Zwei Vampirfilme jenseits von Hollywood: „Durst“ vs. „So finster die Nacht“

Veröffentlicht: 7. Februar 2010 in Film
Schlagwörter:

Dem Vampirgenre kann man in Film und Fernsehen zurzeit nur schwer entkommen: „Twilight“, „True Blood“, „Vampire Diaries“ heißen die aktuellen Kassen- und Quotenhits. Auffälligerweise gibt es fernab dieser aufwändigen US-Produktionen, die teilweise von großem Medienhype begleitet werden, in letzter Zeit aber auch einige interessante Beiträge aus Ländern, die man nicht sofort mit Vampirfilmen in Verbindung bringen würde.

Durst

Aus Korea kommt Park Chan-Wooks „Durst“, der hierzulande hoch gelobt wurde: Ein junger katholischer Priester nimmt an einem bizarren medizinischen Experiment teil, lässt sich freiwillig mit einem Virus infizieren. Während alle anderen Patienten an diesem sterben, scheint der Priester zunächst auch tot zu sein, steht jedoch kurz darauf wieder auf. Er verspürt nun den Drang, Blut zu trinken und stillt diesen, indem er seine Patientenbesuche als Krankenhausseelsorger nutzt, um sich heimlich an den Transfusionsbeuteln gütlich zu halten. Aber sein Körper meldet noch weitere, für ihn neue Bedürfnisse an. So fängt er eine leidenschaftliche Affäre mit einer verheirateten jungen Frau an, die ihn schon bald dazu benutzt, ihren verhassten Ehemann umzubringen. Doch damit nicht genug: Auch sie möchte ein Vampir werden – und mit Blutkonserven gibt sie sich nicht zufrieden.

Das Ganze klingt jetzt interessanter als es ist, denn letztlich ist „Durst“ trotz aller – eher platten – religiösen Metaphorik eher ein traditioneller Genrefilm. Die Gewissensnöte des Gottesmannes, der praktisch auf die dunkle Seite der Seele wechselt, werden nicht wirklich überzeugend heraus gearbeitet. Stattdessen gibt es viele wilde Sexszenen und genreüblichen Splatter. Einige Szenen sind durchaus gelungen, so wenn die nichtsahnende Kartenspielrunde zum wöchentlichen Treffen in der Wohnung anrückt, in der das inzwischen zu Blutsaugern mutierte Paar lebt. Ansonsten bietet der Film aber wenig Überraschungen und ist vor allem – typisch fürs asiatische Kino – sehr langatmig erzählt. Das Ende ist auch nicht gerade logisch überzeugend. Insgesamt ein durchwachsener Unterhaltungsfilm, der dem Vampirgenre nicht wirklich etwas Neues abgewinnt.

Da ist der schwedische Überraschungserfolg „So finster die Nacht“ (die englische Fassung heißt, wohl als wörtliche Übersetzung des Originaltitels, „Let the Right One in“) schon von anderem Kaliber. Der 12-jährige Oskar lebt mit seiner geschiedenen Mutter in einem Vorort von Stockholm. Er ist ein Ausßenseiter, der regelmäßig von einer Gruppe Mitschüler getrietzt und geschlagen wird, sich aber nicht traut, sich zu wehren. Eines Abends beobachtet Oskar, wie in die Nachbarwohnung ein geheimnisvoller Mann mit seiner Tochter einzieht. Die scheinbar gleichaltrige Eli trifft Oskar allerdings immer nur im Dunkeln, im Innenhof. Behutsam freunden sich die beiden Kinder an. Währenddessen wird der Ort von einer brutalen Mordserie heimgesucht, bei der der Täter seinen Opfern Blut abzapft und in Gefäßen sammelt. Während Oskar durch Elis Hilfe langsam lernt, zurück zu schlagen, kommt er mit der Zeit hinter das Geheimnis seiner neuen Freundin…

