Archiv für März, 2010

Bei uns in der westlichen Hemisphäre ist Akira Kurosawa vor allem für seine Historien- und Schwertkämpferfilme bekannt: „Ran“, Rashomon“, „Die Sieben Samurai“ etc. Da ich mit diesen Genres generell wenig anfangen kann, habe ich nie einen dieser Filme gesehen, und „Uzala, der Kirgise“ habe ich nach ein paar Minuten wieder abgeschaltet. Neu war mir bisher, dass Kurosawa auch realistische, teilweise sozialkritische Gegenwartsfilme gedreht hat, so z.B. „Ikiru – Einmal richtig leben“ von 1952.

Herr Watanabe – der in der deutschen Synchronfassung merkwürdigerweise nur Tanabe heißt – ist seit 20 Jahren Beamter in der Beschwerdestelle der Stadtverwaltung. Am Anfang des Films wird er als Mann beschrieben, der „im Grunde schon längst tot ist“, gefangen in seiner täglichen Arbeitsroutine, die längst jede Eigeninitiative erstickt hat, nur noch interessiert an der nächsten Beförderung und der Aussicht auf seine Pensionsansprüche. Das Großraumbüro, in dem er arbeitet, erinnert mit seinen grotesk aufgestapelten Aktenbergen an Kafka und an die Darstellung von Ablegesystemen in Science Fiction-Filmen wie „Brazil“. Bürokratie ist hier längst zum Selbstzweck verkommen, die Eingaben der Bürger, die sich mit ihren Anliegen an die Beschwerdestelle wenden, werden möglichst abgewehrt mit dem Standardargument: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Als Watanabe eines Tages unentschuldigt einfach nicht mehr zur Arbeit erscheint, beginnen die missgünstigen Kollegen gleich, sich über seine Nachfolge und ihre eigenen Karrierechancen die Mäuler zu zerreißen.

Watanabe ist nicht einfach ausgestiegen, sondern hat, nachdem er erfuhr, dass er Magenkrebs im Endstadium hat, schlagartig die Sinnlosigkeit seines bisherigen Lebens erkannt. Kurosawa variiert hier die uralte Frage: „Was würdest du tun, wenn du nur noch ein halbes Jahr zu leben hättest?“ Man kann diese Frage beantworten wie Elmar Wepper in Doris Dörries „Hatami – Kirschblüte“: „Ich würde weiter jeden Morgen zur Arbeit gehen, und abends zurück zu dir [seiner Ehefrau]. Das würde ich tun!“ Oder man versucht sein als vergeudet betrachtetes Leben radikal zu ändern, die verlorene Zeit irgendwie zu kompensieren, wie Watanabe, der nun verschiedene Möglichkeiten dazu „durchspielt“: sich ins Vergnügen stürzen, mit Wein, Tanz, Glücksspiel und vielleicht auch Frauen, scheint nicht das Richtige für ihn zu sein, zumal er gar keinen Alkohol mehr verträgt. Mit einer jungen, lebenslustigen Ex-Arbeitskollegin Zeit zu verbringen, ist zwar schön für ihn, nervt aber irgendwann die junge Frau. Schließlich erinnert er sich an eine der abgelehnten Eingaben aus seinem Büro und beschließt, den Bau eines Spielplatzes auf einem sumpfigen Brachgelände mitten in der Stadt durchzusetzen.

Der Film, anderthalb Stunden chronologisch aus der Perspektive Watanabes erzählt, springt nun unvermittelt in die Zukunft, zu seiner Trauerfeier. Wir erfahren, dass er den Spielplatz wirklich bauen konnte, und dass er auf diesem gestorben ist. Aus der Perspektive seiner ehemaligen Arbeitskollegen und einiger hoher Beamter der Stadt, die bei der Trauerfeier zusammen sitzen, erschließt sich in Rückblenden nun der Kampf des Verstorbenen durch die Instanzen der Verwaltung. Was fast als Satire auf die Bürokratie begann, wird nun zu einer bissigen Anklage des Staatswesens: Während der Bürgermeister und die hohen Beamten den Tod Watanabes nur zu machtpolitischen Spielen bzw. katzbuckelnder Selbstprofilierung missbrauchen,  sind die einfachen Frauen der Nachbarschaft, der der Tote den Spielplatz geschenkt hat, die Einzigen, die zu wahrer Trauer fähig sind.

Im Verlauf zunehmender Betrunkenheit kommen auch die ehemaligen Arbeitskollegen zur Einsicht, dass sie ihren Mitmenschen und sich selbst nur die Lebenszeit stehlen und sie ihr Arbeitsethos ändern müssen. Doch kaum wieder nüchtern, setzt sich die alte Routine im Büro wieder durch, und alles bleibt wie es immer war. Viel zu verfahren ist das ganze System, als dass ein Einzelner etwas daran ändern könnte.

