Archiv für Oktober, 2009

„SPD in Thüringen probt den Aufstand“ oder so ähnlich lautete heute Vormittag die Überschrift auf der GMX-Startseite. Die dazugehörige dpa-Meldung verkündete, die CDU-Ministerpräsidentenkandidatin Lieberknecht sei in zwei Wahlgängen durchgefallen. Nun bestünde Hoffnung für den Linken Ramelow, der im dritten Wahlgang gegen Lieberknecht antreten wolle.

Tatsächlich war Lieberknecht schon gewählt, als ich den Fernseher einschaltete, und zwar mit zusätzlichen Stimmen von der FDP. Ramelow bekam lediglich eine Stimme mehr als seine eigene Fraktion hat.  Keine Abweicher bei der SPD also, Sergej Lochthofen, Chefredakteur der „Thüringischen Allgemeinen“, erklärte kurz darauf bei Phoenix, es sei wahrscheinlicher, alte Althaus-Anhänger in der CDU-Fraktion hätten in den ersten Wahlgängen Lieberknecht die Stimme verweigert als SPD-Abgeordnete.

Da scheint mal wieder irgendwer mit seinen Vermutungen voreilig gewesen zu sein, entweder die dpa oder die Menschen in der GMX-Redaktion, je nachdem, von wem die Headline stammte. Ein Aufstand in der SPD gegen den Rechtskurs eines Landesvorsitzenden – das wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Zumindest zu meiner eigenen Suchmaschinenoptimierung hat mein Artikel über die famosen Honorare im Bereich SEO-Texten beigetragen. Dank eines Links im Bildblog stiegen die Zugriffszahlen dieses Blogs am Montag auf mehr als 2000 Besucher. Was ich mich bei dem Thema Texten für Suchmaschinen auch schon gefragt hatte, war, ob es nicht schon Programme gibt, die solche inhaltsleeren keyword-gespickten Texte automatisch erstellen. Immerhin gibt es ja auch den Babelfisch und ähnliche automatische Übersetzumgsprogramme, da müsste es doch einer Software auch möglich sein, grammatikalisch einigermaßen richtige Sätze zu produzieren, in denen dann halt bestimmte Wörter in einer vorgegebenen Reihenfolge vorkommen.

Eben las ich dann bei Carta einen Artikel über ein Computerprogramm, das noch viel mehr zu können scheint. Die Software, entwickelt von Studenten einer US-Universität, kann angeblich ganze Sportberichte automatisch aus den statistischen Daten über den Spielverlauf generieren, inklusive Zitaten von Trainern und Spielern und szenischen Einstiegen. Sinniger Name des Programms: Stat Monkey. Hey, ihr SEOler da draußen, ihr blickt in eine leuchtende Zukunft: Wenn dieses Programm erst mal marktreif ist, braucht ihr ihm sicher nicht einmal einen Cent pro Wort zu bezahlen.

Besorgniserregender finde ich, dass auch solche unternehmensberater-hörigen Verlagsbosse wie Bodo Hombach auf die Idee kommen könnten, ihre verbliebenen Lokalredakteure  dann auch nicht mehr zu brauchen. Statt einem Freien 12 bis 51 Cent Zeilenhonorar zu zahlen, damit er samstags ins Stadion fährt, könnte man ja auch den elektronischen Affen über das Heimspiel des lokalen Fußballvereins schreiben lassen. Ist bestimmt gut für den Shareholder value, und der Leser merkt’s doch eh nicht.

Anfang des Jahres schrieb ich schon mal etwas über ein Pilotprojekt der Schweizer Post, eine individualisierte Wunschzeitung auf den Frühstückstisch zu bringen. Konnten damals nur 100 Testkunden an dem Projekt teilnehmen, könnte der Traum einer Tageszeitung, die man sich selbst zusammen stellen kann, nächsten Monat immerhin schon für 3,5 Millionen Menschen wahr werden. In Berlin startet am 16. November nämlich niiu.

