Archiv für Februar, 2010

Wer in den 80ern jung war, ist kaum an Robert Mapplethorpe vorbei gekommen. Junge Magazine wie „Tempo“ und „Wiener“ druckten damals regelmäßig seine Fotos von Blumen und nackten Menschen. Auch inhaltlich sind die Aufnahmen des 1989 an AIDS gestorbenen Fotografen untrennbar mit jenem Jahrzehnt verbunden: mit der Schwulenbewegung, mit zeitgenössischen Pop- und Filmstars, mit der Etablierung von Star- und Aktfotografie in den Galerien und Museen. Das NRW-Forum Düsseldorf widmet dem inzwischen etwas in Vergessenheit gerratenen US-Amerikaner zurzeit eine große Retrospektive.

„Black Men and White Women“ ist der erste Teil der Ausstellung betitelt. Und genau das gibt es auch zu sehen: Schwarze, meist nackte Männer, muskulös und in athletischen Haltungen posierend, dann die weiße Bodybuilderin Lisa Lyon auf ebenso ästhetisierten Aufnahmen. Mapplethorpe zeigt sich hier als Fetischist perfekt gebauter Körper, die er in einer glatten Ästhetik zelebriert. In einer Ästhetik der 80er Jahre natürlich, als auch Sportlerinnen und Sportler nicht nur Scham-, sondern auch noch Achselhaare trugen.

Ein anderer Bereich der Ausstellung zeigt die Motive, für die Mapplethorpe vor allem berühmt und berüchtigt war: „Cocks and Flowers“. Auf Blumenaufnahmen folgen solche von Schwänzen in Großaufnahme, schwarzen und weißen, nackten und welchen in Unterhose, meist prächtige Exemplare, ohne dass der Rest des Körpers noch zu sehen wäre. Der Mann wird hier ganz auf sein Geschlecht reduziert. Manchmal finden sich Blumen und Penis auch auf einem Foto vereint, ganz der Einstellung Mapplethorpes folgend, bei Fotografie käme es nur auf Belichtung und Perspektive an, Blumen und Schwänze seien dann das Gleiche. Das Bild mit dem größten Schockpotential dürfte aber ein Selbstporträt sein, auf dem sich Mapplethorpe eine taudicke Peitsche in den Darmausgang einführt.

Mit seiner Mischung aus populärem Namen und Provokationspotential passt die Mapplethorpe-Ausstellung gut ins Konzept des NRW-Forums, das vor Jahren auch schon Helmut Newton und Anton Corbijn Einzelausstellungen widmete. Allerdings fragt man sich als Besucher, was das Ganze soll: Schockierend sind die Aufnahmen heute nicht mehr wirklich, und ihre Aussage bleibt zweifelhaft. Meistens fügt Mapplethorpe seinen Motiven nichts Überraschendes oder Originelles hinzu: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose und ein Schwanz ist und bleibt halt ein Schwanz. So what?

Bei den Ganzkörper-Aktfotos beschränkt er sich ebenfalls darauf, die perfekten Körper ebenso perfekt einzufangen, in einer Stilisierung und Überhöhung, die an Leni Riefenstahl erinnert. Hässliche, behinderte oder auch nur unvollkommene Menschen interessieren ihn hingegen als Motive nicht. So sagen einem die Bilder nur, dass ein bisexueller Weißer offenbar schwarze Männer mit großen Geschlechtsteilen anziehend fand. Als künstlerische Aussage ist das doch arg wenig.

Dass er durchaus auch anders konnte, zeigen seine Porträtfotos von befreundeten Prominenten wie Udo Kier, Andy Warhol und besonders Patti Smith. Die androgyne Sängerin und zeitweise Lebensgefährtin Mapplethorpes scheint eine Art Seelenverwandte gewesen zu sein, die er immer wieder porträtierte. Im Gegensatz zu den meisten anderen hier gezeigten Aufnahmen sind diese Fotos von großer „innerer“ Schönheit und inszenieren Smith in ungewöhnlichen, aussagekräftigen Posen und Arrangements.

Mit Mapplethorpe hat ein prominenter Vertreter der Pop- und Pornofotografie der 80er Jahre seinen Weg ins Museum gefunden, wo es nun fast bizarr wirkt, wenn typische Museumsbesucher, die wie pensionierte DeutschlehrerInnen wirken, sich sonntagnachmittags Fotos von großen Penissen ansehen. Frei nach dem Motto: „Der ‚Playboy’ ist pfui, aber was im Museum hängt, muss ja Kunst sein.“ Das NRW-Forum bleibt mit dieser Ausstellung seinem Konzept treu, mehr auf Besucherströme durch Provokation zu spekulieren als auf nachhaltige künstlerische Aussagen zu setzen.

NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Düsseldorf, bis 15.08., Di. – So. 11 – 20 Uhr, Fr. 11 – 24 Uhr, 5,80 Euro / 3,80 Euro ermäßigt

Quo Vadis, „Freitag“?

Veröffentlicht: 24. Februar 2010 in Online, Print
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Heute stolperte ich im Internet zufällig über zwei Artikel zum Thema „Freitag“, die die Situation der Wochenzeitung sehr unterschiedlich erscheinen lassen: In einem schon etwas älteren Interview mit DWDL sprach Verleger Jakob Augstein über die Möglichkeiten, in Zukunft (u.a. im Internet) Einnahmen zu erzielen. Das klingt alles sehr vernünftig, zumal Augstein von seinen Paid Content-Plänen, die er vor einigen Monaten mal in der „Freitag“-Community zur Diskussion stellte, inzwischen wieder abgekommen zu sein scheint.

Ein weniger rosiges Bild zeichnet ein taz-Artikel über die Kündigung eines altgedienten Feuilleton- und Literaturredakteurs. Nach diesem Artikel will sich Augstein im April komplett vom Kiosk zurück ziehen. Der „Freitag“ soll dann nur noch im Bahnhofsbuchhandel zu kaufen sein. Das ist schade und zeigt, dass die finanzielle Lage doch schlechter zu sein scheint, als ich gedacht hätte. Nur über den Bahnhofshandel und die Webseite wird es sicher schwieriger sein, neue Abonnenten zu gewinnen, was doch wohl das vorrangige Ziel ist.

Die Kündigung von Ingo Arend und die geplante Halbierung der Literaturseiten schlägt natürlich auch in der „Freitag“-Community hohe Wellen. Ich persönlich muss sagen, dass mich die inhaltliche Entscheidung nicht besonders stört. Tatsächlich sind die Literaturseiten im „Freitag“ mit diejenigen, auf denen ich am wenigsten lese. Eine Seite statt zwei würde mir da völlig reichen. Dass man einen langjährigen Redakteur kündigt bzw. ihm eine freie Mitarbeit mit 2/3 Honorar anbietet, ist hingegen für eine linke Zeitung ziemlich bedenklich. Das Argument, er habe eh immer nur einen Pauschalistenvertrag gehabt – sei also defacto eh immer nur freier Mitarbeiter gewesen – ist auch nicht besonders tauglich. Eher wundert mich, dass beim „Freitag“ selbst (ehemalige) Ressortleiter nur als Pauschalisten beschäftigt sind.

Kleine Kinos in der Krise

Veröffentlicht: 23. Februar 2010 in Aus der Praxis, Film
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Vorletzte Woche habe ich zum Thema „Zukunft der Programmkinos und kleinen Kinos in Deutschland“ recherchiert. Da passte es als Aufhänger/Fallbeispiel ganz „gut“, dass ein traditionsreiches kommunales Kino hier in der Nähe, das Duisburger Filmforum, gerade akut vom Rotstift der Stadtverwaltung bedroht ist. Wenn das schließen müsste, gäbe es in der 500.000+-Einwohner-Stadt tatsächlich kein Kino außer dem Blockbuster-Abspielhaus UCI mehr. Wir hier in Düsseldorf sind ja zum Glück noch in der komfortablen Lage, dass alle Programmkinos den Multiplex-Boom überlebt haben. Und dank voller Stadtkassen konnte sogar das hiesige Filmmuseum das angeschlossene Kino wieder selbst übernehmen. In Nachbarstädten wie Wuppertal oder eben Duisburg sieht es hingegen wirklich düster aus, was Orte für Filmkunst angeht. Den fertigen Artikel lest ihr u.a. hier.

Profilaufweichung bei N24? Welches Profil?

