Abb.: Panini

1927. Célestin ist ein hünenhafter, etwas unbeholfener junger Mann, der als Assistent in der Buchhalter-Kanzlei seines Vaters eher fehl am Platze wirkt. Da er ein leidenschaftlicher Filmliebhaber ist, bricht er eines Tages in die Großstadt Paris auf, um selbst Regisseur zu werden. Er kommt zuerst beim Betreiber eines kleinen Kinos unter und ergattert sogar einen Job als Gehilfe in einem Filmstudio. Als er zufällig die anmutige junge Frau trifft, die der Star heimlich gezeigter Erotikfilme ist, sieht er endlich die Chance gekommen, seinen Traum vom Filmemachen zu verwirklichen…

Laurent Galandon (Wer Wind sät bei Finix) erzählt eine charmante Geschichte über einen liebenswerten Außenseiter und seine nicht minder verschrobenen alten und neuen Bekannten. Gleichzeitig ist Die Traumfabrik eine Hommage an die Frühzeit des Mediums Film, als ein Kinobesuch noch etwas fast Magisches war und ganz neue Welten eröffnen konnte. Dass der Comic nicht in Hollywood, sondern in Frankreich spielt, ist dabei nur folgerichtig: Wäre doch das Kino ohne die Erfindung der Brüder Lumière gar nicht vorstellbar, wie der mit historischen Fotos illustrierte Anhang zeigt. Frédéric Blier überträgt die Geschichte in manchmal etwas ungenaue, aber lebendige Zeichnungen, die durch Sébastien Bouets Kolorierung eine angenehme Wärme ausstrahlen. Ein altmodischer Comic, der auch gut ins ZACK-Magazin passen würde.

 

Die Traumfabrik 1: Der Riese und die Nackttänzerin

von Frédéric Blier + Laurent Galandon

Übersetzung: Annabelle Steffes

HC • 56 Seiten • € 14,99 • Panini

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Abb.: Carlsen Comics

Bei Frank Pé ist Spirou endgültig erwachsen geworden – ganz ohne Nazis und Kriege wie in den Beiträgen von Schwartz und Yann oder Bravo. Sondern auf natürlich wirkende Art, angesiedelt im Brüssel einer nahen Zukunft, in dem das Atomium endgültig verfallen ist. Äußerlich und charakterlich erinnert der Titelheld an einen etwas älter gewordenen Jonas Valentin (der ja auch schon von Album zu Album heranreifte). Nach einem Streit mit der neuen „Le Moustique“-Chefin nimmt sich Spirou eine Auszeit von seinem Reporterdasein und trifft den brillanten Tierdresseur Noë wieder, über den Franks geliebte exotische Tiere ins Spiel kommen. Noë, eine Randfigur aus Franquins letzter „Spirou“-Geschichte „Bravo Brothers“, arbeiten Frank und sein Szenarist Zidrou zu einem vollständigen ambivalenten Charakter aus. Dabei war seine Verbitterung über die Menschen und das Leben, die ihn dazu bringt, sich lieber mit Tieren zu umgeben, bereits in der ansonsten rein humoristischen Franquin-Kurzgeschichte angelegt. Neben weiteren alten Bekannten aus Franquins Kosmos treffen wir auch auf zwei neue wichtige Frauenfiguren, darunter eine zeichnerisch wie charakterlich herrlich gelungene rebellische Teenagerin. Was die grafische Seite angeht, ist Frank hier ohnehin auf der Höhe seines Zenits angekommen, verbindet scheinbar mühelos die Zeichenstile seiner beiden Hauptserien „Jonas Valentin“ und „Zoo“.

Das Autorenduo packt sehr viele verschiedene Themen in die Geschichte: Kunst und Kunstmarkt, Erwachsenwerden und Erziehung, die Möglichkeit einer Verständigung zwischen Tier und Mensch – und als humoristischen Handlungsstrang auch noch eine Pilzseuche. Am Ende verknüpfen sich (fast) alle diese Fäden zu einem gelungenen Ganzen. Dem großen Naturfreund und Humanisten Frank ist damit eine wunderbar warmherzige Ode an das Leben gelungen – und der beste „Spirou“ seit dem Abschied von Tome & Janry vor fast 20 Jahren.

„Spirou und Fantasio Spezial: Das Licht von Borneo“ ist bei Carlsen Comics erschienen. Ein ausführliches Porträt von Frank Pé und seinem Gesamtwerk, geschrieben von mir, erscheint Ende Juli in der Comiczeitschrift ZACK.

Siebzehn

Abb.: Salzgeber

Es ist Sommer. Sommer in der niederösterreichischen Provinz, in Lanzenkirchen im Bezirk Wiener Neustadt, einem Kaff, das gerade so weit weg ist von der Hauptstadt, das man ein anderes Leben in der Metropole noch erahnen kann, aber dann doch wieder so weit weg, dass man als Jugendlicher meist doch nur bis zur Dorfdisko kommt. Paula geht aufs örtliche Internat, wohnt aber zuhause mit ihrem behinderten Vater und der älteren Schwester, die sich um nichts kümmert. Sie ist eine jene Schülerinnen, von denen schon mit 17 klar ist, dass ihr die geistige Enge ihrer Umgebung schnell zu viel werden wird. Trotzdem befürchtet sie, dort hängenzubleiben, weil sonst niemand bereit sein wird, sich um den Vater zu kümmern. Angedeutet wird das nur in zwei, drei Szenen, den einzigen, in denen überhaupt die Peergroup der MitschülerInnen und der Clique verlassen wird. Von den Familien der übrigen ProtagonistInnen erfahren wir überhaupt nichts. Es ist schließlich kein Problemfilm, den die Debütantin Monja Art hier vorgelegt hat.

