Die Raubkopierer und der Untergang des Abendlandes

Veröffentlicht: 3. April 2009 in Allgemeines
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Glaubt man dem Konzertveranstalter Marek Lieberberg, sind die Raubkopierer und Internet-Downloader Schuld am bevorstehenden Untergang des Abendlandes. In einem Gastbeitrag in der letzten SZ-Wochenendbeilage (leider nicht online gefunden) schlug er auf so ziemlich alles ein, was mit dem Internet zu tun hat: von den illegalen Film- und Musiksaugern über den „Perlentaucher“, der angeblich das Urheberrecht breche, in dem er „die gesamte feuilletonistische Print-Tagesausbeute auf den Markt [werfe], natürlich kostenlos“ bis zu den Bloggern („einfältigen Laien .., weil jeder Narr einen Blog oder ein Video ins Netz stellen kann„). „Wenn man diesem Wahnsinn nicht Einhalt gebietet, werden Reflexionen von Web-Zombies Filme, Musik und Bücher ablösen.“

Mal abgesehen davon, dass Lieberbergs Vorwürfe teilweise einfach inhaltlich falsch sind (Soweit ich weiß, weist der „Perlentaucher“ ja nur auf Feuilleton-Artikel hin und zitiert kurz aus diesen, packt aber nicht die gesamten Artikel auf seine Webseite, wie Lieberberg unterstellt.), spricht aus seinen Zeilen auch ein sehr merkwürdiges Demokratieverständnis. Blogger sind alle einfältig und Narren, Journalisten und Musiker aber immer hoch intellektuelle „Dichter und Denker“. Selbst wenn es so wäre: Wieso sollen sich Laien und Narren nicht öffentlich äußern dürfen? Es zwingt ihn und uns ja niemand, das auch zu lesen. Nach Lieberbergs Argumentation müsste man auch das allgemeine Wahlrecht abschaffen, denn zu 95 Prozent besteht das Volk ja aus politischen Laien, und „einfältige Narren“ sind bestimmt auch reichlich darunter, wenn ich mal so nach den Gesprächen in der Straßenbahn urteile (oder den „Doku-Soaps“ auf RTL II).

Dann bringt Lieberberg natürlich noch das Standard-Argument gegen Raubkopierer: „Millionen potentieller Zuschauer gehen nicht mehr bis zur Kinokasse, wenn sie einen neuen Film sehen wollen.“ Das ist schlicht und einfach Quatsch. Ich sehe das genauso wie der Wortvogel, der einen lesenswerten Artikel zum Thema Raubkopien geschrieben hat (in seinem Blog! Gebenedeitseistdu!): Ich glaube einfach nicht, dass weniger Leute ins Kino gehen, weil es Raubkopien und Bittorrent gibt. Leute, die gerne ins Kino gehen, tun das auch weiterhin, wenn ein Film läuft, der sie wirklich interessiert. Sonst wären Filme wie Star Wars Ep. I-III im Kino völlig gefloppt. Daneben schaut man sich dann vielleicht den ein oder anderen Film illegal aus dem Netz an. Den man sich aber in den meisten Fällen nie im Kino angesehen oder als DVD geholt hätte, wenn man diese Möglichkeit nicht gehabt hätte. Stattdessen hätte man dann eher gewartet, bis dieser im TV gelaufen wäre. Und die Kids, die sich massenhaft Filme und Musik auf ihren Rechner saugen, ohne dass sie sich das alles jemals ansehen oder -hören könnten, haben weder das Geld noch das Interesse, sich all diese Sachen stattdessen zu kaufen. Für sie ist das eher ein Sport, ein Wettbewerb mit ihren Kumpels, wer die meisten (und neuesten) Sachen hat (Ähnlich, wie zu meiner Schulzeit damit angegeben wurde, wer wie viele C64-Spiele kopiert hat. Gespielt hat man dann doch nur die paar, die einem wirklich gefallen haben.). Der Industrie gehen dadurch also kaum Einnahmen verloren.

