Leider sieht man diese wunderbare Schauspielerin ja viel zu selten, obwohl die meisten Kritiker sie lieben. Und wenn sie dann tatsächlich alle Jubeljahre mal einen Kinofilm dreht, kommt der meist gar nicht oder nur ganz kurz in mehr als drei Städten ins Kino. Ihre größten Momente hat sie aber vielleicht ohnehin in TV-Filmen gehabt. Hier eine kurze Einschätzung der meiner Meinung nach zehn wichtigsten ihrer Filme:

Durst: als eine Station auf dem Weg des jungen Jürgen Vogel, der nacheinander ein Mädchen, einen Jungen und seinen Lehrer verführt, lässt Krebitz erahnen, welches Talent in ihr steckt

Schicksalsspiel: ihre erste aufsehenerregende Hauptrolle – als Teenagermädchen, dass sich ausgerechnet in einen Fan (Jürgen Vogel) des gegnerischen Fussballvereins verliebt. Romeo und Julia in Hamburg, ebenso intensiv wie brutal realistisch.

Ausgerechnet Zoé: ein weiterer ARD-Fernsehfilm, diesmal steht Krebitz ganz im Mittelpunkt als junge Frau, die plötzlich mit einer positiven HIV-Diagnose leben (lernen) muss. Jürgen Vogel ist auch wieder dabei, ebenso Henry Arnold aus der “Zweiten Heimat”, aber Krebitz spielt sie, gleichermaßen verletzlich wie lebensfroh, alle an die Wand – wohl immer noch ihre beste Rolle.

Bandits: an der Seite von Katja Riemann und Jasmin Tabatabai spielt sie ihre wahrscheinlich bekannteste Rolle, das beste an diesem Film ist aber wohl doch die Musik

Long Hello and Short Goodbye: Rainer Kaufmanns deutscher Neo-Noir, mit großem Stilwillen inszeniert, aber doch immer leicht ironisch gebrochen. Krebitz spielt mit blonden Haaren die Undercover-Polizisten, die sich in den kriminellen Marc Hosemann verliebt und die Seiten wechselt. Großartige Schlusseinstellung!

Fandango: Stilistisch noch brillanter ist dieser Genrefilm von Matthias Glasner, der damals bei den Kritikern völlig durchfiel. Als Model mit dem herrlichen Namen Shirley Maus (“ich hatte es einmal bis aufs Cover der Pop/Rocky geschafft”) betrügt sie den brutalen Unterwelt-Charakter von Richy Müller (“es gibt zwei Arten von Frauen: die einen lassen dich bluten, ohne dass du es überhaupt merkst, die anderen lassen sich im Voraus bezahlen – letztere sind mir wesentlich lieber”) mit dem “blinden” DJ von Moritz Bleibtreu, um am Ende von Corinna Harfouchs irrem Profikiller gejagt zu werden. Leider ist die Story sehr 08/15.

Jeans: Krebitz’ Debütfilm als Regisseurin, in dem sie auch selber auftritt, ist leider nicht mehr als eine reichlich überambitionierte Fingerübung, die wie die Semesterarbeit einer Filmstudentin aussieht. Immerhin darf Rave-Veteran und Klagenfurt-Suhrkamp-Legende Rainald Goetz als er selbst autauchen und den jungen Leuten erzählen, wie das wilde Leben wirklich geht.

Das Herz ist ein dunkler Wald: In Krebitz’ zweiter langer Regiearbeit spielt sie nicht selbst mit. Der Film mit Nina Hoss in einer weiteren schlafwandlerischen Rolle erinnert ebenso an die Berliner Schule wie an “Eyes Wide Shut” und lässt einen genauso ratlos zurück – etwas zu künstlerisch, aber durchaus interessant.

Liebeslied: leider völlig untergegangenes Musical (!) mit Selig-Sänger Jan Plevka als Bauarbeiter, der aus heiterem Himmel an Parkinson erkrankt, und Krebitz als dessen Ehefrau. Ebenso ernster wie beschwingter Film, in dem die Songs und Gesangsszenen tatsächlich einmal besser funktionieren als in 90 Prozent der amerikanischen Filmmusicals. Aber so etwas hat in Deutschland natürlich keine Chance, da es sich ja in keine Schublade einsortieren lässt.

Unter dir die Stadt: Danach war der Weg zu einer Hauptrolle in einem Film eines Berliner-Schule-Regisseurs nur folgerichtig. In Christoph Hochhäuslers Kinowerk spielt Krebitz die gelangweilte Banker-Ehefrau, die ihrer sinnentleerten Existenz mit einer ebenso sinnlosen Affäre mit einem älteren Vorstandsmitglied einen neuen Dreh geben will. Dabei bleibt sie trotz ihrer enormen Anziehungskraft die große Leerstelle des Films: Ihre Beweggründe versteht man nie, die Faszination des schmiergig-einsamen Bankvorstands dafür umso mehr.

 

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Das denke ich in letzter Zeit immer öfter, wenn ich auf taz.de unterwegs bin, was seit langer Zeit fast meine einzige Nachrichtenquelle im Internet ist, wenn es um allgemeine, mehr oder weniger aktuelle Themen geht (generell informiere ich mich über Politik, Wirtschaft etc. lieber durch Radiosendungen wie das “Mittagsecho” als durch Webseiten wie SpOn oder die Tageszeitungsportale). Der gedruckten taz habe ich ja viele Jahre lang die Treue gehalten, erst als unregelmäßiger Käufer, dann mal ganz kurz als Abonnent – wobei ich das Abo nicht gekümdigt habe, weil mir die Zeitung nicht gefiel, sondern weil die Post es damals mindestens einmal pro Woche nicht schaffte, mir die Zeitung auch am Erscheinungstag in den Briefkasten zuzustellen und eine Tageszeitung vom Samstag am Montag doch eher sinnlos ist -, dann fast acht Jahre lang so gut wie jeden Samstag als Käufer und zeitweise auch noch donnerstags, als es da die taz.ruhr bzw. später taz.nrw gab.