Eher eine österreichische Variante der Nouvelle Vague, ganz in die Gegenwart transponiert. Nicht unbedingt stilistisch, dazu ist ihr Film nicht experimentell genug. Aber von der Art, wie sie Beziehungen in Szene setzt, Figuren miteinander verknüpft. Da gibt es keinen roten Faden, keine klassische Erzähldramaturgie im engeren Sinne. Es ist eher ein Flow von Momenten, von kurzen Einblicken in die Leben und Gefühlslagen eines ganzen Ensembles an Figuren, die aber (fast) alle um Paula kreisen. Die von Elisabeth Wabitsch wunderbar verkörperte Paula treibt eher durch ihr Leben, als dass sie bewusste Entscheidungen träfe, übt aber auf gleich ein halbes Dutzend ihrer MitschülerInnen (und einen Lehrer) eine Anziehungskraft aus, der sie sich vermutlich selbst nicht bewusst ist. Seltsamerweise bleibt sie selbst trotzdem lange ohne PartnerIn, obwohl alle um sie herum ständig Sex zu haben scheinen. Aus der Menge an möglichen love interests schält sich langsam Charlotte (Anaelle Dézsy) heraus, die Paula von Anfang an heimlich mit sehnsüchtig verzehrenden Blicken beobachtet. Aber Charlotte ist trotzdem weiter mit Michael zusammen, der ein Jahr älter ist und bald Abitur macht.

Paula lässt sich zuerst mit dem schüchternen Nerd Tim (Alexander Wychodil) ein, weniger aus Anziehung als aus Gelegenheit, weil es nach einem heftigen Regenguss in dessen Zimmer nichts Besseres zu tun gibt. Später lässt sie sich von Lilli (Alexandra Schmidt) verführen, die als typisches Schulbiest mit allen spielt und immer einen kecken Spruch auf den Lippen hat. Wirklich böse ist sie aber nicht. Lilli ist nur eine der Figuren, die oberflächlich betrachtet den stereotypen Chrakteren entspricht, die man aus jedem US-amerikanischen High-School-Film kennt. Da sind etwa auch noch Kathrin (Vanessa Otzinger), Paulas beste Freundin, die immer zuviel redet, oder der sportliche, gut aussehende Marvin. Was den Film neben den hervorragenden JungdarstellerInnen so authentisch macht, dass man sich selbst ständig an seine eigene Schulzeit zurückerinnert, sind vor allem die Dialoge. Die Teenager reden so, wie man eben redet, wenn man jung und humanistisch gebildet ist und gerade erst das Denken entdeckt hat: mal pseudo-tiefgründig über die Gewissheit, dass die Erde eh in ein paar Millionen Jahren verglühen wird (mit der Landstraße, über die man gerade fährt, und allem) oder betroffen über Zwangsheiraten in Indien, dann wieder pubertär über die Frage, ob es im Leben nur Sex gibt oder doch auch Liebe. Und keiner spricht so schön im Französischunterricht über „Madame Bovary“ wie Paula. Kein Wunder, dass sich selbst ihr Lehrer in sie verliebt (Christopher Schärf, der einzige Austro-„Star“ in diesem Film). Auch in den Dialogen ist Art ganz nah bei Truffaut, man denke nur an den kleinen Antoine Doinel, der schon als Kind Balzac verehrt.

Hervorheben muss man auch die audiovisuelle Ebene des Films: Nie hat man das Gefühl, hier ein Spielfilmdebüt zu sehen. Die Regisseurin ist unheimlich souverän im Einsatz der filmischen Mittel. Die Kamera fängt genau so viel von der Landschaft ein, dass man ein Gefühl für die Orte bekommt, ohne den Eindruck zu gewinnen, die Handlung könne nicht auch ganz woanders spielen. Der Schnitt ist fast unsichtbar, die Handlung fließt von Szene zu Szene und trägt einen mit, bis man gar nicht mehr anhalten will. Das hätte auch noch zwei Stunden so weitergehen können.

Obwohl der Film vom auf queere Filme spezialisierten Salzgeber-Verleih vertrieben wird, spricht er eine Zuschauerschaft an, die weit über eine entsprechende Zielgruppe hinausgeht. Ja, hier lieben Frauen Frauen, die gleichen lieben meist auch Männer. Das thematisiert aber im Grunde nie jemand explizit, es ist auch nie mit Mobbing oder Diskriminierung verbunden. Was hier praktiziert wird, ist das Aufheben der Heteronormativität als Normalität. Jede(r) kann jede(n) lieben und das ist auch gut so. Manchmal ist der Film dabei ganz schön sexy, aber ohne jeden Voyeurismus. Alleine, wie die Kamera die Blicke lenkt und die der Figuren nachvollzieht, spricht oft schon Bände. In seinen besten Beiträgen vermag es das Comig-of-Age-Genre mehr über das Leben auszusagen als die meisten anderen Filme. Monja Art ist das auf großartige Weise gelungen.

