Archiv für Februar, 2010

Andrzej Zulawski ist einer jener Regisseure, die fast automatisch immer mit dem Anhängsel Skandal- versehen werden: Am bekanntesten ist wahrscheinlich sein Film „Nachtblende“ mit Romy Schneider und Klaus Kinski, danach hat er öfter mit Sophie Marceau gedreht, mit der er auch eine Zeit lang zusammen war. Sein zweiter großer Skandalfilm, den in Deutschland bis vor kurzem aber wohl kaum jemand gesehen hat, da er seinerzeit hierzulande gar nicht heraus kam, ist „Possession“ von 1981. Jörg Buttgereit nennt ihn den „ultimativen Berlin-Film“. Auf dessen Geschmack sollte man sich aber eh nicht verlassen. Vor einigen Monaten ist „Possession“ auf DVD wieder veröffentlicht worden.

Den Ruf als Skandalfilm verdankt er der Verbindung von Sex, Gewalt und Ekel: Isabelle Adjani hat darin Sex mit einem schleimigen Monster mit Tentakeln und bringt jeden um, der sie dabei stört. Viele sehen den Film als Horrorfilm, was trotzdem Unsinn ist, denn in erster Linie soll das wohl ein Drama sein, und die Horrorelemente sind eher metaphorisch zu sehen – wobei unklar bleibt, für was sie eigentlich stehen sollen. Oder um es mit den Worten Werner Herzogs (zu einem ganz anderen Thema) zu sagen: „Ich hatte immer das Gefühl, das wäre eine gewaltige Metapher – ich habe bloß keine Ahnung wofür.“

Der Film spielt in West-Berlin Anfang der 80er Jahre. Ein Ehepaar, Anna (Adjani) und Mark (der junge Sam Neill), leben mit ihrem kleinen Sohn in einer Wohnung mit Blick auf die Mauer. Als Mark von einer Geschäftsreise nach Hause kommt, benimmt sich seine Frau merkwürdig abweisend. Sie offenbart ihm schließlich, dass sie bereits seit einem Jahr eine Affäre hat, und will sich von ihm trennen. Als Mark den Liebhaber seiner Frau, Heinrich, aufsucht, sagt dieser ihm, er habe Anna schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen. Wohin verschwindet Anna also immer so dringend? Sie scheint noch einen weiteren Liebhaber zu haben. Doch dieser entpuppt sich als unmenschliches Wesen, zu dem Anna immer wieder in eine feuchte Altbauwohnung direkt an der Mauer kommt.

Klingt zwar strange, aber zunächst mal interessant. Da hätte man was draus machen können. Wenn man ein besserer Regisseur wäre als Zulawski. Das Hauptproblem ist, dass Zulawski weder eine Handlung glaubwürdig entwickeln noch Schauspieler so führen kann, dass ihr Spiel nicht gestelzt und völlig over the top wirkte. Das ist in „Nachtblende“ so, obwohl Romy Schneider und Klaus Kinski immer eine halbwegs sichere Bank sind, das ist in „Meine Nächte sind schöner als deine Tage“ so, wo das Verhalten der Figuren keinerlei Sinn ergibt, und leider ist es auch hier nicht anders.

„Finally a movie where anyone in it acts like they have overdosed on really low-grade LSD“, kommentiert ein User in der IMDb sehr treffend. Adjani agiert den ganzen Film über völlig hysterisch, ohne dass dafür auch nur ansatzweise eine Erklärung geliefert würde, was einem spätestens nach einer Dreiviertelstunde tierisch auf die Nerven geht. Sam Neill ist etwas besser, aber von nachvollziehbaren Handlungen kann bei ihm auch keine Rede sein. Dazu kommen dann noch einige deutsche Schauspieler, vor allem Heinz Bennent, dessen Sprechweise bestenfalls mit gestelzt bezeichnet werden kann. Warum muss man auch in Berlin einen Film auf Englisch drehen, mit deutschen und französischen Darstellern, die teilweise des Englischen nicht besonders mächtig zu sein scheinen?

