? Nämlich Hintergrundberichte, Analysen, Porträts von Filmschaffenden, vielleicht auch ausführliche Interviews. Das ist es doch, was solche Zeitschriften für den Filmliebhaber wirklich interessant macht.

Dass es auch anders geht, beweist z.B. das Schweizer “Filmbulletin”, das in jedem Heft nur eine Handvoll Neustarts bespricht. Der überwiegende Teil der Zeitschrift ist den ausführlichen Themenstrecken gewidmet. In der noch relativ neuen “Cargo” gibt es überhaupt keinen Teil mit aktuellen Kinokritiken. Ist ein neuer Film besonders interessant, wird er ausführlich besprochen, manchmal auch im Zusammenhang mit anderen neuen Filmen, wenn es sich thematisch anbietet. Sonst halt gar nicht. Das hat nicht nur den Vorteil, dass so im Heft Platz gewonnen wird für längere Texte zu anderen Themen. Es wird auch eine Auswahl getroffen: Der Leser weiß, dass es sich schon um einen besonders interessanten Film handeln muss (nach Meinung der Redaktion natürlich), wenn er überhaupt in diesen Zeitschriften vorgestellt wird. Da liest man dann die wenigen Kritiken auch gerne, statt sich durch den Wust der Neuvorstellungen in den anderen Filmzeitschriften zu kämpfen.

Gerade in Zeiten, in denen die nächste (kostenlose) aktuelle Kinokritik im Netz immer nur einen Klick entfernt ist, sollten sich die Filmzeitschriften auf ihre wahren Stärken besinnen und endlich Mut zur Vorauswahl fassen: nicht, indem sie nur ein oder zwei Sterne vergeben, sondern indem sie nur die wirklich interessanten Filme ausführlich besprechen (das kann natürlich auch mal ein ambitioniert oder grandios gescheiterter Film sein) und die ganzen mittelmäßigen und belanglosen einfach ignorieren.

4. Februar 2010

“Avatar” clever auseinander genommen

Abgelegt unter: Film — Medienjunkie @ 14:26
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Der Wortvogel hat einen sehr amüsanten Videoverriss des völlig überschätzten Mega-Blockbusters gefunden (der jetzt übrigens ernsthaft für den Oscar als bester Film nominiert ist, was für eine Bankrotterklärung).

Die erste treffende Kritik, die ich über den Film gelesen habe, stammt auch vom Wortvogel. Alle anderen Kritiker scheinen ja irgendwelche Drogen genommen zu haben, bevor sie sich die 3D-Brillen aufsetzten. Anders kann ich mir die ganzen mit Superlativen um sich schmeißenden Kritiken jedenfalls nicht erklären, die ich so gelesen habe.

2. Februar 2010

Die Merkwürdigkeiten der deutschen Musikpresse (II)

Abgelegt unter: Film, Musik, Print, Radio, TV — Medienjunkie @ 20:18
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Immer wieder ein Hort der Ermunterung: die Jahrescharts diverser Musikzeitschriften. Z.B. der Poll in der neuen “Intro”. Gut, dass ich bei den “Besten Songs 2009″ sowohl in den Redaktions- als auch in den Lesercharts jeweils genau einen kenne, wundert mich nicht wirklich. Auch nicht, dass das erste Album, das mich halbwegs interessiert, in der Redaktionsliste auf Platz 9 und in der Leserliste auf Platz 11 steht. Ist halt die “Intro”, da kenn ich sowieso 90 Prozent der Bands, die da besprochen werden, nicht. Bei den Lieblingskünstlern der Leser könnte man sich vielleicht noch die Frage stellen, wer um alles in der Welt denn solche Menschen wie Erlend Oye (mit Querstrich durch das O, weiß nicht, wie man das auf dem PC erzeugt) auf Platz 8 oder William Fitzsimmons auf Platz 10 sind. Kann man aber auch sein lassen.

“Stromberg” und die “Simpsons” sind als Spitzenreiter bei den “Besten TV-Sendungen” wohl unvermeidbar, obwohl inzwischen selbst Hardcore-”Simpsons”-Fans meinen, die Serie hätte ihren Zenit schon lange überschritten. Auf den Plätzen 5 bis 7 folgen dann lauter langweilige Sitcoms. Gut, ist halt nicht mein Genre. Aber spätestens bei den Schauspielerlisten dachte ich dann, jetzt sind die Leser wohl jenseits von Gut und Böse angekommen: Nora Tschirner als “Beste Schauspielerin” ist ironisch gemeint, oder? Und bei den Männern Till Schweiger auf Platz 13? Till “Ich habe nur einen Gesichtsausdruck” Schweiger? Till “Unser Mann in Hollywood, bei dem es leider nur für zwei, drei Gastauftritte gereicht hat” Schweiger? OMG!

