Olympia-Berichterstattung bei ARD und ZDF: eine Farce

Veröffentlicht: 17. August 2016 in Journalismus, TV
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Da ein vier Jahre alter Artikel zu den Eurosport-Leichtathletik-Kommentatoren hier immer noch Resonanz findet, schreibe ich mal wieder was zu Olympia. Seit eineinhalb Wochen ärgere ich mich über die Berichterstattung von ARD und ZDF, die ja spätestens alle 20 Minuten zu einer anderen Sportart schalten (Hauptsache, ein Deutscher hat Medaillenchancen), und trauere vergangenen Olympischen Spielen nach, für die auch Eurosport die Rechte hatte. Da konnte man sicher sein: Wenn Leichtathletik stattfindet, wird auch stundenlang Leichtathletik übertragen, und wenn man wegen Zeitverschiebung oder weil man keine Zeit hatte, was verpasst hat, kann man sich vormittags noch mal stundenlang die Wiederholung anschauen.

Bei ARD und ZDF ist es hingegen ein Glücksspiel, überhaupt mal Leichtathletik zu sehen, da die tagsüber lieber so was Spannendes wie Springreiten zeigen. Selbst wenn es nachmittags mal ein Lauffinale gibt wie gerade die 3000m Hindernis, hat man die Wahl, sich entweder im Fernsehen Tischtennis (!) anzusehen oder im Internet einen unkommentierten (!!) Livestream des Rennens (was machen eigentlich die Kommentatoren des jeweils anderen Senders, der im TV gerade nicht dran ist; könnte man die nicht dafür einsetzen, die Livestreams zu kommentieren, die auf beiden Webseiten übertragen werden?). Wahrscheinlich will das ZDF dem Ärger abhelfen, indem es einen zur Meditation zwingt, denn etwas Meditativeres als eine unkommentierte Sportübertragung lässt sich wohl nur schwerlich finden.

Für alle, die sich nicht die Nacht um die Ohren hauen wollen oder können, gibt’s dann noch die morgendlichen Highlights-Sendungen. Die dauern drei Stunden, wobei Leichtathletik (oder in der ersten Woche Schwimmen) mal am Anfang, mal am Ende, mal mittendrin und manchmal auch zweigeteilt mit eineinhalb Stunden Unterbrechung zusammengefasst wird. Großartig! Wir haben alle nichts anderes zu tun als vormittags stundenlang vor dem Fernseher zu warten, wann die interessanteste Sportart drankommt. Ich will auch keine Trainer im Studio sehen und schon gar keine schon nachts in Rio gut gelaunten Moderatorenduos, die zwischendurch mal mit der Kokosnuss anstoßen. Wenn ich schon alle vier Jahre mal Sport gucke, will ich die Wettkämpfe sehen und sonst nichts!

Was bin ich froh, dass für die nächsten Olympischen Spiele Eurosport die Erstübertragungsrechte hat, und ich würde es denen auch gönnen, dass ARD und ZDF sich bei ihren Verhandlungen verspekulieren und gar keine Übertragungsrechte abbekommen (wonach es zurzeit ja aussieht). Dann freue ich mich, Sigi Heinrich und Dirk Thiele wieder hören zu können (falls die es dann noch mal machen) und von den öffentlich-rechtlichen Knallchargen verschont zu bleiben.

In lebensfeindlicher Umwelt: Anja (Lillith Stangenberg) und der Wolf; Foto: Christian Hüller/Heimatfilm

In lebensfeindlicher Umwelt: Ania (Lillith Stangenberg) und der Wolf; Foto: Christian Hüller/Heimatfilm

Manchmal gibt es Filme, die wirklich anders sind als alle, die man zuvor gesehen hat. Den Mut, eine Geschichte so konsequent und so konsequent anders zu erzählen wie in „Wild“, findet man selten.

Eine junge Frau, Ania, die irgendwo in Deutschland in einer Hochhaussiedlung lebt. Allein. Einsam. Den Vater hat sie nie kennengelernt. Über die Mutter erfahren wir nichts. Die jüngere Schwester ist gerade für einen neuen Job mit ihrem Freund in eine andere Stadt gezogen. Der Opa liegt schwer krank in der Klinik. Morgens fährt Ania zur Arbeit ins Büro. Irgend so eine hippe Internetklitsche, aber nicht so hip, dass der Chef sich seinen Kaffee selber kochen würde. Das macht Ania. Ansonsten sitzt sie vorm Computer, als IT-Spezialistin. Interesse für ihre Arbeit hat sie keine. Für die Kollegen auch nicht. Während die anderen sich auf der Betriebsfeier gehen lassen, danach knutschend im Auto sitzen, will Ania nur schnell nach Hause. Wo niemand auf sie wartet, sie früh ins Bett geht.

Alles änderst sich, als Ania auf dem Weg zur Arbeit einen Wolf am Rand der Siedlung stehen sieht. Ihre Blicke treffen sich für einen Moment. Ein Erkennen. Ein Verstehen? Von diesem Augenblick an ist Ania besessen von dem wilden Tier, versucht erst, ihm Nahrung zu beschaffen, ersinnt dann einen ausgeklügelten Plan, ihn zu fangen. Was auch gelingt. Sie trägt das betäubte Tier in ihre Wohnung, in ein abschließbares Zimmer. Aber der Wolf lässt sich nicht lange einsperren. Alles andere vernachlässigt die Frau: ihre Arbeit, ihre Körperpflege, ihre eigene Ernährung. Bald schon lebt sie selbst fast wie ein wildes Tier, kratzt Essensreste am Imbissstand von den Tellern. Aber ein wildes Raubtier und ein Mensch – das kann auf Dauer nicht gutgehen.

