Jörg Fausers letztes Werk: „Die Tournee“

Veröffentlicht: 8. Januar 2010 in Bücher, Journalismus
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„Wo bleibt die Göttliche?“ Das Warten auf den Star – ob in den MGM-Studios von Hollywood oder im Kurtheater zu Bad Wörishofen, ob auf Greta Garbo oder Doris Kunstmann – ist schon immer nur etwas für Regisseure mit guten Nerven und bühnenfähigem Galgenhumor gewesen.

Solche Sätze müssen einem auch erst einmal einfallen, als Einstieg für eine Reportage über eine Theatertournee durch deutsche Kurorte. Jörg Fauser begann so 1986 seine Reportage „Die Wunde der Komödianten“ für die Zeitschrift „Transatlantik“. Der Artikel war eigentlich ein Nebenprodukt einer Recherche Fausers für einen neuen Roman: „Die Tournee“. Von diesem konnte der Autor dann leider nur noch die ersten 180 Seiten fertig stellen, bevor er 1987 tödlich verunglückte. Im Rahmen der Taschenbuch-Werkausgabe Fausers im Diogenes-Verlag ist vor kurzem nun auch dieses Romanfragment erschienen (und vorher schon als Hardcover in der Gesamtausgabe im Alexander-Verlag).

Der Roman selbst ist etwas durchwachsen. Fauser führt im ersten Teil viele Figuren an unterschiedlichen Schauplätzen ein, die dann wohl in den späteren Teilen zusammen finden sollten: eine mittelalte Schauspielerin in der beruflichen Krise, die keine gescheiten Rollen mehr bekommt und deshalb das Angebot annimmt, auf Theatertournee zu gehen, ein Berliner SPD-Mitglied und ehemaliger Agent im Ruhestand, dessen Lebenswandel zu einem Herzinfarkt führt, ein undurchsichtiger asiatischer Gangster, ein von seiner Frau verlassener Münchener Galerist mit einschlägiger Vergangenheit als Junkie in Istanbul, der sich noch einmal an einem Drogendeal versucht, eine aufstrebende Jungjournalistin, die für ein Lifestyle-Magazin schreibt (es ist 1987, die große Zeit der „Zeitgeist“-Magazine!). Einerseits schreibt Fauser wieder über Szenen, die er selbst gut kennt (Journalismus, Junkies, Säufer und Kneipen), andererseits wird’s immer dann richtig klischeehaft und schlecht, wenn es um Drogengeschäfte, BKA-Spitzel und internationale Verbrecher geht. Gerade, als es anfängt, interessant zu werden (und man erahnen kann, wie die einzelnen Erzählfäden zusammen geführt werden sollen), bricht der Roman ab.

Fast interessanter als der eigentliche Romantext sind die ergänzenden Materialien, die sich in dieser liebevoll aufgemachten Ausgabe finden: Diverse Exposés und Auszüge aus Fausers Notizbüchern geben Aufschluss über seinen Arbeitsprozess, jedem Kapitel ist jeweils die erste Seite aus seinem Original-Typoskript als Faksimile vorangestellt und im Anhang findet sich dann neben zwei informativen Nachwörtern auch noch die oben erwähnte Reportage. Die ist besser geschrieben als der eigentliche Roman, was meinen Eindruck bestätigt, dass Fausers kurze Texte oft besser waren als seine Romane.

Am besten war er eh immer dann, wenn er aus seiner eigenen Erfahrung heraus geschrieben hat, über Dinge, die er selbst erlebt oder zumindest beobachtet hatte, wie bei „Rohstoff“ oder vielen seiner Kurzgeschichten. Das entsprach auch ganz seinem Anspruch an Literatur: über das schreiben, was man selbst kennt. Weswegen er dann eben erst einmal bei einer Theatertournee mitreiste, bevor er einen Roman mit diesem Thema begann. Immer wieder interessant sind dann die Bezüge zwischen Fausers journalistischen oder autobiografischen Texten und seinen fiktionalen. So finden sich auch hier wieder einige Figuren und Motive aus der Reportage fast eins zu eins in der Schilderung der Theatertruppe im Roman wieder.

Jörg Fauser: „Die Tournee“ Roman aus dem Nachlaß. Diogenes Taschenbuch. 272 Seiten, 8 Euro 90.

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