Erstaunlich geschmackssicher sind die “Intro”-Leser immerhin, was Radiosendungen angeht. In den Top 10 finden sich gleich drei meiner Lieblingsshows: der Bayern2-”Zündfunk” auf der 2, Grissemanns & Stermanns Comedy-”Show Royal” (Radio Eins) auf Platz 6 und Klaus Walters ByteFM-Sendung “Was ist Musik?” auf Platz 8. (Und auch wenn ich kein großer EinsLive-Fan bin, kann ich den ersten bzw. dritten Platz für “Plan B” und “Fiehe” zwar nicht teilen, aber zumindest nachvollziehen.)

Bei vielen Kategorien frage ich mich eh, wie man da zu Favoriten kommen soll. Ich hab z.B. letztes Jahr weder ein Konzert besucht noch bewusst ein Musikvideo wahrgenommen (doch, eins: von dem Distelmeyer, aber das fand ich jetzt nicht so toll, dass ich das wählen würde), spiele keine Computerspiele und gehe nie auf Festivals. Aber wahrscheinlich bin ich auch schon längst aus der Zielgruppe raus.

30. Januar 2010

Neid oder Mitleid: Ein Mann, drei Ehefrauen – die HBO-Serie “Big Love”

Abgelegt unter: TV — Medienjunkie @ 23:15
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Bill Henrickson ist ein Mann, den viele Männer auf den ersten Blick sicher beneiden würden: Er kann regelmäßig mit drei Frauen schlafen, die ihn alle lieben – und er muss es noch nicht einmal vor den jeweils anderen geheim halten. Denn Bill ist Anhänger einer Konfession des Mormonentums, die noch heute Polyganismus praktiziert. Auf den zweiten Blick löst sich der Neid jedoch schnell auf und man weiß als Zuschauer vielmehr nicht, ob man mit Bill Mitleid haben oder ihn verachten soll, weil er so ein selbstgerechter Typ mit steinzeitlichem Familienbild ist.

Die Nachteile, mit drei Frauen gleichzeitig zusammen zu leben, sind vielfältiger, als man zunächst denken würde: da sind die Eifersüchteleien zwischen den drei Frauen, der Zwang, immer alle zufrieden zu stellen, damit sich keine benachteiligt oder zurückgesetzt fühlt, und meistens kann der arme Bill dann doch nicht mit derjenigen Frau zusammen sein, nach der ihm gerade am meisten ist, denn das Eheleben ist streng reglementiert und durchgeplant und jede Nacht einer anderen Frau zugeteilt. Auch die Erfüllung all seiner ehelichen Pflichten ist ohne Viagra nur schwerlich zu schaffen. Hinzu kommt noch der Zwang, das ungewöhnliche Familienleben vor Nachbarn und Mitarbeitern geheim zu halten, denn Polygamie ist auch im Mormonenstaat Utah gesetzlich verboten.

HBO hat es mit “Big Love” mal wieder getan: ein recht abseitiges Thema zu einer faszinierenden TV-Serie verarbeitet. Eine polygamistische Großfamilie in einem Vorort von Salt Lake City – das klingt zunächst nicht nach einem viel versprechenden Serienstoff. Tatsächlich bietet das Setting aber genügend Stoff für skurrile Situationen wie für dramatische Verwicklungen. Neben den diversen Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammenleben Bills mit den drei Frauen und den sieben Kindern ergeben, befindet er sich auch noch in einer langjährigen Familienfehde mit einem seiner Schwiegerväter, dem Propheten der Gemeinde, der Bill bereits in seiner Jugend den Rücken zugekehrt hat. Dazu kommt noch Bills eigene Herkunftsfamilie, die neben seinen reichlich kauzigen Eltern u.a. auch noch aus den nicht minder skurrilen weiteren Ehefrauen seines halsstarrigen Vaters besteht.