Leser können dabei aus 16 deutschen und internationalen Zeitungen ihre Wunschinhalte auswählen (nach Ressorts, also z.B. das Feuilleton aus der FR, den Lokalteil aus der Berliner Morgenpost und den Lokalsport aus der Münchener Abendzeitung, weil man vielleicht früher mal in München gewohnt hat). Neu ist, dass man dazu auch noch aus Online-Inhalten wie Blogs, Internet-Portalen etc. auswählen kann, die dann ebenfalls ihren Weg in die gedruckte Zeitung finden (vielleicht nicht nur für Leute interessant, die sich eh alles im Netz erst ausdrucken, bevor sie es lesen).

Leider sind zum Start noch nicht so wirklich tolle überregionale deutsche Zeitungen vertreten. Also, BILD, Handelsblatt und Neues Deutschland sind nun nicht gerade die Titel, die ich als wichtigste Informationsquellen wählen würde, die Frankfurter Rundschau auch nur sehr bedingt. Die erste Liga der Überregionalen wie SZ und FAZ ist leider noch nicht im Angebot. Wer russisch kann, hat aber immerhin die Gelegenheit, sich Inhalte aus der Prawda zu wählen.

Positiv anzumerken ist noch, dass man kein festes Abo mit Kündigungsfristen einzugehen braucht, sondern ähnlich einem Prepaid-Handy ein bestimmtes Guthaben buchen kann, dass man dann Tag für Tag aufbrauchen kann. 1,80 Euro bzw. ermäßigt 1,20 finde ich als Preis eigentlich auch in Ordnung. Ich drücke dem Projekt auf jeden Fall die Daumen, damit es später einmal auf andere Städte ausgeweitet werden kann. Wenn dann wirklich SZ, FAZ, taz oder Zeit (ich weiß, ist keine Tageszeitung) dabei wären, würde ich zumindest über ein Abo nachdenken.

(Mit niiu hat sich auch schon Ulrike Langer in ihrem Blog beschäftigt.)

Gerade lief bei Bayern2 eine „Zündfunk“-Sendung zum Thema 25 Jahre Privatfernsehen in Deutschland. Weitestgehend ist das eine Geschichte des Niedergangs, und zwar interessanterweise sowohl eine des Privat- wie auch eine des öffentlich-rechtlichen TVs. Als RTL plus Mitte der 80er auf Sendung ging, war es sicherlich trashig – aber es war auch innovativ, brachte einen frischen Wind ins verstaubte deutsche TV-Programm. Man denke nur an Sendungen wie „Eine Chance für die Liebe“ mit Erika Berger, „Alles Nichts oder“ mit Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder oder auch „Der heiße Stuhl“ mit Ulrich Meyer.

So etwas hatte man bis dahin in der BRD noch nicht zu sehen bekommen. Plötzlich wurde da auf dem Fernsehschirm ganz offen über sexuelle Probleme gesprochen, Showmaster wurden mit Torten beworfen und in Talkshows gab es auf einmal inszenierten Konflikt statt gepflegten Konsens. Wobei man auch sagen muss: Was damals für so manchen Skandal gut war, würde heute keinen Kritiker mehr hinterm Sofa hervorlocken. Beim „Heißen Stuhl“ etwa wurden ja durchaus noch gesellschaftlich relevante Themen diskutiert, manchmal waren sogar Politiker unter den Teilnehmern. Bei „Tutti Frutti“ zogen sich bleiche Zuschauer ungelenk aus – aber nur bis auf die Unterwäsche. Wenn man sich dagegen heutige Shows wie „Big Brother“, „Das Dschungelcamp“, „Guilia in Love“ oder „Das Model und der Freak“ betrachtet, muss man feststellen, dass es dabei nur noch darum geht, an die niedersten Instinkte der Zuschauer zu appelieren – und dafür die Menschenwürde der Teilnehmer mit Füßen zu treten. Da sehnt man sich doch fast nach Karl Dalls Playboy-Häschen zurück, wenn man heute schon in Programmtrailern mit irgendwelchen Insekten verspeisenden C-Promis konfrontiert wird.

