Zwei Blicke hinter die Kulissen einer Comedy-Show: „30 Rock“ vs. „Studio 60 on the Sunset Strip“

Veröffentlicht: 17. Dezember 2009 in TV
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Studio 60 on the Sunset Strip

In den letzten Jahren starteten in den USA gleich zwei Serien, die versprachen, in den Mittelpunkt der Handlung zu rücken, was sonst den Fernsehzuschauern meist verborgen bleibt: die Arbeit hinter den Kulissen einer TV-Produktion. Beide drehen sich um die Macher einer fiktiven Sketch-Comedy-Show à la „Saturday Night Live“, beide wurden von NBC in Auftrag gegeben. Merkwürdige Koinzidenzen. Während Aaron Sorkins 2006 gestartetes „Studio 60 on the Sunset Strip“ floppte und bereits nach einer Staffel wieder abgesetzt wurde, erfreut sich Tina Feys später gestartetes „30 Rock“ großer Beliebtheit, nicht nur bei den amerikanischen Zuschauern, sondern auch bei Kritikern, und wurde wiederholt mit Emmys ausgezeichnet. Ich verstehe nicht so ganz warum. Denn „Studio 60“ ist einfach die wesentlich bessere Serie.

Trotz der großen Ähnlichkeiten in der Grundidee, unterscheiden sich beide Serien in der Ausführung dann doch recht deutlich. „30 Rock“ ist eine reine Sitcom, die Gags stehen im Mittelpunkt, die Handlung dient nur dazu, Raum für lustige Sprüche und Situationskomik zu schaffen. Das Problem: Ich finde die Gags weitgehend nicht besonders lustig. Vielleicht liegt es an der Synchronisation oder daran, dass man als Deutscher sowieso viele der Insiderwitze, die sich mit amerikanischem Fernsehen und US-Popkultur im Allgemeinen beschäftigen, nicht verstehen kann. Ich habe aber auch ein grundsätzliches Problem mit Sitcoms dieser Art: Die Figuren sind allesamt so überdreht, dass man weder sie noch die Handlung irgendwie ernst nehmen kann. Da sind der egomanische Senderchef, die eitle, aber unbegabte Schauspielerin, der nerdige, fette Autor und der schwuchtelnde (aber heterosexuelle) Page. Allesamt Klischeetypen, die nicht gerade zur Identifizierung einladen. Entsprechend überdreht sind dann auch die Ereignisse, die immer nur dazu dienen, den nächsten Gag vorzubereiten. Da es keinerlei Tiefe gibt und die Handlung eh belanglos ist, hat man die Episode schon wieder vergessen, kaum dass sie vorbei ist. Was nun alle Welt an Alec Baldwins Darstellung des Senderchefs findet, bleibt mir auch unbegreiflich. Er agiert absolut steif und ist inzwischen eh so dick geworden, dass seine Mimik darunter zu leiden scheint.

Das alles könnte man verzeihen, wenn wenigstens die Gags superlustig wären. Sind sie aber halt nicht, zumindest nicht für mich. Das gleiche Problem hatte ich mit „Seinfeld“ oder ähnlichen Sitcoms. Ich kann einfach nicht über sprücheklopfende Witzfiguren lachen. Die einzigen Sitcoms, die ich mochte, waren dann auch welche, in denen die Figuren halbwegs realistisch waren, und es neben den Gags auch noch etwas Tiefe gab: die „Cosby Show“ und „Friends“ vor allem.

„Studio 60“ bearbeitet die gleiche Grundidee in einem komplett anderen Stil. Erzählerisch eine Mischung aus Comedy und Drama, stilistisch aufwendig produziert mit guter Kameraarbeit, weitläufigen Kulissen etc. Die Rollen sind fast alle hervorragend besetzt, allen voran Matthew Perry (Chandler aus „Friends“) und Bradley Whitford (Josh Lyman aus „The West Wing“) als die beiden Executive Producer der Show „Studio 60“, die mit ihrer jahrzehntelangen Tradition deutlich an „Saturday Night Live“ angelehnt ist. In Nebenrollen tauchen dann auch mal bekanntere Namen wie John Goodman auf.