Veröffentlicht: 22. Februar 2010 in TV
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Eine „Profilaufweichung beim Nachrichtensender N24“ befürchtet das ver.di-Medienmagazin M angesichts der Sparpläne von ProSiebenSat.1. Da frage ich mich: Welches Profil könnte denn da aufgeweicht werden? N24 als Nachrichtensender zu bezeichnen, ist doch schon heute ein Witz. Günter Herkel drückt es in M so aus: „Beim sporadischen Einschalten gewinnt der Zuschauer leicht den Eindruck eines von gelegentlich irrelevanten, häufig militärtechnischen, gern auch zeitlosen Stoffen geprägten Programms.“

Das ist zwar schön formuliert, ich würde aber etwas härter sagen: Jedesmal, wenn ich beim Zappen bei N24 lande, läuft da gerade „Kronzuckers Welt“, egal, ob nachmittags, abend oder nachts. Und wenn der ältere Herr gerade nicht im Bild ist, laufen Dokus über Hitler, Panzer oder LKWs. Was das mit Nachrichten zu tun haben soll, weiß ich nicht. Richtige Nachrichten habe ich bei dem Sender so gut wie nie gesehen. Ich hab auch nicht gezielt danach gesucht, aber bei einem Nachrichtensender müsste man die ja auch hin und wieder mal zufällig erwischen.

Warum wird eigentlich CNN immer so schlecht gemacht? Das sei doch Infotainment, was die Amis da machen, heißt es häufig, oft boulevardesk noch dazu. Jedes Mal, wenn ich CNN einschalte, laufen da aber World News oder irgendwelche Reportagen zu anspruchsvollen internationalen Themen. Gerne wird auch über abseitigere Themen und (aus US-Sicht) Länder berichtet, aus Asien, Afrika, Europa. Als ich neulich nachts nicht schlafen konnte, sah ich eine Sendung über US-Innenpolitik: über die Blockadehaltung des Kongresses gegenüber Gesetztesvorhaben des Weißen Hauses, über die recht merkwürdige „Tea Party“-Bewegung, die sich hauptsächlich aus ultrakonservativen Republikanern speist, und darüber, dass viele Bürger sich inzwischen nicht mehr von ihrem Parlament vertreten fühlen. Das dauerte eine halbe Stunde. Wann bekommt man bei N24 jemals eine ähnlich lange Berichterstattung über ein innenpolitisches Thema zu sehen? Wann wird da über Afrika und Asien berichtet?

Natürlich sind die Themen bei CNN populär aufbereitet, mit allen möglichen technischen Spielereien wie Grafiken, Schriftbändern und Moderatoren, die Prozentzahlen auf einem Bildschirm mit einem Stift einkreisen. Natürlich ist vieles davon überflüssig. Aber wenn es dazu dient, dass mehr Leute einschalten oder dran bleiben – so what? Bei N24 kann man sich derweil ausführlich über den Marder der Bundeswehr informieren oder über die neuesten LKW-Modelle. Auch schön, aber gehört so etwas nicht eher ins Programm von DMAX? Anders gesagt: Ob N24 nun an Stefan Aust verkauft wird oder nicht: Irrelevant ist er sowieso schon.

Den Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man liest, dass die letzten Montag bei 3sat gestartete HBO-Serie „In Treatment“ nur den halben Marktanteil hatte, den 3sat sonst so durchschnittlich hat, nämlich nur 0,5 Prozent. In absoluten Zahlen machte das bei der ersten Folge 160.000 Zuschauer. Also eine vernichtend schlechte Quote.

Jetzt kann man von der Serie selbst halten, was man will. Ich fand die ersten Folgen z.B. ziemlich dröge, erst ab der sechsten fing es so langsam an, mich zu interessieren. Aber dass selbst das 3sat-Publikum nicht bereit zu sein scheint, einer anspruchsvollen US-Serie mit einer interessant klingenden Prämisse (kammerspielartig inszeniert, fast in Echtzeit, jede Folge auf einen Raum und zwei bis vier Personen beschränkt) eine Chance zu geben. Mal ehrlich: Was läuft denn sonst so um die Zeit bei 3sat? Tierdokus und merkwürdige Reportagen. Und am Samstag Theteraufführungen. Und die haben dann einen doppelt so hohen Marktanteil?

Vielleicht ist es wirklich längst so, dass sich alle, die an guten Serien interessiert sind, diese sowieso kurz nach der US-Ausstrahlung irgendwo herunter laden. Oder dass diese Menschen alle eine Allergie gegen Synchronisationen haben. Ich weiß es nicht. Für die Aussichten, dass vielleicht doch noch mal andere anspruchsvolle Serien ihren Weg ins deutsche Free-TV finden, ist das jedenfalls mehr als schlecht. Wobei ich mich echt frage, ob es unter den Sky-Abonnenten tatsächlich mehr Leute gibt, die solche Serien sehen wollen als unter den 3sat-Zuschauern. Anscheinend ja, denn dort laufen ja die ganzen Serien von HBO & Co.

