Archiv für 2. Februar 2009

In letzter Zeit wurde ja viel Brimborium um Elke Heidenreich, ihren Rauswurf beim ZDF und den Umzug ihrer Sendung „Lesen!“ ins Internet gemacht. Während sich die Experten streiten, ob das Experiment, eine etablierte TV-Sendung ins Netz zu verlegen, denn nun gelungen oder gescheitert ist, hat Else Buschheuer neulich in ihrem Tagebuch ganz richtig bemerkt, dass die beste Buchsendung Deutschlands eigentlich eine ganz andere ist: das ARD-Format „Druckfrisch“, das etwa einmal im Monat am späten Sonntagabend im Ersten läuft. Gestern war es wieder einmal soweit; es war die 50. Ausgabe.

Während „Lesen!“, egal ob man es nun im klassischen Fernsehen oder im modernen Online-Format schaut, eigentlich nur abgefilmtes Radio ist (eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und redet eine halbe Stunde über Bücher), nutzt „Druckfrisch“ die Möglichkeiten des visuellen Mediums Fernsehen voll aus. Moderator Scheck trifft Schriftsteller da, wo sie wohnen und arbeiten: Christian Kracht in einem Bergwerk in der Schweiz (o.k., da arbeitet er nicht, aber sein aktueller Roman spielt teilweise in einem schweizer Bergwerk), mit einem isländischen Autor badet er in einer heißen Quelle usw. Dabei hat er keine Angst, sich auch einmal lächerlich zu machen. Wo Heidenreich nur Bücher vorstellt, die sie für lesenswert hält, schreckt Scheck auch nicht davor zurück zu provozieren, zu verreißen, zu polemisieren. Wie es halt bei guter Literaturkritik sein sollte: Man muss nicht jede Meinung teilen, aber man kann sich an ihr reiben. Man erfährt nicht nur, welche Bücher man lesen sollte, sondern auch, von welchen man die Finger lassen sollte. Ob man dann den Empfehlungen des Kritikers/Moderators folgt, muss letztlich sowieso jeder für sich selbst entscheiden.  Aber Scheck arbeitet nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer ironisch-lockeren Art und mit teilweise starken TV-Bildern. Und wer das alles lieber im Internet sehen will, kann das Ganze vermutlich auch in der ARD-Mediathek finden.

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medienlese.com veröffentlicht heute einen Offenen Brief eines freien Journalisten an DerWesten, der darin seinem Neid auf die wirtschaftliche Situation festangestellter Redakteure Ausdruck verleiht. In den Kommentaren wird wild diskutiert, ob der arme Poet an seiner Lage nun selbst Schuld ist oder nicht. Inklusive hilfreicher Praxistipps, wie dem, man könne ja ein Blog aufmachen und nach einem Jahr davon leben. (Nebenbei gesagt, ist das natürlich genau das Ziel, das ich heimlich mit dem Start dieses Blogs hier verfolge. Und wehe, in 12 Monaten fließt nicht die fette Kohle auf mein Konto.)

Obwohl ich dem anonymen Schreiber inhaltlich nur zustimmen kann, ist mir seine Anklage doch zu weinerlich. Wesentlich besser hat mir der Artikel einer freien Journalistin zum gleichen Thema – der prekären Situation vieler Freier – vor gut einem Jahr in der „Zeit“ gefallen. Eigentlich hätte ich damals schon ahnen müssen, wie sich meine finanzielle Situation entwickeln würde. Ich meine, die Frau schreibt nicht für irgendwelche Provinzblätter, sondern für renomierte Magazine und Zeitungen (Steht bei dem Online-Artikel leider nicht dabei; ich glaube aber mich zu erinnern, dass sie u.a. für „Die Zeit“, „Brigitte“ und noch einige andere Top-Titel schreibt.), und das seit zehn Jahren. Und lebt auf Hartz IV-Niveau. Das sagt eigentlich alles über die Wertschätzung, die auch gute freie Journalisten in deutschen Verlagen genießen.