Die Besetzung ist ein Volltreffer: Vor allem die Darstellerinnen von Bills (Bill Paxton) Ehefrauen sind allesamt klasse: Jeanne Tripplehorne als vernünftige Erstfrau Barb, Chloe Sevigny als etwas zwielichtige Zweitfrau Nicky und Ginnie Goodwin als jüngste und reichlich naive Drittfrau Margene. Sevigny ist eh eine meiner Lieblingsschauspielerinnen der jüngeren Generation und sie mal in einer Sereinhauptrolle zu sehen, ist insofern fast wie Weihnachten. Gerade wurde sie für ihre Darstellung mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Dazu konnte man für die Nebenrolle des bigotten Sektenführers Harry Dean Stanton gewinnen, der durch seine Rollen in diversen David Lynch-Filmen und in Wim Wenders’ “Paris, Texas” zu einer Kultfigur geworden ist. (Der Mann ist übrigens unglaubliche 83 Jahre alt, ich hätte ihn höchstens auf 70 geschätzt.)

Ansonsten zeichnet die Serie all das aus, was man von anderen HBO-Produktionen kennt: perfekte Ausstattung und Außenaufnahmen, langsame Erzählweise, zurückhaltender Humor und viel Skurrilität. Dazu einer der besten Vorspänne der letzten Jahre, der perfekt die Stimmung der Serie einfängt (mit “God Only Knows” von den Beach Boys als Titellied). Gegenüber “Mad Men”, das zzt. überall in der deutschen Presse abgefeiert wird, ist “Big Love” die wesentlich interessanter startende neuere Dramaserie aus den USA.

29. Januar 2010

Heute Nacht im Radio: Mr. Alan Bangs

Abgelegt unter: Radio — Medienjunkie @ 21:42
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Jeden 5. Freitag im Monat ist so ziemlich der merkwürdigste Senderhythmus, den ich jemals gesehen habe. Da ich es diesen Monat mal rechtzeitig gemerkt habe, hier also der Hinweis für alle Radionostalgiker: Alan Bangs moderiert heute Nacht ab 0 Uhr mal wieder die “Nachtsession” auf Bayern2. Also, lasst eure Internet-Stream-Abspielvorrichtungen laufen oder programmiert eure Radiorekorder (Falls hier jemand aus Bayern mitliest, reicht es natürlich auch einfach, das Radio einzuschalten.).

24. Januar 2010

3x Paul Verhoeven in 3 Wochen

Abgelegt unter: Film — Medienjunkie @ 17:51
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Ein interessanter Regisseur, auch wenn ich die meisten seiner Filme dann doch irgendwie trashig finde, ist Paul Verhoeven. Nachdem ich gestern auch endlich mal “Hollow Man” im Fernsehen gesehen habe, der allgemein immer als einer seiner schlechtesten Filme genannt wird, waren das für mich jetzt 3 seiner Filme in knapp 3 Wochen. Mein Urteil fällt höchst unterschiedlich aus:

“Black Book” (“Zwaartboek”): Ein fast perfekter Unterhaltungsfilm mit Anspruch, in dem Verhoeven Actionkino à la Hollywood mit europäischem Erzählkino verbindet. Man merkt, dass er einerseits durch die Arbeit in den USA sein Handwerk als Actionregisseur gelernt hat und dies hier einsetzt, um andererseits eine für ihn als Niederländer der Kriegsgeneration persönliche Geschichte zu erzählen. Für mich sein bester Film: spannend, bewegend, mit überwiegend vielschichtigen Charakteren und einer Story, die nicht schwarz-weiß zeichnet, sondern zeigt, dass die Welt auch in Kriegszeiten nicht so einfach in Gut und Böse zu unterteilen ist, wie manche gerne denken.  5 von 6 Sternen

“Der Soldat von Oranien” (“Soldaat van Oranje” aka “Soldiers” aka “Survival Run”): Hat mir nicht mehr ganz so gut gefallen wie beim ersten Ansehen, was aber auch daran liegen kann, dass mir diesmal die wirklich schlechte Synchronisation aufgefallen ist (Dummerweise gibt’s auf der erst kürzlich erschienenen DVD keine Originaltonspur, obwohl das sogar eine restaurierte und damit verlängerte Fassung gegenüber der ursprünglichen deutschen ist): Warum in einem niederländischen Film die Namen der Hauptfiguren englisch ausgesprochen werden, weiß wohl nur der Dialogbuchautor. Eine Figur heißt gar in der Synchro plötzlich John, obwohl er im Original Jan heißt. Da die ursprünglich geschnittenen Szenen auf Niederländisch mit deutschen Untertiteln eingefügt sind, fällt das als besonders dämlich auf. Außerdem nennt die niederländische Königin ihre Landsleute immer “Mister”. WTF? Ansonsten ein unterhaltsamer Actionfilm mit einigen Längen und doch recht eindimensionalen Charakteren, wenngleich von guten Schauspielern dargestellt (allen voran natürlich Rutger Hauer). Die Gräuel des Krieges bleiben im Gegensatz zu “Black Book” doch eher im Hintergrund, obwohl es auch hier Verräter und Überläufer gibt. Und: einer der wenigen patriotischen Filme, die ich kenne, die nicht aus den USA kommen. 4 von 6 Sternen