Was an „So finster…“ zunächst fasziniert, ist seine düstere Atmosphäre: Schweden im Winter ist kein anheimelnder Ort, aber Dunkelheit und Schnee legen sich auch wie Watte über die Straßen und Menschen, scheinen das Alltagsleben fast zum Stillstand zu bringen. Eine unwirkliche Atmosphäre, in der es auch nicht verwundert, dass Vampire unter normalen Menschen leben. Statt einer herkömmlichen Genregeschichte erzählt Regisseur Thomas Alfredson von zwei Außenseitern, die sich zaghaft und unsicher näherkommen und eine Beziehung jenseits aller Vernunft und Wahrscheinlichkeit eingehen. Dass diese beiden Hauptfiguren erst 12 Jahre alt sind und damit noch kurz vor der Pubertät, ist ein besonders cleverer Kunstgriff, denn dadurch bekommt ihre Freundschaft/Liebe etwas Unschuldiges und bleibt fernab jeglicher Spekulativität. Vampire dienen hier einmal gerade nicht als Metaphern für sexuelle Begierden oder Abgründe. Natürlich geht es auch hier ums Entdecken des anderen Geschlechts, aber eher auf eine platonisch-naive Weise. Dabei sind die Kinderdarsteller so natürlich, dass ihr Spiel nie peinlich oder künstlich wirkt.

Im Gegensatz zu „Durst“, wo der Kampf gegen die eigenen vampirhaften Gelüste eher aufgesetzt wirkt, versucht Eli nie, ihrem Wesen zu entkommen. Sie ist nun einmal, was sie ist, trinkt Blut, „weil sie es muss“, wie sie Oskar einmal erklärt. Damit stellt sich gar nicht erst die Frage von Gut oder Böse, denn man würde ja auch einem Raubtier nicht vorwerfen, andere Tiere bei lebendigen Leib zu zerfleischen. Als böse werden hier vielmehr die Mitschüler dargestellt, die Oskar quälen, ohne einen Grund dafür zu haben. Und Oskar gibt Eli gegenüber dann auch zu, dass er seine Peiniger auch gerne töten würde, wenn er könnte.

Auch „So finster die Nacht“ ist langsam erzählt, wird aber wegen seiner faszinierenden Bilder, der stimmungsvollen Musik und der mehrschichtigen Story nie langweilig. Genrefans werden sich vermutlich darüber freuen, dass hier alle Vampirregeln eingehalten werden und alle Anderen werden sich einfach von der ungewöhnlichen Liebesgeschichte berühren lassen. Und sowohl Hollywood mit seinen moralisch-verklemmten „Twilight“-Verfilmungen als auch Korea mit seinen pseudo-tiefgründigen Filmen über von Gott abgefallene Priester muss man zurufen: Seht her, so kann ein Vampirfilm auch aussehen.

Advertisements
Kommentare
  1. Olsen sagt:

    Ich glaube, gerade Genrefans werden mit „Låt den rätte komma in“ (grauenhafter deutscher Titel, dass du den überhaupt erwähnst…) ihre Probleme haben, ist jener Film doch deutlich interessanter als das meiste aus ihrem Genre. Und menschlicher, intelligenter. Nun, jedenfalls ein wirklich großer kleiner Film, den man als Filmfreund gesehen haben sollte.

    • Medienjunkie sagt:

      Das war mir klar, dass du wieder auf schwedischen Originaltiteln bestehst. Ich glaub bloß nicht, dass man damit weit kommt, wenn man in die Videothek oder zum Saturn geht.

  2. Olsen sagt:

    Na, zum Glück hat „Avatar“, der beste Film seit… seit… seit Anbeginn der Zeitrechung, international denselben Titel. 😉

  3. Medienjunkie sagt:

    Wie, heißt der auf Deutsch etwa nicht „Blaue Lebewesen“ ;)? Geile Mailadresse übrigens, wo kriegt man sowas her?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s