Aufgehört, die taz zu lesen, habe ich erst, als ich merkte, dass mir die Süddeutsche viel besser gefiel, insbesondere die Wochenendausgabe (seit zwei, drei Jahren kaufe ich gar keine Tageszeitungen mehr, eine Wochenzeitung reicht mir). Seitdem und seit dem vorletzten Relaunch der Samstagsausgabe, als diese dann plötzlich in Farbe war und die Beilage Sonntaz hieß, habe ich nur gelegentlich noch mal eine gedruckte Ausgabe in der Hand gehabt, meistens in Cafés. Was ich dann feststellte, war, dass die Zeitung irgendwie immer mainstreamiger und dadurch belangloser geworden war. Vergangene Woche gab es nun mal wieder einen Relaunch der Samstagsausgabe, der als ganz großer Wurf verkauft und von einer aufwendigen Werbekampagne begleitet wurde. Geändert hat sich sogar erstmals der Titel: Nicht mehr “die tageszeitung” prangt nun über dem Titelfoto, sondern “taz. am wochenende”. Keine Tageszeitung soll die sechste Ausgabe mehr sein, sondern eine Wochenzeitung, ein Magazin, soll schon der Titel suggerieren.

Der Ansatz ist sicher nicht verkehrt, gehen doch auch Tageszeitungen in den USA – notgedrungen – vermehrt den Weg, statt einer täglichen Zeitung nur noch ein oder zwei Mal in der Woche eine drucken zu lassen, die dann auch “magaziniger” ist, also mehr Hintergründe und Lesestoff bietet als Nachrichten, die bei Druck sowieso schon veraltet sind. Was die taz da allerdings als ganz neu, innovativ und fortschrittlich verkauft, ist eigentlich ein alter Hut und noch dazu eine Mogelpackung: Beim Durchblättern unterscheidet sich die neue “taz.am wochenende” nämlich in fast nichts von der alten Samstagsausgabe – mit dem Unterschied, dass sie nun statt 2, 30 Euro 3,20 Euro kostet. Weder hat sie mehr Seiten, noch ist der Inhalt wirklich ein anderer. Die Änderungen sind rein kosmetischer Natur. Nach wie vor gibt es 16 Seiten mit den üblichen Inhalten, die sich – teils unter anderen Rubrikentiteln – auch in der Werktagsausgabe finden, mit dem einzigen auffälligen Unterschied, dass die reinen Nachrichten auf eine Seite gekürzt wurden. Aber Reportagen und Hintergründe finden sich ja auch montags bis freitags.

Danach folgen wie gehabt 24 Seiten Sonntaz mit teils den alten und teils auch einigen neuen Rubriken und Themen aus Gesellschaft, Kultur, Reise etc. Dabei wirkte die Themenmischung heute so beliebig und an manchen Stellen in ihrer Klischeehaftigkeit schon unfreiwillig komisch, dass ich mich echt fragte, wer dafür mehr als 3 Euro bezahlen soll – von den üblichen Altabonnenten aus der Kommune 1 und den Macchiato-Müttern vom Prenzlberg mal abgesehen. Homestories über “normale” Leser – Tenor der Unterzeile: “Sie lernten sich kennen, heirateten und hatten auch ihre Probleme” -, eine Rezeptseite – Mozzarella-Paprika richtig zubereiten – und eine ganzseitige Anleitung, wie man richtig Holz hackt – sind das eurer Meinung nach wirklich die Themen, die alternativ oder “irgendwie links” denkenden Menschen auf den Nägeln brennen, liebe taz? Da kann ich mir ja gleich die Rheinische Post kaufen, deren Wochenendbeilage eine ähnliche Mischung haben dürfte. Interessiert haben mich auf den ganzen 40 Seiten zwei kurze Artikel, einen über einen neuen Kinofilm und die “Tatort”-Vorkritik – na gut, letzterer eigentlich auch nicht so richtig.

Dass der groß angekündigte Relaunch im Grunde nur eine kaschierte drastische Preiserhöhung ist, bemerken dann auch gleich mehrere LeserInnen auf der Leserbriefseite. Warum sagt ihr dann nicht einfach: “Die Zeiten für Print sind hart, die Einnahmen sinken, wir brauchen mehr Geld von euch, liebe LeserInnen”? Stattdessen tut ihr so, als hättet ihr das Rezept für die Zukunft gefunden und verpackt doch nur alten Wein in neue Schläuche, etikettiert ihn aber mit um 40 Prozent erhöhten Preisen. Fast noch trauriger finde ich, dass ihr mittlerweile in meinenn Augen fast überhaupt keine politisch-gesellschaftliche Relevanz mehr habt. Früher stimmte der Slogan “Gegen uns sind alle anderen gleich”. Mittlerweile muss man die Unterschiede in der Themensetzung zwischen euch und anderen (Mainstream-)Medien meist schon mit der Lupe suchen. Auf taz.de lese ich selten etwas, dass ich nicht auch auf süddeutsche.de oder faz.net lesen könnte. Was Gegenpositionen zum gesellschaftlich-politischen Konsens angeht, lese ich die inzwischen im “Freitag” oder in Blogs, aber kaum noch auf eurer Webseite. Es sei denn, man hält “Fahrradfahrer haben es in deutschen Städten schwer” schon für eine gesellschaftpolitische Gegenposition. Wenn man es ganz gemein formulieren wollte, könnte man auch sagen, die taz ist auf bestem Wege, die “Gartenlaube” der Bio-Markt-Einkäufer zu werden. Aber auch Ex-Revoluzzer werden halt älter und pflegen dann irgendwann lieber ihren Garten als ihre Streitkultur.

In Anlehnung an Wolfgang Doebelings Aktion (der sicherlich mindestens 100 Mal so viele Platten kennt wie ich) habe ich mir mal Gedanken über meine Lieblings-LPs pro Jahrgang gemacht. Da ich vor 1963 kaum Platten kenne und in den 80ern sicher auch nicht eine pro Jahrgang (oder zumindest nicht eine gute ;) ), beschränke ich mich zunächst einmal auf die goldenen Jahre der Rock- und Popmusik.