Dabei kann man sich über das Marketing von 3sat eigentlich nicht beschweren: Die serienaffine Zielgruppe versucht man mit einem Blog zur Serie anzusprechen, im Internet kann man die Folgen auch sehen, allerdings nur während der TV-Ausstrahlung (was an den Rechten liegen dürfte). Außerdem hat der Serienstart Medienecho von ungewöhnlichen Seiten bekommen: WDR5 brachte eine Kritik dazu, ebenso „der Freitag“, also Medien, die normalerweise nicht über neue Fernsehserien berichten. Die registrieren das also durchaus, wenn ein Spartensender mit einer Sendung mal ungewöhnliche Wege geht. Nur der deutsche Zuschauer scheint sich mit dem Einheitsbrei aus Wintersport und Karneval zufrieden zu geben.

Gerade ist im Berliner Alexander-Verlag ein schönes Buch mit gesammelten Filmkritiken und Aufsätzen Dominik Grafs erschienen. Dass viele später berühmt gewordene Regisseure selbst als Kritiker angefangen haben, ist ja bekannt: Die ganzen Nouvelle Vague-Meister wie Truffaut und Godard wären hier zu nennen, aber z.B. auch Wim Wenders. Im Normalfall haben diese dann wieder aufgehört, über Filme Anderer zu schreiben, als sie anfingen, selbst welche zu drehen und zu veröffentlichen.  Dominik Graf ging den umgekehrten Weg und fing, als er als Regisseur schon längst etabliert war, an, u.a. für die FAZ DVD-Kritiken zu schreiben, und hin und wieder auch andere Artikel für andere Zeitungen und Zeitschriften.

Interessant sind solche Artikel von Regisseuren immer besonders dadurch, dass man darin Parallelen suchen kann zwischen ihren Ansichten über die Filme anderer Filmemacher, ihren Vorlieben und Abneigungen, ihren theoretischen Positionen zum Medium, und ihren eigenen Filmen, dem, was sich in diesen davon widerspiegelt. Bei Wenders klappt das sehr gut, bei Graf auch. Graf ist unter den bekannteren deutschen Regisseuren ja ein Außenseiter dadurch, dass er gerade kein Autorenfilmer sein will, dass er hauptsächlich Genrefilme dreht, meist fürs Fernsehen. Und zwar nicht etwa aus Not, sondern, weil er mit dem ganzen Arthouse-Indie-Kunstkino nicht viel anfangen kann.

Das erkennt man schon an der Auswahl der Filme, die er bespricht (es sind fast ausschließlich Lobeshymnen, kaum Verrissse in diesem Buch versammelt): Mit wenigen Ausnahmen sind es Genrefilme – Thriller, Horrorfilme, Science Fiction, aus den USA, England, Italien, oft gefloppte und vergessene Filme, auch mal obskure Giallos oder Folgen von deutschen Fernsehserien aus den 60ern wie „Der Kommissar“ oder „Der Alte“, also viele Sachen, die heute nicht gerade als satisfaktionsfähig gelten. In diesen erkennt Graf oft etwas, was sich im Autoren- oder Arthousekino meistens nicht findet, und im Mainstreamkino von heute auch nicht mehr.

Gerade das klassische Unterhaltungskino der 60er und 70er, das sich nicht an irgendwelche intellektuelle Eliten wandte, sondern an die breite Masse, interessiert Graf. Denn es kann, wenn es gut gemacht ist, mehr über den Menschen, seine Gefühle und die Welt, in der er lebt, aussagen, als die ganzen artifiziellen „Filmkunstfilme“. Mit dem so hoch gelobten Neuen Deutschen Film und seinen zeitgenössischen Nachfolgern kann er hingegen nichts anfangen, mit wenigen Ausnahmen (Fassbinder kommt noch gut weg, Wenders schon nicht mehr).

