Braucht man Millionen für ein alternatives Print-Magazin?

Veröffentlicht: 5. Juni 2009 in Print
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Im aktuellen „journalist“ findet sich ein längerer Artikel über das TV-Magazin-Projekt „Programm„, über das ich schon einmal geschrieben hatte. Die Erfinder desselben zeigen sich darin sehr frustriert, weil sie unter all den Verlagen, die sie angesprochen haben, niemanden fanden, der ihre alternative Fernseh- und Kultur-Programmzeitschrift finanzieren wollte. Und ohne Geldgeber sei das angeblich nicht möglich. Irgendwie ist da immer die Rede von Investitionskosten im Millionenbereich.

Dass das für Projekte von Großverlagen wie Bauer, Burda und Springer so ist, ist klar. Ohne Marktforschung und Marketing-Großoffensive bringen die ja gar keine neue Zeitschrift auf den Markt. Aber bei einem Magazin, das sich von Anfang an nur an eine überschaubare Zielgruppe von vielleicht 40.000 Leuten richten soll, eher an weniger? Wie schaffen es denn vergleichbare Minderheitenmagazine wie DUMMY oder „Cargo“, ihre Hefte zu drucken und zu vertreiben? Hinter denen stecken ja auch keine finanzkräftigen Großverlage, sondern GbRs. Beide sehen nicht nur professionell, sondern sogar sehr stylish aus und scheren sich wenig bis gar nicht um Marktkonformismus. (Die Themen in „Cargo“, dessen zweite Ausgabe gerade erschienen ist, sind selbst mir als Cinephilem etwas zu elitär; der gemeine Kinogänger dürfte sich da eher gar nicht angesprochen fühlen.) DUMMY z.B. hat sich ja durchaus am Markt etabliert, ebenso wie „brand eins“, „11 Freunde“ etc. Alles Zeitschriften, die für ihr Marktsegment sehr ungewöhnlich sind, sich an eine eher kleine Zielgruppe von anspruchsvolleren Lesern wenden, auch eher im oberen Preissegment angesiedelt sind. Und die es ohne großen Werbeetat geschafft haben, eine treue Leserschaft aufzubauen. Warum soll das bei einer alternativen Programmzeitschrift für 2 Euro 50 nicht klappen? Weil es keine anspruchsvollen TV-Zuschauer gibt? Vielleicht sollten die „Programm“-Schöpfer einfach mehr Mut aufbringen.

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Kommentare
  1. Ich finde es wirklich toll, dass Sie uns so genau im Auge behalten und freue mich sehr über diese Beobachtung und Beachtung. Danke dafür. Ich muss aber sagen, dass mich das Wort „elitär“ als Beschreibung unserer Themenwahl doch ziemlich ärgert. Nicht, weil ich glaubte, wir seien in irgendeiner Weise am Mainstream orientiert, sondern weil das Wort einen „Dünkel“ impliziert, der uns meiner Überzeugung nach fremd ist. „Cargo“ ist fraglos ein ziemlich intellektuelles Blatt – und mit Absicht. Der „Markt“ interessiert uns in der Tat nur insofern, als wir eher unbestimmt hoffen, das Wirken unsichtbarer dort waltender bzw. sichtbar ins Kiosk-Regal greifender Hände möge uns bei der Refinanzierung helfen. (Einen Mäzen nähmen wir freilich auch.)

    Aber macht uns das elitär? Wir schließen doch nicht, weil wir uns für was Besseres halten, jemanden aus oder blicken auf die, die uns nicht lesen, herab. Wir schreiben einfach über das, was wir für wichtig halten, möglichst genau, möglichst auf dem Niveau des Gegenstands selbst. Wir machen ein Heft für eine eher kleine, eher akademisch gebildete LeserInnenschicht. Wir halten unsere LeserInnen für neugierig, klug, interessiert am Film und vielem, das mit ihm in Beziehung steht. Es ist uns aber sehr wichtig, dass wir auf Augenhöhe mit den Dingen schreiben, die wir lieben, und mit den LeserInnen, die wir uns wünschen. Ich finde, darum ärgere ich mich: Das ist eher das Gegenteil von elitär.