In Internetforen und Blogs liest man öfter, dass die Serie nicht funktioniert habe, langweilig sei. Tatsache ist, dass ihr etwas der Fokus fehlt. Sie startet vielversprechend mit zwei sehr guten Episoden, danach fragt man sich desöfteren, was nun eigentlich das handlungstragende Element der Folgen sein soll. Es geht um alltägliche Probleme beim Vorbereiten der wöchentlichen Live-Show, um die Auseinandersetzungen mit und zwischen der neuen Senderchefin und den Bossen der Muttergesellschaft, um die schwierige Beziehung zwischen Produzent Matt und seiner Exfreundin, einer der Stammschauspielerinnen der Show, um Politik und Gesellschaft.

Während man bei Sorkins Vorgängerserie „The West Wing“ aber immer einen klaren Fokus auf bestimmte politische Fragen und Auseinandersetzungen hatte, die dann entweder am Ende der Folge entschieden oder eben in der folgenden Woche weiter geführt wurden, weiß man hier oft nicht so richtig, wo eigentlich das Problem liegt oder was daran nun so dramatisch sein soll. Vielleicht ist die Produktion einer TV-Unterhaltungssendung auch einfach kein so dankbares Sujet wie die nationale und internationale Politik. Ich kann mir jedenfalls nur schwer vorstellen, welche Geschichten die Macher noch hätten erzählen sollen, wenn „Studio 60“ sieben Staffeln bekommen hätte. Hinzu kommt, dass die Sketche der fiktiven Show, die immer wieder eine Rolle in der Serie spielen, überwiegend nicht lustig sind. Es spricht nicht unbedingt gegen Sorkin, dass er keine Sketche schreiben kann, aber das ist natürlich ein Problem, wenn man eine Serie über eine angeblich wahnsinnig lustige und erfolgreiche Sketch-Show macht.

Trotzdem ist die Serie recht unterhaltsam. Die Gags stehen hier nicht im Vordergrund, aber es passieren genügend witzige Sachen. Und auch wenn Sorkins Dialoge meist nicht so brilliant sind wie in „West Wing“, bleibt er natürlich ein Meister des geschliffenen Wortgefechts. Vor allem aber sind die Figuren in „Studio 60“ glaubwürdig und weitgehend sympathisch und es werden wieder gesellschaftliche Themen diskutiert wie der Konflikt zwischen Liberalen und Christlichen Rechten in den USA oder die Kommunistenhatz im Hollywood der 50er Jahre.

Und: „Studio 60“ ist wesentlich kritischer als „30 Rock“, was die Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen selbst angeht. So ist es vielleicht kein Zufall, dass „30 Rock“ angeblich in der NBC-Zentrale spielt, während „Studio 60“ vom fiktiven Network NBS produziert wird. Am amerikanischen Mainstream-Fernsehen der Gegenwart lässt die Serie nämlich kaum ein gutes Haar. Da geht es nur um Quote und Geschäfte mit China, aber wenig um Qualität und Inhalte. Das bietet immer wieder Platz für gelungene Anspielungen, die man auch als deutscher Serienfan verstehen kann. Als Beispiel ein Dialog zwischen Produzent und Senderchefin:  „Ich finde, die Show passt nicht zu NBS.“ – „Warum?“ – „Weil sie gut ist.“ Der Chef der Muttergesellschaft hält eine Serie über die UN dann auch für Quotengift: „Wenn sie anfangen, über Dafur zu diskutieren, steigt die Quote bestimmt.“ Das ist natürlich pure Selbstreferenzialität mit Bezug auf Sorkins „West Wing“, wo desöfteren mal über Völkermord und afrikanische Bürgerkriege diskutiert wird.

Fazit: „30 Rock“ ist schnelle Popcorn-Unterhaltung für zwischendurch, die keinem wehtut. „Studio 60“ mag vielleicht gescheitert sein, das aber sehr ambitioniert und auf hohem Niveau. Ich würde letzteres jederzeit vorziehen.

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