Der Poet der Wasserhäuschen

Veröffentlicht: 24. März 2009 in Bücher, Journalismus
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Bald neu im Taschenbuch: Jörg Fausers Debütroman Rohstoff

Bald neu als Taschenbuch: Jörg Fausers Debütroman Abb.: Diogenes

Jörg Fauser war der deutsche Chronist der Säufer und Außenseiter. Sein autobiographischer Roman „Rohstoff“ erfährt im Juli eine Neuausgabe als Taschenbuch


Als deutscher William S. Borroughs ist er gefeiert worden und als deutscher Jack Kerouac, als Gossen-Poet und als Held des Undergrounds. Knapp 22 Jahre, nachdem der Frankfurter Schriftsteller Jörg Fauser in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag im Alkoholrausch einen frühen Unfalltod starb, ist er in der breiteren Öffentlichkeit so gut wie vergessen. Lange Zeit waren nicht einmal seine wichtigsten Bücher lieferbar. Bis vor einigen Jahren der Berliner Alexander-Verlag die verdienstvolle Arbeit übernahm, in einer neuen Gesamtausgabe seine Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und journalistischen Texte zu versammeln. Im Juli dieses Jahres soll bei Diogenes eine preiswerte Taschenbuchausgabe des „Gesamtwerks“ folgen.

Wie nur wenige andere Autoren war Fauser ein hemmungsloser Chronist seines eigenen, über weite Strecken reichlich kaputten Lebens. Ohne Rücksicht gegen sich selbst benutzte er eigene Erlebnisse als Steinbruch für seine literarischen Texte. So liest sich sein 1982er Romandebüt „Rohstoff“ wie eine Autobiographie. Auch wenn der Protagonist nicht Jörg Fauser heißt, sondern, wie in vielen Texten Fausers, Harry Gelb, so dürften doch annähernd 90 Prozent der Handlung der Realität entspringen. „Ehrlich schreiben konnte man doch nur über das, was man selbst aus erster Hand erfahren oder erlebt hat, die Technik kam dann schon, wenn man es nur ernsthaft genug mit dem Schreiben versuchte.“ Dieser Gedanke seines Antihelden dürfte auch Fausers eigenes Schreibprinzip perfekt wiedergeben.

Der Roman beginnt Ende der sechziger Jahre in Istanbul, wo sich der heroinabhängige Gelb ein schäbiges Dachzimmer mit einem anderen Junkie teilt. Sein Alltag pendelt zwischen der Jagd nach dem nächsten Schuss und bemühten schriftstellerischen Versuchen auf der klapprigen Schreibmaschine. Irgendwann endet diese Flucht aus der Enge der hessischen Heimatstadt in einem türkischen Abschiebegefängnis – was aber erst der Auftakt ist für eine nun folgende jahrelange Odyssee bis zur ersten Buchveröffentlichung.

Die Frankfurter Hausbesetzerszene, die Rocker, die Autonomen und die K-Gruppen in Westberlin, wo er in einer Kommune lebt: Fauser alias Harry Gelb erlebt all diese Gegenbewegungen hautnah mit, ebenso wie das langsame Platzen aller Träume von einer linken Utopie auf westdeutschem Boden. Dabei ist er selbst nie einer der Vorkämpfer, der aktiven Mitglieder einer Bewegung, sondern immer ein eher kritischer Beobachter, ein Außenseiter, der sich am Wasserhäuschen, wie die Frankfurter ihre Trinkhallen nennen, am wohlsten fühlt, oder in einer stickigen, verrauchten Eckkneipe, unter anderen gescheiterten Existenzen. Dass er nicht endgültig scheitert, sondern es doch noch zum Geheimtipp der Literaturszene schafft, liegt einzig daran, dass sein Wille zum Schreiben so groß ist, dass er es schließlich schafft, von den Drogen wegzukommen. Auch wenn er später dem Alkohol verfällt.

Was „Rohstoff“ noch heute so lesenswert macht, ist vor allem Fausers genaue Beobachtung verschiedener sozialer Millieus. Ob die unfreiwillige Komik der Rituale einer 68er-Kommune oder die spießige Trostlosigkeit des Leben in einer westdeutschen Kleinstadt Anfang der siebziger Jahre, ob die Undergroundszene der Frankfurter Musikclubs oder das Stammpublikum einschlägiger Säuferkaschemmen: Fauser weiß sie in seinem direkten, ungekünstelten Stil alle detalliert und lakonisch zu beschreiben. So wird sein Roman zum Porträt einer längst vergangenen Zeit: den sechziger und siebziger Jahren in der alten BRD. Aber trotz aller zeitlichen und kulturellen Ferne finden sich auch Ähnlichkeiten zu heute: Das künstlerische Prekariat der Freiberufler etwa, dass derzeit so oft zitiert wird, ist mitnichten eine Erfindung des 21. Jahrhunderts. So erlebt Harry Gelb herrliche Anekdoten bei seinen Versuchen, im Journalismus Fuß zu fassen. Einmal schafft er es sogar zum Chefredakteur einer Zeitschrift, die alle anderen überflüssig machen soll. Leider wird das Undergroundblatt nach zwei Nummern wieder eingestellt.

Rohstoff (Jörg-Fauser-Edition Band II), Alexander Verlag Berlin, 327 Seiten, 19,90 Euro. Die Taschenbuch-Neuausgabe erscheint im Juli bei Diogenes.

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