Ein Schreiben in einen Chat stellen und bloß nicht „ich“ sagen: Wie etablierte Journalisten sich das Web 2.0 vorstellen

Veröffentlicht: 13. März 2009 in Journalismus, Online, Print
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Eigentlich wollte ich nichts über den Amoklauf von Winnenden schreiben, weil ich dachte, es reicht ja, wenn alle darüber schreiben. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang aber, wie wenig Ahnung vom Internet doch viele Journalisten haben, die meinen, jetzt etwas über die vermeintliche Ankündigung des Täters im Internet schreiben zu müssen oder über die Nutzung von Web 2.0-Diensten von Journalisten, die über den Amoklauf berichteten.

Die dpa etwa scheint überhaupt keine Ahnung zu haben, was ein Chat überhaupt ist oder wie dieser funktioniert. Da schreibt die Agentur von einem “ Schreiben [, dass der Täter] wenige Stunden vor der Tat ins Internet gestellt hatte“. In einen Chat stellt man also ein Schreiben, aha. Wenn die Polizei das so formuliert, weckt das auch nicht unbedingt Vertrauen in deren Ermittlungskompetenz, aber zumindest versteht man, wenn eine Behörde so ein Bürokratenwort wie „Schreiben“ verwendet. Aber der Satz ist ja im dpa-Text nicht als Zitat gekennzeichnet. Also geht wohl auch der Journalist davon aus, dass ein Chat halt aus verschiedenen Schreiben, also Briefen, besteht. Und dass die Teilnahme an einem Chat im Normalfall keine Spuren auf dem eigenen Rechner hinterlässt, ist anscheinend auch eine Neuigkeit, die dem Leser erst einmal umständlich erklärt werden muss.

Bei der SZ ist skurrilerweise ein Redakteur für das Themengebiet Internet zuständig, der das komplette Web 2.0 mehr oder weniger offen ablehnt. Ich habe jedenfalls noch nie einen Artikel von Bernd Graff gelesen, in dem er an Blogs, Sozialen Netzwerken oder Ähnlichem auch nur ein gutes Haar lassen würde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er die Überreaktion vieler Journalisten nach dem Amoklauf in Bezug auf die Twitter-Nutzung als Anlass nimmt, mal wieder kräftig auf den Microblogging-Dienst einzuschlagen.

Was die Ergebnisse angeht, hat Graff mit seiner Kritik natürlich weitgehend Recht: Dass Journalisten eine Twitterin belästigen, weil die über den Dienst gemeldet hat, sie habe gehört, dass an der Schule ein Amoklauf stattfinde, ist genauso fragwürdig wie die sensationsheischende Live-Berichterstattung z.B. von Focus Online via Twitter. Aber was bitte soll die Behauptung, es sei eine Selbstverständlichkeit, dass es falsch sei, „die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken“, wie es Stefan Niggemeier formuliert hat? Warum sollen Reporter nicht ihre Eindrücke und Emotionen bei der Berichterstattung schildern dürfen? Und ich rede jetzt von wirklich mitteilenswerten Gefühlen, nicht von solchen effektheischenden Belanglosigkeiten, wie die anscheinend von den Focus Online-Reportern getwittert wurden. Mir scheint es unglaublich, dass es 30 Jahre nach Erfindung des New Journalism immer noch Journalisten gibt, die solche Behauptungen unhinterfragt aufstellen, wie Graff es tut. Einen lesenswerten Artikel zu dieser Frage gibt es hingegen bei medienlese.com.:

„Aber abgesehen davon, dass sich Journalisten niemals wichtiger als die Geschichte nehmen sollten: Nehmen sich Journalisten, wenn sie zum Beispiel Twitter nutzen, “ich” sagen, ihre Arbeit transparent machen, damit automatisch zu wichtig? Schmälern sie das Ereignis? Bedient es nicht die wachsende Medienkompetenz der Leser, dass man ihnen deutlich macht: Ich fahre da hin, ich berichte für dich, mit diesen Problemen werde ich konfrontiert?“

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