Die FAZ und ihre Knebelverträge

Veröffentlicht: 10. April 2009 in Aus der Praxis, Journalismus, Online, Print
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Der Fall des Autors Thomas Hürlimann, aus dessen FAZ-Artikel der „Perlentaucher“ zitierte, hat eine Diskussion über die Verträge ausgelöst, die die FAZ ihren freien Mitarbeitern aufnötigt. Die Zeitung hatte dem Web-Portal eine Rechnung über 590 Euro geschickt, weil sie ihr Copyright wegen des Zitats verletzt sah. Daraufhin meldete sich der Autor des Artikels, eben jener Hürlimann, zu Wort, und meinte, das Copyright für seinen Artikel läge ja wohl nach wie vor bei ihm, insofern könne der „Perlentaucher“ ruhig daraus zitieren. Dann fiel dem Autor aber wieder ein, dass er 2004 einen Rahmenvertrag mit der FAZ unterschrieben hatte, der sämtliche Rechte an den für sie geschriebenen Texten an den Zeitungsverlag abtritt.

Zufälligerweise dürfte das der gleiche Vertrag sein, den ich auch mal unterschrieben habe, bevor ich als studentischer Mitarbeiter bei der Internetredaktion jener Zeitung anfing. Wolfram Schütte nennt diesen einen Knebelvertrag – zu Recht. Räumt er doch dem Verlag das „ausschließliche zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkte“ Recht ein, die Artikel weiterzuverwenden, also etwa online zu veröffentlichen oder an Dritte weiter zu verkaufen. Mit anderen Worten heißt das, dass der Autor seinen eigenen Text nicht mal mehr an andere Zeitungen oder Online-Seiten weiter verkaufen kann, ohne den Verlag vorher um Erlaubnis zu fragen. Er hat nämlich schlicht und ergreifend alle Rechte an seinem eigenen geistigen Eigentum verloren. Die FAZ zeigt sich in dem Vertrag aber großzügig: „die dafür nötigen Nutzungsrechte werden wir Ihnen gerne einräumen, soweit dies die Verwertung der vorstehend eingeräumten exklusiven Nutzungsrechte nicht unbillig behindert“. Ob das der Fall ist oder nicht, entscheidet dann wohl der Verlag. Oder ein Gericht. Jedenfalls nicht der Autor, vermute ich mal sehr stark.

Ich hatte damals kein Problem, diesen Vertrag zu unterschreiben – obwohl mir diese unverhältnismäßige Rechteübertragung aufgefallen ist -, weil ich in dem Job sowieso keine eigenen Artikel schreiben sollte. Als Freier, der  Artikel zu überregionalen Themen schreibt, ist so ein Vertrag aber schlicht und ergreifend unzumutbar.

Der FAZ-Vertrag stellt sicher einen Extremfall dar, aber dass man als Freier dem Verlag das Recht zur Verbreitung seiner Artikel im Internet, in Datenbanken, Archiven etc. sowie zur Übertragung der Nutzungsrechte an Dritte automatisch erteilt, ohne im Einzelfall überhaupt noch gefragt zu werden und ohne einen zusätzlichen Cent dafür zu erhalten, ist eigentlich bei Zeitungen allgemeine Praxis. Wenn man dann seine eigenen AGB mitschickt, eben um ein solches Exklusivrecht auszuschließen, bekommt man von gut bezahlten fest angestellten Redakteuren mitgeteilt, das wäre doch eine Unverschämtheit, wenn man mit einer renommierten Zeitung wie ihrer ins Geschäft kommen möchte. Das ist halt die Klassengesellschaft im Journalismus. Wer eh schon keine Arbeitsrechte hat, braucht ja auch keine Urheberrechte mehr. Eine Wahl wird dem freien Mitarbeiter in der Regel gar nicht erst gegeben: Es stehen ja genügend andere Schlange, die sicher gerne bereit sind, zu deren Bedingungen für die angesehene Zeitung zu schreiben. Friss oder stirb.

Hier kann man nur Wolfram Schütte Recht geben: „Solange die Autoren sich nicht als Unternehmer in eigener Sache verstehen, also als Kapitalisten, und sich nicht weiterhin wie rekrutiertes Lumpenproletariat verhalten – solange ist nicht auszuschließen, dass die FAZ auch künftig ihre Leichte Kavallerie aus- & ins verhasste Perlentaucher-Reservat einrücken lässt.“

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