Jahresbestenliste 2015

Veröffentlicht: 19. Dezember 2015 in Film, TV
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Das Kinojahr fing für mich ganz gut an, ließ dann stark nach und endete nach fünfmonatiger Kinopause doch noch versöhnlich. Meine Top 5:

1.Birdman (Alejandro González Inárritu, USA)

Das grandiose Comeback des Michael Keaton (als Batman-Darsteller eh völlig unterschätzt) in einem sehr dynamischen Film von Alejandro Inárritu, der ja sowieso nie schlecht ist.

2. Love (Gaspar Noé, F)

Noé geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos, wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

3. Star Wars VII – Das Erwachen der Macht (J.J. Abrams, USA)

Nach dem ersten Trailer war ich verhalten optimistisch und der Film hat alle Erwartungen erfüllt. Abrams hat fast alles richtig gemacht und böse sein kann man diesem Film schon deshalb nicht, weil hier erstmals die weibliche Hauptfigur die (im doppelten Sinn) stärkste ist. Das alte Star-Wars-Gefühl war von Anfang an wieder da und im Vergleich sehe ich jetzt erst, wie misslungen die Prequel-Trilogie (vielleicht mit Ausnahme der zweiten Hälfte von Ep. III) wirklich war.

4. Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, A)

Nicht ganz so genial wie “Der Knochenmann”, aber ich habe (vor allem am Anfang) sehr gelacht. Sehenswert auch die langsamste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte, den Grazer Schlossberg hoch (den ich nur halb geschafft habe). Unter aller Absurdität ist die Story in all ihrer ödipalen Tragik übrigens purer Chandler.

5. Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler, D)

Christoph Hochhäuslers endgültige Emanzipation von der Berliner Schule ist ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.

 

Beste Regie: Gaspar Noé für “Love”

Bestes Drehbuch: Alejandro González Inárritu & Co. für “Birdman”

Bester Darsteller: Michael Keaton

Beste Darstellerin: Nora von Waldstätten als durchgeknallte Psychologin in “Das ewige Leben”

Beste TV-Darstellerin: Vorjahressiegerin Ruth Wilson teilt sich die Ehre diesmal mit “The Affair”-Kollegin Maura Tierney

Bester TV-Darsteller: Dominic West war in “The Affair” auch sehr gut, ebenso Jon Hamm in seinen letzten “Mad Men”-Folgen

Meine Lieblingsserien des Jahres gibt es dann zwischen den Jahren auf Fortsetzung.tv.

 

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Die Liebenden: Murphy (Karl Glusman) und Elektra (Aomi Muyock)

Am Anfang des neuen Films von Gaspar Noé steht eine dieser bei 3D-Filmen üblichen Einblendungen: “Das Management warnt…”. Aber es folgt dann nicht etwa ein Hinweis für Epileptiker und andere Übersensible, sondern gewarnt wird nur, dass man jetzt schleunigst seine Brille aufsetzen sollte, da der Film in wenigen Sekunden beginne. Worauf sich dieser Einstiegsgag bezieht, erfährt man dann später, wenn man an der Wand in Murphys Zimmer ein altes Plakat zu “Frankenstein in 3D” hängen sieht, auf dem “das Management” tatsächlich vor dem Effekt warnte, den das technische Verfahren für Menschen mit “nervösen Nerven oder Magen” haben könne.

Das Schlafzimmer der Hauptfigur sehen wir abwechselnd in zwei Zeitebenen: Als er es noch mit seiner großen Liebe Elektra teilt, ist es chaotisch und eklektisch: Überall liegt Wäsche herum, offene Weinflaschen und Tassen stehen auf Anrichten, die Wände sind übersät mit privaten Fotos, Szenenfotos und Postern von Trash- und Kunstfilmen von Pasolini bis “Frankenstein”. Später, wenn seine Gelegenheitsbekanntschaft Omi bei ihm eingezogen ist und die beiden (ungewollt) ein Kind miteinander haben, ist von der alten Unordnung nichts geblieben, das Zimmer kaum wiederzuerkennen. Lediglich die alte Stehlampe ist brav in die Ecke gewandert, ein Bild mit einer Figur aus “Freaks” ist das letzte Überbleibsel aus alten Zeiten, das an der Wand überdauert hat und an das alte Leben erinnert.

So eingehegt wie das jetzt spießig wirkende Schlafzimmer fühlt sich auch Murphy, gefangen in seiner neuen Beziehung, ein Mann, der alles verloren hat, das ihm wirklich etwas bedeutete. Der kleine Sohn ist der einzige Grund, warum er überhaupt noch da ist. Murphys früheres Leben bestand aus künstlerischem Ehrgeiz, Träumen von einem wilden, kreativen Leben, Drogenexperimenten – und aus Elektra, der Liebe seines Lebens. Jetzt ist da nur noch Leere und Routine. Als Elektras Mutter ihm am Neujahrsmorgen eine verzweifelte Mailbox-Nachricht hinterlässt, weil ihre Tochter seit drei Monaten verschwunden ist, gerät Murphy in einen Strudel der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Noé erzählt die Beziehung annähernd rückwärts chronologisch, wenn auch nicht ganz so konsequent wie in seinem bekanntesten Film “Irreversibel”.

Neu ist, dass die einzelnen Stationen überwiegend durch Sex abgebildet werden. Gleich in der ersten Szene befriedigen sich die beiden Liebenden ausgiebig gegenseitig oral. Wie etwa schon in Michael Winterbottoms “9 Songs” haben die Darsteller echten Sex und der ist teilweise recht explizit, dabei aber immer ästhetisch und natürlich. Das beginnt schon damit, dass wir hier keine ausrasierten Geschlechtsteile präsentiert bekommen, sondern “echte” erwachsene Menschen. Durch betont kitschig-romantische Musik wird die Darstellung zusätzlich künstlerisch überhöht. Mit der Zeit suchen Murphy und Elektra immer neue, zunehmend gewagtere sexuelle Erfahrungen, erst beim Dreier mit der Nachbarin Omi, dann im Swingerclub und schließlich sogar mit einer Transsexuellen. Der Beziehung ist das eher abträglich, ebenso wie der zunehmende Konsum härterer Drogen. Am Ende steht die Trennung, nachdem Murphy auch zu Zweit noch einmal mit Omi geschlafen hat und die dabei schwanger wurde.