1963 The Freewheelin’ Bob Dylan

1964 The Times they are a-changin’ – Bob Dylan

1965 Rubber Soul – The Beatles

1966 The Velvet Underground & Nico

1967 Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band – The Beatles (Follow-Up: The Songs of Leonard Cohen)

1968 Beggars Banquet – The Rolling Stones

1969 Abbey Road – The Beatles

1970 John Lennon/Plastic Ono Band

1971 Who’s Next – The Who

1972 Neu!

1973 Selling England by the Pound – Genesis

1974 The Lamb Lies Down on Broadway – Genesis

1975 Blood on the Tracks – Bob Dylan

1976 Desire – Bob Dylan

1977 Little Criminals – Randy Newman

1978 Die Mensch-Maschine – Kraftwerk

1979 Breakfast in America – Supertramp

Vertraut und doch so fern: Margot (Michelle Williams) und Daniel (Luke Kirby); Fotos: Kool Film

Vertraut und doch so fern: Margot (Michelle Williams) und Daniel (Luke Kirby); Fotos: Kool Film

Die 28-jährige Margot lebt mit ihrem Ehemann Lou in einem gleichermaßen beschaulichen wie hippen Vorort von Toronto. Ehe, Job, Häuschen, Freundes- und Familienkreis – alles scheint in bester Ordnung, in der sich die junge Frau behaglich eingerichtet hat. Bis sie eines Tages bei einer Recherchereise den als Künstler etwas ambitionslosen, dafür umso charmanteren Daniel kennenlernt, der dann zufällige auch noch auf dem Rückflug neben ihr sitzt. Die gegenseitige Anziehung ist offensichtlich und zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass Daniel vor kurzem im Haus gegenüber eingezogen ist. So lässt es sich nicht vermeiden, dass die beiden sich in den nächsten Wochen öfter über den Weg laufen. Aber Margot ist ja verheiratet, liebt ihren Mann und möchte doch mit ihm glücklich bis ans Lebensende zusammensein. Dachte sie jedenfalls bisher…

Die 33-jährige Kanadierin Sarah Polley, die als Schauspielerin scheinbar mühelos den Wechsel zwischen anspruchsvollen Indipendenttfilmen wie Wim Wenders’ “Don’t Come Knocking” oder dem wunderbaren “My Life without Me” und mainstreamigeren Genreproduktionen wie Zak Snyders “Dawn of the Dead”-Reamke oder “Splice” schafft, legt mit “Take this Waltz” ihre zweite Kinoregiearbeit vor. Nachdem sie in ihrem Langfilmdebüt “Away From Her” von Menschen am Lebensende in einem Pflegeheim erzählte, widmet sie sich diesmal ganz den Lebenslagen und Problemen von Angehörigen ihrer eigenen Generation. Und selten hat man das in dieser Eindringlichkeit und emotionalen Tiefe gesehen wie hier. Aber es hat natürlich auch nicht jedeR FilmemacherIn eine Hauptdarstellerin wie Michelle Williams zur Verfügung. Von deren ehemaligem Regisseur Wim Wenders ist auf dem Filmplakat das Zitat zu lesen, er habe noch nie eine Schauspielerin eine Frau so verkörpern sehen wie Williams diese Frau spielt – eine Einschätzung, die man absolut teilen kann. Ich lehne mich einmal ganz weit aus dem Fenster und stelle die These auf, dass Williams wohl die beeindruckendste Schauspielerin der Gegenwart ist. Wie sie es hier, kurz nach dem ebenso großartigen “Blue Valentine”, erneut schafft, eine ganz normale Frau so vielschichtig und faszinierend darzustellen, ist schon ganz große Kunst.

Als Filmemacheirn ebenso überzeugend wie als Schauspielerin: Sarah Polley

Als Filmemacheirn ebenso überzeugend wie als Schauspielerin: Sarah Polley

Und das, obwohl einem diese Margot anfangs durchaus etwas auf die Nerven fällt, wie sie sich so ziellos durch ihren Alltag treiben lässt, sich mit ihrem Mann kindische Wortgefechte im Bett liefert oder ihn beim Hühnchenkochen umwirbt. Und Hühnchen kocht der oft (ein witziger Running Gag des Films), schließlich erfährt man sogar, dass er an einem Kochbuch arbeitet, das ausschließlich Hühnchenrezepte enthalten soll. Ansonsten ist der von Seth Rogen gespielte Lou ein etwas schlichter Charakter, zufrieden in der Bequemlichkeit einer eingefahrenen Beziehung, mit dem Fernseher und dem Kühlschrank immer in Reichweite. Rogen, der zwar ein ganz netter Komödiant sein mag, aber sicher kein guter Schauspieler, ist trotzdem eine passende Besetzung für diese Rolle, auch wenn er in den wenigen Szenen, in denen er ernstere Töne anschlagen muss, doch deutlich überfordert scheint. Man kann dann auch Margots Faszination für den neuen Nachbarn auf Anhieb nachvollziehen, wirkt dieser Daniel doch um so vieles geheimnisvoller, tiefgründiger, charmanter und insgesamt attraktiver (von Luke Kirbys Äußerem mal ganz abgesehen) als der sich seiner Partnerin bedeutend zu sicher fühlende Schluffi zu Hause.

Ist es wert, eine zufriedene Beziehung für ein unsicheres Glück aufzugeben? Margot und Ehemann Lou (Seth Rogen)

Ist es wert, eine zufriedene Beziehung für ein unsicheres Glück aufzugeben? Margot und Ehemann Lou (Seth Rogen)

Margot selbst spielt Williams mal unbeschwert-offenherzig-ausgelassen, im nächsten Moment wieder (ver)zweifelnd-suchend-unsicher, in einer ungewöhnlichen Mischung aus Indiemädchencharme und abgeklärtem Erwachsene-Frau-Verantwortungsgefühl. Sie ist längst nicht so tough wie Williams’ Figur in “Blue Valentine”, auch nicht so saturiert-selbstsicher wie ihre Ärztin in Lukas Moodyssons “Mammut”, wirkt eher wie eine Studentin, die zu schnell erwachsen geworden ist und mit Ende 30 plötzlich feststellen muss, dass in diesem Alter das restliche Leben eben doch noch nicht planbar geworden ist.

Polley schafft das Kunststück, eine eigentlich bekannte Geschichte auf gänzlich neue Weise zu erzählen – indem sie die gewohnte Reihenfolge der Liebesgeschichte einfach umkehrt. Wo in einem “normalen” Hollywoodfilm die frisch Verliebten erst einmal miteinander in die Kiste springen und danach die Probleme beginnen würden, bleibt ihre Beziehung hier lange Zeit streng platonisch – obwohl sie alle Schritte der emotionalen Öffnung schon längst gegangen sind. Erst kurz vor Schluss kommt es dann zum Akt selbst. Diese körperliche Vollendung des langen Annäherungsprozesses inszeniert Polley dann so originell und kunstvoll, wie man es selten gesehen hat, in einer mitreißenden Montagesequenz, die ebenso ins Surreale kippt wie Leonard Cohens titelgebende Ballade, die sie musikalisch begleitet.