Jahresbestenliste 2016

Veröffentlicht: 31. Dezember 2016 in Film
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Meine Kino-Top-5:

5. Tschick

Als einer der anscheinend wenigen Deutschen, die den Roman nicht gelesen haben, konnte ich an der Verfilmung überhaupt nichts Negatives finden. Ein ebenso vergnüglicher wie an manchen Stellen berührender Road Trip mit drei tollen Hauptdarstellern – und ich konnte mich so gut in den erzählenden Teenager hineinversetzen. Damit bleibt die Serie ungebrochen, dass Fatih Akin in meinen Augen noch keinen schlechten Film gemacht hat.

4. Wild

Eine Frau bricht aus ihrem tristen Alltag aus und lässt das, was wir Zivilisation nennen, Schritt für Schritt hinter sich. Ein mutiger, ein origineller, ein erfrischender Film von Nicolette Krebitz, der zeigt, wie deutsches Kino auch sein kann, wenn es sich mal an etwas Anderes herantraut als an Literatur- und Historienfilme oder Berliner Nabelschaubetrachtungen.

3. Sing Street

John Carney hat es einfach drauf, perfekte Musikfilme zu inszenieren. Diesmal hat er sich noch einmal selbst übertroffen, denn dieser Film über eine nicht gerade leichte Jugend im Dublin der 80er Jahre vereint Humor, Romantik, großartige Songs und Sozialkritik zu einer Mischung, bei der man ständig aufspringen und mittanzen möchte.

2. 24 Wochen

Noch ein deutscher Film,von Anne Zorah Berrached einfühlsam und ungemein berührend inszeniert. Als junge Mutter, die sich entscheiden muss, ob sie ihr behindertes und mit einem schweren Herzfehler geschlagenes Baby spätabtreiben oder doch zur Welt bringen will, feiert Julia Jentsch ein eindrucksvolles Comeback. Am Ende konnte ich mir die Tränen kaum verkneifen.

1.Room

Mutterliebe ist stärker als die grausamsten Lebensumstände und manchmal kann ein Raum die ganze Welt sein. Bei dieser Geschichte hätte der Film ganz leicht in Exploitation abrutschen können, tut dies dank der behutsamen Regie von Lenny Abrahamson aber nie. Brie Larson wurde für die Hauptrolle völlig zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet und ist auch meine Filmschauspielerin des Jahres.

Beste Regie: Nicolette Krebitz für „Wild“

Bestes Drehbuch: Emma Donoghue für „Room“

 

Eternauta

In diesem Jahr brachte der Berliner avant-Verlag den argentinischen Comicklassiker „Eternauta“ endlich in einer deutschen Ausgabe heraus. Das von 1957 bis 59 entstandene Werk hat in Argentinien bis heute eine große Bedeutung, vor allem, weil seinem Autor ein Schicksal widerfuhr, das wie eine Wiederholung dessen gelesen werden kann, das er selbst in seiner Geschichte schilderte: Héctor German Oesterheld schloss sich in den 1970er Jahren gemeinsam mit seinen vier Töchtern der Widerstandsbewegung gegen die Militärdiktatur an und ging in den Untergrund. Alle fünf fielen dem Terrorregime zum Opfer, Oesterhelds Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Diese ebenso tragische wie wütend machende Familiengeschichte erzählt die Journalistin Anna Kemper in einem ausführlichen Zeit-Artikel, der in dem Buch abgedruckt ist.

Aus heutiger Sicht wirkt Oesterhelds Science-Fiction-Erzählung wie eine düstere Prophezeiung, wie eine vorweggenommene Parabel auf die reale Situation in seinem Heimatland 15 Jahre später. Das verleiht dem Werk eine zusätzliche Qualität. Aber auch ohne dieses Wissen wäre es schon bemerkenswert, was an der Dichte der Erzählung liegt wie auch am Talent des Zeichners Francisco Solano Lopez.

Die Geschichte beginnt in einer Nacht des Jahres 1959, als ein Comicautor in Buenos Aires (unschwer als Oesterheld selbst zu erkennen) einsam in seinem Zimmer vor sich hin arbeitet, als plötzlich wie aus dem Nichts ein geheimnisvoller Besucher erscheint: Der Fremde nennt sich selbst „El Eternauta“, der ewige Reisende oder durch die Ewigkeit Reisende. Er beginnt, ausführlich zu erzählen, was ihm passiert ist, seit in einer ebenso ruhigen Nacht in der gleichen Stadt seine Welt auf den Kopf gestellt wurde: Gemeinsam mit drei Freunden sitzt der Mann, mit bürgerlichem Namen Juan Salvo, in seinem Haus beim Kartenspiel, als sich draußen merkwürdige Dinge abspielen: zunächst Schreie und Unfallgeräusche, dann plötzlich ungewohnte Stille. Beim Blick aus dem Fenster müssen die Freunde feststellen, dass ein tödlicher Schnee fällt, der offenbar jeden, der damit in Berührung kommt, auf der Stelle umbringt. Mit viel Glück und Überlegung gelingt es den Männern sowie Salvos Ehefrau und kleiner Tochter zu überleben. Sie basteln sich aus Taucheranzügen Schutzanzüge, um draußen nach Nahrung, Wasser und Benzin suchen zu können. Doch Gefahren lauern nicht nur von anderen Überlebenden, die weniger mitfühlend sind als sie selbst.