Die Handlung kann man interpretieren, wie man will: ob es nun wirklich um eine Besessenheit – mit einem Dämonen oder was auch immer – geht, wofür zumindest das ständige Reden über Religion spricht (wobei das immerhin einen genialen Dialog zwischen Mark und Heinrich hervorbringt: „For me God is a disease. „That’s why through a disease we can reach God.“), oder einfach nur um eine dysfunktionale Ehe, und Monster & Co. dann nur Symbole sind, die psychologisch erklärt werden können. Letzlich ist das auch fast egal, denn um irgendwie fesseln zu können, ist der Film einfach handwerklich zu schlecht gemacht. Nicht nur Schauspieler und Charakterentwicklung sind nämlich völlig daneben, Zulawski schien auch nicht so recht zu wissen, was für einen Film er eigentlich drehen wollte.

Kurz vor Schluss wechselt er nämlich plötzlich das Tempo, und kommt uns mit Verfolgungsjagden, Schießereien und ähnlichen Actionszenen wie ein verhinderter Hollywood-Regisseur. Nicht, dass das noch irgendwas retten könnte, es wirkt einfach nur aufgesetzt. Danach wird noch ein bisschen gestorben und mit viel Kunstblut herumgespritzt, dazu dürfen die beiden Hauptdarsteller noch mal das spielen, was sie für Leiden halten – und dann lässt einen der Film ratlos zurück. Am ratsamsten ist es eh, seinen Intellekt einfach auszuschalten, dann kann man an den kruden Dialogen, dem Overacting und der morbiden Atmosphäre eines endzeitlichen Berlins in den 80ern wenigstens noch seinen Spaß haben.

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Absurdität, dein Name ist Arbeitsmarktpolitik

Veröffentlicht: 12. Februar 2010 in Politik
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Ich weiß nicht, 0b es einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Zusteuern auf den Höhepunkt der Karnevalssession und den derzeitigen Diskussionen rund um Jobcenter und Arbeitslosenunterstützung gibt. Es wäre zumindest plausibel, wenn man sich vor allem das Theater anschaut, dass die Regierungsparteien gerade veranstalten. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Äußerung oder Forderung getätigt wird, die so wirkt, als käme sie direkt aus Absurdistan:

Die Streitereien um die Zukunft der Jobcenter versteht inzwischen wohl kein Mensch mehr. Erst erklärt das Verfassungsgericht die derzeitigen ARGEn für verfassungswidrig. Statt die Organisation der ARGEn zu verändern, will die Große Koalition daraufhin das Grundgesetz ändern. Im Prinzip sind alle dafür – Kanzlerin, SPD, Bundesländer -, bis auf die Unionsfraktion im Bundestag, die als Einzige mekt, dass das verfassungsethisch etwas merkwürdig wäre. Also platzt der Plan, und Merkel verschiebt eine Lösung auf nach der Wahl. Dann kommt von der Leyen mit einem Vorschlag ohne Grundgesetzänderung. Da sind dann plötzlich Koch und einige andere CDU-Ministerpräsidenten dagegen und legen ihr Veto ein. Jetzt verhandeln CDU und FDP auf einmal wieder mit der SPD über eine Grundgesetzänderung, damit bei den ARGEn alles so bleiben kann, wie es eh schon ist. Also, zielführende Politik sieht irgendwie anders aus.

Dass das ganze Konstrukt der Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit und Kommunen sowieso nicht funktioniert, interessiert dabei niemanden (mehr). Im Fernsehen treten dann irgendwelche Arbeitsmarktexperten auf, die behaupten, die ARGEn leisteten bisher gute Arbeit. Die sollten sich vielleicht mal in einer Großstadt wie Düsseldorf die ARGEn angucken. Wenn da effizient gearbeitet wird, ist Schilda wohl auch ein Beispiel für eine vorbildliche Verwaltung.

Als Nächstes urteilt das Verfassungsgericht, die Alg II-Sätze seien verfassungswidrig berechnet worden. U.a. weil Ausgabeposten wie Bildung ohne Begründung gar nicht berücksichtigt wurden. Es dauert nicht lange und erste Politiker von FDP und Union fordern, die Regelsätze müssten jetzt nicht etwa erhöht, sondern gesenkt werden. Ich bin dann mal auf die offizielle Begründung der Koalition gespannt, warum ausgerechnet Langzeitarbeitslose und deren Kinder kein Geld für Bildung bräuchten (die einzige ehrliche Begründung wäre ja, dass es in Deutschland eh keine Arbeitsplätze für sie gäbe, aber das wird wahrscheinlich die Regierung nicht sagen).

