Meister eines vernachlässigten Genres: Dominik Graf

Veröffentlicht: 18. Februar 2010 in Bücher, Film
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Gerade ist im Berliner Alexander-Verlag ein schönes Buch mit gesammelten Filmkritiken und Aufsätzen Dominik Grafs erschienen. Dass viele später berühmt gewordene Regisseure selbst als Kritiker angefangen haben, ist ja bekannt: Die ganzen Nouvelle Vague-Meister wie Truffaut und Godard wären hier zu nennen, aber z.B. auch Wim Wenders. Im Normalfall haben diese dann wieder aufgehört, über Filme Anderer zu schreiben, als sie anfingen, selbst welche zu drehen und zu veröffentlichen.  Dominik Graf ging den umgekehrten Weg und fing, als er als Regisseur schon längst etabliert war, an, u.a. für die FAZ DVD-Kritiken zu schreiben, und hin und wieder auch andere Artikel für andere Zeitungen und Zeitschriften.

Interessant sind solche Artikel von Regisseuren immer besonders dadurch, dass man darin Parallelen suchen kann zwischen ihren Ansichten über die Filme anderer Filmemacher, ihren Vorlieben und Abneigungen, ihren theoretischen Positionen zum Medium, und ihren eigenen Filmen, dem, was sich in diesen davon widerspiegelt. Bei Wenders klappt das sehr gut, bei Graf auch. Graf ist unter den bekannteren deutschen Regisseuren ja ein Außenseiter dadurch, dass er gerade kein Autorenfilmer sein will, dass er hauptsächlich Genrefilme dreht, meist fürs Fernsehen. Und zwar nicht etwa aus Not, sondern, weil er mit dem ganzen Arthouse-Indie-Kunstkino nicht viel anfangen kann.

Das erkennt man schon an der Auswahl der Filme, die er bespricht (es sind fast ausschließlich Lobeshymnen, kaum Verrissse in diesem Buch versammelt): Mit wenigen Ausnahmen sind es Genrefilme – Thriller, Horrorfilme, Science Fiction, aus den USA, England, Italien, oft gefloppte und vergessene Filme, auch mal obskure Giallos oder Folgen von deutschen Fernsehserien aus den 60ern wie „Der Kommissar“ oder „Der Alte“, also viele Sachen, die heute nicht gerade als satisfaktionsfähig gelten. In diesen erkennt Graf oft etwas, was sich im Autoren- oder Arthousekino meistens nicht findet, und im Mainstreamkino von heute auch nicht mehr.

Gerade das klassische Unterhaltungskino der 60er und 70er, das sich nicht an irgendwelche intellektuelle Eliten wandte, sondern an die breite Masse, interessiert Graf. Denn es kann, wenn es gut gemacht ist, mehr über den Menschen, seine Gefühle und die Welt, in der er lebt, aussagen, als die ganzen artifiziellen „Filmkunstfilme“. Mit dem so hoch gelobten Neuen Deutschen Film und seinen zeitgenössischen Nachfolgern kann er hingegen nichts anfangen, mit wenigen Ausnahmen (Fassbinder kommt noch gut weg, Wenders schon nicht mehr).

Auch in seinen eigenen Filmen, bietet das Genre (in seinem Fall meist das des Thrillers) den Rahmen, innerhalb dessen dann unerwartete Dinge passieren können, seien sie unerwartet tiefgründig oder unerwartet schräg. Nur wer das Handwerk beherrscht, kann dieses dann durchbrechen oder erweitern, indem er das Genre nutzt, um von Dingen auf eine Art zu erzählen, die andere im gleichen Genre sich nicht trauen. Bei Graf kommen dann im Genre des Fernsehkrimis immer wieder versteckte Meisterwerke heraus wie „Eine Stadt wird erpresst“ oder seine berühmte „Tatort“-Folge „Frau Bu lacht“. Und unter seinen wenigen Kinofilmen finden sich dann moderne Klassiker wie „Die Katze“ aus den späten 80ern, ein Thriller zu einer Zeit, als in Deutschland niemand fürs Kino Thriller gedreht hat (und in der das deutsche Kino sowieso ziemlich tot war). Oder „Die Sieger“ von 1994, damals ein riesiger Flop, den auch Graf selbst heute wohl für mehr oder minder gescheitert hält. Weitgehend zu Unrecht.

