Eines der besten neuen TV-Formate der letzten zehn Jahre

Veröffentlicht: 7. Februar 2009 in TV
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Jeden ersten Dienstag im Monat heißt es im Spätprogramm von arte „Durch die Nacht mit…“ Zwei mehr oder weniger prominente Zeitgenossen, die sich in der Regel vorher nicht persönlich kannten, ziehen zusammen einen Abend lang durch eine europäische Stadt, werden von einem Chauffeur zu verschiedenen Schauplätzen gefahren, reden über Gott und die Welt, entdecken Gemeinsamkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Manchmal treffen sich hier Seelenverwandte, manchmal Leute, die sich trotz aller Unterschiede auf Anhieb sympathisch sind, manchmal geht das Experiment auch grandios in die Hose, weil die beiden Menschen merken, dass sie sich eigentlich gar nichts zu sagen haben. Das macht aber nichts, denn das Scheitern ist als Möglichkeit in dem Konzept schon eingeplant. Denn Redakteur Martin Pieper sieht „auch im Scheitern einer Begegnung eine tiefere Wahrheit“, so Produzentin Edda Baumann-von Broen im Booklet der DVD-Edition.

Oft sind es Leute, die hier für die TV-Kameras zusammengeführt werden, die auf den ersten Blick gar nicht zusammen zu passen scheinen: Heinz Strunk und H.P. „Scooter“ Daxxter zum Beispiel. Sehr oft ergeben sich daraus aber faszinierende Porträts von Künstlern oder anderen Medienschaffenden, die man als Zuschauer plötzlich mit ganz anderen Augen sieht. Im besten Fall stimmt die Chemie zwischen den Beteiligten so sehr, dass kleine Sternstunden des Fernsehens entstehen. Zweitausendeins hat einige Folgen dieser Reihe auf DVD veröffentlicht, jeweils zwei Sendungen auf einer Scheibe. Darunter auch ein absolutes Highlight des Formats: „Wir sind Helden“-Frontfrau Judith Holofernes trifft ihren Lieblingscomiczeichner Lewis Trondheim an dessen Wohnort Montpellier.

Zunächst überrascht, wie gut die deutsche Sängerin Französisch spricht. Während Holofernes charmant wie immer rüber kommt, wirkt der französische Zeichner eher schüchtern bis skurril. Man versteht schon, warum die eine vor Publikum agiert, der andere eher im Verborgenen seiner Arbeit nachgeht. Trotz unterschiedlicher Sprache und Temperament liegen die beiden im Großen und Ganzen doch auf einer Wellenlänge. In ihren Gespräche erfährt der Zuschauer einiges über das Metier des Comiczeichnens, warum Trondheims bekanntester Held „Herr Hase“ sterben musste, über die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern und darüber, wie Holofernes ihre Songtexte schreibt.

Ihre Fahrt führt die beiden von Trondheims Atelier über die Probe eines experimentellen Tanztheaters (herrliche Szenen, wie die beiden zunehmend gelangweilt bis entsetzt das Geschehen auf der Bühne betrachten) und einen Feinkostladen bis zum Trampolinspringen in einer Zirkusschule. Spätestens hier flippen sie völlig aus; alleine diese Szenen wären schon 20 Euro wert. Das Beste ist aber: Die DVDs kosten nur noch je 6 Euro 99. Dafür gibt es Fernsehunterhaltung vom Feinsten, die beweist, dass eine ganz simple Idee reicht, um eine außergewöhnliche TV-Sendung zu machen.

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