  2. Es ist eine Gratwanderung und die Frage, was man (trotzig kontrafaktisch, oder in bestem Glauben) als bekannt voraussetzt, stellt sich natürlich. Aber nehmen wir den Situationismus: Um zu erklären, was das ist, wer Guy Debord war, bräuchte man eine halbe Seite. Die ginge vom Interview weg, aus dem alles, was man dafür wissen muss, im Prinzip sowieso hervorgeht. Dafür noch weiter die interessanten Dinge kürzen, die Assayas sagt – und zwar für etwas, das wirklich jeder, wenn er es genauer wissen will, in der Wikipedia nachlesen kann. Ist es das wert? Für uns ist da die klare Antwort: Nein.

    Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das wirklich potenzielle Leser sind, die wir durch unsere Themenwahl abschrecken. Wir wollen eigentlich genau die LeserInnen, die glücklich sind über diese ganz andere Themenwahl. Wir wollen die Zeitschrift sein, die über Dinge schreibt, über die sonst gar nicht oder viel zu wenig geschrieben wird. Glauben wir, dass Oliver Assayas einer der fünf interessantesten Regisseure seiner Generation ist? Klar. Umso schlimmer ist es doch, dass seine Filme seit einigen Jahren (war in den Neunzigern noch anders) nicht mehr in deutschen Kinos laufen.

    Es stimmt ja nicht, dass wir uns mit Unterhaltungskino nicht befassen. Es gibt einen Aufsatz zu Judd Apatow im neuen Heft, dessen Filme weltweit deutlich mehr als eine Milliarde eingespielt haben dürften. Umgekehrt ist es ja so, dass die anderen es deshalb tendenziell nicht ernst nehmen, eben weil es populär ist. Oder John Woos neuer Film: der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten, reines Unterhaltungskino (das Starsystem). Da verläuft die Grenze nicht.

    Aber in der Tat, und programmatisch: Wir wollen die Leute nicht da abholen, wo sie sind, um mal eine auch im pädagogischen Bereich fatale Formel zu zitieren. Wir machen eine Zeitschrift, die etwas anderes bietet. Die Überzeugung, dass es darin um Dinge geht, die wichtig und großartig und aufschlussreich sind – ganz unabhängig davon, wie viele Leute sie kennen. Über „Dark Knight“ oder „Terminator“ schreiben wir nicht deshalb nicht, weil sie populär sind, sondern weil wir der aufrichtigen Überzeugung sind, dass es weiß Gott Wichtigeres gibt. Auch und gerade in Hollywood. (vgl. Apatow) Nichts würden wir zum Beispiel lieber tun, als ein Interview mit Michael Mann zu führen. Zwanzig Seiten lang.

    Wir grenzen, will ich sagen, nicht aus, aber aus dem Dilemma, dass wir anders und über anderes schreiben, als ein großes Publikum erwartet (wenn nicht sogar fordert), können und wollen wir nicht raus. Wir hoffen nur, dass sich ein Publikum findet, das genau auf das gewartet hat, was wir bringen. Wir machen ja die Zeitschrift nicht, um eine Zeitschrift zu machen. Wir machen sie – leicht hysterisches Kichern – auch nicht, um damit reich zu werden.

    Wir machen sie, obwohl wir uns weiß Gott über jedeN LeserIn freuen, nicht einmal, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Wir wollen eine intellektuelle Zeitschrift machen (wir können auch gar nicht anders), wir interessieren uns für Theorie und Philosophie und warum sollen wir uns dafür schämen? Oder uns vorwerfen lassen, dass wir damit ausgrenzen, dass das per se elitär ist? Am Ende vielleicht nur ein Streit um Worte – aber in meinen Ohren klingt bei „elitär“ immer eine bewusste Abgrenzung von oben nach unten mit. Wir haben hohe Ansprüche an potenzielle Leser; es unterläuft uns gewiss die eine oder andere unnötig das Verständnis erschwerende Formulierung. Dass wir aber um der Ausgrenzung wegen unverständlich wären, würde ich bestreiten. In den allermeisten Fällen fordert es die Sache. So unglaublich borniert ich jüngere Texte in der ZEIT finde – in dem einen Punkt stimme ich selbst dämlichen Schnöseln wie diesem Soboczynski zu: Das Schwierige und die das Schwierige auf hohem Abstraktionsniveau aufschlüsselnde Sprache gehören genutzt und im Zweifel verteidigt. Auch und gerade außerhalb der Seminarräume von Universitäten.