Aber da das Ende hier der Anfang ist, steht am Ende des Films noch die schüchterne erste Begegnung Murphys mit Elektra, im Pariser Lieblingspark der Beiden, wo sie aber gleich die großen Fragen des Lebens diskutieren. “Hast du Angst vor dem Tod”, fragt er. “Ich habe Angst vor Schmerzen”, antwortet sie. “Ich würde mich lieber vorher umbringen, als unter Schmerzen zu sterben.” Ob Elektra wirklich Suizid begangen hat, erfahren wir nicht.

Gaspar Noé ist der Gegenwartsregisseur, der am stärksten die Tradition des Mitternachtskinos aufrecht erhält, das einst der junge David Lynch oder Russ Meyer prägten. Seine Filme sind jedes Mal wie ein Trip, körperlich erfahrbar gemachte Emotionen. Dabei ist ihm nichts Menschliches fremd, er geht auch dahin, wo es weh tut. “Love” mögen viele als Arthouse-Porno abtun, als belangloses Beziehungsdrama, dessen Dialoge (zumindest in der nicht besonders guten deutschen Synchro) tatsächlich oft an Softpornos erinnern. Aber diese Kritiker haben Noé nicht verstanden. Ihm geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

Auf das 3D hätte man sicher auch verzichten können, andererseits ermöglicht das einige an den Vorgänger “Enter the Void” erinnernde Szenen von hypnotischer Schönheit. “Love” ist teilweise höchst erotisch, teilweise abstoßend, manchmal enervierend (und sicher eine halbe Stunde zu lang) und dann wieder traurig und berührend – eben ein Wechselbad der Gefühle, wie das Leben selbst. Wenn Murphy und sein kleiner Sohn sich am Schluss in der Badewanne in den Armen liegen, beide weinend, und der Vater dem Kind sagt, dass das Leben nicht leicht sei, kann man das kitschig finden – das wäre aber zynisch.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Christoph Hochhäusler scheint die Berliner Schule endgültig verlassen zu haben. In seinen beiden vorherigen Filmen deutete sich seine Hinwendung zum Genrefilm schon an, insbesondere natürlich in seinem Beitrag zum “Dreileben”-Projekt der ARD. Waren “Eine Minute Dunkel” und auch “Unter dir die Stadt” aber noch recht sperrig, ist “Die Lügen der Sieger” sein bislang zugänglichster Film geworden, praktisch ein Versuch, den Stilwillen des deutschen Festivalkinos ins Unterhaltungskino zu retten.

Die Geschichte, die er gemeinsam mit Ko-Drehbuchautor Ulrich Peltzer erzählt, ist eine klassische: Ein aufrechter, aber auch ziemlich vor die Hunde gegangener Journalist kommt einem Skandal auf die Spur und legt sich, gemeinsam mit einer unerfahrenen Volontärin, mit den Mächtigen an – ohne zu merken, dass die wahren Strippenzieher ihn längst für ihre Zwecke eingespannt haben. Mit Florian David Fitz hat Hochhäusler die Hauptrolle mit einem Schauspieler besetzt, der typische Leading-Man-Qualitäten besitzt (falls es so etwas im deutschen Film überhaupt gibt).

Alles andere als klassisch ist, wie der Regisseur diese Geschichte erzählt: Ständig flackern Lense-Flares auf, durchschneiden teils als blaue Streifen das Bild, Benedikt Schiefers Score erinnert eher an Filme von Edgar Reitz als an die von Sidney Lumet. Bemerkenswert ist das Gespür für Räume und Architektur, das Hochhäusler auch diesmal wieder beweist: Gesichts- und seelenlose Bürobauten wirken wie die Verkörperung des emotionslosen Lobbyismus, der die wahre Macht im Land innehat, ohne dass sich seine Vertreter jemals einer Wahl gestellt hätten. Die typischen Shots Berliner Straßen, Plätze oder Parlamentsgebäude werden durch schnelle Schnitte eher dekonstruiert als wiedererkennbar gemacht. Oft filmt Kameramann Reinhold Vorschneider (großartig schon bei “Unter dir die Stadt”) durch Fenster oder Glasflächen, das Geschehen wird dadurch immer gebrochen statt eins zu eins eine Realität vorzuspiegeln. Durch die Gesamtheit von Bildgestaltung, Schnitt und Musik ergibt sich eine Ästhetik, die meilenweit entfernt ist von jenem Fernsehspiel-Look, der leider immer noch 90 Prozent des deutschen Kinos dominiert.

Die Handlung selbst ist hingegen reines Genre: Fitz’ Fabian Groys wandelt auf den Spuren großer filmischer Vorbilder wie Robert Redfords und Dustin Hoffmans Woodward und Bernstein in “All the President’s Men” oder Humphrey Bogarts Figur in “Deadline U.S.A.”, den Hochhäusler sogar gegen Ende mit einer Originalszene zitiert. Anders als zu Bogarts Zeiten, als das “Stoppt die Presse” noch Zeichen für eine gesellschaftliche Erschütterung war, die die in letzter Minute noch ins Blatt zu hebende Story ohne Zweifel ausüben würde, laufen Groys’ Anstrengungen aber ins Leere. Die vierte Macht liegt schon längst nicht mehr bei den Medien, sondern bei jenen Herren und Damen in den Hinterzimmern und Bürotürmen, die man als Normalbürger nie zu Gesicht bekommt. Ein investigatives Politmagazin wie “Die Woche” (= “Der Spiegel”) dient den wirklich Mächtigen nur noch als Feigenblatt, um eine funktionierende Demokratie vorzutäuschen. Diese Aussage kann man platt finden – allzu weit von der Wahrheit dürfte sie nicht entfernt sein.