Kurosawa erzählt seine zutiefst menschliche Geschichte mit viel Humor, mit einem Hauptdarsteller, dessen entgleisende Gesichtszüge desöfteren an einen Horrorfilm erinnern, und in wunderschönen Schwarzweißbildern. Insbesondere, wenn gegen Ende Watanabe einen Sonnenuntergang bewundert, fragt man sich, ob die Erfindung des Farbfilms wirklich ein Fortschritt in der Filmgeschichte darstellte. Ein Sonnenuntergang im Farbfilm wird nie so intensiv sein wie einer in der Wirklichkeit, wird immer nur ein Abbild bleiben, während er in schwarzweiß eine ganz eigene Intensität erreicht.

Vor allem aber ist „Ikiru“ eine gnadenlose Abrechnung mit der Bürokratie, die die Rechte der Bürger missachtet, die Mitarbeiter zu lebenden Mumien macht, und die zu einer Reform von innen heraus nicht fähig erscheint, da Selbsterhalt und Pensionsansprüche ihre einzigen Motivationen sind. Insofern sollte sich jeder Mitarbeiter einer öffentlichen Verwaltung diesen Film einmal anschauen.

Es dürfte für regelmäßige Blogleser kein Geheimnis sein, dass „Battlestar Galactica“ die TV-Serie ist, die mich in den letzten Jahren am meisten gefesselt hat. Interessanterweise finde ich die vierte und letzte Staffel jetzt auf RTL II immer noch faszinierender als sämtliche Serien, die ich sonst gerade noch so im Fernsehen gucke, obwohl ich sie schon komplett auf Englisch gesehen habe.

Ein würdiger Nachfoler für die Serie ist zumindest im SF-Bereich nirgends in Sicht. Das Spin Off „Caprica“ ist bislang ganz nett, übt aber bei weitem nicht die Faszination des Vorgängers aus. Dazu ist das Grundsetting einfach nicht zwingend genug: die recht erdähnliche Großstadtgesellschaft auf Caprica statt das enge, provisorische Leben einer Spezies auf der Flucht vor der totalen Vernichtung, an Bord einiger teils veralteter Raumschiffe. Außerdem scheinen sich die Produzenten nicht so ganz entscheiden zu können, was sie eigentlich machen wollen: eine Teenie-Soap mit etwas Sex und viel Religion(skritik), eine Cyberpunk-Künstliche Intelligenz-Allegorie oder ein Mafiadrama, das zufällig auf einem anderen Planeten spielt. Entsprechend unterschiedlich gut funktionieren die einzelnen Handlungsstränge: Während die Hauptstory um den ersten Zylonen, in dessen metallen-martialischem Körper das Bewusstsein einer toten Teenagerin gefangen ist, ziemlich überzeugend inszeniert ist, fallen die anderen Erzählstränge deutlich ab.

Der ganze Mafiaplot um die Familie Adams alias Adama, die so wirkt, als hätten die Autoren zu viel „Der Pate“ geguckt, lässt mich bisher völlig kalt (und passt auch überhaupt nicht zu den anderen Elementen). Auch schauspielerisch kann „Caprica“ bis jetzt nicht wirklich überzeugen. Da sind ja durchaus ganz gute Darsteller dabei (Eric Stolz, Polly Walker aus „Rome“), aber halt niemand vom Kaliber eines Olmos, einer McDonnell, einer Sackhoff oder eines Hogan. Trotzdem würde ich die Serie nicht zu früh abschreiben. Vielleicht fangen sich Ronald D. Moore und David Eick ja noch und ziehen das Tempo etwas an. Mich begeistern einfach diese Zylonen (die aus Metall, nicht die aus Fleisch und Blut), und solange es weiter solche Szenen gibt wie die, in der ein Ingenieur sich in „seine“ Zylonin zu verlieben scheint (ohne zu wissen, dass tatsächlich der Avatar eines Teenie-Mädchens in diesem „wohnt“), werde ich sicher noch mal rein schauen.

Völlig unterschätzt ist meiner Meinung nach eine weitere Serie von David Eick, die nicht mehr ganz neu ist, bei RTL II seit ein paar Wochen aber als neu verkauft wird: „Bionic Woman“. Ok, das ist Popcornunterhaltung ohne größeren Anspruch, aber die ganzen Negativstimmen in Blogs und Foren, das wäre totaler hirnloser Trash, kann ich nicht nachvollziehen. Die Grundidee der bionisch aufgerüsteten Frau (die man aus der im Original gleich betitelten 70er Jahre-Serie „Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau“ übernommen hat) mag nicht besonders überzeugend sein. Die Inszenierung der Actionszenen und die Leistungen der SchauspielerInnen sind es umso mehr.

