Kürze bringt poetische Würze

Veröffentlicht: 23. Februar 2009 in Bücher, Online
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Portal in die Twitter-Welt: Die Homepage des Kurznachrichten-Dienstes

Portal in die Twitter-Welt: Die Homepage des Kurznachrichten-Dienstes

Können 140 Zeichen lange Texte Literatur sein? Immer mehr Nutzer des Kurznachrichten-Dienstes Twitter glauben das: Sie veranstalten Lesungen und unterziehen Meldungen einer Literaturkritik. Vor kurzem startete sogar der erste deutschsprachige Twitter-Fortsetzungsroman. „Twitteratur“ – eine neue Kunstform.

Kurznachrichten sind meistens ganz praktischer Natur. Aber es geht auch anders: Über den Online-Dienst Twitter, bei dem die verschickten Nachrichten höchstens 140 Zeichen lang sein dürfen, werden manchmal auch Texte verschickt, die schon literarische Qualität besitzen. „In Anbetracht von Mäuschen, die eine kopflose Taube im Gleisbett ausweideten, erhielt der Nimbus der Nagerniedlichkeit einen herben Schlag“, schreibt dort etwa jemand mit dem Benutzernamen hightatras.

Dass sich Twitter auch für Literatur eignet, merken immer mehr Nutzer des Dienstes. Sie nennen ihre Mini-Texte „Twitteratur“ oder „Twiction“. Inzwischen gibt es öffentliche Lesungen und sogar eine Internetseite, die Kurznachrichten einer Literaturkritik unterzieht. Es scheint, als entstünde im Netz gerade wieder einmal etwas völlig Neues, vielleicht sogar eine neue Kunstform.

Über Twitter kann jedermann auf einfache und schnelle Weise der ganzen Welt mitteilen, was er gerade macht – oder zumindest denjenigen, die das interessiert. Der Dienst hat derzeit weltweit mehr als drei Millionen registrierte Teilnehmer. Diese können über eine Internetseite oder per SMS jederzeit Kurzmeldungen absenden, sogenannte Tweets, die dann alle erreichen, die den jeweiligen Schreiber abonniert haben (seine „Follower“).

Zu den Verfechtern des literarischen Twitterns zählt der Hamburger Finanzberater André Krüger. Er war Mit-Veranstalter der bisher einzigen Twitterlesungen in Deutschland. Zur ersten Veranstaltung in Berlin kamen im vergangenen Juli etwa 250 Zuschauer, um die 120 waren es Ende Januar dieses Jahres in Hamburg. Der Ablauf bei einer solchen Lesung ist ganz einfach: Twitterer lesen vor Publikum ihre eigenen Kurzmeldungen oder die von anderen vor. Der Schwerpunkt liegt auf witzigen oder unterhaltsamen Texten. „Wir stellen die Tweets in einen Zusammenhang oder zeichnen einen Tagesablauf anhand von Tweets verschiedener Nutzer nach“, erklärt Krüger.

Zusammen mit fünf Bekannten startete er im vergangenen Mai auch die wohl einzige deutsche Webseite, die Twittermeldungen literaturkritisch betrachtet. Auch wenn die Betreiber das Ganze eher ironisch angehen, so ist die Idee dahinter durchaus ernst gemeint. „Bei vielen Tweets merkt der Leser, dass sich der Autor Gedanken gemacht hat, die über die 140 Zeichen hinausgehen“, sagt Krüger. Da diese Perlen sonst meist im Rauschen des nie versiegenden Twitter-Stroms untergingen, wollen die Macher von Twitkrit.de ihnen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen. Den Zwang, sich kurz zu fassen, sieht Krüger eher als Vorteil: „Nicht selten gewinnen die Texte dadurch an Originalität. Vor allem aber an Lakonie, Ironie und Treffsicherheit.“, schreibt er auf der Twitkrit-Seite.

Auch der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry meint in seinem Blog: „Beschränkungen scheinen seltsamerweise das Beste an Esprit, Einblick und Beobachtung hervorzubringen.“ Fry gehört zu den zahlenmäßig erfolgreichen Twitterern: Gut 160.000 Abonnenten hatte er Anfang Februar. Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho („Der Alchemist“) kam hingegen nur auf knapp 7000. Aber während Coelho via Twitter lediglich auf neue Einträge in seinem Blog hinweist, finden sich bei Fry oft Tweets, die selbst eine literarische Qualität haben.

Deutschsprachige Schriftsteller haben das Twittern bislang noch nicht in großer Zahl entdeckt. Einer der wenigen aktiven Nutzer ist der Österreicher Christian Ankowitsch. Der Autor und ehemalige Redaktionsleiter von „Zeit Online“ schreibt seit Anfang Januar den wahrscheinlich ersten Twitter-Fortsetzungsroman in deutscher Sprache. „Das Paradoxe ist ja, dass das Internet unbegrenzt ist, Twitter aber quasi die Antithese zur Unendlichkeit darstellt“, sagt der Wahlberliner. Literarische Formen würden sich immer wieder neu erfinden; gute Twittertexte entsprächen den Aphorismen früherer Zeiten. Der Aufwand hält sich dabei in Grenzen. „Würde Musil seinen ‚Mann ohne Eigenschaften’ heute twittern, bräuchte er auch nur fünf Minuten pro Fortsetzung“, scherzt Ankowitsch.

Bei seinen Kurzkapiteln lässt sich der Autor bisher ohne Planung durch die absurde Krimihandlung treiben. Ironisch baut er dabei die Namen bekannter Blogger ein, etwa „Handelsblatt“-Redakteur Thomas Knüwer. Dessen Namensvetter stirbt in Ankowitschs ironischem Roman einen gewaltsamen Tod. Im technikbegeisterten Japan ist 2007 bereits die Hälfte der meist verkauften Romane auf dem Handy geschrieben worden. Ob sich irgendwann Ankowitschs Twitter-Roman in der deutschen Bestsellerliste wiederfindet, ist hingegen noch ungewiss.

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