Archiv für März, 2009

Die konsequente Weiterentwicklung der Klickgläubigkeit

Veröffentlicht: 18. März 2009 in Online
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Eine schwedische Online-Zeitung bezahlt ihre Redakteure klickabhängig. Wie so eine Seite dann aussieht, kann man sich gut vorstellen. Vermutlich so ähnlich wie bild.de. Denn natürlich schreiben dann alle Mitarbeiter nur noch über die Themen, die die Masse der Leute wirklich „interessiert“: nackische Promis, Sex, Crime und die neuesten Gerüchte über die DSDS-TeilnehmerInnen. So sieht guter Journalismus aus.

Wandel oder Untergang?

Veröffentlicht: 17. März 2009 in Lesetipp, Online, Print
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„Manche sagen, es macht nichts, wenn Journalismus stirbt. Weil das Internet es mit Blogs usw. ersetzen wird. Das wäre, als sagee man, wir brauchen kein Gesundheitssystem mehr, die Menschen heilen sich selbst. Wir brauchen Menschen, die Fertigkeiten haben, Zeit und die Ressourcen, um Informationen aufzugreifen und zu vermitteln.“

„Guardian“-Autor Nick Davies sagt im Interview mit dem Standard noch andere kluge Sachen über die Zukunft des Journalismus.

Eigentlich wollte ich nichts über den Amoklauf von Winnenden schreiben, weil ich dachte, es reicht ja, wenn alle darüber schreiben. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang aber, wie wenig Ahnung vom Internet doch viele Journalisten haben, die meinen, jetzt etwas über die vermeintliche Ankündigung des Täters im Internet schreiben zu müssen oder über die Nutzung von Web 2.0-Diensten von Journalisten, die über den Amoklauf berichteten.

Die dpa etwa scheint überhaupt keine Ahnung zu haben, was ein Chat überhaupt ist oder wie dieser funktioniert. Da schreibt die Agentur von einem “ Schreiben [, dass der Täter] wenige Stunden vor der Tat ins Internet gestellt hatte“. In einen Chat stellt man also ein Schreiben, aha. Wenn die Polizei das so formuliert, weckt das auch nicht unbedingt Vertrauen in deren Ermittlungskompetenz, aber zumindest versteht man, wenn eine Behörde so ein Bürokratenwort wie „Schreiben“ verwendet. Aber der Satz ist ja im dpa-Text nicht als Zitat gekennzeichnet. Also geht wohl auch der Journalist davon aus, dass ein Chat halt aus verschiedenen Schreiben, also Briefen, besteht. Und dass die Teilnahme an einem Chat im Normalfall keine Spuren auf dem eigenen Rechner hinterlässt, ist anscheinend auch eine Neuigkeit, die dem Leser erst einmal umständlich erklärt werden muss.

Bei der SZ ist skurrilerweise ein Redakteur für das Themengebiet Internet zuständig, der das komplette Web 2.0 mehr oder weniger offen ablehnt. Ich habe jedenfalls noch nie einen Artikel von Bernd Graff gelesen, in dem er an Blogs, Sozialen Netzwerken oder Ähnlichem auch nur ein gutes Haar lassen würde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er die Überreaktion vieler Journalisten nach dem Amoklauf in Bezug auf die Twitter-Nutzung als Anlass nimmt, mal wieder kräftig auf den Microblogging-Dienst einzuschlagen.

Was die Ergebnisse angeht, hat Graff mit seiner Kritik natürlich weitgehend Recht: Dass Journalisten eine Twitterin belästigen, weil die über den Dienst gemeldet hat, sie habe gehört, dass an der Schule ein Amoklauf stattfinde, ist genauso fragwürdig wie die sensationsheischende Live-Berichterstattung z.B. von Focus Online via Twitter. Aber was bitte soll die Behauptung, es sei eine Selbstverständlichkeit, dass es falsch sei, „die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken“, wie es Stefan Niggemeier formuliert hat? Warum sollen Reporter nicht ihre Eindrücke und Emotionen bei der Berichterstattung schildern dürfen? Und ich rede jetzt von wirklich mitteilenswerten Gefühlen, nicht von solchen effektheischenden Belanglosigkeiten, wie die anscheinend von den Focus Online-Reportern getwittert wurden. Mir scheint es unglaublich, dass es 30 Jahre nach Erfindung des New Journalism immer noch Journalisten gibt, die solche Behauptungen unhinterfragt aufstellen, wie Graff es tut. Einen lesenswerten Artikel zu dieser Frage gibt es hingegen bei medienlese.com.:

