Digitale Tagelöhner und Maschinenstürmerei: Dietmar Daths Essay „Maschinenwinter“

Veröffentlicht: 8. April 2009 in Bücher
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Ein Problem unserer Zeit ist es, dass kaum noch jemand bereit ist, das Große Ganze zu denken. Jeder wurstelt in seinem eigenen Kleinklein herum, die Einen versuchen, Twitter zu einer neuen Kommunikationsform zu entwickeln, die den Journalismus revolutionieren soll, die Anderen  überlegen, wie sie sich irgendwie durch die Krise wursteln können, ohne ihren Status und ihr sauer Erspartes zu verlieren. Das Schöne an den späten 60ern und frühen 70ern war ja, dass damals junge Intellektuelle noch die Gesellschaft mit im Blick hatten. Klar, auch damals hatte jeder seine Liebeleien, interessierte sich für bestimmte Platten, Bücher oder Filme, setzte Kinder in die Welt oder eben nicht. Aber das hinderte niemanden daran, für eine andere, bessere Gesellschaft zu kämpfen, und sei es nur, dass man das Private für politisch erklärte und bei der Erziehung seines eigenen Kindes mit der Veränderung der Gesellschaft anfing.

Einer, der sich nicht scheut, an das Große Ganze zu denken, ist der ehemalige FAZ-Redakteur und Schriftsteller Dietmar Dath, einer der Letzten, die sich noch trauen, sich als Sozialist zu bekennen. In seinem Essay „Maschinenwinter“ verknüpft er marxsche Gesellschaftsanalyse mit Science Fiction, Kapitalismuskritik mit der Frage, wozu Computer wirklich von Nutzen sein könnten. Von Nutzen nicht für den Einzelnen oder zur Gewinnmaximierung irgendwelcher Unternehmen wohlgemerkt, sondern zum Nutzen für die Gesamtgesellschaft. Die Maschine, die hochentwickelte zumal, ist nämlich für Darth erst die Voraussetzung dafür, dass die Menschheit sich endlich aus den Zwängen der Arbeitsgesellschaft befreien und zu einer wirklich freien Spezies werden könnte. Was dem noch im Wege steht, sind dummerweise die Interessen der Herrschenden. Und damit meint er nicht die Regierungen, sondern die Kapitalbesitzer.

Die Alternative zum Kapitalismus ist für Dath kurz gesagt die vom Computer berechnete, demokratisch legitimierte und kontrollierte Planwirtschaft. Er versucht zu argumentieren, warum ein solches Wirtschaftssystem den Interessen der Gesellschaft besser entspräche als eine auf Angebot und Nachfrage basierende Marktwirtschaft, die doch angeblich das  Wirtschaftssystem ist, das den Kampf der Systeme überlebt hat und somit alternativlos sein soll. Zwar klingt Daths Argumentation manchmal arg technokratisch, aber ihm gebührt zunächst einmal Respekt dafür, das Undenkbare überhaupt nicht nur zu denken, sondern auch noch auszuformulieren.

Dabei macht er es dem Leser nicht immer einfach, wenn er mit verschiedensten philosophischen und historischen Ansätzen hantiert und mit Wörtern wie „irreduzibel“. Immer wieder gelingen ihm aber bemerkenswert formulierte Sätze:

„Die Sklaven in Brasilien … unterscheiden sich nur auf den ersten, unscharfen Blick unüberbrückbar von den Edeltagelöhnern der digitalen Boheme in Berlin. Zwar sind die Beschäftigungsverhältnisse grundverschieden, die Brasilianer an ihr Lager gefesselt, die Berliner womöglich lebenslang ohne Festanstellung vogelfrei. Aber beide befinden sich in der Lage, in der sie stecken, weil sie keinen Anteil daran haben, zu entscheiden, was und wie in den Gesellschaften produziert wird, in denen sie leben…viele Formen, ein einziger Fluch – die Klassengesellschaft.“

Die Verfechter der Digitalen Bohéme, Lobo & Co., muss ich übrigens mal verteidigen. Ihnen wird ja öfter vorgeworfen, sie würden mit ihrem Lebens- und Arbeitsmodell dem Neoliberalismus in die Hände spielen, denn der Arbeitgeber freue sich, wenn seine Beschäftigten gar keine Festanstellung mehr anstrebten, sondern sich auch damit zufrieden geben, ohne soziale Sicherung als Tagelöhner Inhalte anzuliefern. Hier übersieht man mMn, dass die Thesen von Lobo & Co. ja erst als Reaktion auf den sich verändernden Arbeitsmarkt entstanden sind. Sie fordern ja keinen Angestellten auf, seinen Job zu kündigen, um sich mit einem Laptop ins Straßencafé zu setzen und Auftragsangebote zu verschicken. Sondern sie wollen eine Alternative aufzeigen für die „Geistesarbeiter“, die eh schon längst durchs Rost der verschwindenden Industriegesellschaft gefallen sind, und fordern diese auf, statt von Praktikum zu Praktikum zu hecheln, in der verzweifelten Hoffnung, dadurch doch irgendwann einmal eine Festanstellung  zu ergattern, ihr eigenes Ding durchzuziehen. Das muss ja dann nicht heißen, dass man sich in seiner eigenen kleinen Nische einrichtet, und das Gesamte außen vorlässt. Sich in seiner Nische selbst zu verwirklichen und gleichzeitig für gesellschaftliche Veränderungen zu streiten, muss ja kein Widerspruch sein. So wie man auch 68 auf Rockkonzerten seinen Spaß haben und gleichzeitig gegen Vietnam demonstrieren konnte. Dath geht es hier darum, dass diese „Geistesarbeiter“ zunächst einmal erkennen, dass sich ihre Interessen nicht grundsätzlich von denen der Lohnbeschäftigten unterscheiden. Oder wie mein alter VWL-Lehrer schon sagte: „Man muss wissen, auf welcher Seite man steht.“

Mit Darwin argumentiert Dath, alles Wirkliche sei sterblich, was danach komme, könne der Mensch aber selbst beeinflussen: ein wirklich demokratisches Wirtschaftssystem oder „zwei neue Spezies, wie die Morlocks und die Eloi bei H.G. Wells – Herren und Knechte“.

„Herren und Knechte sind beide etwas anderes als Menschen, moralisch gesprochen: weniger. Das Argument genügt als Grund, sie abschaffen zu wollen. Die Menschen haben zugelassen, daß die Maschinen, die ihnen zu dieser Abschaffung verhelfen könnten, zu Naturwesen werden, deren Früchte man nicht mehr ernten kann, weil sie keine mehr hervorbringen… Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit die sich revanchieren können.“

Genau das richtige Buch zur Krise, aber eines, dessen Lösungsansatz auch der „Linken“ nicht gefallen würde.

Dietmar Dath: „Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift.“ Suhrkamp (Edition Unseld), 133 S., 10 €

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