Hochhäusler und Peltzer lassen sich Zeit, bevor ihre Geschichte richtig in Gang kommt. Anfangs wirkt der Film disparat, weil gekünstelt erscheinende Szenen mit Lobbyisten und Politikern sowie über Groys’ problematisches Privatleben von der Kerngeschichte der journalistischen Recherche ablenken. Aber nach einer Weile kommt diese doch noch richtig in Gang und damit steigt auch die Spannung. Offenbar haben die beiden Autoren ihr Sujet selbst gut recherchiert, denn selten wurde journalistisches Arbeiten in einem fiktionalen Film so realistisch dargestellt: von der Recherche selbst über das Niederschreiben und Feilen an den wirkunsgsvollsten Formulierungen (Groys zu Volontärin Nadja: “Das müssen wir noch mehr auf ‘Die Woche’ bürsten.”) bis zum Faktencheck und den Diskussionen mit Justitiar und Dokumentarist. Etwas aufgesetzt wirkt hingegen die Liebesgeschichte zwischen Groys und Nadja (Lilith Stangenberg als spröde, aber ehrgeizige Jungjournalistin).

Im Vergleich zu Hochhäuslers frühem Film “Falscher Bekenner”, aber auch zu “Unter dir die Stadt” ist sein neues Werk ein Quantensprung, ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.

Jahresbestenliste 2014

Veröffentlicht: 28. Dezember 2014 in Film, TV
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Das Kinojahr 2014 fing für mich ziemlich toll an und ließ in der zweiten Hälfte ziemlich stark nach. Im letzten Quartal bin ich häufiger ins Filmmuseum zu irgendwelchen Retrospektiven oder in Festivalvorstellungen gegangen als in reguläre Neustarts. Insgesamt hat es aber doch wieder für eine Top Five der Neustarts gereicht:

1. Boyhood

Mit dreieinhalb Stunden keine Minute zu lang, ich hätte diesem Erwachsenwerden in Schnelldurchlauf noch stundenlang weiter zuschauen können. Richard Linklater hat mit diesem ebenso unaufgeregten wie berührenden Werk sein Meisterstück abgeliefert, unterstützt von einem durchweg hervorragenden Ensemble. Patricia Arquette und Ethan Hawke gehen völlig verdient ins Rennen um die wichtigen Filmpreise, die beiden Darsteller der Kinder/Jugendlichen hätten eine Nominierung aber mindestens genauso verdient.

2. Nebraska

Alexander Payne drehte den Jim-Jarmusch-Film, den Jarmusch selbst seit Jahren nicht mehr auf die Reihe bekommt. Fängt witzig-absurd an und wird dann immer trauriger, gefilmt in wunderschönem Schwarz-Weiß und mit mehr Wahrheit über den Zustand der heutigen USA als so manches aktuelle Politdrama.

3. Jersey Boys

Auch so ein Film, der trotz Überlänge nie langweilig wird. Clint Eastwood erweist sich einmal mehr als der Mann, der wirklich alles inszenieren kann, hier einen Musikfilm in ganz musical-atypischer Weise, aber mit den großartigen Songs der Four Seasons. Eine Hommage an eine längst vergangene Zeit und eine fast vergessene Art des Filmemachens, wie sie außer Eastwood höchstens noch Redford pflegt.

4. Das finstere Tal

Andreas Prochaska inszeniert diesen österreichischen Alpen-Western, als wäre er bei Tarantino in die Lehre gegangen. Eine im Grunde banale Geschichte wird durch perfekte Anwendung filmischer Mittel (Kamera, Musik, Schnitt, Zeitlupen etc.) zu einem packenden, düsteren leinwandsprengenden Erlebnis, wie ich es in diesem Genre vorher nur bei Leone-Filmen hatte.

5. In the Cut

Mit seinem großen politischen Abenteuerfilm hat Fatih Akin vielleicht nicht alles richtig gemacht, aber dennoch nicht nur den Mut gehabt, ein wichtiges Tabuthema wie den Völkermord an den Armeniern aufzugreifen, sondern auch das Einfühlungsvermögen, nicht einseitig zu verdammen. Menschen, die moralisch Gutes tun und solche, die Verwerfliches tun, gibt es in diesem Film auf allen Seiten, in allen Religionsgruppen und Ethnien. Und wer am Ende nicht gerührt ist, hat wohl kein Herz.

 

Beste Regie:

Richard Linklater für “Boyhood”: Ich mochte ihn schon immer gerne, aber diesmal hat er sich – seinen Themen und Charakteren treu bleibend – selbst übertroffen. Seine Inszenierung ist so wie das Leben selbst: banal einfach und doch großartig. Eine Kindheit und Jugend so selbstverständlich und alltäglich einzufangen, dass sie sich so echt anfühlen, das ist ganz große Kunst.

Bestes Drehbuch:

Bob Nelson für “Nebraska”: Auch so eine Geschichte über die Banalität und Größe des Lebens, mit der richtigen ausgewogenen Mischung aus Komik und Tragik erzählt, mit einem Gespür für skurrile Figuren und Nostalgie.

Bester Darsteller (Kino): Bruce Dern in “Nebraska”

Beste Darstellerin (Kino): Patricia Arquette in “Boyhood”

 

Beste neue TV-Serien:

“Fargo”, “The Affair”, “Gomorrha”, “Glue”, “The Leftovers”

Mehr dazu dann nächste Woche in unserem Jahresrückblicks-Podcast auf torrent.