„Aber abgesehen davon, dass sich Journalisten niemals wichtiger als die Geschichte nehmen sollten: Nehmen sich Journalisten, wenn sie zum Beispiel Twitter nutzen, “ich” sagen, ihre Arbeit transparent machen, damit automatisch zu wichtig? Schmälern sie das Ereignis? Bedient es nicht die wachsende Medienkompetenz der Leser, dass man ihnen deutlich macht: Ich fahre da hin, ich berichte für dich, mit diesen Problemen werde ich konfrontiert?“

3 „Freitag“-Lesetipps zum Ende des Kapitalismus

Veröffentlicht: 12. März 2009 in Lesetipp
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Was ich in den vergangenen Wochen vermisst habe, gibt es im neuen „Freitag“ gleich mehrfach: interessante Artikel zur Krise des Kapitalismus:

„Als die Grünen Anfang der achtziger Jahre aufstiegen, hatten sie von der Entstehung einer neuen Schicht profitiert: der Intelligenz, deren Umfang und gesellschaftliche Bedeutung zugenommen hatte und die sich nicht mehr in das bisherige Parteienschema einpassen ließ. Der Erfolg der Linkspartei beruht auf einer weiteren Verwerfung der Sozialstruktur, jetzt durch die Entstehung des Prekariats.“

Georg Fülberth liefert eine brilliante Analyse, warum Lafontaine vor zehn Jahren als Finanzminister scheiterte, obwohl er das forderte, was seine Nachfolger heute umsetzen müssen – und führt uns nebenbei noch vor Augen, wie tief unsere Gesellschaft in den vergangenen 30 Jahren tatsächlich gesunken ist. In den 80ern die Intelligenz, in den 00ern das Prekariat: Das sind die beiden neuen Gesellschaftsschichten, die unser Parteiensystem nachhaltig verändert haben.

„Online-Communities, die vorher ohne jede Bodenhaftung durch den Cyberspace schwebten, teilen sich und docken nun verstärkt an lokale Initiativen in der Offline-Welt an. Die Cybergeografie gleicht sich innerhalb eines Jahres immer mehr der realen an.“

Niels Boeing entwirft ein Szenario, was passieren könnte, wenn die zweite Internet-Blase platzt, und die Menschen die Netzkommunikation stattdessen für ihre wirklichen Bedürfnisse nutzen.

„Die Aufgabe besteht meines Erachtens darin, Demokratie und Rechtsstaat nicht nur zu verteidigen, sondern auszubauen, während gleichzeitig das absolutistische kapitalistische Wirtschaftssystems überwunden werden muss. Wollen wir zu einem demokratischen und sozialen Europa kommen, muss der Neoliberalismus durch eine Wirtschaftsdemokratie ersetzt werden.“

Und schließlich Daniela Dahn mit der Frage nach einem besseren Gesellschaftssystem.

Drei Frankfurter Journalisten haben eine (TV-)Programmzeitschrift entwickelt, die anders sein soll als die Blätter, die stapelweise an jedem Kiosk und in jedem Supermarktregal ausliegen. Keine tief dekolletierten Schauspielerinnen vor blauem Photoshop-Hintergrund, keine Sterne und Daumen und vor allem keine über acht, zehn oder zwölf Seiten dahin mäandernden Komplettübersichten über das tägliche TV-Angebot. Stattdessen eine bewusst getroffene Auswahl auf qualitativ hochwertige Sendungen. Plus Rubriken zu weiteren Kultursparten wie Kino, Radio, Theater und Kunst. Praktisch ein TV-Magazin für Leute, die auch lieber „11 Freunde“ lesen als den „Kicker“, lieber „brand eins“ als die „Wirtschaftswoche“, wie die taz (so ähnlich) schreibt.

