Es waren stille Tage im Klischee: Vom Traum des Freiberuflers

Veröffentlicht: 3. Februar 2009 in Aus der Praxis, Journalismus
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Don Dahlmann antwortet auf den Offenen Brief eines frustierten freien Journalisten, den ich gestern hier verlinkt habe. Und es klingt so herrlich, wie der gute Don die Vorteile des Freiberuflerdaseins in höchsten Tönen lobpreist. Zum Schluss gibt er noch einige „Praxistipps“ für (angehende) Freie, die er wohl auch in Seminaren vermittelt. Das Problem daran: Bis auf einen (Mitglied in der Künstlersozialkasse werden) ist es mit dem Umsetzen dieser Tipps halt leider nicht so einfach. „Verlass dich nicht auf einen Auftraggeber“, gut und schön, aber woher andere Auftraggeber nehmen?

Meine Erfahrung nach knapp eineinhalb Jahren freiberuflicher journalistischer Tätigkeit: Ohne Vitamin B geht gar nichts. Kennst du keinen Redakteur persönlich oder über Empfehlungen, interessiert sich auch kaum jemand für deine tollen Themenvorschläge und Angebote. In 60 Prozent der Fälle bekommt man nicht einmal eine kurze Antwort per E-Mail, sei es auch nur eine Absage. Selbst von Redaktionen, für die man schon mal etwas geschrieben hat, bekommt man nicht unbedingt Folgeaufträge; und das muss nicht unbedingt daran liegen, dass die bisherige Arbeit für die so schlecht war. Oft heißt es dann einfach: „Wir sind grade voll mit Artikeln/Angeboten/Autoren“ oder „Unser Budget ist aufgebraucht“.

Bei der örtlichen Lokalzeitung kommt man als Freier vermutlich immer unter, aber von deren Zeilenhonoraren kann man nicht einmal seine Miete bezahlen, auch wenn man jeden Tag einen Artikel für die schreibt, geschweige denn seinen kompletten Lebensunterhalt. Die aufgewendete Arbeitszeit steht zudem in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu den gezahlten Honoraren. Und davon, dass man sich da die Themen aussuchen könnte bzw. über Themen schreiben kann, die einem selbst Spaß machen, kann da auch keine Rede sein. Die wollen halt flexibel einsetzbare Lohnschreiber, die auch kurzfristig von Termin zu Termin hüpfen und nicht weiter nachfragen, ob es da um Karnevalssitzungen, Grundschulfeste oder Baustelleneröffnungen durch den Bezirksvorsteher geht.

Wirklich leben kann man mMn von der journalistischen Arbeit von Zuhause aus nur, wenn man entweder

– regelmäßig für große Publikums- (oder auch Fach-) Zeitschriften schreiben kann; Titel wie „Capital“, „Stern“ oder „Apotheken-Umschau“ zahlen sicher immer noch hervorragende Honorare. Mit zwei mehrseitigen Geschichten pro Monat hat man da sicher schon finanziell ausgesorgt. Aber entsprechend schwierig bis unmöglich ist es auch, ohne Beziehungen von solchen Premium-Magazinen Aufträge zu bekommen.

oder

– es tatsächlich schafft, regelmäßig dieselben Artikel in leicht veränderter Form an zehn verschiedene Zeitungen zu verkaufen. Angeblich soll es Journalisten geben, bei denen das so läuft (zumindest habe ich mal einen solchen getroffen). Der schrieb angeblich einen Artikel pro Woche und verbrachte den Rest der Woche damit, diesen an zehn bis zwanzig verschiedene Tageszeitungen bundesweit zu verkaufen. Abgesehen davon, dass sich dadurch der Anteil der journalistischen Arbeit an der Gesamtarbeitszeit auf ein Fünftel pro Woche verringert, habe ich keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Wie gesagt: Ich bekomme meistens nicht einmal eine Antwort, wenn ich eine Mail an irgendeinen, mir persönlich nicht bekannten Zeitungsredakteuer schicke.