„Eternauta“ beginnt also wie eine klassische postapokalyptische Geschichte à la „Walking Dead“ (nur um ein Vielfaches besser geschrieben), in der eine kleine Gruppe Überlebender versucht, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Mit der Zeit erkennen diese aber, dass das, was sie bis dahin für die Folge eines misslungenen Atomtests hielten, eine noch weitaus schlimmere Ursache hat: Die Erde ist einer außerirdischen Invasion zum Opfer gefallen, die den Planeten erobern und „säubern“ will. Nach knapp 100 Seiten stoßen Salvo und seine Freunde auf eine Militäreinheit, die den Angriff ebenfalls überstanden hat und den Widerstand gegen die Besatzer organisiert. Nun wechselt der Comic von einer Seite zur nächsten das Genre und wird über weite Strecken zu einer Kriegsgeschichte mit detaillierten Schilderungen von Militärtaktiken und -missionen. Wobei die Menschen immer wieder in schier aussichtslose Situationen geraten, die Helden aber doch immer in letzter Minute durch einen Trick oder einfach durch Glück überleben. Aber immer, wenn sie Hoffnung schöpfen, den Krieg doch noch gewinnen zu können, erweisen sich die Aliens als technisch noch überlegener als angenommen.

Hoch anzurechnen ist dem Autor dabei, dass er sich nicht nur herkömmlicher Versatzstücke aus ähnlichen Alieninvasionsgeschichten bedient, sondern etwa der Spezies, die den Angriff steuert, ein menschliches Gesicht verleiht. Auch diese stellen sich nämlich als Gefangene der eigentlichen Invasoren heraus, die andere Lebensformen von fremden Planeten versklaven, um wiederum andere Planeten zu erobern. Am Ende der Geschichte, nach gut 350 Seiten, gelingt es Salvo, mit einer Zeitmaschine der Aliens zu entkommen, verliert dabei aber seine Familie, die in eine andere Dimension geschleudert wird. Nach einer endlosen Suche durch Raum und Zeit (die aber nicht gezeigt wird), landet er schließlich im Zimmer des Comicautors. Als er erfährt, dass er im Buenos Aires des Jahres 1959 angekommen ist, gerät er in Euphorie: Das bedeutet, dass seine geliebte Frau und Tochter ja noch in der gleichen Stadt leben, die tödliche Invasion sich noch gar nicht ereignet hat! Die Geschichte endet mit einem Zirkelschluss: Der Comicautor weiß nicht, ob in vier Jahren all das Schreckliche, von dem ihm der Fremde berichtet hat, tatsächlich in seiner Heimatstadt und auf der ganzen Erde passieren wird.

Oesterheld hat diese ebenso epische wie bedrückende Geschichte wie einen Roman geschrieben: Der Comic ist durch die vielen Erzähltexte mit den Gedankengängen des Helden sehr textlastig geworden. Vieles davon ist redundant, weil es entweder nur das beschreibt, was in den Bildern sowieso zu sehen ist, oder zusammenfasst, was unmittelbar zuvor passiert ist (letzteres ist wohl der ursprünglichen Veröffentlichungsform in Fortsetzungen in einem Comicmagazin geschuldet). Das macht das Lesen einerseits anstrengend, andererseits erreichen die oft sehr poetischen Formulierungen eine literarische Qualität. Vor allem ist die Story aber unheimlich spannend und intensiv erzählt, zudem ist es eine der tragischsten Comicgeschichten, die ich gelesen habe. Lopez zeichnet extrem detaillierte Gesichter; mit seiner Stricheltechnik arbeitet er Hautpartien und Muskeln wie ein Bildhauer quasi „von innen“ heraus. Zusammen mit den Straßenzügen und städtischen Wegmarken von Buenos Aires schafft das eine authentische Atmosphäre, so dass man sich trotz der Fantastik der Geschichte wie in einem realistischen Bericht fühlt.