Diese Montage wäre auch ein perfekter Schluss des Films gewesen, aber er geht dann doch noch ein wenig weiter, um etwas mehr zu verdeutlichen, woran das Glück dieser auf den ersten Blick so unbekümmerten, aber dann eben doch zu Melancholieattacken neigenden Margot, in Wahrheit auf Dauer scheitert: daran, zu lernen, mit sich selbst glücklich zu werden. Eine eigentlich banale Erkenntnis, aber so schwer umzusetzen, wie wohl jeder aus eigener Erfahrung weiß.

Ihr Blick erzählt ganze Geschichten

Ihr Blick erzählt ganze Geschichten

Es gibt eigentlich nur eines, was man diesem wunderbaren Film wirklich vorwerfen könnte: sein Setting. Man sieht Margot und Lou in diesen zwei Stunden kaum jemals arbeiten – sie schreibt anfangs an einem Artikel für eine Pressstelle, er probiert Rezepte für sein Kochbuch -, trotzdem haben beide ein schmuckes Häuschen (natürlich aus rotem Backstein) in einem ganz und gar gentrifizierten Stadtteil, in dem man auch morgens um Sechs ein offenes Straßencafé findet, auf dessen Terasse man dann selbstverständlich auf eine Wandbemalung schaut, mit der das benachbarte Geschäft für seine Vintage-Klamotten wirbt. Die beiden leben im Grunde ein “von Arbeit unbehelligtes Leben”, wie Paul Bowles so schön über das Ehepaar in seinem “Himmel über der Wüste” schrieb. Freiberufler in kreativen Branchen, die es sich leisten können, tagsüber ins Schwimmbad zu gehen oder morgens an den Strand, dürften aber im wahren Leben nur selten so gut verdienen, dass sie sich ein Haus in einer solch gutbürgerlichen Gegend leisten können, was die ansonsten vollkommen glaubhafte Wirkung der Erzählung manchmal etwas stört.

Abgesehen davon macht die Regisseurin alles richtig und verlangt ihrer Hauptdarstellerin eine gleichermaßen seelische wie körperliche Entblößung  ab, die nur wenige Schauspielerinnen so souverän auf sich nehmen würden. Manchen mag das zu viel sein, aber es sind gerade diese kleinen und größeren Irritationen – etwa eine Szene in der Gemeinschaftsdusche des Schwimmbads mit den Blicken der jüngeren auf die Körper der älteren Frauen -, die Polleys Inszenierung vom Einerlei des zeitgenössischen Arthousekinos meilenweit abheben. Am Ende ist eben doch alles eitel; es gilt, bis dahin das beste aus diesem Leben zu machen. Aber wie? Das ist die große Frage, die dieser Film auf so beeindruckende Weise aufwirft.

Brien, Hans und Eef sind drei befreundete junge Männer, die noch bei ihren Eltern in Maassluis, einem verschlafenen Dorf bei Rotterdam, wohnen. Ihre große Leidenschaft sind Motocross-Rennen, das große Vorbild von Brien und Hans, die bereits Amateurrennen fahren, ist der erfolgreiche niederländische Rennfahrer Gerrit, der gerade um den Sieg bei der Weltmeisterschaft kämpft. Richtig Bewegung in das Leben der drei Jungs kommt aber erst, als die attraktive Fientje und ihr Bruder im Dorf mit ihrem Imbisswagen Station machen. Alle drei vergucken sich sofort in die kesse Blondine und wetteifern um ihre Gunst. Fientje lässt sich auch tatsächlich nacheinander mit ihnen ein, allerdings immer nur so lange, wie sie sich von der jeweiligen Beziehung eine Chance verspricht, ihrem tristen Leben in der Pommesbude zu entkommen…

Drei Jahre nach seinem großen Erfolg im Heimatland mit “Soldaat van Oranje” drehte Paul Verhoeven dieses Jugenddrama, mit dem er seinen Fokus statt auf die Rolle der Niederlande in der Weltgeschichte wieder auf alltägliche Geschichten von “kleinen” Leuten richtete. Seine beiden Stammschauspieler der damaligen Zeit und Stars des Vorgängerfilms, Rutger Hauer und Jeroen Krabbé, besetzte er diesmal nur in Nebenrollen, den einen als Rennfahrer-Idol, den anderen als etwas schmierigen Sportreporter. Die Helden seines Films sind hingegen die drei weitgehend unbekannten Jungdarsteller. Besonders sympathisch sind einem diese anfangs nicht. Nicht nur, dass ihnen kein dummer Spruch und keine peinliche Aktion zu schade ist, um Frauen anzumachen, sie demütigen und beschimpfen auch Schwule nachts auf der Straße. So verhindern Verhoeven und sein Stammautor der niederländischen Jahre Gerard Soeteman bewusst, dass der Zuschauer sich zu stark mit den Figuren identifiziert. Ihr Leben spielt sich zwischen Kleinstadttristesse, mal mehr, mal weniger strengen Eltern, oberflächlichen Beziehungen zu Frauen und der Rennbahn ab – bis Fientje in ihr Leben tritt.

Die ebenso selbstbewusste wie ehrgeizige Fremde (Renée Soutendijk, damals eine der heißesten Schauspielerin der Niederlande, spielte auch in Verhoevens nächstem Film “Der vierte Mann” und an der Seite von Marius Müller-Westernahgen in Blumenbergs “Der Madonna-Mann”) wird zum Katalysator ihrer Träume von einem aufregenderen Leben, von Ruhm, Geld und dem Ausbrechen aus der heimatlichen Enge. Während Brien und Hans von einer Rennfahrerkarriere träumen, will Eef nach Kanada auswandern. Aber natürlich kommt alles anders: Brien wird nach einem Motorradunfall querschnittgelähmt, bei Hans reicht das Talent nicht und Eef, der in Rotterdam regelmäßig Schwule überfällt, um sich seine Reise zu finanzieren, bekommt die Rache seiner Opfer zu spüren. Fientje wandert von einem zum anderen und muss erleben, wie ihre Ambitionen nach und nach zerplatzen.