Auch in seinen eigenen Filmen, bietet das Genre (in seinem Fall meist das des Thrillers) den Rahmen, innerhalb dessen dann unerwartete Dinge passieren können, seien sie unerwartet tiefgründig oder unerwartet schräg. Nur wer das Handwerk beherrscht, kann dieses dann durchbrechen oder erweitern, indem er das Genre nutzt, um von Dingen auf eine Art zu erzählen, die andere im gleichen Genre sich nicht trauen. Bei Graf kommen dann im Genre des Fernsehkrimis immer wieder versteckte Meisterwerke heraus wie „Eine Stadt wird erpresst“ oder seine berühmte „Tatort“-Folge „Frau Bu lacht“. Und unter seinen wenigen Kinofilmen finden sich dann moderne Klassiker wie „Die Katze“ aus den späten 80ern, ein Thriller zu einer Zeit, als in Deutschland niemand fürs Kino Thriller gedreht hat (und in der das deutsche Kino sowieso ziemlich tot war). Oder „Die Sieger“ von 1994, damals ein riesiger Flop, den auch Graf selbst heute wohl für mehr oder minder gescheitert hält. Weitgehend zu Unrecht.

Es sind immer wieder diese kleinen Irritationen, die diesen Film so ungewöhnlich machen: der unerwartete Splattereffekt am Anfang, wenn Hannes Jaenicke sein neugeborenes, behindertes Baby erschlägt. Die unwirkliche Atmosphäre in dem Kinderzimmer mit Lichtspiel und Wandbemalung, in dem Meret Becker als Mutter auch vier Jahre nach dem Tod ihres Babys nichts verändert hat. Die Hand von Katja Flint, die ohne Vorankündigung mitten auf dem Hotelflur Herbert Knaup den Hosenschlitz öffnet, um ihn manuell zu befriedigen. Auf seine anschließende naheliegende Frage „Warum haben Sie das getan?“ antwortet sie lakonisch: „Da drin schläft mein Mann, und ich wollte, dass Sie mich in guter Erinnerung behalten.“ Die Sexszene zwischen Knaup und seiner Frau auf dem Boden  inmitten der Luftballons, die vom Kindergeburtstag ihres Sohnes übrig geblieben sind. Und so weiter…

Der Film erzählt eine klassische Geschichte über eine Männerclique, eine Spezialeinheit der Polizei aus sechs Männern, mit ihrem rauhen Umgangston und ihrer Kumpelhaftigkeit. Gesprengt wird diese eingeschworene Gruppe vom Auftauchen eines ehemaligen Polizisten und Freundes, eben jenem von Jaenicke gespielten Mann, der angeblich vor vier Jahren Selbstmord beging, nachdem er sein Kind umgebracht hatte. In Wahrheit nahm er damals eine neue Identität als V-Mann an und wurde zur Schlüsselfigur eines gewaltigen Komplotts, in das organisiertes Verbrechen und Landesregierung verstrickt sind.

Die Story bleibt aber zweitrangig, ist auch etwas wirr. Die ganze Verschwörung bildet nur den Hintergrund, vor dem sich das Drama der beiden Polizisten abspielt, die von Freunden zu Todfeinden werden. Und für die Entführungen, Verfolgungsjagden und Schussgefechte mit brennenden Seilbahngondeln, die man im deutschen Film sonst selten bis nie zu sehen bekam. Allenfalls könnte man dem Film vorwerfen, dass sein Erzähltempo nicht so ganz funktioniert. Die Exposition ist zwar faszinierend, aber zu lang geraten. Als es dann mit der Action richtig los geht, denkt man, jetzt müsste er langsam mal zu Ende gehen.

Wie „Die Katze“ hat Graf auch „Die Sieger“ zu einem Großteil in Düsseldorf gedreht. Wie sich eine Stadt in 15 Jahren verändert: Der Medienhafen existiert noch nicht, auf dem Dach der Sparkassenzentrale dreht sich noch die nachts beleuchtete große Uhr, das alte Rheinstadion steht noch, auch die Tage der Hochstraße am Jan-Wellem-Platz sind inzwischen ja gezählt. Auf jeden Fall ist der Film ganz in seiner Gegenwart verhaftet, spielt nicht in einem örtlichen Niemandsland, das Umfeld ist klar zu benennen.

Schauspielerisch versammelte Graf hier fast alles, was in den 80ern und frühen 90ern Rang und Namen hatte: Knaup, Flint, Becker, Heinz Hoenig, Hansa Czypionka, Nathalie Wörner und natürlich Hannes Jaenicke, der in den 80ern tatsächlich einer der größten deutschen Schauspielstars war. Nach dem kommerziellen Flop der „Sieger“ konnte Graf lange Jahre keinen Kinofilm mehr machen und fand sein Zuhause endgültig in der Nische des Fernsehens mit seinen „Tatorten“ und „Polizeirufs“ und seiner demnächst laufenden eigenen Serie. Heute wirkt der Film wie ein Paradebeispiel für ein Genre, das es im deutschen Kino eigentlich nie richtig gegeben hat, in den 80ern und 90ern nicht, und danach noch weniger. Und dadurch wie eine Chance, die das deutsche Kino danach nicht mehr genutzt, eine Hoffnung, die es nicht mehr erfüllt hat.