Beste alte TV-Serien:

“Orange is the New Black”, “Mad Men”

Beste TV-Darstellerin:

Ruth Wilson in “The Affair”: die Frau mit den vielen Gesichtern, immer schwankend zwischen skrupelloser Verführung und tiefer Verzweiflung

Bester TV-Darsteller:

Billy Bob Thornton in “Fargo”: Das Böse hatte in diesem TV-Jahr nur ein überzeugendes Gesicht und darüber thronte eine aus dem Werk der Coen-Brüder bereits bewährte geschmacklose Frisur.

 

Blutjung und schön: Wilson und Binoche; Foto: MK2 Éditions

Blutjung und schön: Wilson und Binoche; Foto: MK2 Éditions

Ein weitgehend vergessener Film von André Téchiné, der im Grunde nur deswegen bemerkenswert ist, weil Juliette Binoche hier ihre erste Hauptrolle gespielt hat – dadurch wurden einige der größten europäischen Regisseure wie Louis Malle auf sie aufmerksam und mit Philip Kaufman auch ein amerikanischer. Der Rest ist Geschichte. Wenn man diesen Film heute zum ersten Mal sieht, lässt sich leicht erkennen, welches enorme Potential als Schauspielerin und Leinwandstar die erst 20-Jährige damals schon hatte. Obwohl formal erst an zweiter Stelle der Besetzungsliste geführt, ist doch von Anfang an klar, wem dieser Film gehört, wer ihn ganz und gar dominiert.

Die Binoche ist hier Nina, ein junges Mädchen aus der Provinz, dass sich zu Hause in den nächsten Zug nach Paris gesetzt hat, “am Tag, als ich endlich 18 wurde”, wie sie einmal erzählt. Sie träumt von einer Karriere als Schauspielerin, hat es bislang aber nur zu einer Ein-Szenen-Rolle als naives Zimmermädchen in einer Boulevardkomödie gebracht. Da schminkt sie sich nun also Abend für Abend in ihrer Garderobe des kleinen Theaters für den kurzen Auftritt, in dem sie den Hauptdarstellern einen Tee/Kakao oder doch eher einen Kaffee servieren darf. In Ihrer Freizeit kostet sie die neu gewonnene (vermeintliche) Freiheit aus, geht mal mit diesem, mal mit jenem jungen Mann ins Bett oder macht die Nacht einfach auf den Straßen durch, weil sie sowieso nicht schlafen kann. Auf der Suche nach einem kleinen Appartment für sich selbst lernt sie den Makler Paulot kennen, der sich sofort in sie verliebt. Sie schenkt ihm eine Freikarte für ihr Stück, er ist hin und weg. Nach der Vorstellung platzt er in ihre Garderobe, aber da knabbert gerade ihr Freund an ihrem Dekolleté. Trotzdem lädt sie den Verehrer in die gemeinsame Wohnung zum Essen ein, wo er Zeuge eines großen Streits und der anschließenden Trennung des Paares wird. Da Nina nun nicht weiß, wo sie hin soll, bietet Paulot ihr an, in seiner WG zu übernachten, aber mit seinen Hintergedanken kommt er nicht weiter, denn sie möchte endlich einmal alleine schlafen. Vollends kompliziert wird das Beziehungsgeflecht, als Paulots egozentrischer Mitbewohner Quentin (Lambert Wilson) dazukommt. Von dem Zyniker geht eine merkwürdige Faszination aus, der sich Nina nicht lange entziehen kann.

Die eher sprunghaft inszenierte und nie so recht emotional nachvollziehbare Dreiecks- (oder Vierecks-) Geschichte ist nicht das eigentlich Interessante an Téchinés Film, vieles daran wirkt zu aufgesetzt (Ko-Drehbuchautor war übrigens Olivier Assayas). Faszinierend ist vielmehr das Spiel der Darsteller, neben Binoches vor allem dem Wilsons, den man aus seiner späteren Karriere eher aus bedachteren Rollen kennt. Hier ist er ganz der junge Romeo, mit dem sein Quentin vor Jahren seinen Durchbruch auf der Bühne hatte und den er jetzt wieder in einer bizarren Travestie in einer Art Sexfassung des Shakespeare-Stücks spielt. Für ihn sind Kunst und Liebe untrennbar miteinander verbunden, für beide brennt er, aber jeweils nur so lange, bis von der Lunte nichts mehr übrig ist – und das geht schnell. Relativ bald ist Quentin tot, aber Wilson taucht immer wieder im Film auf: als Vision Ninas, die nun eine Chance bekommen hat, die für sie alles bedeutet. In einer “Romeo und Julia”-Neuinszenierung des renommierten Regisseurs Scrutzler (was für ein Name!), gespielt von Altmeister Jean-Louis Trintignant, bekommt sie die weibliche Hauptrolle. Das könnte ihr großer Durchbruch sein, aber auch ihre größte Niederlage. Und deshalb sieht sie immer wieder ihren toten Liebhaber, der sie höhnisch auslacht und ihr die Fähigkeit abstreitet, große Gefühle auf der Bühne zu verkörpern, da sie selbst keine kenne.

Das ist das zweite, was den Film aus dem Mittelmaß französischer Dramen heraushebt: die Wechselwirkung von Kunst und Leben. Beides ist hier immer kompromisslos, gelebt wie gespielt wird hier entweder bis zum Anschlag oder gar nicht mehr. Letztlich stellt sich aber auch die Frage, was nun eigentlich was bedingt. “Die Liebe gibt es nicht in deinem Theater, sondern nur im Leben”, sagt Paulot einmal zu Nina. Bei Téchiné ist im Grunde aber auch das Leben theatralisch, lässt sich nicht zwischen Kunst und Realität unterscheiden.