Und weiter geht’s: die FDP fordert Solidarität mit den Leistungsträgern, die ja schließlich so viele Steuern zahlen müssen (allerdings auch nur, wenn der Steuerberater nicht clever genug ist, und wenn es zu einem Bankkonto in Liechtenstein doch noch nicht reicht). Da werden die alten Grundwerte der Sozialdemokratie ganz neu interpretiert: Solidarität brauchen nämlich nicht etwa die Schwachen, sondern diejenigen, denen es eh schon gut geht. Genau, und die Krankenkassen zahlen bald auch nur noch für Gesunde. Und unser aller Westerwelle spricht von spätrömischen Verhältnissen, die uns drohen, weil bald niemand mehr arbeiten will.

Überhaupt dieses Menschenbild, das hinter diesen und ähnlichen Aussagen steckt: Arbeitslose sind nicht etwa arbeitslos, weil sie keine Arbeit finden, sondern weil es sich für sie nicht lohnt zu arbeiten. Und je höher die Stütze, desto mehr bleiben zuhause. So eine Sichtweise ist natürlich nur konsequent, denn inzwischen ist ja auch nirgendwo mehr von Arbeitslosen die Rede, sondern nur noch von Hartz IV-Empfängern. So als wäre das eine eigenständige soziokulturelle Gruppe: Es gibt halt Arbeiter, Angestellte, Selbständige und Hartzler, das sind die, die sich in ihrer Unterschichtsexistenz eingerichtet haben und eigentlich auch gar nichts Anderes machen wollen. Ein seltsamer Widerspruch ist dabei, dass Hartz IV einerseits als Synonym für gesellschaftlichen Abstieg gilt (und als Abschreckung für alle, die noch Arbeit haben), andererseits aber trotzdem noch für Neiddebatten taugt, nach dem Motto: Eigentlich geht’s denen doch noch ganz gut. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?

Dem Vampirgenre kann man in Film und Fernsehen zurzeit nur schwer entkommen: „Twilight“, „True Blood“, „Vampire Diaries“ heißen die aktuellen Kassen- und Quotenhits. Auffälligerweise gibt es fernab dieser aufwändigen US-Produktionen, die teilweise von großem Medienhype begleitet werden, in letzter Zeit aber auch einige interessante Beiträge aus Ländern, die man nicht sofort mit Vampirfilmen in Verbindung bringen würde.

Durst

Aus Korea kommt Park Chan-Wooks „Durst“, der hierzulande hoch gelobt wurde: Ein junger katholischer Priester nimmt an einem bizarren medizinischen Experiment teil, lässt sich freiwillig mit einem Virus infizieren. Während alle anderen Patienten an diesem sterben, scheint der Priester zunächst auch tot zu sein, steht jedoch kurz darauf wieder auf. Er verspürt nun den Drang, Blut zu trinken und stillt diesen, indem er seine Patientenbesuche als Krankenhausseelsorger nutzt, um sich heimlich an den Transfusionsbeuteln gütlich zu halten. Aber sein Körper meldet noch weitere, für ihn neue Bedürfnisse an. So fängt er eine leidenschaftliche Affäre mit einer verheirateten jungen Frau an, die ihn schon bald dazu benutzt, ihren verhassten Ehemann umzubringen. Doch damit nicht genug: Auch sie möchte ein Vampir werden – und mit Blutkonserven gibt sie sich nicht zufrieden.

Das Ganze klingt jetzt interessanter als es ist, denn letztlich ist „Durst“ trotz aller – eher platten – religiösen Metaphorik eher ein traditioneller Genrefilm. Die Gewissensnöte des Gottesmannes, der praktisch auf die dunkle Seite der Seele wechselt, werden nicht wirklich überzeugend heraus gearbeitet. Stattdessen gibt es viele wilde Sexszenen und genreüblichen Splatter. Einige Szenen sind durchaus gelungen, so wenn die nichtsahnende Kartenspielrunde zum wöchentlichen Treffen in der Wohnung anrückt, in der das inzwischen zu Blutsaugern mutierte Paar lebt. Ansonsten bietet der Film aber wenig Überraschungen und ist vor allem – typisch fürs asiatische Kino – sehr langatmig erzählt. Das Ende ist auch nicht gerade logisch überzeugend. Insgesamt ein durchwachsener Unterhaltungsfilm, der dem Vampirgenre nicht wirklich etwas Neues abgewinnt.