Dominik Graf: „Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film.“ Alexander-Verlag, Berlin. 376 Seiten, 19,90 Euro.

Ungleiche Brüder: Zinos (Adam Bousdoukos) u Illias (Moritz Bleibtreu)

Zinos ist eine typische Fatih Akin-Figur: in Hamburg aufgewachsen, mit griechischen Eltern, zuhause in der Subkultur irgendwo zwischen Wilhelmsburger Bohème und Kleinkriminalität. Während sein Bruder Illias im Knast sitzt, führt Zinos eine nach außen hin relativ bürgerliche Existenz als Inhaber einer Kneipe mit dem schönen Namen Soul Kitchen. Mit Soul hat sie allerdings wenig zu tun, eher mit lieblosem Fast Food und local alcoholics als Stammgästen. Und natürlich steht Zinos bald das Wasser bis zum Hals, verschwindet doch nicht nur seine Freundin als Journalistin nach Shanghai, auch Finanz- und Ordnungsamt machen ihm die Hölle heiß.

Rettung in der Not verspricht der exzentrische Haute Cuisine-Koch Shayne, der schnell mit dem scharfen Küchenmesser zur Hand ist, wenn Kunden oder Chefs etwas an seinen Gerichten auszusetzen haben. Nachdem die anspruchslosen Stammgäste vergrault sind, entwickelt sich das Soul Kitchen fast über Nacht zum angesagten Szenelokal, aber der Ärger fängt für Zinos erst richtig an…

Es ist nicht einfach, als Regisseur nach einem Ausnahmefilm wie „Gegen die Wand“ einfach weiter zu machen. Das musste man nach Akins letztem Film „Auf der anderen Seite“ feststellen, und leider ist das auch bei seinem neuesten Film „Soul Kitchen“ nicht anders. Wobei man fairerweise hinzufügen muss, dass Akin bereits vor seinem bisher größten Erfolg mit „Kurz und schmerzlos“ sowie „Im Juli“ zwei hervorragende Filme abgeliefert hat – und selbst ein für ihn eher mittelmäßiges Werk wie „Solino“ noch besser war als das meiste, was in Deutschland sonst so gedreht wird. „Soul Kitchen“ ist nun Akins erste lupenreine Komödie. Leider übertreibt er es manchmal etwas mit den Komödienklischees und lässt fast keine Standardsituation aus, die das Genre so bietet. Etwas weniger wäre da manchmal mehr gewesen.

Das Milieu der ethnisch bunt gemischten Truppe im ehemaligen Arbeiterviertel, das nun mehr und mehr von der Kulturszene entdeckt wird, ist durchweg sympathisch und die Grundidee von der Asi-Kneipe, die sich überraschend zum In-Lokal wandelt, ein charmanter Kommentar zur Gentrifizierungsdebatte. Die Idee vom Kochen und Essen als Seelenbalsam, der so manche Probleme einfach wegzuwischen hilft, erinnert allerdings stark an „Bella Martha“. Und manche Storywendungen sind einfach zu unglaubwürdig, als dass sie den Zuschauer wirklich fesseln könnten. Da geht es sexuell schon mal zur Sache wie in einer HBO-Serie à la „Sopranos“, wenn eine biedere Finanzbeamtin sich nach unbeabsichtigtem Konsum eines Aphrodisiakums vor den anderen Kneipengästen vom egomanischen Geschäftsmann nageln lässt. Der Charakterzeichnung tut so etwas nur leider nicht gut. Der Film endet dann etwas abrupt, ohne dass wirklich alle Handlungsstränge zu einem richtigen Ende gekommen wären.