– die dritte Möglichkeit: für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten, als Reporter oder freier Korrespondent für ein bestimmtes regionales Berichtsgebiet (westlicher Odenwald, Niederrhein oder was auch immer): die Anstalten zahlen gute Honorare, man ist sozial einigermaßen abgesichert, da es auch für Freie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub gibt, und der Auftraggeber bezahlt den halben Sozialversicherungsbeitrag, wie bei einer Festanstellung. Rundfunkanstalten in Deutschland sind halt in erster Linie Anstalten, also Behörden, und da geht alles seinen geregelten Gang. Und wenn’s doch mal Ärger gibt, schaltet man den Personalrat ein. Problem: Ohne Vitamin B läuft wieder nichts, weil so einen Auftraggeber natürlich jeder haben will. Zweites Problem: Wenn man keine „schöne Radiostimme“ hat, hat man meistens schon verloren.

Auch ich habe den Traum noch nicht aufgegeben, in ein paar Jahren ein glückliches Freiberuflerleben führen zu können, im Sommer mit meinem Laptop im Park zu arbeiten oder Moccachino schlürfend im Straßencafé. Oder die Katze zu streicheln, weährend ich am heimischen Schreibtisch wieder mal an einer Riesenstory für ein Hochglanzmagazin mit 200.000er Auflage schreibe. Bis dahin lebe ich weiter hauptsächlich von der Stütze und rechne, wenn ich ein Angebot verschicke, schon gar nicht mehr mit einer Antwort.

Einen Tipp von Don Dahlmann halte ich aber wirklich für befolgenswert, und zwar seinen letzten:

Schreibe über das, was Dir Spaß macht, suche die Themen, die Dich interessieren, aber über die kaum bis wenig geschrieben wird. Es ergibt keinen Sinn, wenn man über Dinge schreibt, nur weil sie gerade aktuell erscheinen, man selber sich aber nicht [die] Bohne dafür interessiert.

Überschrift: bei Harald Schmidt geklaut

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Kommentare
  1. DonDahlmann sagt:

    Im Artikel steht kein Wort über meine Einnahmen 🙂

    In der Tat – ich schreibe selten bis kaum noch für Print, weil es sich nicht lohnt. Online verdient man aber halt noch wenig. Ich hab im letzten Jahr mal eine große Geschichte für ein sehr, sehr bekanntes Online Nachrichtenportal gemacht (Nicht Sponline). Drei Tage Arbeit, Interview usw. Honorar: 250 Euro.
    Reich werde ich mit meiner Arbeit sicher auch nicht, aber es reicht zum Leben.

    Was die Vernetzung angeht: Ja, die ist wichtig. Mein „Vorteil“ mag sein, dass ich mich schon lange im Netz aufhalte, mit ein wenig Glück und weil es einige gibt, die meine geschriebenen Sachen mögen, eine gute Vernetzung aufbauen konnte. Hat auch Jahre gedauert.
    Ich drück die Daumen, dass es bald besser läuft.

  2. admin sagt:

    @DonDahlmann:

    Danke für deinen Kommentar und deine guten Wünsche; ich wäre ja schon froh, wenn ich alle drei Tage 250 Euro verdienen würde, dann könnte ich nämlich meine Rechnungen bezahlen, ohne auf die Stütze angewiesen zu sein. (Weiß jetzt natürlich nicht, wie viele Stunden du an dem Artikel gearbeitet hast.)
    Wenn du kaum noch für Print schreibst, und man online auch kaum was verdient, wovon lebst du dann hauptsächlich? Vom Bloggen?

  3. DonDahlmann sagt:

    Ich verdiene mein Geld hauptsächlich mit der Arbeit bei Blogwerk (neuerdings.com, das leite ich), bei quillp.com, dazu zusätzlich mit Beratungen und Schulungen. Siehe mein Xing Profil. Wie gesagt, reich wird man damit auch nicht. Ich fahre einen alten Citroen, meine Wohnung ist mit 500 Euro günstig und habe keine großen Ausgaben. Ich hab eine okaye Basis und es kommt schwungweise was dazu. Das reicht dann zum Beispiel oft einmal Jahr für einen Trip in die USA für drei Wochen. Aber auch nicht immer.