Umgekehrt ist das Programm von ARD und ZDF, jedenfalls in den beiden Hauptprogrammen, kaum noch von der privaten Konkurrenz zu unterscheiden. Vor allem das Nachmittags- und Vorabendprogramm könnte mit seinen Daily Soaps, Boulevardmagazinen und Telenovelas genauso auch bei RTL oder Sat 1 laufen. Und auch zur Hauptsendezeit gibt es im Ersten und im ZDF hauptsächlich Florian Silbereisen, Rosamunde Pilcher, SOKO irgendwas und Quizshows mit Jörg Pilawa zu bewundern. Anspruchsvollere Sendungen wie investigative Reportagen oder gute Spielfilme laufen dann erst im Spätprogramm. So hatte das komplexe Drama „Babel“ neulich seine Free TV-Premiere um 0 Uhr in der ARD. Ein Armutszeugnis. Wenn man zur Hauptsendezeit einen anspruchsvollen Spielfilm sehen will, bleibt meist nur arte.

Über das Privatfernsehen wiederum kann man herziehen, soviel man will. Natürlich sind 90 bis 95 Prozent von deren Eigenproduktionen Trash (Ausnahmen wie „Switch“ oder „Wer wird Millionär?“ bestätigen wohl eher die Regel.). Dafür laufen aber ausnahmslos alle anspruchsvolleren US-Serien bei Privatsendern – was hauptsächlich daran liegt, dass bei ARD und ZDF so gut wie gar keine US-Serien mehr laufen. So sind es „böse“ Unterschichtensender wie Pro Sieben und RTL II, die Highlights wie „Battlestar Galactica“, „Rome“, ER, „Nip/Tuck“, „Californication“ etc. ausstrahl(t)en (und manchmal dann leider auch schnell wieder absetzen oder auf nachtschlafende Sendezeiten verschieben, wenn die Quote nicht stimmt). Bis Anfang der 90er wären komplexe HBO-Serien wie „Six Feet Under“ sicher noch im Ersten oder Zweiten gelaufen, wenn in den USA denn damals schon solche anspruchsvollen Serien produziert worden wären. „Die Simpsons“ und „Die Sopranos“ sind seinerzeit ja auch beide noch im ZDF gestartet worden, wurden aber schnell wieder abgesetzt und erst später bei Pro Sieben bzw. Kabel Eins richtig bekannt.

Wieso kauft die ARD nicht mal eine Serie wie „The West Wing“ ein, gegen deren Brillianz jeder noch so sozialkritische „Tatort“ (wie z.B. der heute Abend vom BR) einfach nur bemüht wirkt? Oder meinetwegen „The Wire“, das fürs deutsche Privatfernsehen natürlich zu sophisticated ist? Wenn das ö.-r. TV mal eine hoch gelobte neuere US-Serie einkauft, wie jetzt „30 Rock“, zeigt es diese dann auf einem digitalen Spartenkanal, den 60 Prozent der Deutschen gar nicht empfangen können. Da ist es natürlich kein Wunder, dass die jungen, gebildeten Zuschauer sich vom Fernsehen abwenden und sich lieber DVD-Boxen anschauen (oder andere, weniger legale Wege nutzen). Wieso sollten intelligente Menschen auch auf Hausmannskost wie „Lindenstraße“, „Ein Fall für Zwei“ oder „In aller Freundschaft“ zurück greifen, wenn sie sich bei Amazon oder kino.to an Haute Cuisine aus der Küche von HBO oder Showtime gütlich tun können?

Die Frage, wieso es ARD und ZDF fast nie schaffen, vergleichbar gute Serien zu produzieren, möchte ich gar nicht erst stellen. Wir Deutschen ziehen ja gerne über die angebliche geistige Schlichtheit des durchschnittlichen US-Amerikaners her. Aber wieso war bei denen eine hoch komplexe, hoch politische Serie wie „West Wing“ so erfolgreich, dass sie sieben Staffeln bekam, während beim ZDF schon um die dritte Staffel von „KDD“ gerungen werden muss? Solange sich da nicht grundsätzlich etwas ändert, ist es leider nur wohlfeil, über die privaten „Schmuddelsender“ zu schimpfen.

Es gibt Welten, die mir einfach völlig fremd sind. Also nicht nur fremd in dem Sinne, dass ich zwar weiß, dass es diese Welten gibt und was in ihnen im Großen und Ganzen so vor sich geht, ohne aber einen detaillierten Einblick in sie zu haben. Sondern eher fremd in dem Sinne, dass sich in ihnen Abgründe aufzutun scheinen, über die ich mir bisher nicht im Geringsten im Klaren war.