Birol Ünel

Exzentrischer Meisterkoch: Birol Ünel als Shayne

Schauspielerisch hat Akin in den Hauptrollen zwei seiner Stammschauspieler besetzt: Adam Bousdoukos, der junge Grieche aus „Kurz und schmerzlos“, macht seine Sache als Zinos durchaus gut, Moritz Bleibtreu, der schon in „Im Juli“ und „Solino“ dabei war, wirkt als zur Selbstüberschätzung neigender Kleinganove Illias schauspielerisch etwas unterfordert. Für komödiantische Highlights sorgt als Koch Shayne Birol Ünel, der in „Gegen die Wand“ noch als Charakterschauspieler brillierte. Auch Anna Bederke und Dorka Gryllus als love interests der beiden Brüder können überzeugen. Ansonsten begegnen einem in den Nebenrollen viele bekannte Gesichter von Peter Lohmeyer und Udo Kier bis zu Hamburger locals wie Jan „Großstadtrevier“ Fedder, die oft aber nicht viel mehr zu tun haben als ihr Gesicht in die Kamera zu halten und ein bis zwei Sätze aufzusagen, bevor sie wieder aus der Handlung verschwinden.

Eine wichtige Rolle spielt bei einem Film mit dem Wort Soul im Titel natürlich auch die Musik, und die Auswahl ist wie immer bei Akins Soundtracks weitgehend stilvoll: Von Motown bis Hans Albers ist so ziemlich alles dabei, was zu Party, Hamburg und Ausgehen passt. So ist Soul Kitchen eine sympathische, amüsante kleine Komödie geworden, der zum großen Wurf aber doch einiges an Originalität und Tiefe fehlt.

Fotos: Pandora Filmproduktion

Hörtipp: TV-Serien-Talk

Veröffentlicht: 16. Februar 2010 in Radio, TV
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Gestern Abend sprach Holger Klein im Radio Fritz-„Blue Moon“ zwei Stunden über Fernsehserien, vor allem natürlich über ihre Lieblingsserien. Das Ganze kann man sich jetzt auch als Podcast bzw. Audio-on-demand anhören (Achtung: mp3-Link).

Auffällig fand ich, dass bis kurz vor Schluss immer abwechselnd einE HörerIn dran kam, der/die einigermaßen gute Serien guckte, und einer (waren glaube ich nur Männer), der auf Trashserien stand (ich sach nur: „der neue Knight Rider ist toll, denn da gibt’s ’nen neues Auto“). Insgesamt wurden nur wenige meiner Lieblingsserien bzw. meiner aktuellen Highlights erwähnt, stattdessen wurden „Lost“ und „Scrubs“ abgefeiert. Und mir wurde klar, dass es noch größere Serien-Nerds gibt als mich, nämlich solche, die sich nicht nur mit den Inhalten auskennen, sondern auch noch mit den diversen DVD-Boxen („Die erste Ausgabe der „Doctor Who“-Box war ja wie die Tardis gestaltet.“).

1989 waren die „Housemartins“ gerade ein Jahr Geschichte, und während ihr Ex-Mitglied Norman Cook später als Fatboy Slim musikalisch in eine ganz andere Richtug gehen sollte, veröffentlichte die neue Band seiner zwei  Ex-Kollegen Paul Heaton und  Dave Hemingway, „The Beautiful South“, ihr erstes Album, das musikalisch an die alte Gruppe anknüpfte. „Welcome to the Beautiful South“ war in England wie Deutschland gleich ein erfolgreicher Einstand mit drei großen Singlehits: „Song for Whoever“, „You Keep it All in“ und „I’ll Sail this Ship Alone“. Dabei waren das noch nicht mal unbedingt die besten Lieder auf der LP. Was für ein furioses Debüt das war: 10 Songs und nur ein Ausfall. Schmachtende Balladen, mitreißende Uptemponummern, Ohrwürmer im allerbesten Sinne. Und hinter der eingängigen Oberfläche lauerten die Abgründe der meist ironischen bis bitterbösen Texte:

„I wasn’t sure if it was Marx or Hitler / that was in that year / I hadn’t been to Brighton for a while / so it was too clear“, heißt es in „Oh Blackpool“, einem Song über politische Indifferenz. In einem anderen Kleinod, dem epischen „Love is…“ singt der Sänger über seine Erfahrungen mit Fans: „Oh, you care / you really, really care / from the first 12-inch I made / to the colour of my underwear“, um sich gleich danach zu fragen, wo die Fans denn in den kälteren Jahren seines Musikerlebens waren, und wo sie in der Zukuft sein werden, wenn es mit dem Erfolg vielleicht mal nicht mehr so rosig aussieht. In der zweiten Hälfte des Stücks spricht Paul Heaton, der sich mit Dave Hemingway die Leadvocals auf diesem Album teilt (später sollten dann auch die wechselnden weiblichen Sängerinnen zu einem Markenzeichen der Band werden, auf dem Debüt war Briana Corrigan aber zunächst nur als Gastsängerin auf zwei Tracks vertreten), dann auch gleich eine Einladung an die mitfühlende Nation aus, in 25 Jahren zu seiner Beerdigung zu kommen, einem Ereignis ohne „fame and fortune“. Wie die Zeit vergeht: Die 25 Jahre sind in vier Jahren rum. Heatons Schätzung war aber damals sehr pessimistisch, da er gerade einmal 27 war. Dazu wunderbare Songtitel wie „I Love you (But you’re Boring)“.