“Hollow Man”: Verhoevens letzter Film, bevor er in die Niederlande zurückgekehrt ist. Fängt ganz interessant an, wird zunehmend unlogischer und endet in der letzten halben Stunde in einem Action- und Gewaltspektakel, nachdem vorher nicht viel passiert ist. Ein Film mit etwas merkwürdigem Pacing, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er ein Wissenschaftsthriller, ein Grusel- oder ein Actionfilm sein will. Funktioniert aber als Popcorn-Unterhaltung ohne Anspruch dennoch ganz gut. Von irgendeiner persönlichen Handschrift des Regisseurs ist hier allerdings überhaupt nichts zu merken. 3,5 von 6 Sternen

18. Januar 2010

Ein Lichtblick im deutschen TV: 3sat nimmt HBO-Serie ins Programm

Abgelegt unter: TV — Medienjunkie @ 20:17
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Es gibt noch Hoffnung: Da hatte ich mich gerade vor ein paar Tagen hier noch aufgeregt, warum anspruchsvolle HBO-Serien eigentlich in Deutschland nicht von öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt werden, da lese ich heute, dass 3sat Mitte Februar “In Treatment”, eine Serie um einen von Gabriel Byrne gepielten Therapeuten, ins Programm nimmt. Zunächst sogar mit täglichen Doppelfolgen zur Primetime, nach zwei Wochen dann allerdings nur noch wöchentlich ab ca. 22 Uhr 30. Mit 3sat hatte ich nun wirklich am wenigsten gerechnet, weil die meines Wissens nach überhaupt noch nie US-Serien ausgestrahlt haben. Ein viel versprechendes Experiment.

17. Januar 2010

Yesterday’s ads

Abgelegt unter: Print — Medienjunkie @ 23:05
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Zwei Obskuritäten aus Zeitschriften der 70er/80er Jahre: 1980 war Heimkino noch ein richtig teueres Hobby. In der Prä-VHS-Ära waren Originalkinofilme auf Super 8 so unglaublich teuer, dass ich es teilweise echt nicht fassen kann. Im Nachlass meines Opas finden sich auch einige bekannte Kinofilme auf Super 8, die auch noch die Originalpreisschilder tragen: “Krieg der Sterne”, “Der weiße Hai” u.a. Die kosteten so um die 100 DM. Dieser Anzeige aus dem Jahr 1980 nach waren manche Zeichentrick- und Realfilme aber noch wesentlich teurer: “Barbarella” mit Jane Fonda 448,50 DM. Der teuerste Film im Angebot des Herrn (?) König war aber demnach “Zuckermann’s Farm – Die Abenteuer vom Schweinchen Wilbur” (nie gehört; man beachte auch den schrägen Fall – gebt dem Genitiv keine Chance) für sagenhafte 495 DM. Dagegen sind DVDs heute billig wie geschnitten Brot.

Anzeige König Film

An folgende Anzeige konnte ich mich sogar noch aus meiner Kindheit erinnern: Sie war Ende der 70er wohl regelmäßig in Kinderzeitschriften abgedruckt. Wieder entdeckt habe ich sie in einem alten ZACK-Heft von 1977. Abgesehen davon, dass sich Kinder damals noch mit einem Schuh zufrieden gaben, dessen Absatz einen coolen Tigerkopf-Abdruck hinterließ, während es heute mindestens ein rotes Leuchten bei jedem Schritt sein muss, könnte man so eine Werbung heute auch aus Gründen der Political Correctness nicht mehr bringen: Die Geschlechterklischees sind doch bermerkenswert. Die Jungs wollten damals alle wild, schnell und ausdauernd sein, die Mädels gaben sich mit “happy und glücklich” zufrieden und wollten deshalb auch keine wilden Tigerkopf-Schuhe, sondern lieber welche, an denen “wirklich immer ein Glückspony dran” hing. Heute würden die Mädchen wahrscheinlich so lange quängeln, bis sie auch einen Tigerschuh bekämen.

Anzeige Tigerboy / Happy Pony

16. Januar 2010

Ein gewaltiger Debütroman: Maxim Billers “Die Tochter”

Abgelegt unter: Bücher, Uncategorized — Medienjunkie @ 13:34
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Maxim Biller: "Die Tochter"

“Als Motti Wind nach zehn langen, bedrückenden Jahren seine Tochter Nurit wiedersah, hatte sie fast gar nichts an.”