Da ist der schwedische Überraschungserfolg „So finster die Nacht“ (die englische Fassung heißt, wohl als wörtliche Übersetzung des Originaltitels, „Let the Right One in“) schon von anderem Kaliber. Der 12-jährige Oskar lebt mit seiner geschiedenen Mutter in einem Vorort von Stockholm. Er ist ein Ausßenseiter, der regelmäßig von einer Gruppe Mitschüler getrietzt und geschlagen wird, sich aber nicht traut, sich zu wehren. Eines Abends beobachtet Oskar, wie in die Nachbarwohnung ein geheimnisvoller Mann mit seiner Tochter einzieht. Die scheinbar gleichaltrige Eli trifft Oskar allerdings immer nur im Dunkeln, im Innenhof. Behutsam freunden sich die beiden Kinder an. Währenddessen wird der Ort von einer brutalen Mordserie heimgesucht, bei der der Täter seinen Opfern Blut abzapft und in Gefäßen sammelt. Während Oskar durch Elis Hilfe langsam lernt, zurück zu schlagen, kommt er mit der Zeit hinter das Geheimnis seiner neuen Freundin…

Was an „So finster…“ zunächst fasziniert, ist seine düstere Atmosphäre: Schweden im Winter ist kein anheimelnder Ort, aber Dunkelheit und Schnee legen sich auch wie Watte über die Straßen und Menschen, scheinen das Alltagsleben fast zum Stillstand zu bringen. Eine unwirkliche Atmosphäre, in der es auch nicht verwundert, dass Vampire unter normalen Menschen leben. Statt einer herkömmlichen Genregeschichte erzählt Regisseur Thomas Alfredson von zwei Außenseitern, die sich zaghaft und unsicher näherkommen und eine Beziehung jenseits aller Vernunft und Wahrscheinlichkeit eingehen. Dass diese beiden Hauptfiguren erst 12 Jahre alt sind und damit noch kurz vor der Pubertät, ist ein besonders cleverer Kunstgriff, denn dadurch bekommt ihre Freundschaft/Liebe etwas Unschuldiges und bleibt fernab jeglicher Spekulativität. Vampire dienen hier einmal gerade nicht als Metaphern für sexuelle Begierden oder Abgründe. Natürlich geht es auch hier ums Entdecken des anderen Geschlechts, aber eher auf eine platonisch-naive Weise. Dabei sind die Kinderdarsteller so natürlich, dass ihr Spiel nie peinlich oder künstlich wirkt.

Im Gegensatz zu „Durst“, wo der Kampf gegen die eigenen vampirhaften Gelüste eher aufgesetzt wirkt, versucht Eli nie, ihrem Wesen zu entkommen. Sie ist nun einmal, was sie ist, trinkt Blut, „weil sie es muss“, wie sie Oskar einmal erklärt. Damit stellt sich gar nicht erst die Frage von Gut oder Böse, denn man würde ja auch einem Raubtier nicht vorwerfen, andere Tiere bei lebendigen Leib zu zerfleischen. Als böse werden hier vielmehr die Mitschüler dargestellt, die Oskar quälen, ohne einen Grund dafür zu haben. Und Oskar gibt Eli gegenüber dann auch zu, dass er seine Peiniger auch gerne töten würde, wenn er könnte.

Auch „So finster die Nacht“ ist langsam erzählt, wird aber wegen seiner faszinierenden Bilder, der stimmungsvollen Musik und der mehrschichtigen Story nie langweilig. Genrefans werden sich vermutlich darüber freuen, dass hier alle Vampirregeln eingehalten werden und alle Anderen werden sich einfach von der ungewöhnlichen Liebesgeschichte berühren lassen. Und sowohl Hollywood mit seinen moralisch-verklemmten „Twilight“-Verfilmungen als auch Korea mit seinen pseudo-tiefgründigen Filmen über von Gott abgefallene Priester muss man zurufen: Seht her, so kann ein Vampirfilm auch aussehen.

