Archiv für 12. Februar 2010

Andrzej Zulawski ist einer jener Regisseure, die fast automatisch immer mit dem Anhängsel Skandal- versehen werden: Am bekanntesten ist wahrscheinlich sein Film „Nachtblende“ mit Romy Schneider und Klaus Kinski, danach hat er öfter mit Sophie Marceau gedreht, mit der er auch eine Zeit lang zusammen war. Sein zweiter großer Skandalfilm, den in Deutschland bis vor kurzem aber wohl kaum jemand gesehen hat, da er seinerzeit hierzulande gar nicht heraus kam, ist „Possession“ von 1981. Jörg Buttgereit nennt ihn den „ultimativen Berlin-Film“. Auf dessen Geschmack sollte man sich aber eh nicht verlassen. Vor einigen Monaten ist „Possession“ auf DVD wieder veröffentlicht worden.

Den Ruf als Skandalfilm verdankt er der Verbindung von Sex, Gewalt und Ekel: Isabelle Adjani hat darin Sex mit einem schleimigen Monster mit Tentakeln und bringt jeden um, der sie dabei stört. Viele sehen den Film als Horrorfilm, was trotzdem Unsinn ist, denn in erster Linie soll das wohl ein Drama sein, und die Horrorelemente sind eher metaphorisch zu sehen – wobei unklar bleibt, für was sie eigentlich stehen sollen. Oder um es mit den Worten Werner Herzogs (zu einem ganz anderen Thema) zu sagen: „Ich hatte immer das Gefühl, das wäre eine gewaltige Metapher – ich habe bloß keine Ahnung wofür.“

Der Film spielt in West-Berlin Anfang der 80er Jahre. Ein Ehepaar, Anna (Adjani) und Mark (der junge Sam Neill), leben mit ihrem kleinen Sohn in einer Wohnung mit Blick auf die Mauer. Als Mark von einer Geschäftsreise nach Hause kommt, benimmt sich seine Frau merkwürdig abweisend. Sie offenbart ihm schließlich, dass sie bereits seit einem Jahr eine Affäre hat, und will sich von ihm trennen. Als Mark den Liebhaber seiner Frau, Heinrich, aufsucht, sagt dieser ihm, er habe Anna schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen. Wohin verschwindet Anna also immer so dringend? Sie scheint noch einen weiteren Liebhaber zu haben. Doch dieser entpuppt sich als unmenschliches Wesen, zu dem Anna immer wieder in eine feuchte Altbauwohnung direkt an der Mauer kommt.

Klingt zwar strange, aber zunächst mal interessant. Da hätte man was draus machen können. Wenn man ein besserer Regisseur wäre als Zulawski. Das Hauptproblem ist, dass Zulawski weder eine Handlung glaubwürdig entwickeln noch Schauspieler so führen kann, dass ihr Spiel nicht gestelzt und völlig over the top wirkte. Das ist in „Nachtblende“ so, obwohl Romy Schneider und Klaus Kinski immer eine halbwegs sichere Bank sind, das ist in „Meine Nächte sind schöner als deine Tage“ so, wo das Verhalten der Figuren keinerlei Sinn ergibt, und leider ist es auch hier nicht anders.

„Finally a movie where anyone in it acts like they have overdosed on really low-grade LSD“, kommentiert ein User in der IMDb sehr treffend. Adjani agiert den ganzen Film über völlig hysterisch, ohne dass dafür auch nur ansatzweise eine Erklärung geliefert würde, was einem spätestens nach einer Dreiviertelstunde tierisch auf die Nerven geht. Sam Neill ist etwas besser, aber von nachvollziehbaren Handlungen kann bei ihm auch keine Rede sein. Dazu kommen dann noch einige deutsche Schauspieler, vor allem Heinz Bennent, dessen Sprechweise bestenfalls mit gestelzt bezeichnet werden kann. Warum muss man auch in Berlin einen Film auf Englisch drehen, mit deutschen und französischen Darstellern, die teilweise des Englischen nicht besonders mächtig zu sein scheinen?

Die Handlung kann man interpretieren, wie man will: ob es nun wirklich um eine Besessenheit – mit einem Dämonen oder was auch immer – geht, wofür zumindest das ständige Reden über Religion spricht (wobei das immerhin einen genialen Dialog zwischen Mark und Heinrich hervorbringt: „For me God is a disease. „That’s why through a disease we can reach God.“), oder einfach nur um eine dysfunktionale Ehe, und Monster & Co. dann nur Symbole sind, die psychologisch erklärt werden können. Letzlich ist das auch fast egal, denn um irgendwie fesseln zu können, ist der Film einfach handwerklich zu schlecht gemacht. Nicht nur Schauspieler und Charakterentwicklung sind nämlich völlig daneben, Zulawski schien auch nicht so recht zu wissen, was für einen Film er eigentlich drehen wollte.