Neulich bewarb ich mich auf eine Ausschreibung in einem Forum, mit der eine Agenturgruppe freie Texter suchte. Ich ging davon aus, dass man da journalistische und/oder PR-Texte schreiben sollte, näher spezifiziert war das in dem Gesuch aber nicht. Nach einiger Ziet bekam ich eine E-Mail aus deren Personalabteilung: Ob ich interessiert sei, SEO-Texte für verschiedene ihrer Kunden zu schreiben. Honorar pro Wort: 1 Cent brutto. Bei Interesse werde man mir einige Keywords zur Probe schicken, die ich dann möglichst oft in die jeweiligen Texte einbauen sollte.

Ich wusste gerade mal, für was die Abkürzung SEO steht (Search Engine Optimizing, also Suchmaschinenoptimierung). Bisher dachte ich allerdings immer, diese bestünde hauptsächlich darin, im Quelltext von Internetseiten bestimmte häufig gegoogelte Wörter unterzubringen, damit die Webseiten bei Google entsprechend höher in den Suchergebnissen auftauchen. Dass man dazu nun extra Texter bräuchte, war mir neu. Dass es spezielle Texte gibt, die nur zum Zweck der SEO geschrieben werden, erst recht.

Das Honorar wirkte zunächst einmal sehr unseriös, andererseits hatte ich keinerlei Vorstellung, wie denn nun der Arbeitsaufwand pro Text wäre, wie lang diese überhaupt sein sollten und vor allem, um welche Art Texte es sich überhaupt handeln sollte: Erwarteten die für das Honorar noch, dass man selbst recherchierte, bekam man da Infos von den jeweiligen Kunden, die man dann nur noch in einen Text gießen müsste oder wie oder was? Also stellte ich diese Fragen erst einmal in einer Rückmail an die Personalfrau.

Nach einer Woche bekam ich eine knappe Antwort mit dem Tenor, der Rechercheaufwand sollte möglichst gering sein, da der Zeitaufwand erfahrungsgemäß bei zehn bis zwanzig Minuten läge. Da die Dame leider nichts dazu geschrieben hatte, wie lang diese Texte überhaupt sein sollten, und ich auch immer noch nicht wusste, wie man denn zu diesen kommen sollte, ohne selbst zu recherchieren, half mir diese Auskunft nicht wirklich weiter.

Ich schaute mich daraufhin mal im Internet um und fand zunächst ein SEO-Blog, in dem ein Typ vorrechnete, man könne als selbständiger SEO-Berater locker auf 50.000 Euro Einkommen im Monat kommen. Keine Ahnung, ob das auch nur annähernd der Wahrheit entspricht. Falls ja, ist auch klar, wie die Chefs diese Gewinne erzielen: indem sie ihre Texter für einen Hungerlohn arbeiten lassen offenbar. In anderen Foren fand ich bestätigt, dass ein Cent wohl ein marktübliches Honorar für diese Art Texte zu sein scheint (es geht auch darunter; so gibt es auch eigene Plattformen im Netz, bei denen sich jeder anmelden und dann Texte schreiben kann, da fangen die Honorare teilweise noch niedriger an). Anscheinend gibt es ein ganzes Texter-Prekariat, das hauptsächlich aus Studenten, Hausfrauen u.ä. besteht, die, teilweise, um sich ein paar Euro dazu zu verdienen, teilweise auch als Hobby, ganze Webseiten zutexten, mit oberflächlichen, schnell zusammen gezimmerten Texten, die nur einen Zweck haben: ahnungslose Leute auf die Seiten von irgendwelchen Unternehmen zu locken.