“Spetters” ist ein typischer Verhoeven-Film. Es gibt Gewaltausbrüche, krasse Sexszenen und anzügliche Sprüche en masse. Immer wenn man gerade denkt, der Regisseur wüsste genau, was er tut, wenn die Kamera etwa gerade ein besonders schönes Bild einfängt, serviert er uns einen völlig unerwarteten Schnitt etwa auf Briens erigiertes Glied, das in den Bildvordergrund ragt, während Fientje sich daran zu schaffen macht. Es folgen noch ein (offensichtlich echter) Blowjob zwischen zwei Homosexuellen in einem U-Bahn-Schacht und später eine heftige anale Gruppenvergewaltigung. Meistens haben diese Szenen aber ihre dramaturgische Funktion für den Fortgang der Handlung. Verhoeven verwendet sie nicht aus Sensationslust, sondern weil er das Leben eben in seiner ganzen Bandbreite abbilden will statt verschämt wegzublenden. Das ist grundsätzlich absolut richtig, seltsam wird es aber, wenn dem Vergewaltigten dadurch seine eigene Homosexualität bewusst wird und er danach mit einem der Vergewaltiger noch mal richtigen Sex haben will.

Ähnlich wie in Verhoevens wohl bekanntestem niederländischen Film “Turks Fruit” kippt die Stimmung auch hier etwa in der Mitte völlig, als Brien seinen Unfall hat. Aus einer leichten Alltagskomödie wird plötzlich ein ernstes Drama, wobei es ihm problemlos gelingt, den Zuschauer die existenziellen Nöte des Protagonisten mitfühlen zu lassen. Gegen Schluss überschlagen sich die parallel geschnittenen Ereignisse zwischen den verschiedenen Handlungssträngen fast, bevor der Film leicht melancholisch, aber fast optimistisch endet. Mit seinem (vorerst) vorletzten im Heimatland entstandenen Film, bevor er seine internationale Karriere mit im Ausland gedrehten Filmen begann, erweist sich Verhoeven als stilsicherer Regisseur, der es versteht, den Alltag mit seinen kleinen Sorgen und großen Katastrophen ungeschliffen und rau einzufangen. Dabei schafft er es, immer unterhaltsam zu bleiben, nie zu langweilen und den Zuschauer in ein wahres Wechselbad der Gefühle zu stürzen. Wer keine Angst vor krassen Sex- und Gewaltszenen hat, sollte sich unbedingt darauf einlassen.

Happy Birthday, Stan Lee!

Veröffentlicht: 28. Dezember 2012 in Film, Print
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Ach ja, das ist ja heute.

Es gab hier ja schon lange keine Beiträge mehr über meine Probleme mit der ARGE, mittlerweile als Jobcenter reinkarniert. Das lag vor allem daran, dass ich mich Anfang des Jahres mit einem Zeitschriftenprojekt selbständig gemacht und deshalb genug zu tun hatte. Der Brief, der mir diese Woche vom Amt ins Haus flatterte, und die dahinter stehenden Vorschriften sind allerdings so absurd, dass ich mich frage, ob ich den Verstand verloren habe oder wie sonst zu erklären ist, dass diese nicht längst vom Bundesverfassungsgericht für ungültig erklärt worden sind. Knapp acht Monate nach Ende des entsprechenden Bewilligungszeitraums ist dem JC nämlich eingefallen, dass das betriebliche Darlehen, dass ich mir in der Familie geliehen habe, um die Betriebskosten in den ersten Monaten aufzubringen (hauptsächlich die nicht unbeträchtlichen Druck- und Vertriebskosten der ersten Zeitschriftenausgabe) in voller Höhe als Betriebseinnahme gilt – und damit auf das weiter laufende Alg II angerechnet werden soll.

Da denkt man ja mit seinem gesunden Menschenverstand erst mal, kann nicht sein, ein offensichtlicher Fehler des Sachbearbeiters, vielleicht auch Gängelei, nach dem Motto: Wir versuchen mal, ob da was zu holen ist oder ob er’s merkt. Ein bisschen Googeln bringt aber die Erkenntnis, dass die Formulierung des JC zwar falsch ist, sich das rechnerische Ergebnis in Form einer saftigen Rückzahlungsforderung aber mit den Vorschriften konform zu gehen scheint. Im Juli 2011 wurde nämlich die Alg II-VO dahingehend geändert, dass jegliche Ausgaben, die mit einem betrieblich bedingten Darlehen bezahlt werden – vorher galt das anscheinend nur für solche, die man von der ARGE selbst gewährt bekommen hatte – nicht mehr als Betriebsausgaben abgesetzt werden können (das können lediglich noch die Tilgungsraten für das Darlehen). Wenn ich mir also 5000 Euro leihe, um die Startinvestitionen oder die Betriebskosten in der Anlaufphase der Selbständigkeit zu bestreiten, zählen diese Ausgaben nicht mehr als Betriebsausgaben – und erhöhen dementsprechend den (fiktiven) Gewinn um die gleiche Summe. Auch wenn ich in Wirklichkeit null Euro Gewinn erzielt habe, rechnet das JC also so, als hätte ich 5000 Euro erzielt. Und rechnet mir diese Summe auf meine laufenden Alg II-Bezüge an. Ich habe nun also die Wahl, ob ich sechs Monate hungere und meine Miete nicht mehr zahle oder ob ich das betriebliche Darlehen dazu verwende, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, was zur Folge hat, dass ich die Anfangsinvestitionen gar nicht zahlen kann bzw. schon insolvent bin, bevor ich das Unternehmen überhaupt gestartet habe. Denn ich kann ja das gleiche Geld nicht zwei Mal ausgeben. Das alles wohl gemerkt bei einer vom JC geförderten Unternehmensgründung.

Abgesehen davon, dass ein Darlehen schon rein logisch nie eine Betriebseinnahme sein kann, da es ja früher oder später zurückgezahlt werden muss, widerspricht dieses Vorgehen jeder betriebswirtschaftlichen Rechnung. Wieso sollten betriebliche Investitionen plötzlich den Gewinn nicht mehr verringern, nur weil sie mit geliehenem Geld finanziert worden sind? Alle Steuer- und Handelsgesetze der Welt ermitteln den Gewinn wohl nach der Formel “Betriebseinnahmen – Betriebsausgaben = Gewinn”, nur das SGB II nicht. Denn das hat bekanntlich mit Logik nichts zu tun, und wie wir jetzt wissen, auch nichts mit Mathematik.