    Um auch das etwas weniger defensiv zu wenden: Wir sind natürlich umgekehrt – und Rückmeldungen bestätigen das zu unserer Freude – für all jene attraktiv, die die anderen Zeitschriften (nicht nur) zum Kino langweilig finden, weil es denen an Breite des Horizonts, an theoretischer Fundierung und gesellschaftspolitischer Orientierung fehlt. Unsere Hoffnung ist eben, dass das Publikum, das sich für genau das Angebot, das wir machen, interessieren lässt, groß genug ist. Und als Angebot, nichts anderes, begreifen wir das. Stellt sich heraus, dass das zu wenige interessiert, dann ist das aus unserer Sicht schade, aber dann ist das halt so. Nach den Zahlen, die wir bis jetzt haben, ist es übrigens wirklich offen.

    Ok, das war jetzt lang. Sie sehen: Ich habe mich geärgert. Und freue mich immer noch ganz außerordentlich über Ihr Interesse an uns.

  3. Medienjunkie sagt:

    Eine halbe Seite über die Situationisten hätte aber mMn drin sein müssen (bei einem Interview über 20 Seiten); abgesehen davon, dass das auch eine hoch interessante Bewegung war, die heute fast in Vergessenheit geraten ist.
    Den Ansatz, darüber zu schreiben, was einen selbst interessiert, und dann zu hoffen, dass es genug Leute gibt, die das auch interessiert, finde ich erst mal sehr sympathisch; da möchte ich auch hin kommen.
    Und immerhin habe ich mir dank „Cargo“ auch schon Claire Denis‘ „Trouble Every Day“ (gibt’s ja leider auch nicht auf Deutsch) angesehen, obwohl ich weder vom Film noch von der Regisseurin was gehört hatte. Und das war einer der verstörendsten Filme, die ich je gesehen habe.

  4. Verstörend wie in: faszinierend, hoffe ich. (Was das Verstörende angeht, ist Trouble Every Day eher untypisch – übrigens der Film, der dazu geführt hat, dass der kleine Berliner Verleih, der früher Denis‘ Filme in Deutschland ins Kino brachte, sich von ihr abwandte. Verstört leider eher wie in: verständnislos. Und das führte dazu, dass sie dann bis „35 Rum“ völlig von der Bildfläche verschwand hierzulande.) Im Herbst kommt bei Salzgeber „Ich kann nicht schlafen“ von Denis auf DVD. Ein früherer, aber auch sehr schöner Film. Am schönsten vielleicht: „Beau Travail“. Gibt es auch nur aus England; bei Youtube findet sich ein längerer Clip für einen ersten Eindruck. (Wahnsinn, es gibt ja wirklich gar nichts als deutsche DVD von ihr. Unglaublich. Denis ist so großartig.)

  5. Olsen sagt:

    Ich habe „Beau Travail“ sogar im Kino gesehen, hier in Deutschland. Muss also einen Kinostart bei uns gehabt haben, vermutlich mit acht oder zehn Kopien. Sehr sehenswerter Film.

  6. Ja, Beau Travail lief noch, mit zwei Jahren Verspätung und sehr wenigen Kopien, dann aber Trouble Every Day, Vendredi Soir (auch dringend empfohlen) und L’Intrus (veritables Meisterwerk, in dem sich vieles durchdringt) nicht mehr. Vers Mathilde ist ein Nebenwerk mit der Choreografin Mathilde Monnier und dem Philosophen Jean-Luc Nancy, dessen Abwesenheit noch am ehesten zu verschmerzen ist. 35 Rum ist nicht ganz so gut wie die besten Denis-Sachen, finde ich, der wichtigere Film dürfte White Material werden, der so gut wie fertig ist und von manchen schon in Cannes erwartet wurde. Mit Isabelle Huppert.

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