„Wild“ hält die Balance zwischen innerem Drama, Suspense und Romantik bis zum Schluss. Jederzeit kann die Situation kippen, die Frau doch noch Opfer des Tiers werden. Aber eigentlich geht es Regisseurin Krebitz um etwas anderes: um einen Prozess der Selbstbefreiung, der Selbstfindung. Der Wolf ist dazu nur der Katalysator, der Auslöser. Ania ist nicht geboren, um zwischen Glasscheiben in einer funktionalen Bürowelt zu sitzen. Wo der Teppich grau ist und die Luft schlecht. Nicht sie ist entfremdet, sondern die Welt um sie herum, das, was wir Zivilisation nennen. Wir starren den ganzen Tag auf Bildschirme und halten das für die Realität.

Obwohl das Thema es naheläge – die Beziehung zwischen junger Frau und Wolf -, hat die Inszenierung nichts Märchenhaftes. Gefilmt ist das alles ganz realistisch, ganz klar. Der Wolf verhält sich, wie sich ein Wolf eben verhält, instinktiv. Auch die Frau versucht, ihrer wahren Natur zu folgen. Lillith Stangenberg geht in dieser Rolle bis an die Grenze – und darüber hinaus. Sie trägt den Film, im Grunde ein Einpersonenstück. Es gibt zwei Szenen in diesem Film, die überflüssig sind, die ein bisschen wirken wie eine kalkulierte Provokation. Die hat er gar nicht nötig, so souverän, wie er erzählt wird. So kraftvoll kann deutsches Kino auch sein.

Jahresbestenliste 2015

Veröffentlicht: 19. Dezember 2015 in Film, TV
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Das Kinojahr fing für mich ganz gut an, ließ dann stark nach und endete nach fünfmonatiger Kinopause doch noch versöhnlich. Meine Top 5:

1.Birdman (Alejandro González Inárritu, USA)

Das grandiose Comeback des Michael Keaton (als Batman-Darsteller eh völlig unterschätzt) in einem sehr dynamischen Film von Alejandro Inárritu, der ja sowieso nie schlecht ist.

2. Love (Gaspar Noé, F)

Noé geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos, wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

3. Star Wars VII – Das Erwachen der Macht (J.J. Abrams, USA)

Nach dem ersten Trailer war ich verhalten optimistisch und der Film hat alle Erwartungen erfüllt. Abrams hat fast alles richtig gemacht und böse sein kann man diesem Film schon deshalb nicht, weil hier erstmals die weibliche Hauptfigur die (im doppelten Sinn) stärkste ist. Das alte Star-Wars-Gefühl war von Anfang an wieder da und im Vergleich sehe ich jetzt erst, wie misslungen die Prequel-Trilogie (vielleicht mit Ausnahme der zweiten Hälfte von Ep. III) wirklich war.

4. Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, A)

Nicht ganz so genial wie „Der Knochenmann“, aber ich habe (vor allem am Anfang) sehr gelacht. Sehenswert auch die langsamste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte, den Grazer Schlossberg hoch (den ich nur halb geschafft habe). Unter aller Absurdität ist die Story in all ihrer ödipalen Tragik übrigens purer Chandler.

5. Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler, D)

Christoph Hochhäuslers endgültige Emanzipation von der Berliner Schule ist ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.

 

Beste Regie: Gaspar Noé für „Love“

Bestes Drehbuch: Alejandro González Inárritu & Co. für „Birdman“

Bester Darsteller: Michael Keaton

Beste Darstellerin: Nora von Waldstätten als durchgeknallte Psychologin in „Das ewige Leben“

Beste TV-Darstellerin: Vorjahressiegerin Ruth Wilson teilt sich die Ehre diesmal mit „The Affair“-Kollegin Maura Tierney

Bester TV-Darsteller: Dominic West war in „The Affair“ auch sehr gut, ebenso Jon Hamm in seinen letzten „Mad Men“-Folgen

Meine Lieblingsserien des Jahres gibt es dann zwischen den Jahren auf Fortsetzung.tv.

 

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Die Liebenden: Murphy (Karl Glusman) und Elektra (Aomi Muyock)

Am Anfang des neuen Films von Gaspar Noé steht eine dieser bei 3D-Filmen üblichen Einblendungen: „Das Management warnt…“. Aber es folgt dann nicht etwa ein Hinweis für Epileptiker und andere Übersensible, sondern gewarnt wird nur, dass man jetzt schleunigst seine Brille aufsetzen sollte, da der Film in wenigen Sekunden beginne. Worauf sich dieser Einstiegsgag bezieht, erfährt man dann später, wenn man an der Wand in Murphys Zimmer ein altes Plakat zu „Frankenstein in 3D“ hängen sieht, auf dem „das Management“ tatsächlich vor dem Effekt warnte, den das technische Verfahren für Menschen mit „nervösen Nerven oder Magen“ haben könne.