Die junge Binoche hat sich – wie ihre Nina – in diese Rolle gestürzt, als wäre es um ihr Leben gegangen. Uneitel, rückhaltlos, hemmungslos – auch was die Nackt- und Sexzenen angeht, die dem Film in den USA eine Freigabe ab 18 Jahren eingebracht haben (übrigens, es tut so gut, eine 20-jährige Kinoschaupielerin mit Achselhaaren zu sehen). Sie ist hier ganz anders als die schüchterne Teresa in “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”, wenn auch vielleicht genauso unsicher, nicht die geheimnisvolle Ferne wie in Leos Carax’ “Mauvais Sang”, den sie nur ein Jahr später drehte, nicht die selbstsichere Verführerin aus “Verhängnis”, sondern irgendwas dazwischen. Eine Frau, die sich nimmt, was sie kriegen kann, die mit den Männern spielt und doch fast daran kaputt geht und die ihre Chance zur (Selbst-)Befreiung  doch erst dann sieht, als ihre leidenschaftliche Liebe tot ist. Ein wahrhaft starker erster Auftritt.

R.I.P. Alain Resnais

Veröffentlicht: 2. März 2014 in Film
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Gerade wurde er auf der Berlinale noch mit dem Alfred-Bauer-Preis für innovative Filme ausgezeichnet, da hat Alain Resnais sich für immer von dieser Welt und seinem Publikum verabschieden müssen. Ich freue mich auf seinen letzten Film “Aimer, Boire et Chanter” und verlinke unterdessen meinen Artikel zu seinem drittletzten Film. Im Alter wurde Resnais immer experimenteller, immer freier, was das Spiel mit den Konventionen des Kinos anging. Mit dem Tod des 91-Jährigen ist das Kino ein Stück älter und grauer geworden.

Jahresbestenlisten 2013

Veröffentlicht: 16. Dezember 2013 in Film, TV
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Vielleicht überrascht mich ja in den nächsten zwei Wochen noch irgendwas, es ist aber doch eher unwahrscheinlich, dass sich an meinen Favoriten des Jahres noch etwas ändern wird. Vom Kinoangebot her war 2013 für mich auf jeden Fall wesentlich stärker als 2012, wo ich hier gar nicht erst eine Liste erstellt habe. Meine Top 5-Filme:

1. Take this Waltz: ein auf den ersten Blick etwas unscheinbarer kanadischer Indiefilm, der die großen Fragen des Lebens ebenso unspektakulär wie einfühlsam behandelt, mit einer großartigen Michelle Williams, ungewöhnlicher Kameraarbeit und einer Regisseurin, die genau weiß, was sie tut

2. Die Jagd: ein grandioses Comeback von Thomas Vinterberg, der die menschliche Natur in all ihrer Widersprüchlichkeit auf beklemmende Art offenlegt, mit einem kontroversen Thema, einem ungewöhnlichen erzählerischen Ansatz und hervorragenden Darstellern, allen voran natürlich Mads Mikkelsen

3. Vous n’avez encore rien vu: ein unglaublich frisch wirkender Fast-Experimentalfilm vom 90-jährigen Alain Resnais, der noch mal zeigt, welche Magie das Kino auch in Zeiten von Digitalisierung und einfallslosen Blockbustern noch entfalten kann, mit einem Who-is-who der gegenwärtigen französischen Schauspieler, inklusive Michel Piccoli in einer anrührenden Altersrolle

4. The Grandmaster: Keiner bringt solche Bilder auf die Leinwand wie Wong Kar-Wei und ausgerechnet in seinem Film über Kung-Fu hat er auch mal eine bewegende Geschichte zu erzählen: über den Krieg, unerfüllte Liebe und darüber, dass man für Freiheit immer einen Preis zahlen muss. Die Musik ist so bombastisch wie bei Leone und einmal zitiert er sogar Morricone, indem er einfach dessen Leitthema aus “Once Upon a Time in America” verwendet – viele Dialogsätze möchte man sowieso in Stein meißeln.

5. Die andere Heimat: Edgar Reitz, noch so ein alter Mann des europäischen Kinos, der innerlich jung geblieben ist, kehrt nach zehn Jahren noch einmal zu seinem Lebensthema zurück, mit einem Vier-Stunden-Film in wunderschönem Schwarz-Weiß, mit tollen unbekannten Darstellern und einem Thema, das im Grunde “Die Zweite Heimat” variiert: Sehnsucht und Freiheitsdrang.

Beste Regie: Sarah Polley für “Take this Waltz”

Bestes Drehbuch: Sarah Polley für “Take this Waltz”

Bester Filmschauspieler: Mads Mikkelsen zeigt innerhalb von zwei Stunden die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle von Hoffnung über Trotz bis Verzweiflung.

Beste Filmschauspielerin: Es tut mir Leid, aber in diesem Jahr kann es für mich einfach wieder keine andere geben als Michelle Williams.

Beste Serien: Rectify, Masters of Sex und Bates Motel waren für mich die überzeugendsten Neustarts, und da die laufenden Serien ziemlich schwächelten (whatever happened to Homeland?), für mich auch insgesamt die Favoriten, für detailliertere Begründungen empfehle ich die November- und Dezember-Ausgaben des torrent-Magazin-Podcasts.

Bester Serienschauspieler: Aden Young schafft es als nach 19 Jahren aus der Todeszelle Entlassener, mit wenigen Gesichtsausdrücken mehr zu sagen als die meisten Schauspieler mit einem ganzen mimischen Arsenal.

Beste Serienschauspielerin: Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg in der dritten und letzten Borgen-Staffel, spielt so unglaublich sympathisch, dass man sie entweder heiraten oder zumindest an die Regierung wählen will.

