Archiv für 27. Dezember 2009

Nachdem von Georg Seeßlen in der taz bis zum „epd Film“-Kritiker alle hellauf von „Avatar“ begeistert waren, bin ich dann doch neugierig geworden. Letztlich ist es aber dann doch nur ein Film für langweilige Weihnachtsfeiertage. Wenn nicht das Gimmick der 3D-Bilder wäre, wäre das ein völlig belangloser Blockbuster, so ist es leider auch nicht mehr als bunte Familienunterhaltung. Also, die Story, ja, die Story: Sagen wir mal so, als 10- 12-Jähriger hätte die mich total fasziniert. Aber als Erwachsener? Im Grunde ist „Avatar“ eh ein Kinderfilm: Die Story – die ja schon zur Genüge in allen Medien zu lesen war, weswegen ich sie jetzt nicht noch mal zusammenfassen werde -, ist ein Nichts, die naiv-gutmenschelnde Ökobotschaft (gute, weil reine, unverdorbene Ureinwohner gegen böse Zivilisation; in der Natur ist alles mit allem verbunden, weswegen nur, wer im Einklang mit ihr lebt, auch ein „wahres“ und gutes Leben führen kann) schon sehr penetrant, was dann noch durch einen Pseudo-Ethno-Soundtrack mit Trommeln und afrikanisch anmutenden Chören verstärkt wird.

Am schlimmsten sind aber die eindimensionalen Charaktere. So was wie Charakterentwicklung oder Vielschichtigkeit sucht man hier vergebens. Die Hauptfigur wandelt sich ja nicht etwa vom ergebenen Soldaten zum Freiheitskämpfer, weil er dazulernt, sondern einfach, weil er vorher nicht gewusst hat, was seine Vorgesetzten wirklich planen. Die Bösen sind unglaubliche Knallchargen: Ob der martialische General, der bei seinem Großangriff zum Abendessen wieder zuhause sein möchte, oder der skrupellose Chef der Mission, der mit vollem Mund den Befehl zum Zuschlagen gibt – eindimensionaler geht’s nimmer. Entsprechend klischeehaft sind dann auch deren Motive: die “ dreckigen Wilden“ müssen halt ausgemerzt werden, und der leitende Angestellte ist ja nur seinen Aktionären verpflichtet, die selbstverständlich ihren Shareholder Value nicht sinken sehen wollen.

Entsprechend lässt das platte Drehbuch den Schauspielern dann auch keinerlei Raum für irgendwelche überraschenden oder tiefergehenden Gefühlsregungen. Sie sind nur Gesichtsverleiher statt dass sie wirklich Charaktere verkörpern – wobei ich mir bei Sam Worthington, der schon in „Terminator 4“ über nicht viel mehr als zwei Gesichtsausdrücke verfügte, nicht sicher bin, ob er überhaupt zu so etwas in der Lage wäre. Einer der glattesten und austauschbarsten Darsteller der letzten Zeit.

Aber im Grunde sind die Menschen eh nur Randfiguren, denn im Mittelpunkt stehen ja die Aliens und die ihnen nachempfundenen Avatare, also die Figuren, die sich auch viel besser als Spielzeugfiguren vermarkten lassen. Richtig peinlich wird die artenüberschreitende Liebesgeschichte zwischen Mensch und Alien immer dann, wenn es gefühlig wird, vor allem, weil die Musik dann immer verdächtig nach „My Heart will go on“ klingt. Da kann „Titanic“-Regisseur James Cameron dann eben doch nicht aus seiner Haut. Wobei der Mann außer den beiden ersten „Terminator“-Filmen mMn sowieso nicht viel auf die Reihe gekriegt hat.

Darüber hinaus ist „Avatar“ mit 166 Minuten natürlich viel zu lang: Seine Story hätte man auch in 90 Minuten erzählen können, und nach zwei Stunden mit 3D-Brille wird einem langsam etwas schwindelig. Wenn das nun die Zukuft des Kinos sein soll, wie vielfach beschworen, werde ich irgendwann tatsächlich gar nicht mehr ins Kino gehen – oder höchstens noch zu Bergman-Retrospektiven im Filmmuseum -, da inzwischen fast jede neue US-TV-Serie inhaltlich innovativer ist als dieser hoch gehypte Popcornfilm.