Kurz vor Schluss wechselt er nämlich plötzlich das Tempo, und kommt uns mit Verfolgungsjagden, Schießereien und ähnlichen Actionszenen wie ein verhinderter Hollywood-Regisseur. Nicht, dass das noch irgendwas retten könnte, es wirkt einfach nur aufgesetzt. Danach wird noch ein bisschen gestorben und mit viel Kunstblut herumgespritzt, dazu dürfen die beiden Hauptdarsteller noch mal das spielen, was sie für Leiden halten – und dann lässt einen der Film ratlos zurück. Am ratsamsten ist es eh, seinen Intellekt einfach auszuschalten, dann kann man an den kruden Dialogen, dem Overacting und der morbiden Atmosphäre eines endzeitlichen Berlins in den 80ern wenigstens noch seinen Spaß haben.

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Absurdität, dein Name ist Arbeitsmarktpolitik

Veröffentlicht: 12. Februar 2010 in Politik
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Ich weiß nicht, 0b es einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Zusteuern auf den Höhepunkt der Karnevalssession und den derzeitigen Diskussionen rund um Jobcenter und Arbeitslosenunterstützung gibt. Es wäre zumindest plausibel, wenn man sich vor allem das Theater anschaut, dass die Regierungsparteien gerade veranstalten. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Äußerung oder Forderung getätigt wird, die so wirkt, als käme sie direkt aus Absurdistan:

Die Streitereien um die Zukunft der Jobcenter versteht inzwischen wohl kein Mensch mehr. Erst erklärt das Verfassungsgericht die derzeitigen ARGEn für verfassungswidrig. Statt die Organisation der ARGEn zu verändern, will die Große Koalition daraufhin das Grundgesetz ändern. Im Prinzip sind alle dafür – Kanzlerin, SPD, Bundesländer -, bis auf die Unionsfraktion im Bundestag, die als Einzige mekt, dass das verfassungsethisch etwas merkwürdig wäre. Also platzt der Plan, und Merkel verschiebt eine Lösung auf nach der Wahl. Dann kommt von der Leyen mit einem Vorschlag ohne Grundgesetzänderung. Da sind dann plötzlich Koch und einige andere CDU-Ministerpräsidenten dagegen und legen ihr Veto ein. Jetzt verhandeln CDU und FDP auf einmal wieder mit der SPD über eine Grundgesetzänderung, damit bei den ARGEn alles so bleiben kann, wie es eh schon ist. Also, zielführende Politik sieht irgendwie anders aus.

Dass das ganze Konstrukt der Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit und Kommunen sowieso nicht funktioniert, interessiert dabei niemanden (mehr). Im Fernsehen treten dann irgendwelche Arbeitsmarktexperten auf, die behaupten, die ARGEn leisteten bisher gute Arbeit. Die sollten sich vielleicht mal in einer Großstadt wie Düsseldorf die ARGEn angucken. Wenn da effizient gearbeitet wird, ist Schilda wohl auch ein Beispiel für eine vorbildliche Verwaltung.

Als Nächstes urteilt das Verfassungsgericht, die Alg II-Sätze seien verfassungswidrig berechnet worden. U.a. weil Ausgabeposten wie Bildung ohne Begründung gar nicht berücksichtigt wurden. Es dauert nicht lange und erste Politiker von FDP und Union fordern, die Regelsätze müssten jetzt nicht etwa erhöht, sondern gesenkt werden. Ich bin dann mal auf die offizielle Begründung der Koalition gespannt, warum ausgerechnet Langzeitarbeitslose und deren Kinder kein Geld für Bildung bräuchten (die einzige ehrliche Begründung wäre ja, dass es in Deutschland eh keine Arbeitsplätze für sie gäbe, aber das wird wahrscheinlich die Regierung nicht sagen).

Und weiter geht’s: die FDP fordert Solidarität mit den Leistungsträgern, die ja schließlich so viele Steuern zahlen müssen (allerdings auch nur, wenn der Steuerberater nicht clever genug ist, und wenn es zu einem Bankkonto in Liechtenstein doch noch nicht reicht). Da werden die alten Grundwerte der Sozialdemokratie ganz neu interpretiert: Solidarität brauchen nämlich nicht etwa die Schwachen, sondern diejenigen, denen es eh schon gut geht. Genau, und die Krankenkassen zahlen bald auch nur noch für Gesunde. Und unser aller Westerwelle spricht von spätrömischen Verhältnissen, die uns drohen, weil bald niemand mehr arbeiten will.

Überhaupt dieses Menschenbild, das hinter diesen und ähnlichen Aussagen steckt: Arbeitslose sind nicht etwa arbeitslos, weil sie keine Arbeit finden, sondern weil es sich für sie nicht lohnt zu arbeiten. Und je höher die Stütze, desto mehr bleiben zuhause. So eine Sichtweise ist natürlich nur konsequent, denn inzwischen ist ja auch nirgendwo mehr von Arbeitslosen die Rede, sondern nur noch von Hartz IV-Empfängern. So als wäre das eine eigenständige soziokulturelle Gruppe: Es gibt halt Arbeiter, Angestellte, Selbständige und Hartzler, das sind die, die sich in ihrer Unterschichtsexistenz eingerichtet haben und eigentlich auch gar nichts Anderes machen wollen. Ein seltsamer Widerspruch ist dabei, dass Hartz IV einerseits als Synonym für gesellschaftlichen Abstieg gilt (und als Abschreckung für alle, die noch Arbeit haben), andererseits aber trotzdem noch für Neiddebatten taugt, nach dem Motto: Eigentlich geht’s denen doch noch ganz gut. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?