Um mal einen Vergleich zum gehypten „Flash Forward“ zu ziehen, das etwa zeitgleich im deutschen Free-TV gestartet ist: Die DarstellerInnen in „Bionic Woman“ sind durchweg besser (Miguel Ferrer, Isaiah Washington, Molly Price, die in den ersten vier Folgen allerdings noch nicht so richtig viel zu tun hatte, und allen voran natürlich Katee Sackhoff, die hier mal die Böse geben darf – ein schöner Kontrast zu ihrer BSG-Rolle als Starbuck), die Charaktere zumindest nicht farbloser, und statt Verschwörungsgebrabbel gibt es hier zumindest ein wenig Kritik am Regierungsapparat und einige ganz viel versprechende Plots um das Privatleben der Hauptfigur.

Die muss nämlich versuchen, ihre Pflichten als Erziehungsberechtigte ihrer jüngeren Schwester mit ihrem neuen Beruf als Verbrechensbekämpferin im Auftrag der Regierung unter einen Hut zu bekommen, was für einige Probleme sorgt. Und auch dass sie erfährt, dass ihr getunter Körper nur eine Lebenserwartung von fünf Jahren hat, birgt dramatisches Potential. Das sich allerdings nicht mehr erfüllen wird, da die Serie in den USA nach nur acht Folgen abgesetzt wurde. Schade drum, andererseits ist das vom Thema her schon eine Serie, die man jetzt auch keine fünf Jahre hätte sehen wollen.

Zu „Flash Forward“ möchte ich nur noch schreiben, dass Mystery-Serien anscheinend nicht mein Ding sind. Es gab genau zwei, die mir gefallen haben: „Twin Peaks“, was aber schon zwanzig Jahre her ist, und „Carnivàle“. Und schon bei den beiden gingen mir die immer neuen Geheimnisse schon in der zweiten Staffel auf die Nerven. Mehr Staffeln gab’s aber dann jeweils auch gar nicht.

So, und das war der Nerdeintrag des Monats.

Was ist denn mit den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern los?

Veröffentlicht: 27. März 2010 in TV
Schlagwörter:, , , ,

Jahrelang zeigen sie so gut wie überhaupt keine US-Serien mehr, und plötzlich kündigen sie ein Highlight nach dem anderen an: Die Süddeutsche meldet heute, dass ZDF Neo ab Herbst das schon seit Monaten auch in der deutschen Presse gehypte „Mad Men“ ins Programm nehmen will, laut DWDL soll „Breaking Bad“ ebenfalls ab Herbst bei arte laufen, und im nächsten Jahr soll dort mit „No.1 Ladies‘ Detective Agency“ noch eine selbst für HBO ungewöhnliche Serie folgen. Und alles ohne Werbeunterbrechungen – schön!

„Das Wort ICH hat mit eitel und uneitel nichts zu tun. Es gibt gänzlich uneitle Ich-Schreiber, und es gibt Texte, bei denen der Autor nicht ein einziges Mal ich sagt, und trotzdem tropft die Eitelkeit aus den Zeilen wie ranziges Fett.“

Ein Satz, den sich Wolf Schneider mal hinter die Ohren schreiben sollte. Der „Freitag“ bringt diese Woche eine Leseprobe aus dem neuen Buch des wunderbaren Helge Timmerberg: eine Begegnung mit seinem damaligen Vorbild Hunter S. Thompson aus den wilden 80ern, als „Tempo“-Volontärinnen noch Gefahr liefen, von durchgeknallten Gonzo-Journalisten ungewollt unter LSD gesetzt zu werden.

Bratwurstjournalismus at its best

Veröffentlicht: 25. März 2010 in Print
Schlagwörter:,

Ein schönes Beispiel dafür, dass der Tenor, der im Großteil des deutschen Lokaljournalismus vorherrscht, an den wahren Interessen des überwiegenden Teils seiner Zielgruppe vorbei geht, liefert diese Woche der „Düsseldorfer Anzeiger“, eines jener Anzeigenblätter, die jede Woche unsere Briefkästen verstopfen kostenlos in unsere Häuser geliefert werden. In einem völlig unkritischen Artikel wird der neu eröffnete Baumarkt im ebenfalls neuen Einkaufscenter B8 in Flingern abgefeiert. Kritische Stimmen? Nee, wieso, die schalten doch eh keine Werbung bei uns?