Klingt erst einmal gut, dieses Konzept für „Programm – Magazin für Fernsehen und Kultur“. Beim näheren Hinsehen finden sich aber einige große Haken, die das Ganze mMn nicht funktionieren lassen:

1. Die Auswahl – „Sehenswertes ist hervorgehoben, der Rest bleibt auf das Nötigste beschränkt. So hat Arte mehr Platz als Vox, Sender wie RTL II sind erst gar nicht aufgeführt. Falls sich in deren Programme doch mal ein Zufallstreffer befindet, wird dieser in dem Kasten „Und sonst“ genannt. “ Die Erfahrung zeigt, dass solche Auswahlen bisher nie von den Lesern akzeptiert wurden: Die taz hat das mal versucht, statt einem TV-Programm nur noch einige Tagestipps zu drucken und musste nach wenigen Tagen wegen massiver Leserproteste zurück rudern, ebenso versuchte der Düsseldorfer „Überblick“ mal Ende der 90er, den umfangreichen Veranstaltungskalender durch ein kleines Heftchen mit Tagestipps zu ersetzen – mit dem gleichen Ergebnis. (Die FAZ hat glaube ich gerade erst ihr TV-Programm durch eine Auswahl ersetzt, allerdings aus finanziellen Gründen.) Fazit: Leser lassen sich nicht gerne vorschreiben, was sie zu interessieren hat. Sie wollen ihre Auswahl selbst treffen. Bei Veranstaltungstipps bin ich der Meinung, dass eine Auswahl da inzwischen funktionieren könnte, da die meisten Menschen sich da mittlerweile eh im Internet informieren. Aber wer stellt sich sein TV-Programm schon auf den Websites der Sender oder der TV-Magazine zusammen? Nein, da will man schnell mal in eine Zeitschrift schauen und dann auf einen Blick wissen, was so läuft. Im Übrigen ist dieser elitäre Ansatz Quatsch. Wieso wird RTL II ignoriert? Gerade da laufen doch – neben dem ganzen eigenproduzierten Trash – einige der besten und bei gebildeten Zuschauern beliebtesten Serien (BSG, Rom, Dead like me, Californication, Dexter, früher auch 24). Während bei arte auch viel uninteressantes Gedöns läuft. So kann man jedenfalls keine qualitativ begründete Auswahl treffen. Wer wirklich nur arte guckt, kann sich ja das arte-Magazin kaufen, dafür braucht er keine neue Zeitschrift.

2. Das Radioprogramm – Ist erstmal eine super Idee, aber warum gibt es hier nur Tipps und überhaupt keine Programmübersicht? Im Gegensatz zum TV könnte man hier wirklich eine Auswahl nach Sendern treffen. Ob die Sendestrecken bei ffn und Radio NRW „Stefan am Morgen“ heißen oder „Hallo Wach“, interessiert die Zielgruppe wirklich nicht. Aber die Programme der wichtigsten Kultur- und Infosender wie DLF, DKultur, WDR 5 oder Bayern2 sollte man dann doch bitte komplett abdrucken, damit jeder seine eigene Auswahl an Reportagen, Hörspielen oder Musikspecials treffen kann. Wenn sich das auf einige wenige Tipps pro Tag beschränken soll wie in dem „Programm“-Dummy, ist man mit dem ausführlichen Radioprogramm in der „Hörzu“ (oder mit „Dampfradio“, Deutschlands einziger Radiozeitschrift) besser bedient.