Ich habe dann auch mal so einen Text gefunden, auf einer Seite, auf der Hotelbuchungen verkauft werden. Zwischen den ganzen Beschreibungen der Hotels in Venedig steht da dann so ein Text über Venedig, in dem in fast jedem Satz die Wörter Hotel und Venedig vorkommen: „Direkt neben Ihrem Hotel in Venedig finden Sie den Markusplatz. Von Ihrem Hotel in Venedig aus sollten Sie auch einmal dies und das besuchen…“

Mich wundert an diesem Vorgehen dreierlei: dass es Menschen gibt, die auf Dauer für so ein Honorar solche Texte schreiben, dass es Firmen gibt, die denken, mit solchen Tricks dauerhaft Kunden gewinnen zu können – und dass es Menschen gibt, die auf solche Tricks hereinfallen. Man wählt doch normalerweise auch bei Google die Treffer aus, auf die man dann drauf klickt – und wählt natürlich nur Adressen, die irgendwie seriös klingen, nicht solche, wo schon in dem Suchergebnis nur Dinge stehen wie: „Hotels in Venedig, Venedig Hotels, billige Hotels, Venedig Urlaub billig“.

Ich fand dann auch noch ein Blog, in dem sich Kommentatoren darüber aufregten, dass da solche Texter-Plattformen empfohlen wurden. Tenor der Kommentare war, dass man da auf Stundenlöhne von zwei Euro aufwärts käme. Ich finde dieses Angebot, das ich bekommen habe, auch unseriös: Normalerweise müsste einem ja mal gesagt werden, wie viele Wörter man überhaupt im Durchschnitt schreiben soll, wenn man schon pro Wort bezahlt werden soll. Im Übrigen glaube ich kaum, dass man tatsächlich mit zehn bis zwanzig Minuten pro Text hinkommt. Selbst für solche inhaltlich und stilistisch anspruchslosen Texte muss man ja erst mal irgendwo Infos herbekommen, und selbst wenn man sich das alles aus der Wikipedia raussucht, kostet das ja auch erst mal Zeit.

Zumal es da dann wohl wieder feste Regeln gibt, dass man nichts wörtlich abschreiben oder auch nur bestehende Texte Satz für Satz umformulieren darf, da das sonst von der Software als Plagiat gewertet und der Text vom Auftraggeber abgelehnt wird. Darüber hinaus ist es eigentlich eine Frechheit, einem so eine Arbeit überhaupt anzubieten, wenn man sich da mit Lebenslauf bewirbt, aus dem klar hervorgeht, dass man zwei Hochschulabschlüsse hat, davon einen in Journalismus.

Im Netz scheint es aber eine ganze Infrastruktur zu dem Thema zu geben, nicht nur die oben erwähnten Texter-Plattformen, sondern auch eigene Foren mit Stellenangeboten, Blogs etc. Eine wundersame Parallelwelt, die, von normalen Journalisten und gewöhnlichen Internet-Nutzern unbeachtet, vor sich hin mäandert – und immer neue sinnfreie Texte erzeugt, in denen Hobbygärtnerinnen über Pflanzen schreiben, Studenten die halbe Wikipedia umtexten und gewiefte Mittelständler 50.000 Euro im Monat verdienen, indem sie diese ausbeuten und das Internet zumüllen lassen.

Nach einem halben Jahr Schweigen ist das Dummyblog seit etwa einem Monat wieder aktiv. Schön, denn die DUMMY-Macher haben eine herrlich witzige Schreibe. Wie man z.B. an Oliver Gehrs‘ Eintrag über die drei neuen Männerzeitschriften von Gruner + Jahr sehen kann:

„Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz. Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht.“

Und etwas Nachdenkliches findet sich auch: Gehrs traf auf einem Jugendmedien-Workshop in Mainz (sic!) auf Angehörige der jungen Generation, die schon zur Stromlinienförmigkeit erzogen wurden:

„Sie sprachen von einer Journalistenschwemme, von raren Studienplätzen, vom Numerus Clausus auf so seltsamen Fächern wie Kommunikationswissenschaften (wo ja meist nur abgehalfterte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Gnadenbrot fristen), sie hatten Angst, das Falsche zu studieren, zu spät zu kommen, keinen Job zu ergattern. Und das mit 16. Auf meinen Rat hin, sie sollten erstmal irgendwas studieren, was ihnen Spaß mache, und wenn es ihnen keinen Spaß mache, ein neues Studium anfangen – schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.“

Man traut ja zurzeit seinen Augen nicht, wenn man über die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen in Berlin liest: Erst einigen sich Union und FDP auf Verbesserungen für Hartz IV-Empfänger (was die große Koalition nicht hinbekommen hat), heute auch noch auf die Rücknahme der Internet-Sperren sowie Einschränkungen der Online-Durchsuchungen und der Nutzung der Daten aus der Vorratsdatenspeicherung.