Neben der kompletten Urfassung des Comics (später versuchte sich Oesterheld noch an weiteren Versionen der gleichen Geschichte) enthält der deutsche Band eine kurze Einführung in das Gesamtwerk des Autors sowie eine Analyse der Erzählung vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in Argentinien. Durch diese Bezüge wirkt der Comic heute wie eine weitsichtige Parabel auf die argentinische Gesellschaft während des Militärregimes. Aber auch darüber hinaus ist er ein wichtiges Werk des internationalen Comics, das sich kein Liebhaber des Mediums entgehen lassen sollte.

avant-Verlag 2016, 392 Seiten, Hardcover Querformat, 39,95 €

 

Olympia-Berichterstattung bei ARD und ZDF: eine Farce

Veröffentlicht: 17. August 2016 in Journalismus, TV
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Da ein vier Jahre alter Artikel zu den Eurosport-Leichtathletik-Kommentatoren hier immer noch Resonanz findet, schreibe ich mal wieder was zu Olympia. Seit eineinhalb Wochen ärgere ich mich über die Berichterstattung von ARD und ZDF, die ja spätestens alle 20 Minuten zu einer anderen Sportart schalten (Hauptsache, ein Deutscher hat Medaillenchancen), und trauere vergangenen Olympischen Spielen nach, für die auch Eurosport die Rechte hatte. Da konnte man sicher sein: Wenn Leichtathletik stattfindet, wird auch stundenlang Leichtathletik übertragen, und wenn man wegen Zeitverschiebung oder weil man keine Zeit hatte, was verpasst hat, kann man sich vormittags noch mal stundenlang die Wiederholung anschauen.

Bei ARD und ZDF ist es hingegen ein Glücksspiel, überhaupt mal Leichtathletik zu sehen, da die tagsüber lieber so was Spannendes wie Springreiten zeigen. Selbst wenn es nachmittags mal ein Lauffinale gibt wie gerade die 3000m Hindernis, hat man die Wahl, sich entweder im Fernsehen Tischtennis (!) anzusehen oder im Internet einen unkommentierten (!!) Livestream des Rennens (was machen eigentlich die Kommentatoren des jeweils anderen Senders, der im TV gerade nicht dran ist; könnte man die nicht dafür einsetzen, die Livestreams zu kommentieren, die auf beiden Webseiten übertragen werden?). Wahrscheinlich will das ZDF dem Ärger abhelfen, indem es einen zur Meditation zwingt, denn etwas Meditativeres als eine unkommentierte Sportübertragung lässt sich wohl nur schwerlich finden.

Für alle, die sich nicht die Nacht um die Ohren hauen wollen oder können, gibt’s dann noch die morgendlichen Highlights-Sendungen. Die dauern drei Stunden, wobei Leichtathletik (oder in der ersten Woche Schwimmen) mal am Anfang, mal am Ende, mal mittendrin und manchmal auch zweigeteilt mit eineinhalb Stunden Unterbrechung zusammengefasst wird. Großartig! Wir haben alle nichts anderes zu tun als vormittags stundenlang vor dem Fernseher zu warten, wann die interessanteste Sportart drankommt. Ich will auch keine Trainer im Studio sehen und schon gar keine schon nachts in Rio gut gelaunten Moderatorenduos, die zwischendurch mal mit der Kokosnuss anstoßen. Wenn ich schon alle vier Jahre mal Sport gucke, will ich die Wettkämpfe sehen und sonst nichts!

Was bin ich froh, dass für die nächsten Olympischen Spiele Eurosport die Erstübertragungsrechte hat, und ich würde es denen auch gönnen, dass ARD und ZDF sich bei ihren Verhandlungen verspekulieren und gar keine Übertragungsrechte abbekommen (wonach es zurzeit ja aussieht). Dann freue ich mich, Sigi Heinrich und Dirk Thiele wieder hören zu können (falls die es dann noch mal machen) und von den öffentlich-rechtlichen Knallchargen verschont zu bleiben.

In lebensfeindlicher Umwelt: Anja (Lillith Stangenberg) und der Wolf; Foto: Christian Hüller/Heimatfilm

In lebensfeindlicher Umwelt: Ania (Lillith Stangenberg) und der Wolf; Foto: Christian Hüller/Heimatfilm

Manchmal gibt es Filme, die wirklich anders sind als alle, die man zuvor gesehen hat. Den Mut, eine Geschichte so konsequent und so konsequent anders zu erzählen wie in „Wild“, findet man selten.

Eine junge Frau, Ania, die irgendwo in Deutschland in einer Hochhaussiedlung lebt. Allein. Einsam. Den Vater hat sie nie kennengelernt. Über die Mutter erfahren wir nichts. Die jüngere Schwester ist gerade für einen neuen Job mit ihrem Freund in eine andere Stadt gezogen. Der Opa liegt schwer krank in der Klinik. Morgens fährt Ania zur Arbeit ins Büro. Irgend so eine hippe Internetklitsche, aber nicht so hip, dass der Chef sich seinen Kaffee selber kochen würde. Das macht Ania. Ansonsten sitzt sie vorm Computer, als IT-Spezialistin. Interesse für ihre Arbeit hat sie keine. Für die Kollegen auch nicht. Während die anderen sich auf der Betriebsfeier gehen lassen, danach knutschend im Auto sitzen, will Ania nur schnell nach Hause. Wo niemand auf sie wartet, sie früh ins Bett geht.

Alles änderst sich, als Ania auf dem Weg zur Arbeit einen Wolf am Rand der Siedlung stehen sieht. Ihre Blicke treffen sich für einen Moment. Ein Erkennen. Ein Verstehen? Von diesem Augenblick an ist Ania besessen von dem wilden Tier, versucht erst, ihm Nahrung zu beschaffen, ersinnt dann einen ausgeklügelten Plan, ihn zu fangen. Was auch gelingt. Sie trägt das betäubte Tier in ihre Wohnung, in ein abschließbares Zimmer. Aber der Wolf lässt sich nicht lange einsperren. Alles andere vernachlässigt die Frau: ihre Arbeit, ihre Körperpflege, ihre eigene Ernährung. Bald schon lebt sie selbst fast wie ein wildes Tier, kratzt Essensreste am Imbissstand von den Tellern. Aber ein wildes Raubtier und ein Mensch – das kann auf Dauer nicht gutgehen.

