Vom „Heißen Stuhl“ zum „Dschungelcamp“: 25 Jahre Privatfernsehen und die Folgen

Veröffentlicht: 18. Oktober 2009 in TV
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Gerade lief bei Bayern2 eine „Zündfunk“-Sendung zum Thema 25 Jahre Privatfernsehen in Deutschland. Weitestgehend ist das eine Geschichte des Niedergangs, und zwar interessanterweise sowohl eine des Privat- wie auch eine des öffentlich-rechtlichen TVs. Als RTL plus Mitte der 80er auf Sendung ging, war es sicherlich trashig – aber es war auch innovativ, brachte einen frischen Wind ins verstaubte deutsche TV-Programm. Man denke nur an Sendungen wie „Eine Chance für die Liebe“ mit Erika Berger, „Alles Nichts oder“ mit Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder oder auch „Der heiße Stuhl“ mit Ulrich Meyer.

So etwas hatte man bis dahin in der BRD noch nicht zu sehen bekommen. Plötzlich wurde da auf dem Fernsehschirm ganz offen über sexuelle Probleme gesprochen, Showmaster wurden mit Torten beworfen und in Talkshows gab es auf einmal inszenierten Konflikt statt gepflegten Konsens. Wobei man auch sagen muss: Was damals für so manchen Skandal gut war, würde heute keinen Kritiker mehr hinterm Sofa hervorlocken. Beim „Heißen Stuhl“ etwa wurden ja durchaus noch gesellschaftlich relevante Themen diskutiert, manchmal waren sogar Politiker unter den Teilnehmern. Bei „Tutti Frutti“ zogen sich bleiche Zuschauer ungelenk aus – aber nur bis auf die Unterwäsche. Wenn man sich dagegen heutige Shows wie „Big Brother“, „Das Dschungelcamp“, „Guilia in Love“ oder „Das Model und der Freak“ betrachtet, muss man feststellen, dass es dabei nur noch darum geht, an die niedersten Instinkte der Zuschauer zu appelieren – und dafür die Menschenwürde der Teilnehmer mit Füßen zu treten. Da sehnt man sich doch fast nach Karl Dalls Playboy-Häschen zurück, wenn man heute schon in Programmtrailern mit irgendwelchen Insekten verspeisenden C-Promis konfrontiert wird.

Umgekehrt ist das Programm von ARD und ZDF, jedenfalls in den beiden Hauptprogrammen, kaum noch von der privaten Konkurrenz zu unterscheiden. Vor allem das Nachmittags- und Vorabendprogramm könnte mit seinen Daily Soaps, Boulevardmagazinen und Telenovelas genauso auch bei RTL oder Sat 1 laufen. Und auch zur Hauptsendezeit gibt es im Ersten und im ZDF hauptsächlich Florian Silbereisen, Rosamunde Pilcher, SOKO irgendwas und Quizshows mit Jörg Pilawa zu bewundern. Anspruchsvollere Sendungen wie investigative Reportagen oder gute Spielfilme laufen dann erst im Spätprogramm. So hatte das komplexe Drama „Babel“ neulich seine Free TV-Premiere um 0 Uhr in der ARD. Ein Armutszeugnis. Wenn man zur Hauptsendezeit einen anspruchsvollen Spielfilm sehen will, bleibt meist nur arte.

Über das Privatfernsehen wiederum kann man herziehen, soviel man will. Natürlich sind 90 bis 95 Prozent von deren Eigenproduktionen Trash (Ausnahmen wie „Switch“ oder „Wer wird Millionär?“ bestätigen wohl eher die Regel.). Dafür laufen aber ausnahmslos alle anspruchsvolleren US-Serien bei Privatsendern – was hauptsächlich daran liegt, dass bei ARD und ZDF so gut wie gar keine US-Serien mehr laufen. So sind es „böse“ Unterschichtensender wie Pro Sieben und RTL II, die Highlights wie „Battlestar Galactica“, „Rome“, ER, „Nip/Tuck“, „Californication“ etc. ausstrahl(t)en (und manchmal dann leider auch schnell wieder absetzen oder auf nachtschlafende Sendezeiten verschieben, wenn die Quote nicht stimmt). Bis Anfang der 90er wären komplexe HBO-Serien wie „Six Feet Under“ sicher noch im Ersten oder Zweiten gelaufen, wenn in den USA denn damals schon solche anspruchsvollen Serien produziert worden wären. „Die Simpsons“ und „Die Sopranos“ sind seinerzeit ja auch beide noch im ZDF gestartet worden, wurden aber schnell wieder abgesetzt und erst später bei Pro Sieben bzw. Kabel Eins richtig bekannt.

Wieso kauft die ARD nicht mal eine Serie wie „The West Wing“ ein, gegen deren Brillianz jeder noch so sozialkritische „Tatort“ (wie z.B. der heute Abend vom BR) einfach nur bemüht wirkt? Oder meinetwegen „The Wire“, das fürs deutsche Privatfernsehen natürlich zu sophisticated ist? Wenn das ö.-r. TV mal eine hoch gelobte neuere US-Serie einkauft, wie jetzt „30 Rock“, zeigt es diese dann auf einem digitalen Spartenkanal, den 60 Prozent der Deutschen gar nicht empfangen können. Da ist es natürlich kein Wunder, dass die jungen, gebildeten Zuschauer sich vom Fernsehen abwenden und sich lieber DVD-Boxen anschauen (oder andere, weniger legale Wege nutzen). Wieso sollten intelligente Menschen auch auf Hausmannskost wie „Lindenstraße“, „Ein Fall für Zwei“ oder „In aller Freundschaft“ zurück greifen, wenn sie sich bei Amazon oder kino.to an Haute Cuisine aus der Küche von HBO oder Showtime gütlich tun können?

Die Frage, wieso es ARD und ZDF fast nie schaffen, vergleichbar gute Serien zu produzieren, möchte ich gar nicht erst stellen. Wir Deutschen ziehen ja gerne über die angebliche geistige Schlichtheit des durchschnittlichen US-Amerikaners her. Aber wieso war bei denen eine hoch komplexe, hoch politische Serie wie „West Wing“ so erfolgreich, dass sie sieben Staffeln bekam, während beim ZDF schon um die dritte Staffel von „KDD“ gerungen werden muss? Solange sich da nicht grundsätzlich etwas ändert, ist es leider nur wohlfeil, über die privaten „Schmuddelsender“ zu schimpfen.

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