Archiv für 5. Februar 2009

Jo, is denn heut scho Freitag?

Veröffentlicht: 5. Februar 2009 in Online, Print
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Auch die Anzeigenkampagne ist clever: Der Freitag wirbt für seinen Relaunch

Auch die Anzeigenkampagne ist clever: Der Freitag wirbt für seinen Relaunch

Heute ist er also da, der ge-relaunchte „Freitag“, der jetzt ein „Meinungsmedium“ sein will. Auch die komplett umgestaltete Homepage ist nun online, und nichts erinnert dort mehr an den zwar funktionalen, aber doch sehr spartanischen Online-Auftritt von vorgestern. Eine Community will man nun sein, möglichst viele sollen mitmachen und nicht nur Artikel kommentieren, sondern auch selbst auf der Plattform bloggen. Viele scheinen auf letztere Möglichkeit tatsächlich sehnsüchtig gewartet zu haben, denn die Blogs sprießen da hervor, wie sonst nur Pusteln nach einer Windpockeninfektion.

Ein Neublogger hat es geschafft, in zweieinhalb Stunden fünf Einträge zu schreiben, und zwar zwischen 5 Uhr und halb 8 heute morgen. Auch Chris von FIX!MBR ist wohl schon extra um 5 Uhr 30 aufgestanden, um sein neues Freitag-Blog zu eröffnen. Einen fast paradigmatischen Querschnitt verschiedener Bloggertypen bieten drei gerade, zum Zeitpunkt, wo ich diesen Eintrag schreibe,  aktuell oben stehende Einträge: einer wollte schon immer mal bloggen, hat aber nicht mehr mitzuteilen, als dass er seine Wäsche abnehmen muss, ein anderer startet bei freitag.de sein Zweitblog, und A-Blogger Sascha Lobo ist durch eine missverständliche Benutzerführung gar zum unfreiwilligen Bloginhaber geworden.

So, das  Ganze hört sich nun noch etwas kritisch an; ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass ich der Sache sehr aufgeschlossen und positiv gegenüber stehe. Was Verleger Augstein im Vorfeld so von sich gegeben hat, lässt erkennen, dass der Mann sein Geschäft versteht und (im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen) erkannt hat, dass auch eine Wochenzeitung sich ändern muss, um im Internetzeitalter bestehen zu können. Die politische Richtung, in die er die Zeitung führen will, gefällt mir ebenso.

Und die neue „Freitag“-Ausgabe, die erste übrigens, die ich jemals für Geld erstanden habe, gefällt mir insgesamt sehr gut: gefälliges Layout, interessante Themenmischung, einige gute frische Ideen. Die Glossen und Kolumnen sind überwiegend tatsächlich lustig oder bewegend, der Obama-Comic ist klasse, die Idee, in Zusammenarbeit mit dem Perlentaucher eine ganzseitige internationale Presseschau der letzten Woche zusammenzustellen, großartig. Minderheitenthemen wie Graphic Novels werden große Artikel gewidmet, und ein Essay zum Wesen der Musik, gerade im Zeitalter ihrer tonträgerlosen Verbreitung, trifft genau den Punkt. Leider konnte ich diesen nicht hier verlinken – ich habe ihn auf freitag.de schlicht nicht gefunden. Das ist mein erster großer Kritikpunkt: Bisher konnte man die komplette Zeitung auch online lesen, jetzt anscheinend nur noch ausgewählte Artikel. Ansonsten lautet mein erstes, vorsichtiges Urteil: Experiment gelungen.

Nachtrag: Der zweite Kritikpunkt, den ich gestern vergessen habe: freitag.de hat jetzt auch Bildergalerien. Argh! Hat’s das wirklich gebraucht? Aber ohne geht’s wohl nicht mehr, wenn man ein erfolgreiches Online-Portal machen will.

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Während Harald Schmidt seine besten Zeiten schon einige Jährchen hinter sich hat und Oliver Pocher noch in seiner Sendung üben lässt, zeigen ein Österreicher und ein Exil-Deutscher uns Piefkes, wie man eine wirklich lustige Late Night-Show produziert: Christoph Grissemann und Dirk Stermann bilden seit vielen Jahren ein grenzgeniales Kabarett-Duo. Ihre ORF-Show „Willkommen in Österreich“ lief gestern zum 61. Mal. Manchmal wird die Sendung auch auf 3sat wiederholt (zum Beispiel gestern Abend), aber leider nicht jede Woche. Macht aber fast nichts, da man sich die Sendungen, bis auf die jeweils aktuelle, auch als Stream angucken kann. Hier die Show, die 3sat gestern wiederholt hat (aus der letzten Woche).

Die Sendung ist so lustig, wie es „Die Harald Schmidt-Show“ vor sechs Jahren war. Wo Schmidt und Pocher nicht wirklich miteinander harmonieren, bilden Grissemann und Stremann ein perfekt aufeinander eingespieltes Duo. Das beherrscht, was den ARD-Kollegen völlig abgeht: Selbstironie. Statt Längen gibt es Gag auf Gag und eine originelle Bildregie mit Split-Screens. Und statt dem alten Sack Helmut Zerlett spielt eine junge, wilde Band aus Russland.

Im Radio moderieren die beiden Komiker ebenfalls jede Woche: In Deutschland läuft ihre „Show Royal“ sonntags von 16 bis 18 Uhr auf Radio Eins beim rbb in Berlin. Seit „Kuttner & Kuttner“ beim gleichen Sender eingestellt wurde, dürfte das das Lustigste sein, was es im deutschen Radio zu hören gibt.  Außerdem spielen Grissemann und Stermann zwei der drei Hauptrollen in einer der abgefahrensten Komödien, die ich in den vergangenen Jahren gesehen habe: dem wunderbaren „Immer nie am Meer“ mit Heinz Strunk in der dritten Hauptrolle. Solche Filme können nur die Österreicher drehen: sarkastischer Humor bis zum Abwinken, dazu eine Story mit existenzialistischer Fallhöhe. In Deutschland lief der leider nur in den üblichen Großstädten, in denen man mit solchen Off-Meisterwerken noch Programmkinos gefüllt bekommt.