Bezeichnend ist, dass für diese absurde Regelung wohl nicht einmal der Bundestag zustimmen musste, denn eine Verordnung wird ja vom Ministerium im Alleingang erlassen. Was nutzt es da, wenn das Bundessozialgricht festgestellt hat, dass betriebliche Darlehen nicht als Betriebseinnahmen angerechnet werden dürfen, wenn gleichzeitig die daraus getätigten Betriebsausgaben auch nicht zählen, was rechnerisch ja aufs selbe rauskommt? Vor der Existenzgründung erzählt einem sowas natürlich niemand, da sich sonst wahrscheinlich kein (Langzeit-)Arbeitsloser mehr selbständig machen würde. Und das wäre ja wieder schlecht für die Statistik. Ehrlicher wäre da doch, wenn einem die “Berater” beim JC von Anfang an sagen würden, dass es nicht möglich ist, sich aus Alg II heraus selbständig zu machen (es sei denn mit einem Geschäftsmodell, bei dem es keinerlei Anfangskosten gibt, oder wo man gleich vom ersten Monat an Gewinne schreibt; solche dürften aber nicht allzu häufig existieren).

Seltsamerweise habe ich über diese offensichtlich skandalöse Vorschrift noch nie etwas in den Medien gehört, selbst im vom mir seit zwei Jahren abonnierten “Freitag” nicht, der ja meist konträre Ansichten zum politischen Meinungsmainstream vertritt. Jetzt kann man natürlich immer noch argumentieren, dass es den Arbeitslosen in Ländern wie Russland oder Griechenland noch schlechter ginge, weil man da eben gar keinen dauerhaften Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung hat und eben nach ein paar Monaten ohne Job wieder zu seinen Eltern ziehen muss, um sich von denen durchfüttern zu lassen. Ein wirtschaftlich reiches Land wie Deutschland muss sich meiner Meinung nach aber schon fragen lassen, ob es sich solche Vorbilder suchen will oder ob es damit nicht seine grundgesetzlich verankerte Definition als Sozialstaat längst aufgegeben hat.

Den Kinderschuhen entwachsen: Yps goes Neon

Veröffentlicht: 11. Oktober 2012 in Print
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Gediegenes Schwarz statt bunter Comicoptik: das neue Yps; Abb.: Egmont Ehapa

Seit Ehapa 1999 das kriselnde Yps von Gruner + Jahr gekauft hat, hat man viel mit dem Comicheftklassiker herumexperimentiert: erst heruntergewirtschaftet und nach gut einem Jahr eingestellt, 2005/06 einen ersten Relaunchversuch gestartet, zum zweiten Mal eingestellt – und nun versucht der Verlag es mit einem völlig neuen Konzept noch einmal. Heute liegt also Yps mit Gimmick 1258 an den Kiosken und es sieht komplett anders aus als alle seine Vorgänger.

Statt an die Kinder von heute wendet sich das neue Yps an die Kinder von damals, also an die, die in den 70ern und 80ern mit dem Magazin aufgewachsen sind. Denn Yps ist seit Jahren ohnehin ein Retro-Phänomen geworden wie MacGyver und der C64 (beide kommen dann sinnigerweise auch im neuen Heft vor). Ehapa appelliert mit dem neuen Testballon folgerichtig an die nostalgischen Gefühle der Altleser. In ironischer Anlehnung an Neon prangt auf dem Cover der abgewandelte Slogan “Eigentlich sind wir doch schon erwachsen!”. Ansonsten wirkt das Cover, das ganz ohne richtiges Titelbild und fast ohne Comicbezug auskommt, reichlich überladen und ziemlich spröde: Auf schwarzem Hintergrund werden kreuz und quer Themen aus dem Inhalt angepriesen. In der Ecke klebt dann noch das unvermeidliche Gimmick: die Urzeitkrebse samt Futter, die anscheinend bei keinem Relaunch fehlen dürfen.

Das Heft beginnt dann mit einer nostalgischen Strecke, die an das alte Yps und seine Leser erinnert: Auf vier Seiten gibt es einen informativen Rückblick auf die Geschichte des Magazins, danach Fotoeinsendungen alter Leser nach dem Motto “Vorher – nachher”, besonders gelungen ist eine Aufnahme einer Tanne aus einem Heft von 1981, die ihren Pflanzer inzwischen ums Fünffache überragt. Natürlich dürfen auch die unvermeidlichen Promis nicht fehlen, die zu ihren Yps-Erinnerungen befragt wurden. Insgesamt ein unterhaltsamer Einstieg ins Heft.

Ein echter Höhepunkt hätte das Interview mit dem langjährigen “Yinni und Yan”-Zeichner Heinz Körner werden können, leider zeigte der sich aber sehr wortkarg. Trotzdem lesenswert. Danach folgen einige neue (Kurz-)Comics, wovon der norwegische Familienstrip “Pondus” und die neue Albenserie “Zombillenium” überzeugen können. Im Anschluss folgt der Reportageteil: ein wenig informativer, aber angemessen launig geschriebener Artikel zur Frage, wie man als ehemaliger Yps-Geheimagent doch noch im richtigen Leben Spion werden kann, eine Reportage über die Suche nach Dinosaurierfossilien, ein Buchauszug eines echten Abenteurers und ein Rückblick auf den in den 80ern tobenden Kampf zwischen Spielkonsolen und Heimcomputern um die Vormachtstellung in den Kinderzimmern. Alles nicht weltbewegend, aber durchaus angenehm zu lesen. Überflüssig wirken hingegen die nun folgenden Fotostrecken mit Autos aus den 70ern/80ern und ihren heutigen Nachfolgemodellen sowie mit Zaubertricks. Auch die Modestrecke mit Yps, Kasper, Patsch und Willy hätte es nicht gebraucht, letztere sind aber wenigstens nett gezeichnet und wecken so noch einmal nostalgische Gefühle.