Die goldenen Zeiten der reißerischen Videocover (und der falschen Anglizismen)

Die goldenen Zeiten der reißerischen Videocover (und der falschen Anglizismen)

Vier Figuren: Inge (Marlen Diekhoff), eine toughe Frau, die es geschafft hat, sich in dem Männergeschäft Erotikbar als Chefin durchzusetzen. Die ihren Job nicht aus Perspektivlosigkeit macht, sondern weil er ihr Spaß macht. Heinz (Peter Franke), ihr Typ, ehemaliger Fußballprofi, “um den sich die Vereine gerissen haben”, und dann ging das Bein kaputt und er fing an zu saufen, bis die letzte Kohle weg war – und die letzte Hoffnung auch. Ferdi (Peter Gavajda), sein Kumpel, ein Großmaul, hat ständig halblegale und illegale Geschäfte laufen, aber das “große Ding”, von dem er träumt, das kommt nie. Rosa (Catrin Striebeck), eine Animierdame in Inges Bar, dem “Mau Mau”, ist auf ihren Typen “Ali” wütend, wenn der sie schlägt, fickt auch gerne mal einen Anderen, kehrt aber doch immer wieder zu ihm zurück.

Ihr Lebensmittelpunkt, ihr zweites Wohnzimmer, ist das “Mau Mau”, eine Bar mit Strip-Tanz in St. Pauli, die schon mal bessere Zeiten gesehen hat: “Früher hatten wir 1a-Publikum, jeden Abend war’s voll”, erinnert sich Inge. Jetzt laufen hier jede Nacht nur noch dieselben abgerissenen Gestalten ein und der Vermieter will den Laden bald zumachen, weil die Provision nicht mehr stimmt. Da er aber auch ein Auge auf Inge geworfen hat, hofft die, man könne gemeinsam einen neuen, moderneren Club aufmachen.

Uwe Schrader war einer der deutschen Regie-Hoffnungsträger der 80er Jahre, einer, der einen eigenen Stil hatte, der nichts mit dem glatten Unterhaltungskino der Emmerichs und Petersens zu tun hatte, aber auch wenig mit dem verkopften Ansatz des Neuen Deutschen Films von Wenders und Co. Nach drei Filmen, die auf drei internationalen Festivals Erfolge feiern konnten, war plötzlich Schluss. Schrader übernahm eine Filmprofessur und drehte danach nichts mehr. Mit seiner Art Kino konnte man schon damals kein Geld verdienen. “Mau Mau” ist sein bislang letzter Film, nach Berlin-Kreuzberg in “Kanakerbraut” und dem Ruhrgebiet in “Sierra Leone” beendete er seine “Proletariertrilogie” in St. Pauli. Auch hier treffen einheimische Gelegenheitsgauner und Armutsmigranten auf engstem Raum aufeinander, und natürlich Frauen aus dem Rotlichtmillieu: Tänzerinnen, Prostituierte, Barbetreiberinnen. Wobei es meist die Frauen sind, die ihre Arbeit selbstbewusst ausüben (“Ich hab mich schon als Kind gerne ausgezogen”, sagt die Strip-Tänzerin Doris einmal), während die Männer ständig zwischen Selbstzweifeln und überzogenen Plänen hin und her schwanken.

Allen voran Heinz, der sich nicht so recht eingestehen will, dass seine besten Jahre unwiderbringlich hinter ihm liegen, der immer noch denkt, es müsse doch irgendwann noch mal bergauf gehen. Seiner Inge hat er nie verziehen, dass sie ihn mal kurzzeitig verlassen hat, kommt doch nicht von ihr los und ist nur dann ganz bei sich selbst, wenn er auf der Straße einen Ball von spielenden Jungs vor die Füße bekommt.

Schrader erzählt das alles ganz unsentimental, aber auch ohne sich über seine Figuren lustig zu machen oder zu erheben. Solche Typen findet man wahrscheinlich noch heute überall in Deutschland, wenn man mal die gentrifizierten Ecken der Großstadt verlässt und dahin geht, wo ehemalige Arbeiterviertel eben keine Gründerquartiere geworden sind, sondern eher Arbeitslosenviertel. Aber dieses (West-)Deutschland, das er hier noch einmal eingefangen hat, kurz nach der Wiedervereinigung, das gibt es vermutlich auch auf der Reeperbahn nicht mehr. Allein die Fotos der Drehorte, die Schrader auf seine Homepage gestellt hat, erzählen ganze Geschichten vergangener Zeiten, die trotz aller Schäbigkeit wenigstens noch Charme hatten.

Obwohl Schrader gerne mit Fassbinder verglichen wurde, hat seine Inszenierung doch gar nichts von der laienhaften Künstlichkeit, mit der der seine Protagonisten in Szene gesetzt hat. Hier laufen Schauspieler, die man sonst nur aus den üblichen Fernsehrollen kennt, zu großer Form auf. Verletzlich, ja, aber auch alles Andere als Opfer – höchstens ihrer selbst. Die Kamera, die Schnitte, die Dialoge – alles ist präzise und wirkt genau durchdacht. Dabei so realistisch, dass die Gemachtheit nie ins Auge springt. Oft fühlt man sich an die Säufer- und Loser-Geschichten Jörg Fausers erinnert, an die selbsternannten Schriftsteller und Gangster, deren gute Vorsätze für den Tag doch schon am Vormittag beim ersten Bier im Frankfurter Wasserhäuschen wieder scheitern, denn wenn man einmal angefangen hat zu trinken, welchen Sinn hat es dann noch, wieder damit aufzuhören, bevor es Nacht wird?

Am Ende feiern alle Mitarbeiter und Stammgäste den letzten Abend im “Mau Mau”, Nina Hagen singt noch einmal ihre schräge deutsche Version von “My Way” und dann schlägt Heinz den Pelzkragen an seinem Mantel hoch und tritt auf die Straße – die Lichter gehen aus. Danach kamen die Gentrifizierung und das deutsche Eventkino. Das “Mau Mau” kann man dank Zweitausendeins jetzt auf DVD wieder besuchen.