Maxim Biller gebührt für seinen Debütroman “Die Tochter” von 2000 nicht nur die Anerkennung für den besten ersten Satz, den ich seit langem gelesen habe, sondern auch für den besten Romaneinstieg. Was für ein erstes Kapitel: Billers Protagonist erkennt in einer Darstellerin in dem Pornovideo, das er sich an einem Sonntagnachmittag zu Gemüte führt, so wie er sich seit längerem jeden Sonntag eines anguckt, seine Tochter wieder, die er vor zehn Jahren verloren hat. Statt den Blick abzuwenden oder den Fernseher auszuschalten, verliebt sich Motti aufs Neue in seine eigene Tochter, die inzwischen kein kleines Mädchen mehr ist, sondern eine Teenagerin, die für Geld Sex vor der Kamera hat.

Biller ist kein Autor, der Angst vor Tabubrüchen hat. Das Thema Inzest durchzieht die ganze tragische Liebes- und Lebensgeschichte, die er in seinem Roman, größtenteils in Rückblenden, erzählt. Während wir in der Rahmenhandlung den in München lebenden Israeli Motti auf seiner sonntäglichen Odysee durch die Stadt begleiten, auf dem Weg zur Mutter seiner Tochter, die er wegen des Pornos zur Rede stellen will, setzt sich die Vorgeschichte, die in jedem zweiten Kapitel erzählt wird, nur bruchstückhaft zusammen. Es ist die Geschichte eines jungen Juden, der nach einem traumatischen Erlebnis im Libanonkrieg Anfang der 80er Jahre nach Deutschland kommt, weil er sich im Flugzeug in eine deutsche Frau verliebt hat: Sofie.

Langsam, anfangs fast unmerklich, ändert sich die Stimmung des Romans, wird die Beziehung zwischen dem unsicheren Motti und der stillen Sofie von Problemen überschattet: Sofie scheint nicht in der Lage zu sein, der gemeinsamen Tochter Nurit Mutterliebe entgegen zu bringen, hinzu kommen Schwierigkeiten in diversen Jobs, die die Frau immer tiefer in die seelische Isolation und von Motti wegtreiben. Gleichzeitig sorgt sich Motti zunehmend um die meist apathisch wirkende Tochter, die in ihrer Entwicklung  zurückgeblieben zu sein scheint. Die Unfähigkeit aller Beteilligten, über ihre wahren Gefühle zu sprechen, führt unaufhörlich zur Katastrophe…

In seinem komplex strukturierten Familienromen geht es Biller ums Ganze: um unauslöschbare Schuld, die Unmöglichkeit von Kommunikation, den Gegensatz zwischen Israel und Deutschland, um eine unmögliche Liebe und die Möglichkeit eines negativen Gottesbeweises. Durch die nur schwer zu durchschauende Erzählstruktur und die manchmal quälend langen Schilderungen von Mottis wirrem Geisteszustand macht es Biller seinen Lesern nicht immer leicht. Andererseits entwickelt seine Erzählung immer wieder einen Sog, der einen so tief in die Handlung hineinzieht, dass man immer weiter lesen muss. Bis zum bitteren Ende, der mit einem Knalleffekt endet.

Leser, die schon Billers journalistische Arbeit mitverfolgt haben, werden sich über einige autobiographische Elemente gegen Ende des Romans freuen, wenn der Ich-Erzähler plötzlich anfängt, seine eigene Geschichte zu erzählen, die nur locker mit der Haupthandlung um Motti Wind verknüpft ist. Da taucht dann auch mal die Zeitschrift TEMPO auf, als deren Kolumnist Biller in den 80ern bekannt geworden ist, und ein New York-Korrespondent, der unschwer als Andrian Kreye (heute SZ-Feuilletonchef) zu erkennen ist. Wobei viele der Ansichten, die Motti über Deutschland und die Deutschen, über Gott und Religion vertritt, auch weitgehend deckungsgleich mit denen des Autors sein dürften. Wie schon in seinen legendären “100 Zeilen Hass”-Kolumnen teilt Biller auch hier wieder gerne aus, womit er einige Leser vor den Kopf stoßen dürfte. Andererseits beweist er mit diesem Roman, dass er auch ganz anders kann, indem er eine teils sehr einfühlsame Liebesgeschichte erzählt, die im Irrsinn endet, ohne dass er jemals die Sympathie für seine geschlagene Hauptfigur verliert.

Maxim Biller: “Die Tochter” Roman. dtv 2001. 432 Seiten, 11 Euro.

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