Ein gewaltiger Debütroman: Maxim Billers „Die Tochter“

Veröffentlicht: 16. Januar 2010 in Bücher, Uncategorized
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Maxim Biller: "Die Tochter"

„Als Motti Wind nach zehn langen, bedrückenden Jahren seine Tochter Nurit wiedersah, hatte sie fast gar nichts an.“

Maxim Biller gebührt für seinen Debütroman „Die Tochter“ von 2000 nicht nur die Anerkennung für den besten ersten Satz, den ich seit langem gelesen habe, sondern auch für den besten Romaneinstieg. Was für ein erstes Kapitel: Billers Protagonist erkennt in einer Darstellerin in dem Pornovideo, das er sich an einem Sonntagnachmittag zu Gemüte führt, so wie er sich seit längerem jeden Sonntag eines anguckt, seine Tochter wieder, die er vor zehn Jahren verloren hat. Statt den Blick abzuwenden oder den Fernseher auszuschalten, verliebt sich Motti aufs Neue in seine eigene Tochter, die inzwischen kein kleines Mädchen mehr ist, sondern eine Teenagerin, die für Geld Sex vor der Kamera hat.

Biller ist kein Autor, der Angst vor Tabubrüchen hat. Das Thema Inzest durchzieht die ganze tragische Liebes- und Lebensgeschichte, die er in seinem Roman, größtenteils in Rückblenden, erzählt. Während wir in der Rahmenhandlung den in München lebenden Israeli Motti auf seiner sonntäglichen Odysee durch die Stadt begleiten, auf dem Weg zur Mutter seiner Tochter, die er wegen des Pornos zur Rede stellen will, setzt sich die Vorgeschichte, die in jedem zweiten Kapitel erzählt wird, nur bruchstückhaft zusammen. Es ist die Geschichte eines jungen Juden, der nach einem traumatischen Erlebnis im Libanonkrieg Anfang der 80er Jahre nach Deutschland kommt, weil er sich im Flugzeug in eine deutsche Frau verliebt hat: Sofie.

Langsam, anfangs fast unmerklich, ändert sich die Stimmung des Romans, wird die Beziehung zwischen dem unsicheren Motti und der stillen Sofie von Problemen überschattet: Sofie scheint nicht in der Lage zu sein, der gemeinsamen Tochter Nurit Mutterliebe entgegen zu bringen, hinzu kommen Schwierigkeiten in diversen Jobs, die die Frau immer tiefer in die seelische Isolation und von Motti wegtreiben. Gleichzeitig sorgt sich Motti zunehmend um die meist apathisch wirkende Tochter, die in ihrer Entwicklung  zurückgeblieben zu sein scheint. Die Unfähigkeit aller Beteilligten, über ihre wahren Gefühle zu sprechen, führt unaufhörlich zur Katastrophe…

In seinem komplex strukturierten Familienromen geht es Biller ums Ganze: um unauslöschbare Schuld, die Unmöglichkeit von Kommunikation, den Gegensatz zwischen Israel und Deutschland, um eine unmögliche Liebe und die Möglichkeit eines negativen Gottesbeweises. Durch die nur schwer zu durchschauende Erzählstruktur und die manchmal quälend langen Schilderungen von Mottis wirrem Geisteszustand macht es Biller seinen Lesern nicht immer leicht. Andererseits entwickelt seine Erzählung immer wieder einen Sog, der einen so tief in die Handlung hineinzieht, dass man immer weiter lesen muss. Bis zum bitteren Ende, der mit einem Knalleffekt endet.

Leser, die schon Billers journalistische Arbeit mitverfolgt haben, werden sich über einige autobiographische Elemente gegen Ende des Romans freuen, wenn der Ich-Erzähler plötzlich anfängt, seine eigene Geschichte zu erzählen, die nur locker mit der Haupthandlung um Motti Wind verknüpft ist. Da taucht dann auch mal die Zeitschrift TEMPO auf, als deren Kolumnist Biller in den 80ern bekannt geworden ist, und ein New York-Korrespondent, der unschwer als Andrian Kreye (heute SZ-Feuilletonchef) zu erkennen ist. Wobei viele der Ansichten, die Motti über Deutschland und die Deutschen, über Gott und Religion vertritt, auch weitgehend deckungsgleich mit denen des Autors sein dürften. Wie schon in seinen legendären „100 Zeilen Hass“-Kolumnen teilt Biller auch hier wieder gerne aus, womit er einige Leser vor den Kopf stoßen dürfte. Andererseits beweist er mit diesem Roman, dass er auch ganz anders kann, indem er eine teils sehr einfühlsame Liebesgeschichte erzählt, die im Irrsinn endet, ohne dass er jemals die Sympathie für seine geschlagene Hauptfigur verliert.

Maxim Biller: „Die Tochter“ Roman. dtv 2001. 432 Seiten, 11 Euro.

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