Statt über Kopierschutz und Strafverfolgung sollte „die Industrie“ endlich mal anfangen, über eine Anpassung ihrer Preise an die Nachfrage und die zeitgemäßen technischen Vertriebswege nachzudenken. Solange eine neue CD 17 bis 19 Euro kostet (für 45 bis 60 Minuten Musik) und eine neue DVD 15 bis 20 Euro, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn Schüler und Studenten kaum noch ihre Produkte kaufen. Wenn man sich bei iTunes nur irgendwelche alten „Grey’s Anatomy“-Folgen, die schon längst im deutschen Free-TV liefen, für mehrere Euro herunterladen kann, während man über Bittorrent die neueste Folge einer beliebigen US-Serie spätestens einen Tag nach der US-Erstausstrahlung kostenlos bekommt, fällt den meisten Serienfans die Entscheidung wirklich einfach. Was die ganze leidige Download-Debatte angeht, gibt es im Grunde nur eine sinnvolle (und praktikable) Lösung: die Einführung einer Download-Pauschale durch die Internet-Provider. Jeder DSL-Kunde müsste dann einige Euro pro Monat zusätzlich an seinen Anbieter zahlen, die dann, ähnlich wie die GEMA es bei den Radiosendern macht, an die Rechteinhaber verteilt werden, also an Musiker, Songschreiber, Filmemacher, Autoren und Produktionsfirmen. Dafür könnte sich dann jeder Internetnutzer beliebig viele Filme, Serien, Musikstücke und Bücher herunterladen. Kulturschaffende könnten weiterhin von ihrer kreativen Arbeit leben und ihre Kunst wäre endlich frei und legal überall verfügbar. Was spricht eigentlich gegen dieses Modell? Doch wohl nur die Scheuklappen der Medienindustrie, die sich an ihre alten Geschäftsmodelle und Ton-/Bildträger klammert wie ein Schiffbrüchiger an ein Stück Holz. Während sie vom bösen, bösen Internet-Strom hinweggespült wird.

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Kommentare
  1. olsen sagt:

    Gegen dieses Modell spricht, dass es massenhaft Internet-User gibt, die sich absolut gar nichts herunterladen und das Netz lediglich als Informationsressource benutzen. Die würdest du quasi mit in Sippenhaft nehmen. Ich würde auch nicht für etwas zahlen wollen, das ich gar nicht in Anspruch nehme.

  2. Medienjunkie sagt:

    Tja, das wäre dann halt wie bei der ominösen GEZ-Gebühr für „neuartige Empfangsgeräte“, die man auch zahlen muss, wenn man nie Radio über den PC hört. Wobei der Anteil dieser Menschen wahrscheinlich höher ist als der derjenigen, die sich nie etwas aus dem Internet herunterladen (würden), wenn es denn legal wäre. Was wäre denn ein alternatives Einnahmemodell für die Künstler?

  3. olsen sagt:

    Bei der GEZ habe ich immerhin noch die Wahl, sie einfach nicht zu bezahlen. Ein alternatives Einnahmemodell für Künstler habe ich auch nicht zu bieten. Du gehst nicht ernsthaft davon aus, dass bei einer solchen Gebühr irgendwas davon bei den Musikern oder Filmemachern ankommt, oder?

  4. Medienjunkie sagt:

    Tja, habe keine Ahnung, wieviel von den GEMA-Gebühren z.B. die Komponisten bekommen. Aber die GEMA gehört eh reformiert. Ein Behördendinosaurier von vorgestern, der nicht verstanden hat, dass Musiker davon profitieren können, wenn sich ihre Songs im Internet verbreiten.
    Ansonsten würde ich sagen: Lieber geringe Einnahmen als gar keine, denn ob sich der CD-Verkauf in zehn Jahren überhaupt noch lohnen wird, ist doch eher zweifelhaft.

  5. faulit sagt:

    Ich sage wieder, was ich gerne sage, wenn es um dieses Thema geht: Oft entdeckt man über derartiges illegales Herunterladen erst KAUFBARE PRODUKTE, die man dann haben möchte und auch kauft. Bei mir schon öfters passiert. Zuerst das „illegal heruntergeladene“ Musikstück, und wenn überzeugend, dann das echte Album aus nem Laden. Wirkliche Musikfans – also, wirklich Kunden der Musikindustrie – kaufen sowieso weiterhin CDs und sogar Schallplatten (obwohl alte Technologie und vermutlich viele mit Einführung der CD das Ende der Schallplatte befürchteten).

    Ich glaube, gute Musik und gute Filme werden immer ihre Käufer finden. Und schlechte Musik und schlechte Filme ihre „Diebe“. Oder anders gesagt: Warum soll in einer halbwegs freien Marktwirtschaft der Kunde dazu gezwungen werden für ein Produkt, dass er eigentlich gar nicht richtig will, zu bezahlen? Sollten Produkte nicht so attraktiv gestaltet werden, dass man sie sich kaufen will?

    Kulturflatrate ist übrigens scheiße. Merchkram, echte CD-Verkäufe und Konzerte sollten inzwischen genug Geld in Künstlerkassen spülen.

  6. faulit sagt:

    Das bei kleinen Bands nichts hängen bleibt ist mehr oder minder unsinn. Weil bereits VOR dem Internet bei kleinen Bands kaum was hängen blieb. Dank Internet ist es jedoch für die kleinen einfacher geworden, groß zu werden. Denke ich. Und, nun ja, Qualität setzt sich durch. (Würden kleine Bands von einer Download-Flatrate profitieren?)

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