Da ist die FDP wohl doch nicht bei ihren Forderungen zu den Bürgerrechten umgefallen, wie vorher überall vorhergesagt wurde. Die SPD stimmte den Internet-Sperren zu – und allem anderen, was Schäuble & Co. vorgaben, auch -, bei der FDP lenken Merkel und Schäuble plötzlich widerstandslos ein. Ist Westerwelle einfach der härtere Verhandlungspartner oder war die SPD etwa tatsächlich vom Nutzen dieser massiven Einschränkungen der Freiheitsrechte überzeugt? Ich sage es nur ungern, aber langsam könnte man die Hoffnung haben, dass schwarz-gelb vielleicht sogar insgesamt eine bessere Politk machen könnte als rot-grün und schwarz-rot das in den letzten elf Jahren vorexerziert haben.

Denn was wird von diesen elf Jahren mit sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung in Erinnerung bleiben? Von den Schröder-Jahren neben einigen gesellschaftspolitischen Modernisierungen (wie Homo-Ehe und Staatsbürgerschaftsrecht) vor allem Hartz IV und Auslands-Kampfeinsätze der Bundeswehr – und ein verpatzter Atomausstieg, der gar keiner war (und deshalb jetzt auch problemlos von der neuen Regierung rückgängig gemacht werden kann), von der großen Koalition die Rente mit 67 und ansonsten vier Jahre Stillstand. Wenn in der neuen Koalition die Liberalen die Union bei der Inneren Sicherheit ausbremsen und umgekehrt die Union die unsoziale Arbeitsmarktpolitik der FDP verhindert, könnte die Bilanz in vier Jahren gar nicht so schlecht aussehen wie allseits befürchtet.

„Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland dreißig Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs. Inzwischen sind es drei Millionen weniger. Und wer heute als Journalist arbeitet, bekommt leicht den Eindruck, dass allein zwei Millionen davon in der Medienbranche weggefallen sind.“

Meike Winnemuth gehört (wenn das nicht gefaket ist) zu den Journalistinnen, die von der Medienkrise betroffen sind – und machte gleich eine lesenswerte Story aus der Frage, wie man sich beruflich anders orientieren kann, wenn das Geld Verdienen mit dem bisherigen Job nicht mehr richtig klappt. Heraus kam ein amüsanter Selbstversuch mit Job Coachs und anderen fragwürdigen Berufsorientierungs-Helfern für das SZ-Magazin.

Und Georg Seeßlen zweifelt den Erfolg des long tail im Internet an und sieht in einem diskussionswürdigen „Freitag“-Essay eher die Gefahr, dass die elektronische Vermarktung von Texten die Tendenz zur (Selbst-)Ausbeutung des Großteils der schreibenden Zunft verstärkt:

„Die Zeitung muss leben, und sie lebt, wenn man eine oder zwei interessante Stimmen hat und den Rest der Autoren lediglich behandelt – es gibt genügend Leute, die den Job umsonst machen.“

Politik aus dem Sandkasten und die Selbst-Demaskierung der Grünen

Veröffentlicht: 13. Oktober 2009 in Politik
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Wahrscheinlich braucht die so genannte Linke in Deutschland noch nicht einmal die Wirtschaftslobby, um sich selbst aufs Abstellgleis zu bugsieren. Wahrscheinlich ist es noch viel einfacher und noch viel trauriger: Politik scheint ebenso zu funktionieren wie Sandkasten-Spiele Dreijähriger. Nein, ich mag dich nicht, deshalb kriegst du mein Schäufelchen nicht geliehen!

Die SPD in Thüringen und die Grünen im Saarland scheinen von genauso großen Egozentrikern geführt zu werden wie Jürgen Walter in Hessen einer war. Es geht ihnen weder um die Durchsetzung politischer Inhalte noch um den Wählerwillen, sondern lediglich darum, ihre eigenen Eitelkeiten und Verletzlichkeiten zu pflegen. Weil zwei Grüne zur Linken übergetreten sind, kann man mit den Schmudelkinden natürlich nicht mehr spielen, und Oskarchen steht ja zum Glück immer als Buhmann bereit. Der ist wahrscheinlich nicht nur am Klimawandel schuld, sondern mindestens indirekt auch an der Ermordung John F. Kennedys.