3. Der Kulturteil – „Gleichzeitig gibt es zwar für alle kulturellen Sparten zahlreiche Special-Interest-Magazine, aber kein Kulturmagazin, das über das ganze kulturelle Geschehen auf dem Laufenden hält. “ – Das ist natürlich eine gewagte Aussage. Kulturmagazine gibt es ja wirklich genügend. Was ist denn  „Galore“ anderes als ein Kulturmagazin? Dann der „Kultur-Spiegel“, von den ganzen Gratis-Magazinen und Stadtillustrierten ganz zu schweigen. Auch der „Prinz“ ist ja nichts anderes als ein (weitgehend überregionales) Kulturmagazin. Hat wirklich jemand auf ein weiteres Magazin gewartet, das über neue Kinofilme, Theaterstücke und Kunstausstellungen berichtet? Dafür liest man normalerweise ein Feuilleton.

Mein Fazit: Die Idee ist gut, in dieser Form wirkt das Konzept aber wenig ansprechend. Mit dem Feuilleton der SZ, das auch ein komplettes TV-Programm sowie das Programm von WDR 5, DLF und Deutschlandradio enthält, bin ich da besser bedient.

Lesetipp: Wie die Bahn systematisch kaputt gemacht wird

Veröffentlicht: 6. März 2009 in Lesetipp
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Seine Filmkritiken finde ich meist fürchterlich borniert, aber eines muss man Georg Seeßlen lassen: Schreiben kann er, wenn er will. Seine Analyse zum Niedergang der Bahn(reisekultur) in Deutschland ist nicht nur inhaltlich brilliant, sondern enthält auch hervorragende Formulierungen. Beispiele:

„Wie kaputt der Kapitalismus dieser Tage ist, erkennt man am Zustand seiner Kommunikationssysteme, der Post, der Telekommunikation, … der Polizei, die allerorts durch private Wachdienste mit einem, sagen wir, eigenwilligen Auftreten ersetzt und ergänzt wird.“

„Die Krankheit unserer Bahn ist die Krankheit der schröderistischen Umgestaltung der Sozialdemokratie im Besonderen und der neoliberalen Wirtschaftsethik im Allgemeinen.“

Mit fünfwöchiger Verspätung habe ich es jetzt doch noch geschafft, mir den „Rolling Stone“ von letztem Monat zu kaufen, A&O Medien, einem der letzten kleinen Plattengeschäfte in Düsseldorf sei Dank, die schicken alte Musikzeitschriften nämlich nicht an den Vertrieb zurück, sondern lassen die einfach weiter in ihren Regalen. Und ich muss sagen, ein wunderbares Heft: Zwei herausragende Geschichten, eine über den aussichtslosen Krieg der Amerikaner in Afghanisten, eine über die wechselvolle wie beeindruckende Geschichte des Plattenlabels Motown, nach der man gleich Lust bekommt, auf die Suche nach Songs der Künstler zu gehen.

Hier hat man noch Raum für lange (und gut geschriebene)  Geschichten. Die Motown-Story mäandert inklusive Kästen und Diskographie über 15 Seiten dahin (ohne jemals langweilig zu werden), für „Die 100 besten Sänger aller Zeiten“ hat man gar 30 Seiten frei geräumt. Dazu kommen schöne kürzere Artikel wie ein Morrissey-Interview, und Benjamin von Stuckrad-Barre darf in einer neuen Kolumne beweisen, wie gut und witzig er eigentlich schreiben kann (Beim RS hat er ja seinerzeit auch angefangen, vor seinem Ruhm als Schriftsteller). Und als Extra noch eine CD mit zehn Raritäten des Soul aus den späten 60er/frühen 70er Jahren – was will man von einem Musikmagazin mehr.

Viele kritisieren ja am RS immer wieder, dass die auch politische oder ähnlich „themenfremde“ Reportagen bringen. Mir gefiel hingegen genau das am Konzept immer gut: Dass man sich nicht als reines Musik-, noch nicht einmal als reines Popkultur-Magazin versteht, sondern immer auch über den Tellerrand hinaus blickt, Politik als Teil der Gegenkultur und Pop als Teil der Gesellschaft sieht. Solange die entsprechenden Artikel so außergewöhnlich spannend sind wie Nir Rosens Reportage „Der verlorene Sieg“ über die Dominanz der Taliban (denen er beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre), braucht sich der RS auch mit diesen Themen nicht vor „seriösen“ Nachrichtenmagazinen zu verstecken.

