Archiv für 16. Februar 2009

Eines meiner Lieblingsthemen,was Zeitschriften betrifft: Warum gibt es fast keine gut gemachten Stadtmagazine mehr, die eine fundierte politische und kulturelle Berichtertattung bieten, und somit  eine echte Alternative zur langweiligen Lokalpresse sein könnten?

Die späten 70er und frühen 80er waren die Blütezeit der Stadtillustrierten: In den meisten deutschen Großstädten gründeten sich ein oder mehrere solcher Titel, die nicht nur über das kulturelle Leben in der jeweiligen Stadt berichten wollten, sondern meistens auch einen irgendwie alternativen gesellschaftlichen Hintergrund hatten – 68 ließ grüßen: die Westberliner Zitty, die Kölner Stadt-Revue, der Düsseldorfer Überblick, der Frankfurter Pflasterstrand, aus dem dann später das Journal Frankfurt hervorging usw. Hinzu kamen noch die gratis verteilen Magazine wie Coolibri, Biograph (in Düsseldorf), Choices (in Köln) etc.Teilweise wollten diese Magazine eine Alternative zur etablierten Lokalzeitung bieten, die ja meist doch nur die älteren Generationen anspricht, teilweise versuchte man auf dieser alternativen Spielwiese, auch dem Premium-Journalismus Konkurrenz zu machen, indem man begabte Schreiber und Blattmacher sich austoben ließ, mit großen Reportagen und Essays, ausgeflippten Fotostrecken u.ä.

Der Düsseldorfer „Überblick“ war z.B. in den frühen 80ern unter Chefredakteur Hubert Winkels (der dann später u.a. bei Premiere „0137“ moderierte und Literatursendungen im Deutschlandfunk) ein Blatt, für das nicht nur Autoren wie Dietrich Dieterichsen schrieben, sondern dass auch einen ganz neuen, frischen Geist atmete: Hier fanden sich lange Filmbesprechungen, politissche Essays und Lifestylethemen, lange bevor es Lifestyle- und Zeitgeistmagazine überhaupt gab. Man merkte, dass die Macher und Autoren eine Vison und einen Anspruch hatten, dass sie sich selbst nicht an der Rheinischen Post, sondern eher am (US-)Rolling Stone messen lassen wollten –  oder am New Yorker.

Und heute? Der „Überblick“ ist längst eingestellt, nachdem er in den späten 80ern zu einer ganz normalen Programmillustrierten verkommen war, das Ruhrgebietsmagazin Marabo wurde vor kurzem vom Markt genommen, lediglich in Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt können sich die klassischen Stadtmagazine noch einigermaßen behaupten. Die Stadt-Revue in Köln ist so ziemlich das einzige mir bekannte Beispiel, wo man seinem eigenen alternativen Anspruch noch treu geblieben ist (Was ist mit der Zitty? Hab ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr in der Hand gehabt.). Überall anders regiert der Prinz, das Pseudo-Stadtmagazin für den jungen großstädtischen Schicki-Micki, bei dem weitgehend alle Ausgaben gleichgeschaltet sind (So gibt es seit einiger Zeit überall das gleiche Titelthema, die Redaktionen in den einzelnen Städten dürfen dieses dann nur noch auf ihre jeweilige Stadt „runterbrechen“.).

Auch der Coolibri, die auflagenstärkste (Gratis-)Stadtillustrierte in NRW scheint seit einiger Zeit auf dem absteigenden Ast zu sein. Kaum noch längere Artikel, immer weniger Mitarbeiter und weitgehende Einfallslosigkeit. Man füllt halt monatlich seine Rubriken und den Terminkalender. Immerhin hat der Coolibri es Anfang des Jahres endlich geschafft, eine Webseite frei zu schalten, die diesen Namen auch verdient. Das wirft allerdings auch die Frage auf: Braucht in Zeiten des Internets noch irgendjemand eine gedruckte Stadtillustrierte? Veranstaltungsseiten gibt es im Netz en masse, und Kritiken zu neuen Kinofilmen, Theaterstücken, Ausstellungen etc. auch.