Wie natürlich auch die abschließende Comicstrecke mit Nachdrucken von Originalgeschichten aus dem alten Yps. Endlich hat es dabei auch das Yps-Fernsehteam “Yinni und Yan” wieder ins Heft geschafft, der vielleicht größte Yps-Klassiker überhaupt. Die Serie war von Anfang an und bis kurz vor Schluss in (fast) jedem Heft vertreten und ist ohnehin ein zu Unrecht vergessener Schatz der deutschen Comicgeschichte. Die hier abgedruckte Episode aus der Hochphase der Serie (bevor Körner gezwungen wurde, seinen Zeichenstil immer mehr zu verkindlichen) gehört zwar nicht zu den besten, ist aber trotzdem sehr nett. Auch Peter Wiechmanns realistisch angelegter “Hombre” kann in einer monochromatischen (braun-weißen) Fassung überzeugen.

Insgesamt hat die neue Redaktion vieles richtig gemacht: Die Comicauswahl ist wesentlich gelungener als beim letzten Relaunchversuch, sowohl die Klassiker als auch die Neuvorstellungen. In Artikeln und Rückblicken werden angenehme Kindheitserinnerungen geweckt, ohne dass man sich selbst und seine Generation zu ernst nehmen würde. Wirkten die vier Testausgaben von 2005/06 irgendwie lieblos zusammengeschustert, hat man diesmal offenkundig wesentlich mehr Gedanken und auch Liebe in das Heft einfließen lassen. Es reicht halt nicht, ein dünnes Heftchen mit einer neu gezeichneten Comicseite, ein, zwei kurzen Nachdrucken und ein paar willkürlich ausgewählten “modernen” Einseitern zu füllen und auf den restlichen Seiten ein paar Wissensinfohäppchen zu präsentieren wie 2005 und dann zu hoffen, dass der Nostalgiefaktor alleine das Ding schon zu einem Selbstläufer machen wird. Zumal eine Kinderzeitschrift mit Nostalgiefaktor schon ein Widerspruch in sich ist, da den Kids von heute die Marke Yps überhaupt nichts mehr sagen wird.

Insofern ist die Neuausrichtung auf erwachsene Leser konsequent und wahrscheinlich die letzte Chance, das Magazin noch einmal dauerhaft zu etablieren. Die Frage ist nur, ob sich genügend groß gewordene Kindsköpfe oder im Herzen Kind gebliebene Erwachsene finden werden, die bereit sind, für ihre Jugenderinnerungen regelmäßig den doch recht hohen Coverpreis von 5,90 Euro zu bezahlen. Für die Zielgruppe der erwachsenen Comicleser ist der Comicanteil dann mit 25 von 100 Seiten doch zu gering und ob diejenigen, die mit Comics nicht mehr viel am Hut haben, für ein Retro-Lifestylemagazin mit Comicanteil knapp 6 Euro hinlegen wollen, bleibt fraglich. Das neue Yps konkurriert am Kiosk jedenfalls nicht mehr mit der Micky Maus und auch nicht mit dem schon vor 13 Jahren erfolgreich wiederbelebten ZACK, sondern mit anderen Nostalgiemagazinen wie “Kult”. Und der schnelle Tod von “Retro” hat gezeigt, dass Nostalgie alleine für eine erfolgreiche Zeitschrift eben doch nicht reicht. Sollte Yps tatsächlich die Nr. 1259 erleben, wären ein größerer Comicanteil, etwas tiefgründigere Reportagen und dafür weniger Produktvorstellungen wünschenswert. Dann lasse ich mir mit dem endgültigen Erwachsenwerden vielleicht doch noch etwas Zeit.

Meine heimlichen Helden: Dirk Thiele und Sigi Heinrich

Veröffentlicht: 14. August 2012 in Journalismus, TV
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In den letzten 2 1/2 Wochen habe ich fast keinen anderen TV-Sender geguckt als Eurosport, obwohl der so weit hinten auf meiner Fernbedienung liegt, dass ich ihn im Grunde nur alle vier Jahre wahrnehme. Nämlich immer dann, wenn das Olympia-Fieber meine Sportallergie besiegt. Da ich mich nur für zwei Sportarten interessiere, nämlich Schwimmen und vor allem Leichtathletik, kommt mir die Live-Berichtertattung der Briten wesentlich mehr entgegen als die von ARD und ZDF. Letztere übertragen ja überwiegend nur die Wettkämpfe, bei denen Deutsche Medaillenchancen haben. Das führt dann zu so absurden Entscheidungen wie zur besten Sendezeit ein Beach-Volleyballspiel zu übertragen, während alle Welt fiebert, wer beim 100-Meter-Lauf schnellster Mann der Erde wird.

Na, die Einschaltquote scheint ihnen ja Recht zu geben, sollen sich doch acht Millionen Deutsche angeguckt haben, wie vier Sportler auf Sand rumspringen und einen Ball übers Netz spielen – für mich allenthalben an langweiligen Sommerurlaubstagen als Betätigung vorstellbar (also, jetzt nicht für mich selbst, ich würd eh keinen Ball übers Netz bekommen). Ein paar Tage später dann: Hockey. Geht’s noch uninteressanter? Kennt da überhaupt jemand die Spielregeln? 800 m-Lauf der Damen und Staffel fanden nur als Aufzeichnungen in der Halbzeitpause Platz, immerhin wurde wohl mal kurz zum 200 m-Lauf mit Usain Bolt geschaltet. Dass es viel mehr Spaß macht, Wettkämpfe in voller Länge zu verfolgen (selbst Stabhochsprung), statt von Häppchen zu Häppchen zu springen, haben die Öffentlich-Rechtlichen ohnehin nicht verstanden.

Bei Eurosport, wo man dank der europaweiten Verbreitung keine Rücksicht auf nationale Befindlichkeiten nehmen kann und muss, werden hingegen zur Primetime nur die populärsten Sportarten übertragen. Und das heißt eben: Abends drei bis vier Stunden Leichtathletik. Herrlich, ich sehe lieber die dritte Siegerehrung im Stadion als drei Minuten Ballsport. Wegkommentiert wird stundenlang alles von den immer gleichen beiden Reportern: Dirk Thiele und Sigi Heinrich. Die sind zwar gewöhnungsbedürftig, aber mir immer noch lieber als die Schnarchnasen bei ZDF oder ARD, die sich meist so anhören, als warteten sie nur darauf, dass sie bald ausstempeln könnten (und deren Allgemeinbildung gegen Null zu gehen scheint, können sie doch weder Liam Gallagher richtig aussprechen noch Westminster Abbey von St. Paul’s Cathedral unterscheiden). Die beiden Eurosportler sind hingegen wie ein altes Ehepaar, das sich hin und wieder mal chauvinistische Bemerkungen zuwirft (“Du schickst doch immer deine Frau zum Einkaufen”) oder auch mal tierisch aufregt, wenn die eigene Bildregie die Langstreckenläufer statt der Hochspringer zeigt.