Fragt man sich, wenn man mal auf der Homepage der US-Mutter vorbeischaut. Oder im Laden die UK-Ausgabe durchblättert (die zu einem großen Teil aus Übernahmen der US-Ausgabe zu bestehen scheint, während letztere in Deutschland gar nicht erhältlich zu sein scheint). Hat man sich einmal durch die Dutzende von Doppelseiten mit Hochglanzwerbung gekämpft (ich glaube, der erste richtige Artikel begann auf Seite 60 oder so – unglaublich), findet man dort nicht nur Fotoserien von u.a. Annie Leibowitz über die Obamas und die kongenialen Partnerschaften zwischen Schauspielern und ihren Regisseuren, sondern auch laaange Artikel über Hollywood & Co., u.a. über die Entstehungsgeschichte von Coppolas „Der Pate“. Und Artikel über die Finanzkrise. Und was gab es in der deutschen VF? Heike Makatsch auf dem Titel und Reportagen über Knut, den Eisbären. Das sagt eigentlich schon alles. Da ich aber auch nicht 11 Euro irgendwas für die importierte britische VF ausgeben möchte, stellt sich weiterhin die Frage: Wer macht sowas auf deutsch?

Kaum ist das „blond“-Magazin eingestellt, liegt schon eine neue Zeitschrift des Blond-Verlags in den Regalen. Das heißt originellerweise „blonde“, was wohl Kontinuität und Neuanfang gleichzeitig symbolisieren soll. Anders als die alte „blond“ ist „blonde“ in erster Linie ein Modemagazin. Und damit für mich schon mal uninteressant. (LIEBLING ist ja auch zu einem großen Teil eine Modezeitschrift, aber da gibt es halt noch so viel Anderes zu entdecken.)

Und dann gibt es nach „Missy“ (dessen zweite Ausgabe ebenfalls seit ein paar Tagen erhältlich ist) schon wieder ein neues Popkulturmagazin: „Blank“ wird von den ehemaligen Redakteuren der „Face“ gemacht. Die wurde schon nach drei Nummern wieder eingestellt, weil es Streit zwischen Redaktion und Verleger gab.  Jetzt also ein Magazin mit den Untertiteln „Face your magazine“ und „Gesellschaft, Diskurs, Disco“. Wobei ich letzteres im Gegensatz zu andreaffm schon wieder witzig finde. Das Heft selbst habe ich gestern nirgendwo in Düsseldorf gefunden, hätte doch gerne mal rein geguckt. Wie sich neue Zeitschriften etablieren wollen, die absolut nirgends erhältlich sind, ist mir rätselhaft. Es hat sicher nicht jeder soviel Motivation wie ich, fünf verschiedene Bahnhofs- und Großbuchhandlungen abzuklappern, wenn er von einer neuen Zeitschrift hört.

Andreaffm findet harte Worte für das neue Heft, an dem sie kaum ein gutes Haar lässt:  Es biete eine Mischung aus „Indie-Obskurantismus und strukturellem Analphabetentum“. Außerdem wirft sie dem Verfasser des Editorials vor, ein abgebrochenes Soziologiestudium kompensieren zu wollen, weil er Wörter wie Enkulturation verwendet. Tja, das ist ja eh ein altes Problem der Popkultur-Magazine. Das mit dem Soziologiestudium denkt man ja auch beim Lesen der „Intro“ (die ich ansonsten ganz gerne mag) öfter. Mir gibt mehr zu denken, dass mich von den angekündigten Themen der Debütausgabe von „Blank“ erst mal gar nichts interessiert. Naja, vielleicht sehe ich das Heft ja noch mal irgendwo im Laden.

(Links zu „Blank“ via)

Zum Jahresende 2008 stellte der RBB sein Programm Radio Multikulti ein, um sein Haushaltsdefizit auszugleichen. Alle Proteste von Hörern, Mitarbeitern, Politikern und Migrantenvertretern halfen nichts. Oder vielleicht doch, denn schon in der Silvesternacht startete ein Nachfolgeprojekt im Internet. Einige Mitarbeiter wollten nicht kapitulieren und gründeten einen Verein, um mit Radio Multicult 2.0 die entstandene Lücke zu füllen, unabhängig vom RBB und als reines Webradio.