Was mich an allen etablierten Filmzeitschriften in Deutschland stört, ist der Platz, den sie aktuellen Filmkritiken einräumen. Bei „epd Film“ gehen dafür gerne mal 23 von 68 Seiten drauf, also mehr als ein Drittel. Oft beginnt der Teil mit den Kritiken schon vor dem Heftfalz, also vor der Mitte des Heftes. Nach den Filmkritiken kommen dann nur noch DVDs, Bücher, TV-Tipps, also im Grunde auch Kritiken, so dass diese dann insgesamt rund die Hälfte des Heftes ausmachen. Ähnlich sieht es beim „Schnitt“ aus, der zwar insgesamt mehr Seiten hat, aber auch das Problem, nur alle drei Monate zu erscheinen, was dann auch zu noch mehr Filmkritiken führt, sowie beim „film-dienst“. Der erscheint zwar sogar alle 14 Tage, hat aber dafür den Anspruch, wirklich jeden Film zu besprechen, der in Deutschland (und der Schweiz) im Kino, auf DVD oder im Fernsehen rauskommt, was wiederum zu einem Wust von Kritiken führt.

Jetzt mal ehrlich: Wer soll eigentlich diese ganzen Kritiken lesen? Wer sich gezielt über einen bestimmten Film informieren will oder auch nur darüber, was denn aktuell so in den Kinos läuft, wird wahrscheinlich eher auf eine Internetseite gehen, z.B. auf filmstarts.de o.ä. Andere, die sich nicht so stark fürs Kino interessieren, sondern eher Gelegenheitsgänger sind, werden sich mit den wöchentlichen wenigen Kritiken in ihrer Tageszeitung oder in allgemeinen Zeitschriften zufrieden geben. Und wer wirklich so filmverrückt ist, dass er sich eine Fachzeitschrift kauft, möchte der dann unbedingt dort auch noch über (fast) jeden neuen Film eine Kritik finden? Ich glaube ehr nicht.

Das Problem ist doch, dass es unheimlich ermüdend ist, mehr als zwei, drei Kritiken hintereinander zu lesen. Und zu den meisten Filmen, die da vorgestellt werden, hat man entweder vorher schon irgendwo eine gelesen oder wird das spätestens in der Woche, in der der jeweilige Film dann wirklich in die Kinos kommt. Andere Filme, die in den Fachzeitschriften besprochen werden, sind so speziell, dass sie in 90 bis 99 Prozent aller deutschen Städte eh nie ihren Weg auf eine Kinoleinwand finden. Was nützt es mir dann, dazu Kritiken zu finden, die eh im Wust der ganzen anderen untergehen. Und der Platz, den diese Überfülle an aktuellen Besprechungen wegnimmt, fehlt dann für Berichte und ausführlich behandelte Themen.

Kauft sich irgendjemand eine Filmzeitschrift hauptsächlich, um Kritiken zu aktuellen Neustarts zu lesen? Oder will man darin nicht vielmehr etwas lesen, was man in der Tagespresse und im Internet halt nicht so häufig (oder gar nicht) findet? Nämlich Hintergrundberichte, Analysen, Porträts von Filmschaffenden, vielleicht auch ausführliche Interviews. Das ist es doch, was solche Zeitschriften für den Filmliebhaber wirklich interessant macht.

Dass es auch anders geht, beweist z.B. das Schweizer „Filmbulletin“, das in jedem Heft nur eine Handvoll Neustarts bespricht. Der überwiegende Teil der Zeitschrift ist den ausführlichen Themenstrecken gewidmet. In der noch relativ neuen „Cargo“ gibt es überhaupt keinen Teil mit aktuellen Kinokritiken. Ist ein neuer Film besonders interessant, wird er ausführlich besprochen, manchmal auch im Zusammenhang mit anderen neuen Filmen, wenn es sich thematisch anbietet. Sonst halt gar nicht. Das hat nicht nur den Vorteil, dass so im Heft Platz gewonnen wird für längere Texte zu anderen Themen. Es wird auch eine Auswahl getroffen: Der Leser weiß, dass es sich schon um einen besonders interessanten Film handeln muss (nach Meinung der Redaktion natürlich), wenn er überhaupt in diesen Zeitschriften vorgestellt wird. Da liest man dann die wenigen Kritiken auch gerne, statt sich durch den Wust der Neuvorstellungen in den anderen Filmzeitschriften zu kämpfen.

