Vergessene Meisterwerke: „Welcome to the Beautiful South“

Veröffentlicht: 15. Februar 2010 in Musik
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1989 waren die „Housemartins“ gerade ein Jahr Geschichte, und während ihr Ex-Mitglied Norman Cook später als Fatboy Slim musikalisch in eine ganz andere Richtug gehen sollte, veröffentlichte die neue Band seiner zwei  Ex-Kollegen Paul Heaton und  Dave Hemingway, „The Beautiful South“, ihr erstes Album, das musikalisch an die alte Gruppe anknüpfte. „Welcome to the Beautiful South“ war in England wie Deutschland gleich ein erfolgreicher Einstand mit drei großen Singlehits: „Song for Whoever“, „You Keep it All in“ und „I’ll Sail this Ship Alone“. Dabei waren das noch nicht mal unbedingt die besten Lieder auf der LP. Was für ein furioses Debüt das war: 10 Songs und nur ein Ausfall. Schmachtende Balladen, mitreißende Uptemponummern, Ohrwürmer im allerbesten Sinne. Und hinter der eingängigen Oberfläche lauerten die Abgründe der meist ironischen bis bitterbösen Texte:

„I wasn’t sure if it was Marx or Hitler / that was in that year / I hadn’t been to Brighton for a while / so it was too clear“, heißt es in „Oh Blackpool“, einem Song über politische Indifferenz. In einem anderen Kleinod, dem epischen „Love is…“ singt der Sänger über seine Erfahrungen mit Fans: „Oh, you care / you really, really care / from the first 12-inch I made / to the colour of my underwear“, um sich gleich danach zu fragen, wo die Fans denn in den kälteren Jahren seines Musikerlebens waren, und wo sie in der Zukuft sein werden, wenn es mit dem Erfolg vielleicht mal nicht mehr so rosig aussieht. In der zweiten Hälfte des Stücks spricht Paul Heaton, der sich mit Dave Hemingway die Leadvocals auf diesem Album teilt (später sollten dann auch die wechselnden weiblichen Sängerinnen zu einem Markenzeichen der Band werden, auf dem Debüt war Briana Corrigan aber zunächst nur als Gastsängerin auf zwei Tracks vertreten), dann auch gleich eine Einladung an die mitfühlende Nation aus, in 25 Jahren zu seiner Beerdigung zu kommen, einem Ereignis ohne „fame and fortune“. Wie die Zeit vergeht: Die 25 Jahre sind in vier Jahren rum. Heatons Schätzung war aber damals sehr pessimistisch, da er gerade einmal 27 war. Dazu wunderbare Songtitel wie „I Love you (But you’re Boring)“.

Seit den „Beatles“ gab es im UK nur wenige so gute Songschreiber(duos) wie Heaton und David Rotheray. Musikalisch brachte die Band einen frischen Wind in den britischen Pop, mit ähnlich guten Melodien wie kurz darauf „Fairground Attraction“. Vor allem die britischen Plattenkäufer liebten die Band und verhalfen ihr auch in den nächsten Jahren noch zu zahlreichen hohen Chartsplatzierungen (u.a. einer Nummer 1 für „A little Time“ auf dem Nachfolgealbum „Choke“), während sie in Deutschland nur noch selten in der Hitparade auftauchte. 1996 gab es dann auch hierzulande noch mal ein Comeback mit den beiden Hits „Rotterdam“ und „Don’t Marry Her“ vom dem Debüt fast ebenbürtigen Album „Blue is the Colour“, bevor die Band bei uns endgültig in der Versenkung verschwand.

2007 löste sie sich offiziell auf; Paul Heaton macht inzwischen solo weiter, längst mit Haaren statt Glatze, allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Irgendwie wurden er und seine Band in den Nullerjahren vom Zug der Zeit überrollt und jedes neue Album schnitt bei den Kritikern noch schlechter ab als das vorherige. Während die „Housemartins“ heute als eine der besten Bands der 80er gefeiert werden, gelten „The Beautiful South“ immer als eine Spur zu mainstreamig, letztlich langweilig. Wie unverdient dieses Urteil ist, zeigt die enorme Frische und songschreiberische Brillianz, die ihr Debütalbum auch heute noch ausstrahlt.

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