Das Schlafzimmer der Hauptfigur sehen wir abwechselnd in zwei Zeitebenen: Als er es noch mit seiner großen Liebe Elektra teilt, ist es chaotisch und eklektisch: Überall liegt Wäsche herum, offene Weinflaschen und Tassen stehen auf Anrichten, die Wände sind übersät mit privaten Fotos, Szenenfotos und Postern von Trash- und Kunstfilmen von Pasolini bis „Frankenstein“. Später, wenn seine Gelegenheitsbekanntschaft Omi bei ihm eingezogen ist und die beiden (ungewollt) ein Kind miteinander haben, ist von der alten Unordnung nichts geblieben, das Zimmer kaum wiederzuerkennen. Lediglich die alte Stehlampe ist brav in die Ecke gewandert, ein Bild mit einer Figur aus „Freaks“ ist das letzte Überbleibsel aus alten Zeiten, das an der Wand überdauert hat und an das alte Leben erinnert.

So eingehegt wie das jetzt spießig wirkende Schlafzimmer fühlt sich auch Murphy, gefangen in seiner neuen Beziehung, ein Mann, der alles verloren hat, das ihm wirklich etwas bedeutete. Der kleine Sohn ist der einzige Grund, warum er überhaupt noch da ist. Murphys früheres Leben bestand aus künstlerischem Ehrgeiz, Träumen von einem wilden, kreativen Leben, Drogenexperimenten – und aus Elektra, der Liebe seines Lebens. Jetzt ist da nur noch Leere und Routine. Als Elektras Mutter ihm am Neujahrsmorgen eine verzweifelte Mailbox-Nachricht hinterlässt, weil ihre Tochter seit drei Monaten verschwunden ist, gerät Murphy in einen Strudel der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Noé erzählt die Beziehung annähernd rückwärts chronologisch, wenn auch nicht ganz so konsequent wie in seinem bekanntesten Film „Irreversibel“.

Neu ist, dass die einzelnen Stationen überwiegend durch Sex abgebildet werden. Gleich in der ersten Szene befriedigen sich die beiden Liebenden ausgiebig gegenseitig oral. Wie etwa schon in Michael Winterbottoms „9 Songs“ haben die Darsteller echten Sex und der ist teilweise recht explizit, dabei aber immer ästhetisch und natürlich. Das beginnt schon damit, dass wir hier keine ausrasierten Geschlechtsteile präsentiert bekommen, sondern „echte“ erwachsene Menschen. Durch betont kitschig-romantische Musik wird die Darstellung zusätzlich künstlerisch überhöht. Mit der Zeit suchen Murphy und Elektra immer neue, zunehmend gewagtere sexuelle Erfahrungen, erst beim Dreier mit der Nachbarin Omi, dann im Swingerclub und schließlich sogar mit einer Transsexuellen. Der Beziehung ist das eher abträglich, ebenso wie der zunehmende Konsum härterer Drogen. Am Ende steht die Trennung, nachdem Murphy auch zu Zweit noch einmal mit Omi geschlafen hat und die dabei schwanger wurde.

Aber da das Ende hier der Anfang ist, steht am Ende des Films noch die schüchterne erste Begegnung Murphys mit Elektra, im Pariser Lieblingspark der Beiden, wo sie aber gleich die großen Fragen des Lebens diskutieren. „Hast du Angst vor dem Tod“, fragt er. „Ich habe Angst vor Schmerzen“, antwortet sie. „Ich würde mich lieber vorher umbringen, als unter Schmerzen zu sterben.“ Ob Elektra wirklich Suizid begangen hat, erfahren wir nicht.

Gaspar Noé ist der Gegenwartsregisseur, der am stärksten die Tradition des Mitternachtskinos aufrecht erhält, das einst der junge David Lynch oder Russ Meyer prägten. Seine Filme sind jedes Mal wie ein Trip, körperlich erfahrbar gemachte Emotionen. Dabei ist ihm nichts Menschliches fremd, er geht auch dahin, wo es weh tut. „Love“ mögen viele als Arthouse-Porno abtun, als belangloses Beziehungsdrama, dessen Dialoge (zumindest in der nicht besonders guten deutschen Synchro) tatsächlich oft an Softpornos erinnern. Aber diese Kritiker haben Noé nicht verstanden. Ihm geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

Auf das 3D hätte man sicher auch verzichten können, andererseits ermöglicht das einige an den Vorgänger „Enter the Void“ erinnernde Szenen von hypnotischer Schönheit. „Love“ ist teilweise höchst erotisch, teilweise abstoßend, manchmal enervierend (und sicher eine halbe Stunde zu lang) und dann wieder traurig und berührend – eben ein Wechselbad der Gefühle, wie das Leben selbst. Wenn Murphy und sein kleiner Sohn sich am Schluss in der Badewanne in den Armen liegen, beide weinend, und der Vater dem Kind sagt, dass das Leben nicht leicht sei, kann man das kitschig finden – das wäre aber zynisch.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Christoph Hochhäusler scheint die Berliner Schule endgültig verlassen zu haben. In seinen beiden vorherigen Filmen deutete sich seine Hinwendung zum Genrefilm schon an, insbesondere natürlich in seinem Beitrag zum „Dreileben“-Projekt der ARD. Waren „Eine Minute Dunkel“ und auch „Unter dir die Stadt“ aber noch recht sperrig, ist „Die Lügen der Sieger“ sein bislang zugänglichster Film geworden, praktisch ein Versuch, den Stilwillen des deutschen Festivalkinos ins Unterhaltungskino zu retten.