Dieses Argument, die CDU und FDP wären den Grünen ja so weit entgegen gekommen, wie man es vorher kaum für möglich gehalten hätte, ist natürlich völlig irrelevant. Forderungen wie die Abschaffung der Studiengebühren oder das Festhalten am Atomausstieg, die die bürgerlichen Parteien jetzt ja so großzügig mittragen wollen, hätten die Ökospießer mit SPD und Linken gar nicht erst verhandeln müssen, da das sowieso gemeinsame Positionen aller drei Parteien waren. Wer allerdings ernsthaft glaubt, ausgerechnet mit den Klerikal-Konservativen und der neoliberalen Steuersenkungspartei könne man eine fortschrittliche Politik betreiben, hat von Politik weniger Ahnung als Lieschen Müller.

Was mich noch erstaunt, ist die Kurzfristigkeit des Denkens von Leuten wie diesem Ulrich von den Grünen. Ihm muss doch klar sein, dass ein großer Teil seiner Wähler seine Entscheidung ablehnt und seine Partei beim nächsten mal nicht mehr wählen wird. Für eine Partei, die gerade mal knapp die Fünf-Prozent-Hürde genommen hat, heißt das im Klartext: Bei den nächsten Landtagswahlen seid ihr weg vom Fenster. Und das nimmt man bedenkenlos in Kauf, nur damit man für fünf Jahre zwei schöne Ministerposten bekommt statt womöglich nur einen. Und nach mir die Sintflut.

In fünf Jahren könnte die Linke dann tatsächlich die SPD überholen, da für viele, die diesmal noch Grüne oder SPD gewählt haben, inzwischen klar sein dürfte: Wer eine Regierung jenseits von CDU und FDP haben will – ich traue mich inzwischen nicht mehr „eine linke Regierung“ zu schreiben -, kann nur „Die Linke“ wählen. Lafontaine kann seine politische Karriere dann tatsächlich wieder als Ministerpräsident beschließen – und Heiko Maas wird endgültig zur tragischen Figur.

Die Grünen haben sich diese Woche endgültig überflüssig gemacht. Ihren inhaltlichen Sündenfall haben sie ja im Grunde schon vor zehn Jahren mit der Zustimmung zum Kosovo-Krieg – und später mit derjenigen zum Abbau des Sozialstaates – hinter sich gebracht. Nun sind sie auch aus taktisch-koalitionstechnischen Überlegungen unwählbar geworden, wenn man sich selbst noch für irgendwie links hält oder zumindest die CDU nicht mag. Die Grünen entwickeln sich immer mehr zur Ein-Themen-Partei: Atomausstieg nur mit uns! Da kann man allerdings auch Linke oder SPD wählen, wenn man das gut findet.

Ökologie alleine wird auf Dauer als Thema nicht reichen, das ist inzwischen längst bei allen anderen Parteien angekommen, selbst bei der Union, wenn man mal vom Thema Atom absieht. Ob Deutschland dauerhaft eine zweite FDP, für Leute mit etwas wilderer Vergangenheit, braucht, ist fraglich. Links ist an dieser Partei jedenfalls nichts mehr. Die Grünen sind in knapp 30 Jahren zu genau den prinzipienlosen, machtgeilen Arschlöchern geworden, gegen deren Vorherrschaft  sie damals gegründet wurden. Wenn man sich das Geschehen in Berlin und den Hauptstädten der Bundesländer in den letzten zwei Wochen so anguckt, kann man gar nicht mehr so viel essen, wie man kotzen möchte.

im dickicht der städte

Geld kann alles kaufen: Juliane Pempelfort u. Daniel Breitfelder als Ehepaar Garga Foto: Uwe Stratmann

Theatermacher wollen so gerne zeitgemäß sein, Stücke auf die Bühne bringen, die aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse und Probleme reflektieren, die einen Beitrag zu politischen Diskussionen der Gegenwart liefern. Was liegt da näher, als in den Zeiten der größten Weltwirtschaftskrise seit 70 Jahren auf ein Stück aus der Epoche eben dieser letzten vergangenen Krise zurück zu greifen. So kamen die Wuppertaler Bühnen auf Brecht, und weil die „Dreigroschenoper“ zwar schön, aber auch ein bisschen abgenudelt ist, gruben sie ein unbekannteres Frühwerk des späteren sozialistischen Dramatikers aus: „Im Dickicht der Städte“ aus dem Jahr 1927.

