Der neue „Freitag“: Zeit für ein Zwischenfazit

Veröffentlicht: 20. Februar 2009 in Journalismus, Online, Print
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„Lasst uns den Freitag in einen sicheren Hafen führen, den die Mehrheit akzeptieren kann und durch Kauf der Print-Ausgabe und Besuch auf freitag.de unterstützt. … Dabei sollten
persönliche Befindlichkeiten zurückstehen, das gemeinsame Ziel ist entscheidend.“

Chris unterwirft heute die aktuelle Printausgabe einer Blattkritik und ich möchte hier einmal ein erstes Zwischenfazit über den ge-relaunchten „Freitag“ und seinen neuen Internet-Auftritt ziehen. Bis vor kurzem dümpelte die Zeitung unterhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle vor sich hin: Ich wusste, dass es sie gibt, aber auch nicht mehr. Dann stieß ich durch einen Link auf ihre Internetseite, wo ich einige Artikel so interessant fand, dass ich zumindest alle paar Wochen mal dort vorbeischaute. Mehr aber auch nicht. Denn ähnlich wie früher die Seite der taz fanden sich dort zwar alle Texte der Printausgabe ungekürzt wieder, allerdings ohne jede Aufbereitung durch Fotos o.ä.

Vom neuen „Freitag“ habe ich bisher alle drei Ausgaben gelesen – und sie gefallen mir: Die Themenmischung spricht mich an, das Layout ist modern, ohne überfrachtet zu wirken, die Texte sind meist solide bis gut und manchmal sogar sehr gut geschrieben. Meistens nicht auf „Zeit“-Niveau, aber durchaus ansprechend. Besonders gefallen mir längere Texte zu eher abseitigen, nicht der Aktualität geschuldeten Themen, die auch öfter mal einen literarischen Anstrich haben. Vor allem die „Nahaufnahme“ auf Seite 3 ist hier hervorzuheben sowie die zweiseitige Leseprobe aus einem aktuellen Sachbuch.

(Wie bei allen Zeitungen) lese ich am liebsten und am meisten den Kulturteil sowie den hier Alltag genannten Teil mit Vermischtem und populären/popkulturellen Themen. Den Politikteil finde ich hingegen noch etwas farblos. Wenn man für sich in Anspruch nimmt, eine kritische linke Gegenstimme zur Mainstream-Öffentlichkeit zu sein, sollte man auch in Themenauswahl und Kommentierung offensiver links sein. Die großen Artikel zur Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen fanden sich zwar in der Online-, bis auf den sehr guten Kommentar auf der Titelseite aber nicht in der Printausgabe. Wo sind die großen Entwürfe, die radikalen Forderungen, die grundsätzlichen Essays zur brandaktuellen und überall diskutierten Frage, welche Chancen die Wirtschaftskrise bietet, um den Raubtierkapitalismus zu überwinden? Eine linke Wochenzeitung sollte hier doch Vorläufer sein und nicht Wiederkäuer. Vermissen tue ich auch noch aufwändig recherchierte Reportagen oder Features zu sozialen Themen, gesellschaftlichen Minderheiten oder einfach Themen, die in den Mainstreammedien vernachlässigt bis ignoriert werden (wie man sie regelmäßig im Dossier der „Zeit“ findet, das muss sich ja nicht gleich über 5 Seiten erstrecken). Wenn es diese im „Freitag“ gäbe, könnte er eine ernsthafte Konkurrenz zur alten Tante aus Hamburg werden. Bis jetzt ist er das sicher noch nicht.

Vorreiter will der neue „Freitag“ auch sein, wenn es um den Journalismus der Zukunft geht, die Verzahnung von Online und Print, die Durchlässigkeit zwischen Leser/Nutzer und Redakteur. Auch wenn an der technischen Umsetzung der neuen Community noch vieles ganz gewaltig hakt, wie es dort wie in der Blogossphäre seit Tagen eifrig kritisiert wird, sehe ich doch gute und richtige Ansätze. Die Webseite wirkt seit dem Neustart tatsächlich so lebendig, dass ich fast täglich dort vorbei schaue. Wobei die Diskussionen in den Nutzer-Blogs interessanter sind als der redaktionell aufbereitete Teil. Letzterer müsste vor allem übersichtlicher gestaltet werden, denn im Moment ist es sehr schwierig, zum Beispiel Artikel aus der Zeitung dort wieder zu finden. Begrüßenswert ist auf jeden Fall, dass die Online-Redaktion nicht nur Texte aus der Zeitung bebildert und ins CMS kopiert, sondern auch selbst Artikel und Kommentare schreiben darf sowie zusätzliche Artikel, etwa aus dem „Guardian“, übernimmt. Verzichten könnte ich auf Schnickschnack wie Bildergalerien, aber was die angeht, reagiere ich sowieso etwas hysterisch. Was unverzichtbar ist, sind RSS-Feeds sowie eine Neuordnung der Kommentare, denn  in der derzeitigen Reihenfolge ist es fast unmöglich, einer längeren Diskussion auch zu folgen. Außerdem sehen die Blogs doch sehr spartanisch aus. Hier wäre mehr ausnahmsweise einmal wirklich mehr: Mehr Möglichkeiten für die Blogger, ihre Blogs individuell zu gestalten. Was auch enorm benutzerunfreundlich und kommunikationstötend ist, ist, dass man sich erst registrieren muss, bevor man kommentieren darf. Ich konnte mich dazu bspw. bisher noch nicht motivieren.

Tja, und dann wäre da noch die Frage, wie die Verzahnung von Community und Zeitung denn in der Praxis umgesetzt werden soll. Die Ideen, die Verleger Jakob Augstein und seine Redaktion dazu im Vorfeld geäußert hatten, fand ich alle richtig. Aber an der Umsetzung scheint es mir noch zu hapern. Nach drei Wochen finde ich in der Zeitung immer noch nur einspaltige „Blogkommentare“. Alle längeren Artikel sind nach wie vor von Redakteuren oder freien Mitarbeitern geschrieben. Das ist doch etwas wenig. Und was ist mit der Ankündigung, Hinweise von Nutzern zu berücksichtigen, um verbesserte Fassungen der Zeitungsartikel online zu stellen? MWn macht das noch keine Zeitung / kein Online-Portal in Deutschland; hier könnte der „Freitag“ also wirklich zur Avantgarde werden.

Bisher gibt es eine sehr gute Zeitung namens „der Freitag“ und eine viel versprechende, wenn auch noch an technischen Unzulänglichkeiten kränkelnde Webseite freitag.de. Was noch folgen muss/sollte, ist eine echte Verzahnung dieser beiden Angebote, damit etwas wirklich Neues (zumindest für deutsche Verhältnisse) entstehen kann. Mein Zwischenfazit fällt alles in allem trotzdem positiv aus. Ich denke ernsthaft darüber nach, wenn mein kostenloses Probeabo nächste Woche abläuft, ein reguläres Abo abzuschließen. Das wäre dann die erste Zeitung, die ich seit mehr als zehn Jahren abonnieren würde. Das sollte als Vertrauensvorschuss reichen.

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