Die Geschichte, die er gemeinsam mit Ko-Drehbuchautor Ulrich Peltzer erzählt, ist eine klassische: Ein aufrechter, aber auch ziemlich vor die Hunde gegangener Journalist kommt einem Skandal auf die Spur und legt sich, gemeinsam mit einer unerfahrenen Volontärin, mit den Mächtigen an – ohne zu merken, dass die wahren Strippenzieher ihn längst für ihre Zwecke eingespannt haben. Mit Florian David Fitz hat Hochhäusler die Hauptrolle mit einem Schauspieler besetzt, der typische Leading-Man-Qualitäten besitzt (falls es so etwas im deutschen Film überhaupt gibt).

Alles andere als klassisch ist, wie der Regisseur diese Geschichte erzählt: Ständig flackern Lense-Flares auf, durchschneiden teils als blaue Streifen das Bild, Benedikt Schiefers Score erinnert eher an Filme von Edgar Reitz als an die von Sidney Lumet. Bemerkenswert ist das Gespür für Räume und Architektur, das Hochhäusler auch diesmal wieder beweist: Gesichts- und seelenlose Bürobauten wirken wie die Verkörperung des emotionslosen Lobbyismus, der die wahre Macht im Land innehat, ohne dass sich seine Vertreter jemals einer Wahl gestellt hätten. Die typischen Shots Berliner Straßen, Plätze oder Parlamentsgebäude werden durch schnelle Schnitte eher dekonstruiert als wiedererkennbar gemacht. Oft filmt Kameramann Reinhold Vorschneider (großartig schon bei „Unter dir die Stadt“) durch Fenster oder Glasflächen, das Geschehen wird dadurch immer gebrochen statt eins zu eins eine Realität vorzuspiegeln. Durch die Gesamtheit von Bildgestaltung, Schnitt und Musik ergibt sich eine Ästhetik, die meilenweit entfernt ist von jenem Fernsehspiel-Look, der leider immer noch 90 Prozent des deutschen Kinos dominiert.

Die Handlung selbst ist hingegen reines Genre: Fitz‘ Fabian Groys wandelt auf den Spuren großer filmischer Vorbilder wie Robert Redfords und Dustin Hoffmans Woodward und Bernstein in „All the President’s Men“ oder Humphrey Bogarts Figur in „Deadline U.S.A.“, den Hochhäusler sogar gegen Ende mit einer Originalszene zitiert. Anders als zu Bogarts Zeiten, als das „Stoppt die Presse“ noch Zeichen für eine gesellschaftliche Erschütterung war, die die in letzter Minute noch ins Blatt zu hebende Story ohne Zweifel ausüben würde, laufen Groys‘ Anstrengungen aber ins Leere. Die vierte Macht liegt schon längst nicht mehr bei den Medien, sondern bei jenen Herren und Damen in den Hinterzimmern und Bürotürmen, die man als Normalbürger nie zu Gesicht bekommt. Ein investigatives Politmagazin wie „Die Woche“ (= „Der Spiegel“) dient den wirklich Mächtigen nur noch als Feigenblatt, um eine funktionierende Demokratie vorzutäuschen. Diese Aussage kann man platt finden – allzu weit von der Wahrheit dürfte sie nicht entfernt sein.

Hochhäusler und Peltzer lassen sich Zeit, bevor ihre Geschichte richtig in Gang kommt. Anfangs wirkt der Film disparat, weil gekünstelt erscheinende Szenen mit Lobbyisten und Politikern sowie über Groys‘ problematisches Privatleben von der Kerngeschichte der journalistischen Recherche ablenken. Aber nach einer Weile kommt diese doch noch richtig in Gang und damit steigt auch die Spannung. Offenbar haben die beiden Autoren ihr Sujet selbst gut recherchiert, denn selten wurde journalistisches Arbeiten in einem fiktionalen Film so realistisch dargestellt: von der Recherche selbst über das Niederschreiben und Feilen an den wirkunsgsvollsten Formulierungen (Groys zu Volontärin Nadja: „Das müssen wir noch mehr auf ‚Die Woche‘ bürsten.“) bis zum Faktencheck und den Diskussionen mit Justitiar und Dokumentarist. Etwas aufgesetzt wirkt hingegen die Liebesgeschichte zwischen Groys und Nadja (Lilith Stangenberg als spröde, aber ehrgeizige Jungjournalistin).

Im Vergleich zu Hochhäuslers frühem Film „Falscher Bekenner“, aber auch zu „Unter dir die Stadt“ ist sein neues Werk ein Quantensprung, ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.