Höhepunkt ihres Auftretens war aber der letzte Wettkampfnachmittag, als Heinrich plötzlich Hockey kommentieren musste, während Thiele beim Marathon war. Letzterer sprach von sich selbst verwirrenderweise immer in der dritten Person: “Gleich kommentieren Dirk Thiele und [Expertin einsetzen] für Sie den Marathon, aber erst einmal zu Siegfried Heinrich beim Hockey.” – “Ja, hier ist Sigi. Schön, dass du auch dich selbst nennst. Aber dich kennt man doch, da wissen die Leute doch, wer du bist.” Tags zuvor beim 50 km-Gehen der Männer – ein absolut faszinierendes Ereignis, nicht weil so spannend gewesen wäre, wer gewinnt, sondern, weil ich ständig befürchtete, es würde noch ein Teilnehmer kurz vorm Ziel entweder zusammenbrechen oder disqualifiziert werden -, schaffte Thiele es, in einer halben Minute drei ausgelutschte Metaphern einzubauen (Bild von Uhrenturm: “Seine Stunde schlägt jetzt auch”, Bild einer grünen Ampel: “Für ihn steht die Ampel jetzt auf Grün”, das dritte war wahrscheinlich ein Stoppschild oder so was). Auch das ist ein bemerkenswerter Rekord. Was mache ich jetzt bloß abends ohne Olympia? Wann ist noch mal die nächste Leichtathletik-WM?

Schon interessant, wie sich auch bei einem Regisseur wie Olivier Assayas, der auf den ersten Blick erst einmal keine stilistischen Eigenheiten zu haben scheint, mit der Zeit Gemeinsamkeiten zwischen seinen Filmen offenbaren. Obwohl er von Genre zu Genre wechselt, mal eine Coming-of-Age-Liebesgeschichte dreht wie den frühen TV-Film “Kaltes Wasser”, ein anderes Mal eine Satire übers Filmemachen (“Irma Vep”), dann einen Globalisierungsthriller wie “Demonlover” oder ein Drogen-/Familiendrama wie “Clean”. Und doch fallen einem nach einigen Filmen wiederkehrende Themen auf.

Da ist zum einen die Faszination für die asiatische Kultur, die wahrscheinlich nicht zuletzt seiner Ehe mit Maggie Cheung zu verdanken ist, die auch in zweien seiner Filme die Hauptrolle spielt. Einer davon ist “Irma Vep”, in dem sie als sie selbst, als Star des Hongkong-Kinos nach Frankreich kommt, um ein Remake des Stummfilm-Serials “Les Vampires” zu drehen. In “Demonlover” ist es ein japanisches Trickfilmstudio, das mit Hardcore-Animes viel Geld verdient, in “Boarding Gate” muss die von Asia Argento gespielte Sandra nach einem Auftragsmord gleich selbst nach Hongkong (und dann weiter nach Shanghai) flüchten und droht in dem Gewusel der fremdartigen Metropole, deren Sprache sie nicht versteht, ihre Identität zu verlieren. Wobei die eh schon ziemlich brüchig ist, war sie doch früher ein Call-Girl, dann scheinbar eine solide Lagerarbeiterin, nebenbei eine Drogenschmugglerin und muss nun eine neue Identität annehmen. Unklare Identitäten gibt es auch in “Demonlover” zuhauf, wo niemand der ist, der er vorgibt zu sein und nie ganz klar ist, wer wirklich für welche Seite arbeitet. Und wo die von Connie Nielsen dargestellte Wirtschaftsspionin schließlich sogar von ihren Gegnern gefangengehalten wird, um als Sklavin für eine S/M-Webseite zu fungieren.

Sadomasochismus ist ein weiteres Thema, das Assayas zu faszinieren scheint, ob in “Demonlover” oder in “Boarding Gate”, wo die Beziehung von Sandra und Miles (Michael Madsen) ganz von ihren Abhängigkeitsspielen mit Gürtel und Handschellen zu leben scheint, oder subtiler in “Irma Vep”, wenn Maggie Cheung sich nachts das hautenge Latexkostüm ihrer Filmrolle überzieht, um im Hotel auf Raubzug zu gehen – und daraus einen rauschhaften Lustgewinn zieht. Auch S/M ist letztlich ein Spiel mit Identitäten.

Und dann ist da natürlich das große übergreifende Thema Globalisierung: ob Schauspielerinnen aus Hongkong nach Paris eingeflogen werden, Drogen in Containern ins Ausland geschmuggelt oder Porno-Anime-DVDs weltweit vermarktet. Immer wieder spielt hier auch das Internet eine Rolle, sei es mit Snuff-Porno-Webseiten oder harmloser mit einer Science-Fiction-Seite, die Sandra früher mal – erfolglos – betrieben hat. Und auch Maggie Cheungs drogensüchtige Rocksängerin in “Clean” lebt ein grenzüberschreitendes Leben als Asiatin aus Paris, die in London mit einem Kanadier verheiratet ist. Diese generelle Grenzenlosigkeit unserer mdernen Welt ist bei Assayas eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits bietet sie neue Chancen, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten: etwa als Pariserin einen Club in Peking zu eröffnen oder eben umgekehrt als Hongkong-Chinesin ein interessantes Filmprojekt in Paris anzunehmen. Andererseits verursacht sie eine Entwurzelung, sorgt dafür, dass Menschen sich nirgendwo mehr zu Hause fühlen, verloren gehen wie Asia Argento im kantonesischen Sprachgewirr von Hongkong. Und schließlich überwinden alle möglichen und unmöglichen Waren mühelos alle Grenzen, von denen man sich das besser nicht wünschen würde: Drogen, Pornos, Raub-DVDs und Snuff-Videos. Von der globalisierten Wirtschaft jedenfalls zeichnet Assayas ein höchst negatives Bild, denn sowohl in “Demonlover” als auch in “Boarding Gate” zeigt er sie uns lediglich als grenzüberschreitende (und grenzenlose) Wirtschaftskriminalität.