Es sind immer wieder diese kleinen Irritationen, die diesen Film so ungewöhnlich machen: der unerwartete Splattereffekt am Anfang, wenn Hannes Jaenicke sein neugeborenes, behindertes Baby erschlägt. Die unwirkliche Atmosphäre in dem Kinderzimmer mit Lichtspiel und Wandbemalung, in dem Meret Becker als Mutter auch vier Jahre nach dem Tod ihres Babys nichts verändert hat. Die Hand von Katja Flint, die ohne Vorankündigung mitten auf dem Hotelflur Herbert Knaup den Hosenschlitz öffnet, um ihn manuell zu befriedigen. Auf seine anschließende naheliegende Frage „Warum haben Sie das getan?“ antwortet sie lakonisch: „Da drin schläft mein Mann, und ich wollte, dass Sie mich in guter Erinnerung behalten.“ Die Sexszene zwischen Knaup und seiner Frau auf dem Boden  inmitten der Luftballons, die vom Kindergeburtstag ihres Sohnes übrig geblieben sind. Und so weiter…

Der Film erzählt eine klassische Geschichte über eine Männerclique, eine Spezialeinheit der Polizei aus sechs Männern, mit ihrem rauhen Umgangston und ihrer Kumpelhaftigkeit. Gesprengt wird diese eingeschworene Gruppe vom Auftauchen eines ehemaligen Polizisten und Freundes, eben jenem von Jaenicke gespielten Mann, der angeblich vor vier Jahren Selbstmord beging, nachdem er sein Kind umgebracht hatte. In Wahrheit nahm er damals eine neue Identität als V-Mann an und wurde zur Schlüsselfigur eines gewaltigen Komplotts, in das organisiertes Verbrechen und Landesregierung verstrickt sind.

Die Story bleibt aber zweitrangig, ist auch etwas wirr. Die ganze Verschwörung bildet nur den Hintergrund, vor dem sich das Drama der beiden Polizisten abspielt, die von Freunden zu Todfeinden werden. Und für die Entführungen, Verfolgungsjagden und Schussgefechte mit brennenden Seilbahngondeln, die man im deutschen Film sonst selten bis nie zu sehen bekam. Allenfalls könnte man dem Film vorwerfen, dass sein Erzähltempo nicht so ganz funktioniert. Die Exposition ist zwar faszinierend, aber zu lang geraten. Als es dann mit der Action richtig los geht, denkt man, jetzt müsste er langsam mal zu Ende gehen.

Wie „Die Katze“ hat Graf auch „Die Sieger“ zu einem Großteil in Düsseldorf gedreht. Wie sich eine Stadt in 15 Jahren verändert: Der Medienhafen existiert noch nicht, auf dem Dach der Sparkassenzentrale dreht sich noch die nachts beleuchtete große Uhr, das alte Rheinstadion steht noch, auch die Tage der Hochstraße am Jan-Wellem-Platz sind inzwischen ja gezählt. Auf jeden Fall ist der Film ganz in seiner Gegenwart verhaftet, spielt nicht in einem örtlichen Niemandsland, das Umfeld ist klar zu benennen.

Schauspielerisch versammelte Graf hier fast alles, was in den 80ern und frühen 90ern Rang und Namen hatte: Knaup, Flint, Becker, Heinz Hoenig, Hansa Czypionka, Nathalie Wörner und natürlich Hannes Jaenicke, der in den 80ern tatsächlich einer der größten deutschen Schauspielstars war. Nach dem kommerziellen Flop der „Sieger“ konnte Graf lange Jahre keinen Kinofilm mehr machen und fand sein Zuhause endgültig in der Nische des Fernsehens mit seinen „Tatorten“ und „Polizeirufs“ und seiner demnächst laufenden eigenen Serie. Heute wirkt der Film wie ein Paradebeispiel für ein Genre, das es im deutschen Kino eigentlich nie richtig gegeben hat, in den 80ern und 90ern nicht, und danach noch weniger. Und dadurch wie eine Chance, die das deutsche Kino danach nicht mehr genutzt, eine Hoffnung, die es nicht mehr erfüllt hat.

Dominik Graf: „Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film.“ Alexander-Verlag, Berlin. 376 Seiten, 19,90 Euro.

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