Jahresbestenliste 2014

Veröffentlicht: 28. Dezember 2014 in Film, TV
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Das Kinojahr 2014 fing für mich ziemlich toll an und ließ in der zweiten Hälfte ziemlich stark nach. Im letzten Quartal bin ich häufiger ins Filmmuseum zu irgendwelchen Retrospektiven oder in Festivalvorstellungen gegangen als in reguläre Neustarts. Insgesamt hat es aber doch wieder für eine Top Five der Neustarts gereicht:

1. Boyhood

Mit dreieinhalb Stunden keine Minute zu lang, ich hätte diesem Erwachsenwerden in Schnelldurchlauf noch stundenlang weiter zuschauen können. Richard Linklater hat mit diesem ebenso unaufgeregten wie berührenden Werk sein Meisterstück abgeliefert, unterstützt von einem durchweg hervorragenden Ensemble. Patricia Arquette und Ethan Hawke gehen völlig verdient ins Rennen um die wichtigen Filmpreise, die beiden Darsteller der Kinder/Jugendlichen hätten eine Nominierung aber mindestens genauso verdient.

2. Nebraska

Alexander Payne drehte den Jim-Jarmusch-Film, den Jarmusch selbst seit Jahren nicht mehr auf die Reihe bekommt. Fängt witzig-absurd an und wird dann immer trauriger, gefilmt in wunderschönem Schwarz-Weiß und mit mehr Wahrheit über den Zustand der heutigen USA als so manches aktuelle Politdrama.

3. Jersey Boys

Auch so ein Film, der trotz Überlänge nie langweilig wird. Clint Eastwood erweist sich einmal mehr als der Mann, der wirklich alles inszenieren kann, hier einen Musikfilm in ganz musical-atypischer Weise, aber mit den großartigen Songs der Four Seasons. Eine Hommage an eine längst vergangene Zeit und eine fast vergessene Art des Filmemachens, wie sie außer Eastwood höchstens noch Redford pflegt.

4. Das finstere Tal

Andreas Prochaska inszeniert diesen österreichischen Alpen-Western, als wäre er bei Tarantino in die Lehre gegangen. Eine im Grunde banale Geschichte wird durch perfekte Anwendung filmischer Mittel (Kamera, Musik, Schnitt, Zeitlupen etc.) zu einem packenden, düsteren leinwandsprengenden Erlebnis, wie ich es in diesem Genre vorher nur bei Leone-Filmen hatte.

5. In the Cut

Mit seinem großen politischen Abenteuerfilm hat Fatih Akin vielleicht nicht alles richtig gemacht, aber dennoch nicht nur den Mut gehabt, ein wichtiges Tabuthema wie den Völkermord an den Armeniern aufzugreifen, sondern auch das Einfühlungsvermögen, nicht einseitig zu verdammen. Menschen, die moralisch Gutes tun und solche, die Verwerfliches tun, gibt es in diesem Film auf allen Seiten, in allen Religionsgruppen und Ethnien. Und wer am Ende nicht gerührt ist, hat wohl kein Herz.

 

Beste Regie:

Richard Linklater für „Boyhood“: Ich mochte ihn schon immer gerne, aber diesmal hat er sich – seinen Themen und Charakteren treu bleibend – selbst übertroffen. Seine Inszenierung ist so wie das Leben selbst: banal einfach und doch großartig. Eine Kindheit und Jugend so selbstverständlich und alltäglich einzufangen, dass sie sich so echt anfühlen, das ist ganz große Kunst.

Bestes Drehbuch:

Bob Nelson für „Nebraska“: Auch so eine Geschichte über die Banalität und Größe des Lebens, mit der richtigen ausgewogenen Mischung aus Komik und Tragik erzählt, mit einem Gespür für skurrile Figuren und Nostalgie.

Bester Darsteller (Kino): Bruce Dern in „Nebraska“

Beste Darstellerin (Kino): Patricia Arquette in „Boyhood“

 

Beste neue TV-Serien:

„Fargo“, „The Affair“, „Gomorrha“, „Glue“, „The Leftovers“

Mehr dazu dann nächste Woche in unserem Jahresrückblicks-Podcast auf torrent.

Beste alte TV-Serien:

„Orange is the New Black“, „Mad Men“

Beste TV-Darstellerin:

Ruth Wilson in „The Affair“: die Frau mit den vielen Gesichtern, immer schwankend zwischen skrupelloser Verführung und tiefer Verzweiflung

Bester TV-Darsteller:

Billy Bob Thornton in „Fargo“: Das Böse hatte in diesem TV-Jahr nur ein überzeugendes Gesicht und darüber thronte eine aus dem Werk der Coen-Brüder bereits bewährte geschmacklose Frisur.

 

Blutjung und schön: Wilson und Binoche; Foto: MK2 Éditions

Blutjung und schön: Wilson und Binoche; Foto: MK2 Éditions

Ein weitgehend vergessener Film von André Téchiné, der im Grunde nur deswegen bemerkenswert ist, weil Juliette Binoche hier ihre erste Hauptrolle gespielt hat – dadurch wurden einige der größten europäischen Regisseure wie Louis Malle auf sie aufmerksam und mit Philip Kaufman auch ein amerikanischer. Der Rest ist Geschichte. Wenn man diesen Film heute zum ersten Mal sieht, lässt sich leicht erkennen, welches enorme Potential als Schauspielerin und Leinwandstar die erst 20-Jährige damals schon hatte. Obwohl formal erst an zweiter Stelle der Besetzungsliste geführt, ist doch von Anfang an klar, wem dieser Film gehört, wer ihn ganz und gar dominiert.

