Meister der Short Story: Maxim Biller mit „Liebe heute“

Veröffentlicht: 24. Februar 2009 in Bücher
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Der Titel klingt wie ein Thesenpapier oder wie ein Nouvelle Vague-Film der 60er Jahre („Liebe mit zwanzig“ heißt bspw. der Episodenfilm von 1962, zu dem Francois Truffaut die Antoine Doinel-Geschichte „Antoine et Colette“ beigetragen hat): „Liebe heute“, Untertitel „Short stories“. Keine Kurzgeschichten sind es also, die Maxim Biller hier schreiben wollte, sondern Erzählungen ganz im Geiste Hemingways und anderer amerikanischer Schriftsteller.

Und es ist ihm gelungen; der deutsche Autor und Kolumnist erwesit sich mit diesen 27 Miniaturen auf knapp 200 Seiten als Meister der Gattung: Bewundernswert, wie er auf sechs, sieben Seiten eine ganze Welt entwirft, glaubwürdige Charaktere und ein teilweise kompliziertes Beziehungsgeflecht. Aus manchen dieser Storys hätte man einen ganzen Roman machen können – und weniger begabte Schriftsteller hätten dessen Länge auch gebraucht, um aus den Stoffen etwas halbwegs Interessantes zu machen. Biller schafft es hingegen auch auf den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Seiten, die Leser in seinen Bann zu ziehen.

Ob junge Juden in Prag oder Tel Aviv, einsame Großstädter in Berlin oder Hamburg, Singles, Paare oder zwei Menschen, die einander immer wieder suchen und verlieren: In den Geschichten steht immer das Thema Liebe im Hintergrund. Langweilig wird es jedoch nie, da Biller es versteht, sein Sujet meisterhaft zu variieren. Dabei streift er natürlich auch andere existenzielle Themen, vom Altern bis zur Depression, von der großen Politik bis zum Künstlerdasein (oft sind seine Helden Schriftsteller, Künstler oder Freiberufler, die in hippen Berliner Szenecafés rumsitzen oder zwischen Israel und Deutschland hin und her jetten), vom Krieg bis zum Mord und Selbstmord. Obwohl immer intime Gefühle im Mittelpunkt stehen, wird Biller nie peinlich oder ordinär; er macht sich auch nie über seine Figuren lustig, sondern nimmt sie in all ihrem Leid wie in ihrer Lächerlichkeit ernst.

Ob er in „Die richtigen Tage“ den Versuch eines Mannes, seine Freundin, die sich gerade von ihm getrennt hat, noch einmal ins Bett zu bekommen, um sie mit einem Kind an sich zu binden, mit dem Schicksal einer im Krieg von einem Jugendfreund gefangen gehaltenen Bosnierin verknüpft oder in „Das Recht der jungen Männer“ die Geschichte eines aus Liebe zum Totschläger gewordenen Schriftstellers mit derjenigen einiger alter Juden verbindet, die sich an ihren Peinigern gerächt haben: Biller verknüpt hier wie da das Private mit dem Weltgeschehen, die oft lächerliche Suche nach dem kleinen Glück mit der ganzen Tragik des Lebens. So auch in „Die Selbstmörder“, wo eine Frau in Tel Aviv sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann, bis vor ihrem Hotelfenster ein Selbstmordanschlag alles verändert.

In „Ziggy Stardust“ und „Sieben Versuche zu lieben“ variiert er das Thema einer Jugendliebe, die lange unerfüllt bleibt, nach Jahrzehnten doch noch zu einer Beziehung wird, um ebenso plötzlich wieder zu enden. Nostalgie und Melancholie sind aber auch in den meisten anderen Geschichten die tonangebenden Stimmungen. Bisher kannte ich von Maxim Biller nur seine Reportagen und Kolumnen („100 Zeilen Hass“) aus TEMPO sowie seine „Moralischen Geschichten“ aus der FAS. Während er in den Medien weitläufig als Querulant, Provokateur und Zyniker gilt, erweist er sich in dieser Sammlung von Kurzgeschichten als großer Menschenfreund und begnadeter Erzähler. Bessere Literatur von einem zeitgenössischen deutschsprachigen Autor wird man momentan für knapp neun Euro nirgends finden.

Maxim Biller: „Liebe heute“ Short stories. 197 Seiten, 8,95 €, Fischer Taschenbuch

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