Leider sieht man diese wunderbare Schauspielerin ja viel zu selten, obwohl die meisten Kritiker sie lieben. Und wenn sie dann tatsächlich alle Jubeljahre mal einen Kinofilm dreht, kommt der meist gar nicht oder nur ganz kurz in mehr als drei Städten ins Kino. Ihre größten Momente hat sie aber vielleicht ohnehin in TV-Filmen gehabt. Hier eine kurze Einschätzung der meiner Meinung nach zehn wichtigsten ihrer Filme:

Durst: als eine Station auf dem Weg des jungen Jürgen Vogel, der nacheinander ein Mädchen, einen Jungen und seinen Lehrer verführt, lässt Krebitz erahnen, welches Talent in ihr steckt

Schicksalsspiel: ihre erste aufsehenerregende Hauptrolle – als Teenagermädchen, dass sich ausgerechnet in einen Fan (Jürgen Vogel) des gegnerischen Fussballvereins verliebt. Romeo und Julia in Hamburg, ebenso intensiv wie brutal realistisch.

Ausgerechnet Zoé: ein weiterer ARD-Fernsehfilm, diesmal steht Krebitz ganz im Mittelpunkt als junge Frau, die plötzlich mit einer positiven HIV-Diagnose leben (lernen) muss. Jürgen Vogel ist auch wieder dabei, ebenso Henry Arnold aus der “Zweiten Heimat”, aber Krebitz spielt sie, gleichermaßen verletzlich wie lebensfroh, alle an die Wand – wohl immer noch ihre beste Rolle.

Bandits: an der Seite von Katja Riemann und Jasmin Tabatabai spielt sie ihre wahrscheinlich bekannteste Rolle, das beste an diesem Film ist aber wohl doch die Musik

Long Hello and Short Goodbye: Rainer Kaufmanns deutscher Neo-Noir, mit großem Stilwillen inszeniert, aber doch immer leicht ironisch gebrochen. Krebitz spielt mit blonden Haaren die Undercover-Polizisten, die sich in den kriminellen Marc Hosemann verliebt und die Seiten wechselt. Großartige Schlusseinstellung!

Fandango: Stilistisch noch brillanter ist dieser Genrefilm von Matthias Glasner, der damals bei den Kritikern völlig durchfiel. Als Model mit dem herrlichen Namen Shirley Maus (“ich hatte es einmal bis aufs Cover der Pop/Rocky geschafft”) betrügt sie den brutalen Unterwelt-Charakter von Richy Müller (“es gibt zwei Arten von Frauen: die einen lassen dich bluten, ohne dass du es überhaupt merkst, die anderen lassen sich im Voraus bezahlen – letztere sind mir wesentlich lieber”) mit dem “blinden” DJ von Moritz Bleibtreu, um am Ende von Corinna Harfouchs irrem Profikiller gejagt zu werden. Leider ist die Story sehr 08/15.

Jeans: Krebitz’ Debütfilm als Regisseurin, in dem sie auch selber auftritt, ist leider nicht mehr als eine reichlich überambitionierte Fingerübung, die wie die Semesterarbeit einer Filmstudentin aussieht. Immerhin darf Rave-Veteran und Klagenfurt-Suhrkamp-Legende Rainald Goetz als er selbst autauchen und den jungen Leuten erzählen, wie das wilde Leben wirklich geht.

Das Herz ist ein dunkler Wald: In Krebitz’ zweiter langer Regiearbeit spielt sie nicht selbst mit. Der Film mit Nina Hoss in einer weiteren schlafwandlerischen Rolle erinnert ebenso an die Berliner Schule wie an “Eyes Wide Shut” und lässt einen genauso ratlos zurück – etwas zu künstlerisch, aber durchaus interessant.

Liebeslied: leider völlig untergegangenes Musical (!) mit Selig-Sänger Jan Plevka als Bauarbeiter, der aus heiterem Himmel an Parkinson erkrankt, und Krebitz als dessen Ehefrau. Ebenso ernster wie beschwingter Film, in dem die Songs und Gesangsszenen tatsächlich einmal besser funktionieren als in 90 Prozent der amerikanischen Filmmusicals. Aber so etwas hat in Deutschland natürlich keine Chance, da es sich ja in keine Schublade einsortieren lässt.

Unter dir die Stadt: Danach war der Weg zu einer Hauptrolle in einem Film eines Berliner-Schule-Regisseurs nur folgerichtig. In Christoph Hochhäuslers Kinowerk spielt Krebitz die gelangweilte Banker-Ehefrau, die ihrer sinnentleerten Existenz mit einer ebenso sinnlosen Affäre mit einem älteren Vorstandsmitglied einen neuen Dreh geben will. Dabei bleibt sie trotz ihrer enormen Anziehungskraft die große Leerstelle des Films: Ihre Beweggründe versteht man nie, die Faszination des schmiergig-einsamen Bankvorstands dafür umso mehr.

 

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Das denke ich in letzter Zeit immer öfter, wenn ich auf taz.de unterwegs bin, was seit langer Zeit fast meine einzige Nachrichtenquelle im Internet ist, wenn es um allgemeine, mehr oder weniger aktuelle Themen geht (generell informiere ich mich über Politik, Wirtschaft etc. lieber durch Radiosendungen wie das “Mittagsecho” als durch Webseiten wie SpOn oder die Tageszeitungsportale). Der gedruckten taz habe ich ja viele Jahre lang die Treue gehalten, erst als unregelmäßiger Käufer, dann mal ganz kurz als Abonnent – wobei ich das Abo nicht gekümdigt habe, weil mir die Zeitung nicht gefiel, sondern weil die Post es damals mindestens einmal pro Woche nicht schaffte, mir die Zeitung auch am Erscheinungstag in den Briefkasten zuzustellen und eine Tageszeitung vom Samstag am Montag doch eher sinnlos ist -, dann fast acht Jahre lang so gut wie jeden Samstag als Käufer und zeitweise auch noch donnerstags, als es da die taz.ruhr bzw. später taz.nrw gab.