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Weihnachtsgeschenk der Woche: „Was bisher geschah“

Veröffentlicht: 27. Dezember 2009 in Bücher, TV
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Ein Reader, herausgegeben von Sacha Seiler im Schnitt Verlag, in dem sich verschiedene Autoren in Einzelbeiträgen mit neueren US-Fernsehserien der letzten zehn Jahre beschäftigen. Unter den Autoren finden sich einige Mainzer Filmwissenschaftler, darunter Andreas Rauscher, bei dem ich vor einigen Jahren einmal ein David Lynch-Seminar besucht habe. Ich konnte schon früher einmal feststellen, dass Rauscher zum Glück besser über Filme schreibt als er referiert. Seine Fachgebiete sind hauptsächlich Genrefilme, Comics, Comicverfilmungen und Zeichentrickserien, in diesem Band schreibt er über „Heroes“ und dessen Beziehungen zu Comicserien.

Was man durch diesen Band so lernen kann: Dass Jeph Loeb, Autor diverser anspruchsvollerer Batman- und Superman- Graphic Novels, einer der Autoren und Produzenten von „Heroes“ ist. Dass „Sopranos“-Erfinder David Chase Executive Producer bei den letzten Staffeln von „Northern Exposure“/“Ausgerechnet Alaska“ war. Dass „The Wire“-Autor David Simon bereits vor seinem opus magnum an zwei Serien beteiligt war, die sich mit der Dealer-, Drogen- und Verbrechensszene in Baltimore auseinandersetzen. Dass „Rome“-Miterfinder John Milius u.a. das Drehbuch zu „Apocalypse Now“ geschrieben hat.

Wie bei einem Sammelband nicht anders zu erwarten, sind die einzelnen Aufsätze von recht unterschiedlicher Qualität. Richtig enttäuschend fand ich den Beitrag zu „Battlestar Galactica“, der weitgehend unverständlich ist, zumindest wenn man sich nicht mit griechischen Tragödien auskennt, und einen genauso klug zurücklässt wie man vorher schon war. Oliver Baumgartens These, dass „Rome“ eine Verherrlichung der Soldatenehre ist, mit der die Produzenten die Zuschauer auf das neokonservative Weltbild der Bush-Regierung einschwören wollten, halte ich für nicht besonders plausibel (Dagegen spricht auch, dass „Apocalypse Now“ ja nun alles Andere als kriegsverherrlichend war.). Da gefällt mir Lars Kochs Ansatz zu 24, dass man bei der Wirkung von TV-Serein halt nicht von einem einfachen Sender-Empfänger-Modell ausgehen könne, schon wesentlich besser. Ironischerweise würde ich gerade bei 24 schon wesentlich eher ein erzkonservatives bis fast schon reaktionäres Weltbild der Autoren  herauslesen.

Während ich nach Lektüre der Texte zu „Damages“ und „Lost“ nicht gerade bedauere, diese Serien nach den ersten Folgen nicht weiter verfolgt bzw. nie gesehen zu haben, bekomme ich bei anderen Artikeln richtig Lust, „The Wire“ doch noch eine (weitere) Chance zu geben oder mir doch mal „Deadwood“ oder „In Treatment“ anzusehen. Wenn es nur nicht so viele interessante US-Serien gäbe, die nicht im deutschen Free TV gezeigt werden…

Insgesamt ein lesenswerter, informativer Sammelband, in dem man einiges an Hintergründen erfährt, was man auch als Fan bestimmter Serien noch nicht unbedingt wusste, und dessen Analysen mal wieder zeigen, wie vielschichtig und tiefgründig die Gattung TV-Serie in den USA inzwischen geworden ist. Der deutsche Durchschnittszuschauer guckt währenddessen weiter „Verbotene Liebe“ und „Traumschiff“.

Sascha Seiler (Hg.):  „Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen.“ Schnitt – der Filmverlag 2008. 242 Seiten. 10 Euro.