„Wild“ hält die Balance zwischen innerem Drama, Suspense und Romantik bis zum Schluss. Jederzeit kann die Situation kippen, die Frau doch noch Opfer des Tiers werden. Aber eigentlich geht es Regisseurin Krebitz um etwas anderes: um einen Prozess der Selbstbefreiung, der Selbstfindung. Der Wolf ist dazu nur der Katalysator, der Auslöser. Ania ist nicht geboren, um zwischen Glasscheiben in einer funktionalen Bürowelt zu sitzen. Wo der Teppich grau ist und die Luft schlecht. Nicht sie ist entfremdet, sondern die Welt um sie herum, das, was wir Zivilisation nennen. Wir starren den ganzen Tag auf Bildschirme und halten das für die Realität.

Obwohl das Thema es naheläge – die Beziehung zwischen junger Frau und Wolf -, hat die Inszenierung nichts Märchenhaftes. Gefilmt ist das alles ganz realistisch, ganz klar. Der Wolf verhält sich, wie sich ein Wolf eben verhält, instinktiv. Auch die Frau versucht, ihrer wahren Natur zu folgen. Lillith Stangenberg geht in dieser Rolle bis an die Grenze – und darüber hinaus. Sie trägt den Film, im Grunde ein Einpersonenstück. Es gibt zwei Szenen in diesem Film, die überflüssig sind, die ein bisschen wirken wie eine kalkulierte Provokation. Die hat er gar nicht nötig, so souverän, wie er erzählt wird. So kraftvoll kann deutsches Kino auch sein.

Jahresbestenliste 2015

Veröffentlicht: 19. Dezember 2015 in Film, TV
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Das Kinojahr fing für mich ganz gut an, ließ dann stark nach und endete nach fünfmonatiger Kinopause doch noch versöhnlich. Meine Top 5:

1.Birdman (Alejandro González Inárritu, USA)

Das grandiose Comeback des Michael Keaton (als Batman-Darsteller eh völlig unterschätzt) in einem sehr dynamischen Film von Alejandro Inárritu, der ja sowieso nie schlecht ist.

2. Love (Gaspar Noé, F)

Noé geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos, wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

3. Star Wars VII – Das Erwachen der Macht (J.J. Abrams, USA)

Nach dem ersten Trailer war ich verhalten optimistisch und der Film hat alle Erwartungen erfüllt. Abrams hat fast alles richtig gemacht und böse sein kann man diesem Film schon deshalb nicht, weil hier erstmals die weibliche Hauptfigur die (im doppelten Sinn) stärkste ist. Das alte Star-Wars-Gefühl war von Anfang an wieder da und im Vergleich sehe ich jetzt erst, wie misslungen die Prequel-Trilogie (vielleicht mit Ausnahme der zweiten Hälfte von Ep. III) wirklich war.

4. Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, A)

Nicht ganz so genial wie „Der Knochenmann“, aber ich habe (vor allem am Anfang) sehr gelacht. Sehenswert auch die langsamste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte, den Grazer Schlossberg hoch (den ich nur halb geschafft habe). Unter aller Absurdität ist die Story in all ihrer ödipalen Tragik übrigens purer Chandler.

5. Die Lügen der Sieger (Christoph Hochhäusler, D)

Christoph Hochhäuslers endgültige Emanzipation von der Berliner Schule ist ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.

 

Beste Regie: Gaspar Noé für „Love“

Bestes Drehbuch: Alejandro González Inárritu & Co. für „Birdman“

Bester Darsteller: Michael Keaton

Beste Darstellerin: Nora von Waldstätten als durchgeknallte Psychologin in „Das ewige Leben“

Beste TV-Darstellerin: Vorjahressiegerin Ruth Wilson teilt sich die Ehre diesmal mit „The Affair“-Kollegin Maura Tierney

Bester TV-Darsteller: Dominic West war in „The Affair“ auch sehr gut, ebenso Jon Hamm in seinen letzten „Mad Men“-Folgen

Meine Lieblingsserien des Jahres gibt es dann zwischen den Jahren auf Fortsetzung.tv.

 

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Die Liebenden: Murphy (Karl Glusman) und Elektra (Aomi Muyock)

Am Anfang des neuen Films von Gaspar Noé steht eine dieser bei 3D-Filmen üblichen Einblendungen: „Das Management warnt…“. Aber es folgt dann nicht etwa ein Hinweis für Epileptiker und andere Übersensible, sondern gewarnt wird nur, dass man jetzt schleunigst seine Brille aufsetzen sollte, da der Film in wenigen Sekunden beginne. Worauf sich dieser Einstiegsgag bezieht, erfährt man dann später, wenn man an der Wand in Murphys Zimmer ein altes Plakat zu „Frankenstein in 3D“ hängen sieht, auf dem „das Management“ tatsächlich vor dem Effekt warnte, den das technische Verfahren für Menschen mit „nervösen Nerven oder Magen“ haben könne.