Die Binoche ist hier Nina, ein junges Mädchen aus der Provinz, dass sich zu Hause in den nächsten Zug nach Paris gesetzt hat, „am Tag, als ich endlich 18 wurde“, wie sie einmal erzählt. Sie träumt von einer Karriere als Schauspielerin, hat es bislang aber nur zu einer Ein-Szenen-Rolle als naives Zimmermädchen in einer Boulevardkomödie gebracht. Da schminkt sie sich nun also Abend für Abend in ihrer Garderobe des kleinen Theaters für den kurzen Auftritt, in dem sie den Hauptdarstellern einen Tee/Kakao oder doch eher einen Kaffee servieren darf. In Ihrer Freizeit kostet sie die neu gewonnene (vermeintliche) Freiheit aus, geht mal mit diesem, mal mit jenem jungen Mann ins Bett oder macht die Nacht einfach auf den Straßen durch, weil sie sowieso nicht schlafen kann. Auf der Suche nach einem kleinen Appartment für sich selbst lernt sie den Makler Paulot kennen, der sich sofort in sie verliebt. Sie schenkt ihm eine Freikarte für ihr Stück, er ist hin und weg. Nach der Vorstellung platzt er in ihre Garderobe, aber da knabbert gerade ihr Freund an ihrem Dekolleté. Trotzdem lädt sie den Verehrer in die gemeinsame Wohnung zum Essen ein, wo er Zeuge eines großen Streits und der anschließenden Trennung des Paares wird. Da Nina nun nicht weiß, wo sie hin soll, bietet Paulot ihr an, in seiner WG zu übernachten, aber mit seinen Hintergedanken kommt er nicht weiter, denn sie möchte endlich einmal alleine schlafen. Vollends kompliziert wird das Beziehungsgeflecht, als Paulots egozentrischer Mitbewohner Quentin (Lambert Wilson) dazukommt. Von dem Zyniker geht eine merkwürdige Faszination aus, der sich Nina nicht lange entziehen kann.

Die eher sprunghaft inszenierte und nie so recht emotional nachvollziehbare Dreiecks- (oder Vierecks-) Geschichte ist nicht das eigentlich Interessante an Téchinés Film, vieles daran wirkt zu aufgesetzt (Ko-Drehbuchautor war übrigens Olivier Assayas). Faszinierend ist vielmehr das Spiel der Darsteller, neben Binoches vor allem dem Wilsons, den man aus seiner späteren Karriere eher aus bedachteren Rollen kennt. Hier ist er ganz der junge Romeo, mit dem sein Quentin vor Jahren seinen Durchbruch auf der Bühne hatte und den er jetzt wieder in einer bizarren Travestie in einer Art Sexfassung des Shakespeare-Stücks spielt. Für ihn sind Kunst und Liebe untrennbar miteinander verbunden, für beide brennt er, aber jeweils nur so lange, bis von der Lunte nichts mehr übrig ist – und das geht schnell. Relativ bald ist Quentin tot, aber Wilson taucht immer wieder im Film auf: als Vision Ninas, die nun eine Chance bekommen hat, die für sie alles bedeutet. In einer „Romeo und Julia“-Neuinszenierung des renommierten Regisseurs Scrutzler (was für ein Name!), gespielt von Altmeister Jean-Louis Trintignant, bekommt sie die weibliche Hauptrolle. Das könnte ihr großer Durchbruch sein, aber auch ihre größte Niederlage. Und deshalb sieht sie immer wieder ihren toten Liebhaber, der sie höhnisch auslacht und ihr die Fähigkeit abstreitet, große Gefühle auf der Bühne zu verkörpern, da sie selbst keine kenne.

Das ist das zweite, was den Film aus dem Mittelmaß französischer Dramen heraushebt: die Wechselwirkung von Kunst und Leben. Beides ist hier immer kompromisslos, gelebt wie gespielt wird hier entweder bis zum Anschlag oder gar nicht mehr. Letztlich stellt sich aber auch die Frage, was nun eigentlich was bedingt. „Die Liebe gibt es nicht in deinem Theater, sondern nur im Leben“, sagt Paulot einmal zu Nina. Bei Téchiné ist im Grunde aber auch das Leben theatralisch, lässt sich nicht zwischen Kunst und Realität unterscheiden.

Die junge Binoche hat sich – wie ihre Nina – in diese Rolle gestürzt, als wäre es um ihr Leben gegangen. Uneitel, rückhaltlos, hemmungslos – auch was die Nackt- und Sexzenen angeht, die dem Film in den USA eine Freigabe ab 18 Jahren eingebracht haben (übrigens, es tut so gut, eine 20-jährige Kinoschaupielerin mit Achselhaaren zu sehen). Sie ist hier ganz anders als die schüchterne Teresa in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, wenn auch vielleicht genauso unsicher, nicht die geheimnisvolle Ferne wie in Leos Carax‘ „Mauvais Sang“, den sie nur ein Jahr später drehte, nicht die selbstsichere Verführerin aus „Verhängnis“, sondern irgendwas dazwischen. Eine Frau, die sich nimmt, was sie kriegen kann, die mit den Männern spielt und doch fast daran kaputt geht und die ihre Chance zur (Selbst-)Befreiung  doch erst dann sieht, als ihre leidenschaftliche Liebe tot ist. Ein wahrhaft starker erster Auftritt.