Aufgehört, die taz zu lesen, habe ich erst, als ich merkte, dass mir die Süddeutsche viel besser gefiel, insbesondere die Wochenendausgabe (seit zwei, drei Jahren kaufe ich gar keine Tageszeitungen mehr, eine Wochenzeitung reicht mir). Seitdem und seit dem vorletzten Relaunch der Samstagsausgabe, als diese dann plötzlich in Farbe war und die Beilage Sonntaz hieß, habe ich nur gelegentlich noch mal eine gedruckte Ausgabe in der Hand gehabt, meistens in Cafés. Was ich dann feststellte, war, dass die Zeitung irgendwie immer mainstreamiger und dadurch belangloser geworden war. Vergangene Woche gab es nun mal wieder einen Relaunch der Samstagsausgabe, der als ganz großer Wurf verkauft und von einer aufwendigen Werbekampagne begleitet wurde. Geändert hat sich sogar erstmals der Titel: Nicht mehr “die tageszeitung” prangt nun über dem Titelfoto, sondern “taz. am wochenende”. Keine Tageszeitung soll die sechste Ausgabe mehr sein, sondern eine Wochenzeitung, ein Magazin, soll schon der Titel suggerieren.

Der Ansatz ist sicher nicht verkehrt, gehen doch auch Tageszeitungen in den USA – notgedrungen – vermehrt den Weg, statt einer täglichen Zeitung nur noch ein oder zwei Mal in der Woche eine drucken zu lassen, die dann auch “magaziniger” ist, also mehr Hintergründe und Lesestoff bietet als Nachrichten, die bei Druck sowieso schon veraltet sind. Was die taz da allerdings als ganz neu, innovativ und fortschrittlich verkauft, ist eigentlich ein alter Hut und noch dazu eine Mogelpackung: Beim Durchblättern unterscheidet sich die neue “taz.am wochenende” nämlich in fast nichts von der alten Samstagsausgabe – mit dem Unterschied, dass sie nun statt 2, 30 Euro 3,20 Euro kostet. Weder hat sie mehr Seiten, noch ist der Inhalt wirklich ein anderer. Die Änderungen sind rein kosmetischer Natur. Nach wie vor gibt es 16 Seiten mit den üblichen Inhalten, die sich – teils unter anderen Rubrikentiteln – auch in der Werktagsausgabe finden, mit dem einzigen auffälligen Unterschied, dass die reinen Nachrichten auf eine Seite gekürzt wurden. Aber Reportagen und Hintergründe finden sich ja auch montags bis freitags.

Danach folgen wie gehabt 24 Seiten Sonntaz mit teils den alten und teils auch einigen neuen Rubriken und Themen aus Gesellschaft, Kultur, Reise etc. Dabei wirkte die Themenmischung heute so beliebig und an manchen Stellen in ihrer Klischeehaftigkeit schon unfreiwillig komisch, dass ich mich echt fragte, wer dafür mehr als 3 Euro bezahlen soll – von den üblichen Altabonnenten aus der Kommune 1 und den Macchiato-Müttern vom Prenzlberg mal abgesehen. Homestories über “normale” Leser – Tenor der Unterzeile: “Sie lernten sich kennen, heirateten und hatten auch ihre Probleme” -, eine Rezeptseite – Mozzarella-Paprika richtig zubereiten – und eine ganzseitige Anleitung, wie man richtig Holz hackt – sind das eurer Meinung nach wirklich die Themen, die alternativ oder “irgendwie links” denkenden Menschen auf den Nägeln brennen, liebe taz? Da kann ich mir ja gleich die Rheinische Post kaufen, deren Wochenendbeilage eine ähnliche Mischung haben dürfte. Interessiert haben mich auf den ganzen 40 Seiten zwei kurze Artikel, einen über einen neuen Kinofilm und die “Tatort”-Vorkritik – na gut, letzterer eigentlich auch nicht so richtig.

Dass der groß angekündigte Relaunch im Grunde nur eine kaschierte drastische Preiserhöhung ist, bemerken dann auch gleich mehrere LeserInnen auf der Leserbriefseite. Warum sagt ihr dann nicht einfach: “Die Zeiten für Print sind hart, die Einnahmen sinken, wir brauchen mehr Geld von euch, liebe LeserInnen”? Stattdessen tut ihr so, als hättet ihr das Rezept für die Zukunft gefunden und verpackt doch nur alten Wein in neue Schläuche, etikettiert ihn aber mit um 40 Prozent erhöhten Preisen. Fast noch trauriger finde ich, dass ihr mittlerweile in meinenn Augen fast überhaupt keine politisch-gesellschaftliche Relevanz mehr habt. Früher stimmte der Slogan “Gegen uns sind alle anderen gleich”. Mittlerweile muss man die Unterschiede in der Themensetzung zwischen euch und anderen (Mainstream-)Medien meist schon mit der Lupe suchen. Auf taz.de lese ich selten etwas, dass ich nicht auch auf süddeutsche.de oder faz.net lesen könnte. Was Gegenpositionen zum gesellschaftlich-politischen Konsens angeht, lese ich die inzwischen im “Freitag” oder in Blogs, aber kaum noch auf eurer Webseite. Es sei denn, man hält “Fahrradfahrer haben es in deutschen Städten schwer” schon für eine gesellschaftpolitische Gegenposition. Wenn man es ganz gemein formulieren wollte, könnte man auch sagen, die taz ist auf bestem Wege, die “Gartenlaube” der Bio-Markt-Einkäufer zu werden. Aber auch Ex-Revoluzzer werden halt älter und pflegen dann irgendwann lieber ihren Garten als ihre Streitkultur.