Letzte Woche habe ich mal reingehört, und zwar in die Mittagssendung, die neuerdings auch live gesendet wird. Ich kann ja nicht so viel mit Weltmusik anfangen, aber wollte doch mal hören, was die denn da im Internet veranstalten. Kurz gesagt: ein technisch noch nicht perfektes, aber größtenteils professionelles Musik- und Informationsradio mit den Themenschwerpunkten Migration und „ausländische“ Kulturen. Und einem Fokus auf lokalen bzw. regionalen Ereignissen in Berlin und Brandenburg. Das ist laut Homepage auch der eigene Anspruch: ein Webradio für diese Region zu sein.

Da fragte ich mich gleich, ob das nicht im Grunde ein Widerspruch ist: ein reines Webradio, dass sich als regionaler Sender versteht. Wo das Internet doch gerade ermöglicht, ein potentiell weltweites Publikum anzusprechen. Eine schwierige Frage, die mich schon länger beschäftigt. Bis vor drei Jahren habe ich selbst bei einem Campusradio mitgemacht, dass keine Lizenz hatte und deshalb nur im Internet senden konnte. Da es ein Uniradio war, wollten wir aber schwerpunktmäßig berichten, was die Studenten an eben dieser einen Uni interessierte. Macht das Sinn?

Ich kann die Frage nicht wirklich beantworten. Wahrscheinlich könnte man mehr Hörer ansprechen, wenn man den Fokus nicht schon vorher selbst verengen würde. Wie gesagt: Ich fand die Sendung bei Multicult durchaus interessant und die Musikauswahl ansprechend, aber da ich nicht in Berlin wohne, sinkt meine Motivation, da regelmäßig reinzuschalten. Was vielleicht anders wäre, wenn da auch verstärkt Themen aus NRW oder von bundesweiter Bedeutung vorkämen.

Gerade ein Multikulti-Integrationsradio müsste ja eigentlich einen Ansatz haben, der über enge geographische Grenzen hinausblickt. So stellt sich mir ein wenig die Frage, wen man eigentlich mit dem neuen Angebot ansprechen will. Klar, die ehemaligen Stammhörer von Radio Multikulti. Aber haben die alle Zeit, tagsüber am Rechner zu sitzen? Noch hört halt (fast) niemand im Auto oder in der Küche Internetradio. Stattdessen könnte man all die Freiberufler und Studenten ansprechen, die sich selbst längst eher in globalen als in lokalen Zusammenhängen bewegen, und die in Düsseldorf oder Hamburg, in München oder Wien vor ihren PCs sitzen und eh den ganzen Tag mit ihrer DSL-Leitung verbunden sind. Oder, warum nicht, wenn man schon in einer Vielzahl verschiedener Sprachen sendet, auch Zuhörer in Italien, Spanien und der Türkei.

Die Annahme, die Türken in Kreuzberg würden massenhaft solch ein gemischtsprachiges Programm hören wollen, ist ja eh ein Trugschluss: Die alt gewordenen Einwanderer hören lieber rein türkischsprachige Sender und interessieren sich meist nicht für italienische Chansons oder afrikanische Folklore , und die zweite und dritte Generation hört überwiegend das gleiche wie ihre Altersgenossen ohne Migrationsgeschichte. Programme wie Multikulti oder Funkhaus Europa sprechen eher eine kleine Zielgruppe gebildeter Kosmopoliten an, die im Urlaub nach La Gomera reisen und nach dem Einkauf beim türkischen Obsthändler beim Inder essen gehen (jetzt mal etwas schablonenhaft formuliert). Und die sind in allen großstädtischen Millieus zu finden, nicht nur in Berlin. Warum also nicht gezielt diese Menschen ansprechen, und zwar bundes- und europaweit, wenn man schon nicht mehr auf terrestrische Frequenzen angewiesen ist?