  4. […] 4. “Vom Traum des Freiberuflers” (blog.rheinblick-mag.de) “Meine Erfahrung nach knapp eineinhalb Jahren freiberuflicher journalistischer Tätigkeit: Ohne Vitamin B geht gar nichts. Kennst du keinen Redakteur persönlich oder über Empfehlungen, interessiert sich auch kaum jemand für deine tollen Themenvorschläge und Angebote. In 60 Prozent der Fälle bekommt man nicht einmal eine kurze Antwort per E-Mail, sei es auch nur eine Absage.” […]

  5. katrin sagt:

    Ich kann Don Dahlmann nur in allem recht geben. Und: Vitamin B schön und gut, aus eigener Erfahrung würde ich allerdings sagen, dass es auch ohne geht. Ich habe 2004 mit dem freien Schreiben angefangen und unbekannterweise Dons Tipps beherzigt. Habe also nur Sachen gemacht, die ich interessant fand, weil ich sie nicht schon irgendwo gelesen hatte bzw. weil ich sie irgendwie für anders/neu/oä hielt. Ich kannte damals niemanden und war erst einmal Klinken putzen – und war damit erfolgreicher, als ich gehofft hatte. Natürlich dauert´s ein paar Jahre, aber ich lebe heute (als Münchnerin!) sehr ok davon, habe eher zuviel als zuwenig zu tun, obwohl ich im Grunde nur Print mache. Freilich muss man Spaß daran haben, dass der Job kein 9-to-5-Ding ist. Und reich wirst du damit ebenfalls nicht, das ist klar.
    Noch eine Anmerkung vielleicht: Wenn keine Folgeaufträge mehr kommen, mag das natürlich an „wir sind gerade voll“ u.ä. liegen. Andererseits: Wenn der Artikel/die Idee einen Redakteur überzeugt, ist ihm im Zweifelsfall oft egal, dass der Stehsatz überquillt und das Geld knapp ist. Soll heißen: Wenn du nicht gerade bei Bild oder Emotion landen willst, dann ist die (gedankliche und stilistische) Qualität deiner Texte das beste (und vielleicht einzige) Argument. Denn darüber freuen sich Redakteure (so böse man oft auf sie ist) meiner Erfahrung nach immer. Schließlich ist es deren Job, ein gutes Blatt zu machen …

  6. Medienjunkie sagt:

    @Katrin:
    Dass teilweise keine Folgeaufträge kommen, hat bei mir ganz unterschiedliche Ursachen: von Zeitschriften, die eingestellt werden bis zu Überfüllung. Klar kann es im Einzelfall auch mal daran liegen, dass ein Redakteur mit dem gelieferten Artikel nicht hundertprozentig zufrieden war, mit einer Ausnahme habe ich aber bisher nur positive Rückmeldungen auf meine Artikel bekommen. Das Hauptproblem sind auch nicht die wenigen Folgeaufträge, sondern das Gewinnen neuer Auftraggeber. Wenn ich kaum bezahlte Aufträge habe, komme ich halt auch mit Folgeaufträgen nicht wirklich weiter.

  7. katrin sagt:

    Ich wollte auch gar nicht so generalisieren, das ist eben genau das Problem: Da muss wohl jeder seinen eigenen Weg finden. Was ich vielleicht noch sagen kann: Ich bin im Prinzip immer am besten gefahren, wenn ich bei den Zeitungen vorgesprochen habe, die ich selbst mag, wo ich mir also vorstellen konnte, dass meine ‚Schreibe‘ (hässliches Wort …) dazupasst. Da stapelt man manches Mal vielleicht zu hoch, aber ab und an klappt´s eben auch.

  8. Medienjunkie sagt:

    @Katrin: Das habe ich mir inzwischen nach einigen negativen Erfahrungen auch vorgenommen. Oder jedenfalls nicht mehr für Medien arbeiten, die ich selbst freiwillig nie lesen (oder hören) würde.

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