R.I.P. Alain Resnais

Veröffentlicht: 2. März 2014 in Film
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Gerade wurde er auf der Berlinale noch mit dem Alfred-Bauer-Preis für innovative Filme ausgezeichnet, da hat Alain Resnais sich für immer von dieser Welt und seinem Publikum verabschieden müssen. Ich freue mich auf seinen letzten Film „Aimer, Boire et Chanter“ und verlinke unterdessen meinen Artikel zu seinem drittletzten Film. Im Alter wurde Resnais immer experimenteller, immer freier, was das Spiel mit den Konventionen des Kinos anging. Mit dem Tod des 91-Jährigen ist das Kino ein Stück älter und grauer geworden.

Jahresbestenlisten 2013

Veröffentlicht: 16. Dezember 2013 in Film, TV
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Vielleicht überrascht mich ja in den nächsten zwei Wochen noch irgendwas, es ist aber doch eher unwahrscheinlich, dass sich an meinen Favoriten des Jahres noch etwas ändern wird. Vom Kinoangebot her war 2013 für mich auf jeden Fall wesentlich stärker als 2012, wo ich hier gar nicht erst eine Liste erstellt habe. Meine Top 5-Filme:

1. Take this Waltz: ein auf den ersten Blick etwas unscheinbarer kanadischer Indiefilm, der die großen Fragen des Lebens ebenso unspektakulär wie einfühlsam behandelt, mit einer großartigen Michelle Williams, ungewöhnlicher Kameraarbeit und einer Regisseurin, die genau weiß, was sie tut

2. Die Jagd: ein grandioses Comeback von Thomas Vinterberg, der die menschliche Natur in all ihrer Widersprüchlichkeit auf beklemmende Art offenlegt, mit einem kontroversen Thema, einem ungewöhnlichen erzählerischen Ansatz und hervorragenden Darstellern, allen voran natürlich Mads Mikkelsen

3. Vous n’avez encore rien vu: ein unglaublich frisch wirkender Fast-Experimentalfilm vom 90-jährigen Alain Resnais, der noch mal zeigt, welche Magie das Kino auch in Zeiten von Digitalisierung und einfallslosen Blockbustern noch entfalten kann, mit einem Who-is-who der gegenwärtigen französischen Schauspieler, inklusive Michel Piccoli in einer anrührenden Altersrolle

4. The Grandmaster: Keiner bringt solche Bilder auf die Leinwand wie Wong Kar-Wei und ausgerechnet in seinem Film über Kung-Fu hat er auch mal eine bewegende Geschichte zu erzählen: über den Krieg, unerfüllte Liebe und darüber, dass man für Freiheit immer einen Preis zahlen muss. Die Musik ist so bombastisch wie bei Leone und einmal zitiert er sogar Morricone, indem er einfach dessen Leitthema aus „Once Upon a Time in America“ verwendet – viele Dialogsätze möchte man sowieso in Stein meißeln.

5. Die andere Heimat: Edgar Reitz, noch so ein alter Mann des europäischen Kinos, der innerlich jung geblieben ist, kehrt nach zehn Jahren noch einmal zu seinem Lebensthema zurück, mit einem Vier-Stunden-Film in wunderschönem Schwarz-Weiß, mit tollen unbekannten Darstellern und einem Thema, das im Grunde „Die Zweite Heimat“ variiert: Sehnsucht und Freiheitsdrang.

Beste Regie: Sarah Polley für „Take this Waltz“

Bestes Drehbuch: Sarah Polley für „Take this Waltz“

Bester Filmschauspieler: Mads Mikkelsen zeigt innerhalb von zwei Stunden die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle von Hoffnung über Trotz bis Verzweiflung.

Beste Filmschauspielerin: Es tut mir Leid, aber in diesem Jahr kann es für mich einfach wieder keine andere geben als Michelle Williams.

Beste Serien: Rectify, Masters of Sex und Bates Motel waren für mich die überzeugendsten Neustarts, und da die laufenden Serien ziemlich schwächelten (whatever happened to Homeland?), für mich auch insgesamt die Favoriten, für detailliertere Begründungen empfehle ich die November- und Dezember-Ausgaben des torrent-Magazin-Podcasts.

Bester Serienschauspieler: Aden Young schafft es als nach 19 Jahren aus der Todeszelle Entlassener, mit wenigen Gesichtsausdrücken mehr zu sagen als die meisten Schauspieler mit einem ganzen mimischen Arsenal.

Beste Serienschauspielerin: Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg in der dritten und letzten Borgen-Staffel, spielt so unglaublich sympathisch, dass man sie entweder heiraten oder zumindest an die Regierung wählen will.

Die goldenen Zeiten der reißerischen Videocover (und der falschen Anglizismen)

Die goldenen Zeiten der reißerischen Videocover (und der falschen Anglizismen)

Vier Figuren: Inge (Marlen Diekhoff), eine toughe Frau, die es geschafft hat, sich in dem Männergeschäft Erotikbar als Chefin durchzusetzen. Die ihren Job nicht aus Perspektivlosigkeit macht, sondern weil er ihr Spaß macht. Heinz (Peter Franke), ihr Typ, ehemaliger Fußballprofi, „um den sich die Vereine gerissen haben“, und dann ging das Bein kaputt und er fing an zu saufen, bis die letzte Kohle weg war – und die letzte Hoffnung auch. Ferdi (Peter Gavajda), sein Kumpel, ein Großmaul, hat ständig halblegale und illegale Geschäfte laufen, aber das „große Ding“, von dem er träumt, das kommt nie. Rosa (Catrin Striebeck), eine Animierdame in Inges Bar, dem „Mau Mau“, ist auf ihren Typen „Ali“ wütend, wenn der sie schlägt, fickt auch gerne mal einen Anderen, kehrt aber doch immer wieder zu ihm zurück.