Das Schlafzimmer der Hauptfigur sehen wir abwechselnd in zwei Zeitebenen: Als er es noch mit seiner großen Liebe Elektra teilt, ist es chaotisch und eklektisch: Überall liegt Wäsche herum, offene Weinflaschen und Tassen stehen auf Anrichten, die Wände sind übersät mit privaten Fotos, Szenenfotos und Postern von Trash- und Kunstfilmen von Pasolini bis „Frankenstein“. Später, wenn seine Gelegenheitsbekanntschaft Omi bei ihm eingezogen ist und die beiden (ungewollt) ein Kind miteinander haben, ist von der alten Unordnung nichts geblieben, das Zimmer kaum wiederzuerkennen. Lediglich die alte Stehlampe ist brav in die Ecke gewandert, ein Bild mit einer Figur aus „Freaks“ ist das letzte Überbleibsel aus alten Zeiten, das an der Wand überdauert hat und an das alte Leben erinnert.

So eingehegt wie das jetzt spießig wirkende Schlafzimmer fühlt sich auch Murphy, gefangen in seiner neuen Beziehung, ein Mann, der alles verloren hat, das ihm wirklich etwas bedeutete. Der kleine Sohn ist der einzige Grund, warum er überhaupt noch da ist. Murphys früheres Leben bestand aus künstlerischem Ehrgeiz, Träumen von einem wilden, kreativen Leben, Drogenexperimenten – und aus Elektra, der Liebe seines Lebens. Jetzt ist da nur noch Leere und Routine. Als Elektras Mutter ihm am Neujahrsmorgen eine verzweifelte Mailbox-Nachricht hinterlässt, weil ihre Tochter seit drei Monaten verschwunden ist, gerät Murphy in einen Strudel der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Noé erzählt die Beziehung annähernd rückwärts chronologisch, wenn auch nicht ganz so konsequent wie in seinem bekanntesten Film „Irreversibel“.

Neu ist, dass die einzelnen Stationen überwiegend durch Sex abgebildet werden. Gleich in der ersten Szene befriedigen sich die beiden Liebenden ausgiebig gegenseitig oral. Wie etwa schon in Michael Winterbottoms „9 Songs“ haben die Darsteller echten Sex und der ist teilweise recht explizit, dabei aber immer ästhetisch und natürlich. Das beginnt schon damit, dass wir hier keine ausrasierten Geschlechtsteile präsentiert bekommen, sondern „echte“ erwachsene Menschen. Durch betont kitschig-romantische Musik wird die Darstellung zusätzlich künstlerisch überhöht. Mit der Zeit suchen Murphy und Elektra immer neue, zunehmend gewagtere sexuelle Erfahrungen, erst beim Dreier mit der Nachbarin Omi, dann im Swingerclub und schließlich sogar mit einer Transsexuellen. Der Beziehung ist das eher abträglich, ebenso wie der zunehmende Konsum härterer Drogen. Am Ende steht die Trennung, nachdem Murphy auch zu Zweit noch einmal mit Omi geschlafen hat und die dabei schwanger wurde.

Aber da das Ende hier der Anfang ist, steht am Ende des Films noch die schüchterne erste Begegnung Murphys mit Elektra, im Pariser Lieblingspark der Beiden, wo sie aber gleich die großen Fragen des Lebens diskutieren. „Hast du Angst vor dem Tod“, fragt er. „Ich habe Angst vor Schmerzen“, antwortet sie. „Ich würde mich lieber vorher umbringen, als unter Schmerzen zu sterben.“ Ob Elektra wirklich Suizid begangen hat, erfahren wir nicht.

Gaspar Noé ist der Gegenwartsregisseur, der am stärksten die Tradition des Mitternachtskinos aufrecht erhält, das einst der junge David Lynch oder Russ Meyer prägten. Seine Filme sind jedes Mal wie ein Trip, körperlich erfahrbar gemachte Emotionen. Dabei ist ihm nichts Menschliches fremd, er geht auch dahin, wo es weh tut. „Love“ mögen viele als Arthouse-Porno abtun, als belangloses Beziehungsdrama, dessen Dialoge (zumindest in der nicht besonders guten deutschen Synchro) tatsächlich oft an Softpornos erinnern. Aber diese Kritiker haben Noé nicht verstanden. Ihm geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

Auf das 3D hätte man sicher auch verzichten können, andererseits ermöglicht das einige an den Vorgänger „Enter the Void“ erinnernde Szenen von hypnotischer Schönheit. „Love“ ist teilweise höchst erotisch, teilweise abstoßend, manchmal enervierend (und sicher eine halbe Stunde zu lang) und dann wieder traurig und berührend – eben ein Wechselbad der Gefühle, wie das Leben selbst. Wenn Murphy und sein kleiner Sohn sich am Schluss in der Badewanne in den Armen liegen, beide weinend, und der Vater dem Kind sagt, dass das Leben nicht leicht sei, kann man das kitschig finden – das wäre aber zynisch.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Christoph Hochhäusler scheint die Berliner Schule endgültig verlassen zu haben. In seinen beiden vorherigen Filmen deutete sich seine Hinwendung zum Genrefilm schon an, insbesondere natürlich in seinem Beitrag zum „Dreileben“-Projekt der ARD. Waren „Eine Minute Dunkel“ und auch „Unter dir die Stadt“ aber noch recht sperrig, ist „Die Lügen der Sieger“ sein bislang zugänglichster Film geworden, praktisch ein Versuch, den Stilwillen des deutschen Festivalkinos ins Unterhaltungskino zu retten.

