Eine Feier des politischen Diskurses: die US-TV-Serie „The West Wing“

Veröffentlicht: 4. Oktober 2009 in TV
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Als Fan des ER-Produzenten John Wells war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir auch einmal seine Serie „The West Wing“ angucken würde (Erfinder und in den ersten vier Staffeln auch Showrunner ist allerdings Aaron Sorkin). Die lief ab 1999 sieben Staffeln lang in den USA und beschreibt den Arbeitsalltag der Berater und leitenden Stabsangestellten eines fiktiven US-Präsidenten im Westflügel des Weißen Hauses, dem Arbeitsflügel.

Action gibt es zumindest in den ersten Folgen überhaupt keine, im Grunde passiert auch nicht wirklich etwas Spannendes bzw. wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, z.B. eine Kriegsgefahr auftritt oder sich eine Naturkatastrophe ereignet, wird das nicht gezeigt, sondern nur durch die Reaktionen im Weißen Haus darauf erfahrbar. Es ist eine klassische „Talking Heads“-Serie: Wir sehen Mitarbeiter über Flure laufen, an Büros vorbei und durch Büros oder in diesen sitzend, und dabei diskutierend, streitend, argumentierend, auch miteinander scherzend. Was die Serie hier feiert, ist der politische Diskurs, die Entscheidungsfindung durch Argumentation, auch der Kampf um politische Mehrheiten, um zum Beispiel ein als richtig erkanntes Gesetz im Kongress durch zu bringen.

Obwohl also im Grunde gar nichts zu sehen ist, ist das Geschehen meistens unheimlich spannend (und dank geschliffener, oft pointierter Dialoge häufig auch witzig). Da geht es um Verbesserungen, die mühsam erkämpft werden müssen, um moralische Konflikte, um das Wünschenswerte und das Machbare in einem demokratischen System. Aber auch um Intrigen von außerhalb, zum Beispiel durch den Vize-Präsidenten, der sich selbst gerne auf dem Stuhl des Staatsoberhauptes sehen würde, und um politische Gegner, die den gerade vor einem Jahr ins Amt gekommenen liberalen demokratischen Präsidenten am liebsten schnell wieder loswürden. Dagegen halten die engsten Mitarbeiter des Präsidenten stets zusammen, bilden eine eingeschworene Clique von Idealisten, die bereit sind, ihre Zeit, Energie und auch den Großteil ihres Privatlebens für die gemeinsame, die gute Sache zu opfern.

Dieses Bild, dass von dem Stab gezeichnet wird, in dem es zwar Konkurrenz geben mag, aber keine Illoyalitäten, mag unrealistisch sein (ebenso wie die Tatsche, dass sich die Führungskräfte auch nach einem 12 Stunden-Arbeitstag gerne noch zu einer gemeinsamen Pokerrunde im Büro versammeln). Aber es ist ein Idealbild der Macht, wie man sie sich in einer Demokratie wünschen würde. Ebenso ist Präsident Bartlet das Idealbild eines liberalen, weisen, umsichtigen Präsidenten, der auf idealtypische Weise alle Werte vertritt, für die die USA gerne stehen würden – und es dann in der Realität doch so oft nicht tun.

Martin Sheen ist großartig in dieser Rolle, wie er bei kleinsten Anlässen zu ausführlichen und oft pathetischen Reden ansetzt, wie er amerikanische Geschichte und lateinische Sinnsprüche zitiert und seine Mitarbeiter mit den Besonderheiten sämtlicher US-Nationalparks nervt. Überhaupt sind die Hauptrollen hervorragend besetzt, von Ex-Teeniestar Rob Lowe als smarter Redenschreiber bis zu John Spencer – den ich schon als Privatdetektiv in den späteren Staffeln von „L.A. Law“ toll fand – als trockener Alkoholiker und Stabschef.

Natürlich darf auch das Privatleben der Protagonisten in einer solchen Serie nicht ganz fehlen, in den ersten Folgen spielt dies jedoch eine sehr zurückgenommene Rolle. Obwohl für die deutschen Zuschauer aufgrund der vielen Spezifika der amerikanischen Innenpolitik und der schnellen und komplizierten Sprache nicht ganz einfach zu verstehen, finde ich „The West Wing“ doch ungleich interessanter als etwa „The Wire“, eine ebenfalls hoch gelobte US-Serie, in der vergleichsweise viel gesprochen wird. Die Charaktere laden hier eher zur Identifikation ein und man wird nicht von der Vielzahl der Hauptfiguren schier erschlagen. Schade ist nur, dass diese Serie es wohl nie ins deutsche Free-Tv schaffen wird, nicht nur aufgrund des Themas, sondern auch, weil solche komplexen, tiefgründigen Serien dort leider  einfach keinen Platz finden.

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