Weihnachtsgeschenk der Woche: „Was bisher geschah“

Veröffentlicht: 27. Dezember 2009 in Bücher, TV
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Ein Reader, herausgegeben von Sacha Seiler im Schnitt Verlag, in dem sich verschiedene Autoren in Einzelbeiträgen mit neueren US-Fernsehserien der letzten zehn Jahre beschäftigen. Unter den Autoren finden sich einige Mainzer Filmwissenschaftler, darunter Andreas Rauscher, bei dem ich vor einigen Jahren einmal ein David Lynch-Seminar besucht habe. Ich konnte schon früher einmal feststellen, dass Rauscher zum Glück besser über Filme schreibt als er referiert. Seine Fachgebiete sind hauptsächlich Genrefilme, Comics, Comicverfilmungen und Zeichentrickserien, in diesem Band schreibt er über „Heroes“ und dessen Beziehungen zu Comicserien.

Was man durch diesen Band so lernen kann: Dass Jeph Loeb, Autor diverser anspruchsvollerer Batman- und Superman- Graphic Novels, einer der Autoren und Produzenten von „Heroes“ ist. Dass „Sopranos“-Erfinder David Chase Executive Producer bei den letzten Staffeln von „Northern Exposure“/“Ausgerechnet Alaska“ war. Dass „The Wire“-Autor David Simon bereits vor seinem opus magnum an zwei Serien beteiligt war, die sich mit der Dealer-, Drogen- und Verbrechensszene in Baltimore auseinandersetzen. Dass „Rome“-Miterfinder John Milius u.a. das Drehbuch zu „Apocalypse Now“ geschrieben hat.

Wie bei einem Sammelband nicht anders zu erwarten, sind die einzelnen Aufsätze von recht unterschiedlicher Qualität. Richtig enttäuschend fand ich den Beitrag zu „Battlestar Galactica“, der weitgehend unverständlich ist, zumindest wenn man sich nicht mit griechischen Tragödien auskennt, und einen genauso klug zurücklässt wie man vorher schon war. Oliver Baumgartens These, dass „Rome“ eine Verherrlichung der Soldatenehre ist, mit der die Produzenten die Zuschauer auf das neokonservative Weltbild der Bush-Regierung einschwören wollten, halte ich für nicht besonders plausibel (Dagegen spricht auch, dass „Apocalypse Now“ ja nun alles Andere als kriegsverherrlichend war.). Da gefällt mir Lars Kochs Ansatz zu 24, dass man bei der Wirkung von TV-Serein halt nicht von einem einfachen Sender-Empfänger-Modell ausgehen könne, schon wesentlich besser. Ironischerweise würde ich gerade bei 24 schon wesentlich eher ein erzkonservatives bis fast schon reaktionäres Weltbild der Autoren  herauslesen.

Während ich nach Lektüre der Texte zu „Damages“ und „Lost“ nicht gerade bedauere, diese Serien nach den ersten Folgen nicht weiter verfolgt bzw. nie gesehen zu haben, bekomme ich bei anderen Artikeln richtig Lust, „The Wire“ doch noch eine (weitere) Chance zu geben oder mir doch mal „Deadwood“ oder „In Treatment“ anzusehen. Wenn es nur nicht so viele interessante US-Serien gäbe, die nicht im deutschen Free TV gezeigt werden…

Insgesamt ein lesenswerter, informativer Sammelband, in dem man einiges an Hintergründen erfährt, was man auch als Fan bestimmter Serien noch nicht unbedingt wusste, und dessen Analysen mal wieder zeigen, wie vielschichtig und tiefgründig die Gattung TV-Serie in den USA inzwischen geworden ist. Der deutsche Durchschnittszuschauer guckt währenddessen weiter „Verbotene Liebe“ und „Traumschiff“.

Sascha Seiler (Hg.):  „Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen.“ Schnitt – der Filmverlag 2008. 242 Seiten. 10 Euro.

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Kommentare
  1. Olsen sagt:

    „24“ ist Regierungspropaganda vom allerübelsten. Die Aussage ist immer wieder, man ruhig mal Gesetze übertreten oder wahllos Menschen foltern, wenn es dem übergeordneten Ziel förderlich ist. Da könnte ich brechen.

    John Milius war dir aber hoffentlich vorher schon ein Begriff, oder? Der spukt ja nicht erst seit gestern durch das amerikanische Kino. Ich habe das besprochene Buch hier nicht gelesen, aber Milius ist eine reaktionäre Sau vor dem Herren. Da kann ich gut verstehen, dass mancher Autor in jedem Projekt, an dem der Mann beteiligt ist, nach dem Abgründigen sucht.

    • Medienjunkie sagt:

      zu 24: Seh ich genauso. Abgesehen davon ist die Handlung meistens so haarsträubend, dass man das bestenfalls als guilty pleasure angucken kann.

      zu Milius: Der Mann sagte mir vorher nichts. Aus welchen seiner Filme kann man denn angeblich sein reaktionäres Weltbild herauslesen? Aus „Apocalypse Now“ doch sicherlich nicht.

  2. Olsen sagt:

    Na, „Red Dawn“ („Die rote Flut“) ist doch schon quasi legendär wegen der beknackten Handlung: Die Russen besetzen Amerika (sie kommen einfach von oben, mit Fallschirmen!) eine Gruppe junger Burschen flüchtet in die Berge und nimmt von da aus den Guerilla-Kampf auf. Können wir uns bei Gelegenheit ja mal ansehen, hihi.

  3. Medienjunkie sagt:

    Aber nur in 3D 😉 Hab noch mal nachgeschaut, was der Mann sonst noch so geschrieben hat. „Dirty Harry“ und „Conan der Barbar“ sind natürlich auch keine Lehrfilme in Sachen Humanismus.

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