Die Geschichte, die er gemeinsam mit Ko-Drehbuchautor Ulrich Peltzer erzählt, ist eine klassische: Ein aufrechter, aber auch ziemlich vor die Hunde gegangener Journalist kommt einem Skandal auf die Spur und legt sich, gemeinsam mit einer unerfahrenen Volontärin, mit den Mächtigen an – ohne zu merken, dass die wahren Strippenzieher ihn längst für ihre Zwecke eingespannt haben. Mit Florian David Fitz hat Hochhäusler die Hauptrolle mit einem Schauspieler besetzt, der typische Leading-Man-Qualitäten besitzt (falls es so etwas im deutschen Film überhaupt gibt).

Alles andere als klassisch ist, wie der Regisseur diese Geschichte erzählt: Ständig flackern Lense-Flares auf, durchschneiden teils als blaue Streifen das Bild, Benedikt Schiefers Score erinnert eher an Filme von Edgar Reitz als an die von Sidney Lumet. Bemerkenswert ist das Gespür für Räume und Architektur, das Hochhäusler auch diesmal wieder beweist: Gesichts- und seelenlose Bürobauten wirken wie die Verkörperung des emotionslosen Lobbyismus, der die wahre Macht im Land innehat, ohne dass sich seine Vertreter jemals einer Wahl gestellt hätten. Die typischen Shots Berliner Straßen, Plätze oder Parlamentsgebäude werden durch schnelle Schnitte eher dekonstruiert als wiedererkennbar gemacht. Oft filmt Kameramann Reinhold Vorschneider (großartig schon bei „Unter dir die Stadt“) durch Fenster oder Glasflächen, das Geschehen wird dadurch immer gebrochen statt eins zu eins eine Realität vorzuspiegeln. Durch die Gesamtheit von Bildgestaltung, Schnitt und Musik ergibt sich eine Ästhetik, die meilenweit entfernt ist von jenem Fernsehspiel-Look, der leider immer noch 90 Prozent des deutschen Kinos dominiert.

Die Handlung selbst ist hingegen reines Genre: Fitz‘ Fabian Groys wandelt auf den Spuren großer filmischer Vorbilder wie Robert Redfords und Dustin Hoffmans Woodward und Bernstein in „All the President’s Men“ oder Humphrey Bogarts Figur in „Deadline U.S.A.“, den Hochhäusler sogar gegen Ende mit einer Originalszene zitiert. Anders als zu Bogarts Zeiten, als das „Stoppt die Presse“ noch Zeichen für eine gesellschaftliche Erschütterung war, die die in letzter Minute noch ins Blatt zu hebende Story ohne Zweifel ausüben würde, laufen Groys‘ Anstrengungen aber ins Leere. Die vierte Macht liegt schon längst nicht mehr bei den Medien, sondern bei jenen Herren und Damen in den Hinterzimmern und Bürotürmen, die man als Normalbürger nie zu Gesicht bekommt. Ein investigatives Politmagazin wie „Die Woche“ (= „Der Spiegel“) dient den wirklich Mächtigen nur noch als Feigenblatt, um eine funktionierende Demokratie vorzutäuschen. Diese Aussage kann man platt finden – allzu weit von der Wahrheit dürfte sie nicht entfernt sein.

Hochhäusler und Peltzer lassen sich Zeit, bevor ihre Geschichte richtig in Gang kommt. Anfangs wirkt der Film disparat, weil gekünstelt erscheinende Szenen mit Lobbyisten und Politikern sowie über Groys‘ problematisches Privatleben von der Kerngeschichte der journalistischen Recherche ablenken. Aber nach einer Weile kommt diese doch noch richtig in Gang und damit steigt auch die Spannung. Offenbar haben die beiden Autoren ihr Sujet selbst gut recherchiert, denn selten wurde journalistisches Arbeiten in einem fiktionalen Film so realistisch dargestellt: von der Recherche selbst über das Niederschreiben und Feilen an den wirkunsgsvollsten Formulierungen (Groys zu Volontärin Nadja: „Das müssen wir noch mehr auf ‚Die Woche‘ bürsten.“) bis zum Faktencheck und den Diskussionen mit Justitiar und Dokumentarist. Etwas aufgesetzt wirkt hingegen die Liebesgeschichte zwischen Groys und Nadja (Lilith Stangenberg als spröde, aber ehrgeizige Jungjournalistin).

Im Vergleich zu Hochhäuslers frühem Film „Falscher Bekenner“, aber auch zu „Unter dir die Stadt“ ist sein neues Werk ein Quantensprung, ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.