Ihr Lebensmittelpunkt, ihr zweites Wohnzimmer, ist das „Mau Mau“, eine Bar mit Strip-Tanz in St. Pauli, die schon mal bessere Zeiten gesehen hat: „Früher hatten wir 1a-Publikum, jeden Abend war’s voll“, erinnert sich Inge. Jetzt laufen hier jede Nacht nur noch dieselben abgerissenen Gestalten ein und der Vermieter will den Laden bald zumachen, weil die Provision nicht mehr stimmt. Da er aber auch ein Auge auf Inge geworfen hat, hofft die, man könne gemeinsam einen neuen, moderneren Club aufmachen.

Uwe Schrader war einer der deutschen Regie-Hoffnungsträger der 80er Jahre, einer, der einen eigenen Stil hatte, der nichts mit dem glatten Unterhaltungskino der Emmerichs und Petersens zu tun hatte, aber auch wenig mit dem verkopften Ansatz des Neuen Deutschen Films von Wenders und Co. Nach drei Filmen, die auf drei internationalen Festivals Erfolge feiern konnten, war plötzlich Schluss. Schrader übernahm eine Filmprofessur und drehte danach nichts mehr. Mit seiner Art Kino konnte man schon damals kein Geld verdienen. „Mau Mau“ ist sein bislang letzter Film, nach Berlin-Kreuzberg in „Kanakerbraut“ und dem Ruhrgebiet in „Sierra Leone“ beendete er seine „Proletariertrilogie“ in St. Pauli. Auch hier treffen einheimische Gelegenheitsgauner und Armutsmigranten auf engstem Raum aufeinander, und natürlich Frauen aus dem Rotlichtmillieu: Tänzerinnen, Prostituierte, Barbetreiberinnen. Wobei es meist die Frauen sind, die ihre Arbeit selbstbewusst ausüben („Ich hab mich schon als Kind gerne ausgezogen“, sagt die Strip-Tänzerin Doris einmal), während die Männer ständig zwischen Selbstzweifeln und überzogenen Plänen hin und her schwanken.

Allen voran Heinz, der sich nicht so recht eingestehen will, dass seine besten Jahre unwiderbringlich hinter ihm liegen, der immer noch denkt, es müsse doch irgendwann noch mal bergauf gehen. Seiner Inge hat er nie verziehen, dass sie ihn mal kurzzeitig verlassen hat, kommt doch nicht von ihr los und ist nur dann ganz bei sich selbst, wenn er auf der Straße einen Ball von spielenden Jungs vor die Füße bekommt.

Schrader erzählt das alles ganz unsentimental, aber auch ohne sich über seine Figuren lustig zu machen oder zu erheben. Solche Typen findet man wahrscheinlich noch heute überall in Deutschland, wenn man mal die gentrifizierten Ecken der Großstadt verlässt und dahin geht, wo ehemalige Arbeiterviertel eben keine Gründerquartiere geworden sind, sondern eher Arbeitslosenviertel. Aber dieses (West-)Deutschland, das er hier noch einmal eingefangen hat, kurz nach der Wiedervereinigung, das gibt es vermutlich auch auf der Reeperbahn nicht mehr. Allein die Fotos der Drehorte, die Schrader auf seine Homepage gestellt hat, erzählen ganze Geschichten vergangener Zeiten, die trotz aller Schäbigkeit wenigstens noch Charme hatten.

Obwohl Schrader gerne mit Fassbinder verglichen wurde, hat seine Inszenierung doch gar nichts von der laienhaften Künstlichkeit, mit der der seine Protagonisten in Szene gesetzt hat. Hier laufen Schauspieler, die man sonst nur aus den üblichen Fernsehrollen kennt, zu großer Form auf. Verletzlich, ja, aber auch alles Andere als Opfer – höchstens ihrer selbst. Die Kamera, die Schnitte, die Dialoge – alles ist präzise und wirkt genau durchdacht. Dabei so realistisch, dass die Gemachtheit nie ins Auge springt. Oft fühlt man sich an die Säufer- und Loser-Geschichten Jörg Fausers erinnert, an die selbsternannten Schriftsteller und Gangster, deren gute Vorsätze für den Tag doch schon am Vormittag beim ersten Bier im Frankfurter Wasserhäuschen wieder scheitern, denn wenn man einmal angefangen hat zu trinken, welchen Sinn hat es dann noch, wieder damit aufzuhören, bevor es Nacht wird?

Am Ende feiern alle Mitarbeiter und Stammgäste den letzten Abend im „Mau Mau“, Nina Hagen singt noch einmal ihre schräge deutsche Version von „My Way“ und dann schlägt Heinz den Pelzkragen an seinem Mantel hoch und tritt auf die Straße – die Lichter gehen aus. Danach kamen die Gentrifizierung und das deutsche Eventkino. Das „Mau Mau“ kann man dank Zweitausendeins jetzt auf DVD wieder besuchen.