Im Chicago des frühen 20. Jahrhunderts liefern sich zwei Angehörige entgegengesetzter Gesellschaftschichten ein Duell um Geld und Macht: Der aus Malaysia stammende Holzhändler C. Shlink will dem aus einer Farmerfamilie kommenden Bibliothekar George Garga beweisen, dass man mit Geld alles kaufen kann. Der junge Mann, der eigentlich nur seine Freiheit will, lässt sich auf das Spiel ein. Zunächst überschreibt Shlink ihm seinen Holzhandel, später werden auch Gargas Angehörige in den Kampf einbezogen, bis schließlich dessen Frau und Schwester zu Prostituierten geworden, Familie und persönliche Beziehungen zerstört sind.

Ganz klar: Brecht schrieb hauptsächlich Thesentheater-Stücke. Die Welt ist bei ihm noch in Ordnung, das heißt, obwohl in den goldenen Zeiten des Kapitalismus für Angehörige der Unterschicht nichts in Ordnung war, war zumindest alles wohl geordnet: So ist der Kapitalist bei Brecht noch daran zu erkennen, dass er eine fette Zigarre im Mund hat. Wenn man als Regisseurin schon Thesentheater machen will, sollte man die Thesen aber zumindest deutlich herausarbeiten. In Claudia Bauers Inszenierung für das Barmer Opernhaus wird leider nie deutlich, wieso sich Garga eigentlich auf den zerstörerischen Wettbewerb einlässt, warum er nicht eingreift, als sein Leben aus den Fugen gerät, seine Liebsten auf den Strich geschickt werden. Stattdessen spielt Daniel Breitfelder den jungen Mann von Anfang an weit over the top: Keinen Satz spricht er in normalem Tonfall, jedes Wort muss er hinausschreien, jede Geste muss bei ihm im schlechten Sinne theatralisch sein.

Subtilität ersetzt Bauer durch schale Provokation: Nach zehn Minuten steht mit Breitfelder der erste Schauspieler nackt auf der Bühne, nach einer Stunde fragt sich der Zuschauer, ob wohl jemand von den DarstellerInnen sich im Laufe des Stücks nicht ausziehen wird. Inhaltlich motiviert ist das alles nicht, schockieren kann man damit auch seit mindestens 20 Jahren niemanden mehr. So sieht man zunehmend fassungslos dem wilden Treiben auf der Bühne zu.

im dickicht der städte

Subtil geht anders: Garga und Shlink (Sophie Basse, Mitte) liefern sich einen Kampf bis auf die nackte Haut Foto: Uwe Stratmann

Schauspielerisch kann am ehesten noch Sophie Basse überzeugen, die die Männerrolle des Shlink gibt. Auch sie kann aber nicht verhindern, dass es der Inszenierung an keiner Stelle gelingt, beim Zuschauer Mitgefühl, Sympathie oder wenigstens Verachtung für die Figuren zu erzeugen. Sie bleiben farblos, ihre Handlungen nicht nachvollziehbar. Einerseits hat die Regisseurin versäumt, einen deutlichen Bezug zur Gegenwart herzustellen, andererseits versucht sie, herkömmliche Inszenierungsmuster zu durchbrechen, indem etwa Dialoge gar nicht mehr gesprochen, sondern nur noch auf einem Bildschirm abgespult werden. So schwankt das ganze Stück zwischen einer Aussage, die in ihrer Banalität schon seit Jahrzehnten veraltet ist, und einer modernistischen Inszenierung, die einen verstehen lässt, warum der Begriff Regietheater für viele Zuschauer so negativ besetzt ist. „Sprache reicht zur Verständigung nicht aus“, sagt Garga einmal. Ein paar Nackte und wildes Herumspringen reichen allerdings auch nicht aus für einen zeitgemäßen Theaterabend.