Archiv für 2. März 2009

Zum Jahresende 2008 stellte der RBB sein Programm Radio Multikulti ein, um sein Haushaltsdefizit auszugleichen. Alle Proteste von Hörern, Mitarbeitern, Politikern und Migrantenvertretern halfen nichts. Oder vielleicht doch, denn schon in der Silvesternacht startete ein Nachfolgeprojekt im Internet. Einige Mitarbeiter wollten nicht kapitulieren und gründeten einen Verein, um mit Radio Multicult 2.0 die entstandene Lücke zu füllen, unabhängig vom RBB und als reines Webradio.

Letzte Woche habe ich mal reingehört, und zwar in die Mittagssendung, die neuerdings auch live gesendet wird. Ich kann ja nicht so viel mit Weltmusik anfangen, aber wollte doch mal hören, was die denn da im Internet veranstalten. Kurz gesagt: ein technisch noch nicht perfektes, aber größtenteils professionelles Musik- und Informationsradio mit den Themenschwerpunkten Migration und „ausländische“ Kulturen. Und einem Fokus auf lokalen bzw. regionalen Ereignissen in Berlin und Brandenburg. Das ist laut Homepage auch der eigene Anspruch: ein Webradio für diese Region zu sein.

Da fragte ich mich gleich, ob das nicht im Grunde ein Widerspruch ist: ein reines Webradio, dass sich als regionaler Sender versteht. Wo das Internet doch gerade ermöglicht, ein potentiell weltweites Publikum anzusprechen. Eine schwierige Frage, die mich schon länger beschäftigt. Bis vor drei Jahren habe ich selbst bei einem Campusradio mitgemacht, dass keine Lizenz hatte und deshalb nur im Internet senden konnte. Da es ein Uniradio war, wollten wir aber schwerpunktmäßig berichten, was die Studenten an eben dieser einen Uni interessierte. Macht das Sinn?

Ich kann die Frage nicht wirklich beantworten. Wahrscheinlich könnte man mehr Hörer ansprechen, wenn man den Fokus nicht schon vorher selbst verengen würde. Wie gesagt: Ich fand die Sendung bei Multicult durchaus interessant und die Musikauswahl ansprechend, aber da ich nicht in Berlin wohne, sinkt meine Motivation, da regelmäßig reinzuschalten. Was vielleicht anders wäre, wenn da auch verstärkt Themen aus NRW oder von bundesweiter Bedeutung vorkämen.

Gerade ein Multikulti-Integrationsradio müsste ja eigentlich einen Ansatz haben, der über enge geographische Grenzen hinausblickt. So stellt sich mir ein wenig die Frage, wen man eigentlich mit dem neuen Angebot ansprechen will. Klar, die ehemaligen Stammhörer von Radio Multikulti. Aber haben die alle Zeit, tagsüber am Rechner zu sitzen? Noch hört halt (fast) niemand im Auto oder in der Küche Internetradio. Stattdessen könnte man all die Freiberufler und Studenten ansprechen, die sich selbst längst eher in globalen als in lokalen Zusammenhängen bewegen, und die in Düsseldorf oder Hamburg, in München oder Wien vor ihren PCs sitzen und eh den ganzen Tag mit ihrer DSL-Leitung verbunden sind. Oder, warum nicht, wenn man schon in einer Vielzahl verschiedener Sprachen sendet, auch Zuhörer in Italien, Spanien und der Türkei.

Die Annahme, die Türken in Kreuzberg würden massenhaft solch ein gemischtsprachiges Programm hören wollen, ist ja eh ein Trugschluss: Die alt gewordenen Einwanderer hören lieber rein türkischsprachige Sender und interessieren sich meist nicht für italienische Chansons oder afrikanische Folklore , und die zweite und dritte Generation hört überwiegend das gleiche wie ihre Altersgenossen ohne Migrationsgeschichte. Programme wie Multikulti oder Funkhaus Europa sprechen eher eine kleine Zielgruppe gebildeter Kosmopoliten an, die im Urlaub nach La Gomera reisen und nach dem Einkauf beim türkischen Obsthändler beim Inder essen gehen (jetzt mal etwas schablonenhaft formuliert). Und die sind in allen großstädtischen Millieus zu finden, nicht nur in Berlin. Warum also nicht gezielt diese Menschen ansprechen, und zwar bundes- und europaweit, wenn man schon nicht mehr auf terrestrische Frequenzen angewiesen ist?

Werbeanzeigen
Abb.: Der Spiegel

Abb.: Der Spiegel

Das denkt sich wohl auch „Der Spiegel“ in den letzten Jahren immer öfter. Nach Second Life vor einigen Jahren haben die Hamburger jetzt wieder mit mehrjähriger Verspätung ein Titelthema aus der bunten Welt des Web 2.0 ausgegraben: Soziale Netzwerke à la StudiVZ, Xing und Facebook. Was von dieser Geschichte zu halten ist, analysiert Thomas Knüwer heute sehr schön und sehr ausführlich in seinem Blog.

„In einer Zeit, da seine Auflage fällt und die Anzeigen ausbleiben dürfte sich ein „Spiegel“ aber ruhig fragen, ob es die richtige Strategie ist, die Redaktion mit Sensationsheischerei zum falschen Freund des Leser zu machen – oder ob nicht Qualität das Gebot der Stunde sein könnte.“

Ein weiterer Beweis dafür, warum man den „Spiegel“ mMn schon seit Beginn der Ära Aust nicht mehr ernst nehmen kann. War er vorher „im Zweifel links“, ist er seitdem im Zweifel populistisch. Wo man früher brilliant recherchierte Titelgeschichten fand, läuft man heute jedem Trend hinterher und biegt sich die Rechercheergebnisse so lange zurecht, bis sie zur populistischsten These passen, die man vorher aufgestellt hat. Das Ganze garniert man dann gerne noch mit einem vorurteilsbeladenen Titelbild (à la „Die islamische Gefahr“) und reißerischen Aufmacherfotos, auf denen man genau das zeigt, was man in dem Artikel anprangert (leicht bis gar nicht bekleidete Teenagerinnen im aktuellen Fall oder vollbusige Avatare wie bei der SL-Story damals). Wenn man nicht eh Hitler oder Bismarck auf dem Titelbild hat, weil es ja angesichts der massiven sozialen Probleme in unserem Land auch nichts Relevanteres zu schreiben gibt als ausufernde Geschichten über die deutsche Vergangenheit. Seit Aust weg ist, gibt es vielleicht weniger Pferdestorys im Heft; ansonsten scheint sich aber nichts wesentliches verändert zu haben.

Überschrift: beliebte Journalistenaussage