Ihr habt es nicht anders erwartet: Meine Antwort heißt natürlich: Ja! Ich denke, gerade heute wäre eine Alternative zum Einheitsbrei der meisten Lokalzeitungen nötiger als je zuvor. Nachdem die taz NRW gescheitert ist, ebenso der SZ-NRW-Teil, nachdem die Konzentration auf dem Tageszeitungsmarkt voranschreitet, nachdem man in den meisten Großstädten NRWs nur noch die Wahl hat zwischen Pest und Cholera, wenn man sich darüber informieren will, was vor Ort so politisch und kulturell los ist. Die kostenlosen Magazine könnten hier eine Nische besetzen, die sonst keiner mehr besetzen will oder kann. Der noch recht neue „engels“ in Wuppertal macht seit einiger Zeit vor, dass es durchaus erfolgversprechend sein kann, sich nicht auf das Abdrucken von Kino- und Theaterprogrammen und einen Terminkalender zu beschränken, sondern auch in lokale Berichte zu investieren. So etwas auf mehr Seiten, mit einem besseren Layout, größeren Fotos etc. und dann für das ganze Rheinland vom Niederrhein bis nach Bonn und von Mönchengladbach bis Dortmund – so etwas würde ich gerne lesen. Und vermutlich sogar Geld dafür ausgeben. Eine inhaltliche Mischung aus taz NRW und dem „Überblick“ der frühen 80er, das wäre sogar ein Traum. Wenn’s nicht irgendwann jemand macht, muss ich es vermutlich doch eines Tages selbst machen.

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Mit der letzten Ausgabe hat das Interview-Magazin „Galore“ bereits die Erscheinungsweise von monatlich auf zweimonatlich reduziert. So etwas ist meistens ein Anzeichen dafür, dass die Verkäufe stark zurück gegangen sind (man denke in der Vergangenheit an Beispiele wie „Capital“; auch die SF-Zeitschrift „Space View“ ist gerade leider diesen Weg gegangen). Vor einiger Zeit hatte es bei „Galore“ bereits eine recht große Konzeptänderung gegeben: War man als erste deutsche Zeitschrift gestartet, die ausschließlich Interviews abdruckte, wandelte man sich nun zu einem mehr oder weniger normalen Kultur- und Lifestylemagazin, das neben zahlreichen Interviews auch andere Darstellungsformen wie etwa Reportagen, Rezensionen etc. enthält.

Das scheint dem Einbruch der Auflage aber nicht entgegengewirkt zu haben, denn auf dem neuesten Heft, das gerade erschienen ist, prangt bereits oberhalb des Titelschriftzuges der Hinweis: „Mehr Seiten, längere Interviews und eine Film-DVD in jedem Heft“ (sinngemäß). Häufige Konzeptänderungen sind normalerweise ebenso ein Zeichen für eine wirtschaftliche Krise wie das plötzliche Hinzunehmen von Beilagen. In diesem Fall ist die Beilage ja auch nicht wirklich inhaltlich begründet: „Virgin Suicides“ ist zwar ein guter Film, aber „Galore“ ja keine Filmzeitschrift.

Sieht man sich die IVW-geprüfte Auflagnentwicklung des vergangenen Jahres an, ist die Entwicklung tatsächlich verhehrrend: Die verkaufte Auflage ging seit Anfang 2008 um die Hälfte zurück. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass ein Großteil dieser Verkäufe in der Vergangenheit aber sowieso schon Bordexemplare und „sonstige Verkäufe“ waren, also Hefte, für die nicht mal annähernd der volle Preis gezahlt wurde. (Nach der Statistik hat „Galore“ im zweiten Quartal kein einziges Heft im Einzelhandel verkauft; das kann aber ja wohl nicht sein?). Schön auch, dass im Ausland teilweise gerade einmal 64 Hefte verkauft wurden. Ich tippe mal, „Galore“ ist einer der nächsten Kandidaten, wenn es um die Einstellung eines Lifestyle-Magazins geht (nachdem „Blond“ ja neulich, ebenfalls nach vergeblichen Konzeptänderungen, eingestellt wurde).

Grundsätzlich ist dies zu bedauern, denn gute Kulturzeitschriften kann es ja eigentlich nie genug geben. Allerdings hatte ich bisher auch noch nie das Bedürfnis, mir die „Galore“ zu kaufen, und ein Heft, dass ich vor einigen Jahren mal auf der Frankfurter Buchmesse gratis bekam, hat mich auch nicht gerade vom Hocker gerissen. Dabei kann es doch im Grunde gar nicht so schwierig sein, ein gutes Kulturmagazin für jüngere Erwachsene zu machen. Aber wahrscheinlich funktioniert so etwas nur noch für ein Nischenpublikum, nicht für den Massenmarkt. Da braucht man schon ein Konzept wie „Neon“, um Erfolg zu haben.