Gerade in Zeiten, in denen die nächste (kostenlose) aktuelle Kinokritik im Netz immer nur einen Klick entfernt ist, sollten sich die Filmzeitschriften auf ihre wahren Stärken besinnen und endlich Mut zur Vorauswahl fassen: nicht, indem sie nur ein oder zwei Sterne vergeben, sondern indem sie nur die wirklich interessanten Filme ausführlich besprechen (das kann natürlich auch mal ein ambitioniert oder grandios gescheiterter Film sein) und die ganzen mittelmäßigen und belanglosen einfach ignorieren.

„Avatar“ clever auseinander genommen

Veröffentlicht: 4. Februar 2010 in Film
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Der Wortvogel hat einen sehr amüsanten Videoverriss des völlig überschätzten Mega-Blockbusters gefunden (der jetzt übrigens ernsthaft für den Oscar als bester Film nominiert ist, was für eine Bankrotterklärung).

Die erste treffende Kritik, die ich über den Film gelesen habe, stammt auch vom Wortvogel. Alle anderen Kritiker scheinen ja irgendwelche Drogen genommen zu haben, bevor sie sich die 3D-Brillen aufsetzten. Anders kann ich mir die ganzen mit Superlativen um sich schmeißenden Kritiken jedenfalls nicht erklären, die ich so gelesen habe.

Immer wieder ein Hort der Ermunterung: die Jahrescharts diverser Musikzeitschriften. Z.B. der Poll in der neuen „Intro“. Gut, dass ich bei den „Besten Songs 2009“ sowohl in den Redaktions- als auch in den Lesercharts jeweils genau einen kenne, wundert mich nicht wirklich. Auch nicht, dass das erste Album, das mich halbwegs interessiert, in der Redaktionsliste auf Platz 9 und in der Leserliste auf Platz 11 steht. Ist halt die „Intro“, da kenn ich sowieso 90 Prozent der Bands, die da besprochen werden, nicht. Bei den Lieblingskünstlern der Leser könnte man sich vielleicht noch die Frage stellen, wer um alles in der Welt denn solche Menschen wie Erlend Oye (mit Querstrich durch das O, weiß nicht, wie man das auf dem PC erzeugt) auf Platz 8 oder William Fitzsimmons auf Platz 10 sind. Kann man aber auch sein lassen.

„Stromberg“ und die „Simpsons“ sind als Spitzenreiter bei den „Besten TV-Sendungen“ wohl unvermeidbar, obwohl inzwischen selbst Hardcore-„Simpsons“-Fans meinen, die Serie hätte ihren Zenit schon lange überschritten. Auf den Plätzen 5 bis 7 folgen dann lauter langweilige Sitcoms. Gut, ist halt nicht mein Genre. Aber spätestens bei den Schauspielerlisten dachte ich dann, jetzt sind die Leser wohl jenseits von Gut und Böse angekommen: Nora Tschirner als „Beste Schauspielerin“ ist ironisch gemeint, oder? Und bei den Männern Till Schweiger auf Platz 13? Till „Ich habe nur einen Gesichtsausdruck“ Schweiger? Till „Unser Mann in Hollywood, bei dem es leider nur für zwei, drei Gastauftritte gereicht hat“ Schweiger? OMG!

Erstaunlich geschmackssicher sind die „Intro“-Leser immerhin, was Radiosendungen angeht. In den Top 10 finden sich gleich drei meiner Lieblingsshows: der Bayern2-„Zündfunk“ auf der 2, Grissemanns & Stermanns Comedy-„Show Royal“ (Radio Eins) auf Platz 6 und Klaus Walters ByteFM-Sendung „Was ist Musik?“ auf Platz 8. (Und auch wenn ich kein großer EinsLive-Fan bin, kann ich den ersten bzw. dritten Platz für „Plan B“ und „Fiehe“ zwar nicht teilen, aber zumindest nachvollziehen.)

Bei vielen Kategorien frage ich mich eh, wie man da zu Favoriten kommen soll. Ich hab z.B. letztes Jahr weder ein Konzert besucht noch bewusst ein Musikvideo wahrgenommen (doch, eins: von dem Distelmeyer, aber das fand ich jetzt nicht so toll, dass ich das wählen würde), spiele keine Computerspiele und gehe nie auf Festivals. Aber wahrscheinlich bin ich auch schon längst aus der Zielgruppe raus.