Seit den „Beatles“ gab es im UK nur wenige so gute Songschreiber(duos) wie Heaton und David Rotheray. Musikalisch brachte die Band einen frischen Wind in den britischen Pop, mit ähnlich guten Melodien wie kurz darauf „Fairground Attraction“. Vor allem die britischen Plattenkäufer liebten die Band und verhalfen ihr auch in den nächsten Jahren noch zu zahlreichen hohen Chartsplatzierungen (u.a. einer Nummer 1 für „A little Time“ auf dem Nachfolgealbum „Choke“), während sie in Deutschland nur noch selten in der Hitparade auftauchte. 1996 gab es dann auch hierzulande noch mal ein Comeback mit den beiden Hits „Rotterdam“ und „Don’t Marry Her“ vom dem Debüt fast ebenbürtigen Album „Blue is the Colour“, bevor die Band bei uns endgültig in der Versenkung verschwand.

2007 löste sie sich offiziell auf; Paul Heaton macht inzwischen solo weiter, längst mit Haaren statt Glatze, allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Irgendwie wurden er und seine Band in den Nullerjahren vom Zug der Zeit überrollt und jedes neue Album schnitt bei den Kritikern noch schlechter ab als das vorherige. Während die „Housemartins“ heute als eine der besten Bands der 80er gefeiert werden, gelten „The Beautiful South“ immer als eine Spur zu mainstreamig, letztlich langweilig. Wie unverdient dieses Urteil ist, zeigt die enorme Frische und songschreiberische Brillianz, die ihr Debütalbum auch heute noch ausstrahlt.

Noch zwei merkwürdige Filme

Veröffentlicht: 14. Februar 2010 in Film
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Beide nie in Deutschland im Kino heraus gekommen, sondern nur Direct-to-DVD:

„Downloading Nancy“: Ein interessanter kleiner US-Film – allerdings in Kanada gedreht -, der im Grunde eine ganz ähnliche Geschichte erzählt wie Zulawskis „Possession“, nur nicht in Metaphern, sondern betont realistisch und wohl auch auf wahren Geschehnissen beruhend. Maria Bello (die ich immer gerne sehe) in der Titelrolle als Ehefrau in einer dysfunktionalen Ehe, die Schmerzen als einzige Erleichterung in ihrem trostlosen Alltag sieht – und sich im Internet einen „Schmerzensmann“ sucht, der ihr verspricht, sie von ihrem Leid zu erlösen. Wieder so ein Skandalthema, aber sehr einfühlsam und zurückhaltend inszeniert. 4 von 6 Sternen

„Tideland“: Mit Terry Gilliam werd ich in diesem Leben auch nicht mehr warm (fand eigentlich nur einen seiner Filme richtig überzeugend, nämlich „König der Fischer“). Absolut quälend langweiliger Film mit einer für mich völlig uninteressanten Handlung. Ich möchte keine Filme sehen, die komplett aus der Phantasiewelt-Perspektive  eines zehnjährigen Kindes erzählt werden und in denen dieses die meiste Zeit mit ihren Puppen spricht. Vor allem will ich keine Filme sehen, wo die beiden einzigen anderen wichtigen Figuren ein geistig Behinderter und seine verrückte Schwester sind und die einzige interessante Figur (der vom wunderbaren Jeff Bridges gespielte durchgeknallte Junkie-Vater) nach 15 Minuten stirbt. Wer hier die Zielgruppe sein soll, weiß wohl nur Gilliam selbst: Für einen Kinderfilm zu grausam, für einen Erwachsenenfilm zu kindisch. Wie fast immer bei Gilliam scheint er über die ganzen verrückten Einfälle und visuellen Spielereien mal wieder die Story vergessen zu haben. 2 1/2 von 6 Sternen