Wie Tolstoi in wöchentlichen Häppchen

Veröffentlicht: 30. Dezember 2009 in Aus der Praxis, Print, TV
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Da es mein letzter epd-Artikel über die Entwicklung, die US-Fernsehserien in den vergangenen zehn Jahren genommen haben, bisher nicht ins Internet geschafft hat, stell ich ihn hier mal in der Ursprungsfassung ein. Aufgrund der vorgegebenen Länge musste ich leider etwas an der Oberfläche bleiben und mich hauptsächlich auf drei interessante Serien beschränken: „Carnivàle“, „The West Wing“ und „Mad Men“.

Wer sich ausführlicher über „Mad Men“ informieren will, dem sei das Dossier in der aktuellen „Cargo“-Ausgabe empfohlen. Die Analyse von Bert Rebhandl ist das Beste, was ich bisher über diese viel besprochene Serie gelesen habe, dazu kommt dann u.a. noch ein Artikel über den feministischen Sachbuchklassiker „The Feminine Mystique“ von 1963, der als eine Art Inspirationsquelle für die Serie gelten kann. Die Autorin Betty Friedan beschrieb darin das damals noch vorherrschende Rollenmodell für Frauen als Hausfrauen und Mütter als „Ursache für ein weit verbreitetes Gefühl von Leere und Haltlosigkeit, ja sogar für Depression und Suizid“ (Catherine Davies in „Cargo“).

Hier nun aber mein Artikel:

Mit Tony Soprano fing fast alles an. 1999 startete der US-Bezahlsender Home Box Office (HBO) die Fernsehserie „The Sopranos“ um den von James Gandolfini gespielten Boss eines Mafia-Clans in New Jersey, die gleich in mehrfacher Hinsicht neue Maßstäbe setzte. Als reiner Abosender fiel HBO nicht unter die Zuständigkeit der Aufsichtsbehörde FCC, weswegen drastische Sprache und Sexszenen kein Problem darstellten. Zum anderen brach das gemächliche Tempo der Folgen radikal mit bis dahin im Fernsehen üblichen Erzählweisen.

Mit Serien wie den „Sopranos“ haben US-Pay TV-Sender wie HBO oder Showtime das Erzählen im Fernsehen revolutioniert. Die Zeiten, in denen Serien aus abgeschlossenen Folgen bestanden und die Ereignisse der vorangegangenen schon eine Woche später keine Rolle für die Charaktere mehr spielten, sind weitgehend vorbei. Längst sind viele US-amerikanische Serien komplexer als jeder noch so anspruchsvolle Kinofilm. Statt über zwei Stunden erstrecken sich einzelne Handlungsstränge über eine oder mehrere Staffeln. So ergeben sich epische Geschichten, die fast schon an die großen Romane von Tolstoi oder Dostojewskij erinnern.

Ins deutsche Fernsehen schaffen es viele dieser Serien aber nie – oder nur zu Pay TV-Sendern wie Sky. Immer mehr gerade junge Fans mit guten Englischkenntnissen warten aber gar nicht mehr auf eine ungewisse TV-Ausstrahlung. Sie schauen die Serien gleich im Original – entweder als DVD-Boxen, die man als Import bei Internet-Versandhändlern wie Amazon bestellen kann, oder über diverse legale, illegale oder halblegale Online-Portale.

Auf HBO-Erfolge wie die „Sopranos“ oder „Six Feet Under“ reagierte der Konkurrenzsender Showtime mit Serien wie „Dead like me“, „Weeds“ und „Californication“. Obwohl auch in diesen nackte Haut, Fluchen und explizite Sprache an der Tagesordnung sind, unterscheiden sich die Showtime-Serien stilistisch deutlich von den HBO-Produktionen. Erstere sind trotz aller Tiefgründigkeit und dem Ansprechen auch ernster Themen wie Tod oder Politik immer auch witzig, auf eine skurrile und oft anarchistische Art unterhaltend und in ihrer Dramaturgie nicht allzu weit von Mainstream-TV-Serien entfernt. Letztere sind hingegen viel zurückgenommener und wesentlich langsamer im Erzähltempo. Es gibt meist wenig Aktion, dafür schier endlose Dialoge. Spannungshöhepunkte und Cliffhanger spielen eine untergeordnete Rolle.

Zu den HBO-Perlen, die es nicht einmal zu einer deutschen DVD-Veröffentlichung schafften, zählt „Carnivàle“, das von der Bildgestaltung und den Spezialeffekten her zum besten gehören dürfte, was je fürs Fernsehen gedreht wurde. Leider fand die Mystery-Serie um einen Wanderzirkus in den USA der 1930er Jahre, der in den ewigen Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen gerrät, nicht den erhofften Anklang. Statt geplante sechs Staffeln zu drehen, setzte der Sender sie bereits nach der zweiten ab.

Aber auch vor den großen US-amerikanischen Sendern machte die Entwicklung nicht halt. So startete NBC 1999 „The West Wing“ um den Beraterstab des fiktiven demokratischen Präsidenten Bartlet, gespielt von Martin Sheen. Die von Aaron Sorkin erdachte Show feierte sieben Staffeln lang den politischen Diskurs in einem demokratischen System. Der Zuschauer wird Zeuge der komplexen Prozesse der Entscheidungs- und Mehrheitsfindung. Dabei schreckt „The West Wing“ nicht vor kontroversen Themen wie dem Umgang mit Homosexuellen in der Army oder der Frage nach der richtigen Drogenpolitik zurück. Dank geschliffener Dialoge und subtilem Witz bleibt es aber immer eine Freude, den leitenden Mitarbeitern im Westflügel des Weißen Hauses bei ihren Diskussionen zuzuhören.

Der Nachschub an anspruchsvollen Serien aus den Staaten reißt nicht ab. Einer der aktuellen Erfolge ist „Mad Men“, 2007 vom Kabelsender AMC gestartet. Die von „Sopranos“-Produzent Matthew Weiner erfundene, stilvoll ausgestattete Serie spielt Anfang der 1960er Jahre in einer der Top-Werbeagenturen auf der Madison Avenue in New York. Es ist eine Zeit des Wandels, in der traditionelle Rollenbilder noch intakt sind, sich gesellschaftliche Veränderungen aber schon andeuten. Weibliche Angestellte werden noch als „Heiratsmaterial“ betrachtet, weniger als Kolleginnen oder Konkurrentinnen. Aber nicht nur Sekretärinnen und Hausfrauen leiden unter den einschränkenden Geschlechterrollen, auch der Held der Serie, Werbetexter Don Draper (Jon Hamm), fühlt sich in seinem scheinbar perfekten Leben mit Führungsposition, Haus, schöner Frau und Kindern, gefangen. Die erste Staffel soll im Februar 2010 auch als deutsche DVD-Box erscheinen.

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