Archiv für 5. März 2009

Mit fünfwöchiger Verspätung habe ich es jetzt doch noch geschafft, mir den „Rolling Stone“ von letztem Monat zu kaufen, A&O Medien, einem der letzten kleinen Plattengeschäfte in Düsseldorf sei Dank, die schicken alte Musikzeitschriften nämlich nicht an den Vertrieb zurück, sondern lassen die einfach weiter in ihren Regalen. Und ich muss sagen, ein wunderbares Heft: Zwei herausragende Geschichten, eine über den aussichtslosen Krieg der Amerikaner in Afghanisten, eine über die wechselvolle wie beeindruckende Geschichte des Plattenlabels Motown, nach der man gleich Lust bekommt, auf die Suche nach Songs der Künstler zu gehen.

Hier hat man noch Raum für lange (und gut geschriebene)  Geschichten. Die Motown-Story mäandert inklusive Kästen und Diskographie über 15 Seiten dahin (ohne jemals langweilig zu werden), für „Die 100 besten Sänger aller Zeiten“ hat man gar 30 Seiten frei geräumt. Dazu kommen schöne kürzere Artikel wie ein Morrissey-Interview, und Benjamin von Stuckrad-Barre darf in einer neuen Kolumne beweisen, wie gut und witzig er eigentlich schreiben kann (Beim RS hat er ja seinerzeit auch angefangen, vor seinem Ruhm als Schriftsteller). Und als Extra noch eine CD mit zehn Raritäten des Soul aus den späten 60er/frühen 70er Jahren – was will man von einem Musikmagazin mehr.

Viele kritisieren ja am RS immer wieder, dass die auch politische oder ähnlich „themenfremde“ Reportagen bringen. Mir gefiel hingegen genau das am Konzept immer gut: Dass man sich nicht als reines Musik-, noch nicht einmal als reines Popkultur-Magazin versteht, sondern immer auch über den Tellerrand hinaus blickt, Politik als Teil der Gegenkultur und Pop als Teil der Gesellschaft sieht. Solange die entsprechenden Artikel so außergewöhnlich spannend sind wie Nir Rosens Reportage „Der verlorene Sieg“ über die Dominanz der Taliban (denen er beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre), braucht sich der RS auch mit diesen Themen nicht vor „seriösen“ Nachrichtenmagazinen zu verstecken.

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Fragt man sich, wenn man mal auf der Homepage der US-Mutter vorbeischaut. Oder im Laden die UK-Ausgabe durchblättert (die zu einem großen Teil aus Übernahmen der US-Ausgabe zu bestehen scheint, während letztere in Deutschland gar nicht erhältlich zu sein scheint). Hat man sich einmal durch die Dutzende von Doppelseiten mit Hochglanzwerbung gekämpft (ich glaube, der erste richtige Artikel begann auf Seite 60 oder so – unglaublich), findet man dort nicht nur Fotoserien von u.a. Annie Leibowitz über die Obamas und die kongenialen Partnerschaften zwischen Schauspielern und ihren Regisseuren, sondern auch laaange Artikel über Hollywood & Co., u.a. über die Entstehungsgeschichte von Coppolas „Der Pate“. Und Artikel über die Finanzkrise. Und was gab es in der deutschen VF? Heike Makatsch auf dem Titel und Reportagen über Knut, den Eisbären. Das sagt eigentlich schon alles. Da ich aber auch nicht 11 Euro irgendwas für die importierte britische VF ausgeben möchte, stellt sich weiterhin die Frage: Wer macht sowas auf deutsch?

Kaum ist das „blond“-Magazin eingestellt, liegt schon eine neue Zeitschrift des Blond-Verlags in den Regalen. Das heißt originellerweise „blonde“, was wohl Kontinuität und Neuanfang gleichzeitig symbolisieren soll. Anders als die alte „blond“ ist „blonde“ in erster Linie ein Modemagazin. Und damit für mich schon mal uninteressant. (LIEBLING ist ja auch zu einem großen Teil eine Modezeitschrift, aber da gibt es halt noch so viel Anderes zu entdecken.)

Und dann gibt es nach „Missy“ (dessen zweite Ausgabe ebenfalls seit ein paar Tagen erhältlich ist) schon wieder ein neues Popkulturmagazin: „Blank“ wird von den ehemaligen Redakteuren der „Face“ gemacht. Die wurde schon nach drei Nummern wieder eingestellt, weil es Streit zwischen Redaktion und Verleger gab.  Jetzt also ein Magazin mit den Untertiteln „Face your magazine“ und „Gesellschaft, Diskurs, Disco“. Wobei ich letzteres im Gegensatz zu andreaffm schon wieder witzig finde. Das Heft selbst habe ich gestern nirgendwo in Düsseldorf gefunden, hätte doch gerne mal rein geguckt. Wie sich neue Zeitschriften etablieren wollen, die absolut nirgends erhältlich sind, ist mir rätselhaft. Es hat sicher nicht jeder soviel Motivation wie ich, fünf verschiedene Bahnhofs- und Großbuchhandlungen abzuklappern, wenn er von einer neuen Zeitschrift hört.

Andreaffm findet harte Worte für das neue Heft, an dem sie kaum ein gutes Haar lässt:  Es biete eine Mischung aus „Indie-Obskurantismus und strukturellem Analphabetentum“. Außerdem wirft sie dem Verfasser des Editorials vor, ein abgebrochenes Soziologiestudium kompensieren zu wollen, weil er Wörter wie Enkulturation verwendet. Tja, das ist ja eh ein altes Problem der Popkultur-Magazine. Das mit dem Soziologiestudium denkt man ja auch beim Lesen der „Intro“ (die ich ansonsten ganz gerne mag) öfter. Mir gibt mehr zu denken, dass mich von den angekündigten Themen der Debütausgabe von „Blank“ erst mal gar nichts interessiert. Naja, vielleicht sehe ich das Heft ja noch mal irgendwo im Laden.

(Links zu „Blank“ via)