Was soll es für den Leser für einen Erkenntnisgewinn bringen, dass der Projektleiter eines Unternehmens, das ein Einkausfscenter verpachtet, den Standort dieses Centers für ideal hält? Muss der Mann ja sagen, oder soll er vielleicht in den Block zitieren: „Wir haben halt kein besseres Grundstück gefunden, das bezahlbar gewesen wäre, da mussten wir halt unser Center hier hin bauen.“?

„Das ist ein Meilenstein in der Entwicklung von Flingern“, wird er stattdessen zitiert. Aber wer ist wohl hier mit Flingern gemeint? Die Anwohner, die sich über mehr Verkehr, mehr Lärm und schlechtere Luft freuen können? Die Einzelhändler auf den traditionellen Einkaufsstraßen in der Umgebung, die von dem Kundenstrom zu Praktiker und Saturn vermutlich gar nichts abbekommen?

Ach, wie ich diesen unkritischen, anzeigenkundenfreundlichen „Friede, Freude, Eierkuchen“-Lokaljournalismus liebe…

NEON kummert

Veröffentlicht: 23. März 2010 in Print
Schlagwörter:, , ,

Jetzt hat also auch die ach so tolle NEON ihren Borderline-Journalismus-Skandal: Ein Mitarbeiter namens Ingo Mocek musste zugeben, mehrere Interviews mit Prominenten gefälscht zu haben, nachdem dem Management von Beyoncé einige ihrer angeblichen Statements merkwürdig vorkamen. Die Zusammenarbeit mit dem Journalisten wurde sofort beendet und die neon.de-User kloppen nun überwiegend auf den „Betrüger“ ein.

Das Ganze erinnert natürlich frappierend an den Fall Tom Kummer beim „SZ-Magazin“. Hier wie da waren es Interviews mit Stars und Sternchen aus dem Pop- und/oder Filmbusiness, die gefaket wurden, wobei Mocek wohl etwas subtiler vorging als seinerzeit Kummer: Während der bekannterweise einfach Bücher an die Wand warf, und aus den zufällig aufgeschlagenen Seiten die Interviews komponierte, stellte Mocek sie teilweise aus Statements zusammen, die die „Interviewten“ anderen Medien gegeben hatten.

Warum da nun wieder die Wellen so hoch schlagen, wird mir ewiglich ein Rätsel bleiben. Es handelte sich ja nun nicht gerade um politisch, weltgeschichtlich oder sonst irgendwie wichtige Zeitgenossen, sondern um Unterhaltungs“künstler“, deren Aussagen ja nun eh keinerlei Relevanz haben, außerhalb derjenigen, die man so einem der Unterhaltung dienenden Text in einer Illustrierten selbst zumisst. Ähnlich wie z.B. die Interviews auf der letzten Seite der Wochenend-SZ liest man diese Gespräche doch eh nicht, weil man sich einen tieferen Informationsgehalt davon verspricht, sondern weil sie bestenfalls gut geschrieben und witzig sind. Oder anders gesagt: Gut collagiert ist immer noch besser als Langweiliges abgetippt.

Abgesehen davon glauben wohl eh nur Menschen, die noch nie was mit Journalismus zu tun gehabt haben, dass Wortlaut-Interviews wirklich den Wortlaut eines Interviews wiedergeben. Natürlich wird da gekürzt, gestrichen, umgestellt, zugespitzt und komponiert. Was denn sonst? Sonst würde das ja kein Mensch lesen, was all diese A-, B- und C-Promis so von sich geben.

Fraglich bleibt natürlich, warum Autoren und Redaktionen Textcollagen à la Kummer und Mocek unbedingt als (authentische) Interviews verkaufen müssen. Warum schreibt man statt Interview nicht einfach Collage drüber, wenn es sich um eine solche handelt. Oder, wenn man die Antworten frei erfindet, wie Kummer das überwiegend getan hat, „ein Interview, das nie stattgefunden hat“ oder so was Ähnliches. Das gab’s z.B. in der taz mal (als Beispiel für Borderline-Journalismus), ein Porträt über Zidane, wo dann unten drunter stand: „Der Autor dieses Textes hat Zidane in der Halbzeitpause einmal aus einhundert Meter Entfernung vorbei laufen sehen.“ Das wäre genauso unterhaltsam, ehrlicher, kein Leser würde sich verarscht fühlen und kein Mitarbeiter seinen Job verlieren.

Das Problem ist nur: Redaktionen würden das nicht mitmachen, weil sie nicht mit tollen Exklusiv-Interviews mit großen Namen prahlen könnten, und die meisten Leser wollen wahrscheinlich lieber verarscht werden, als im Vorhinein ehrlich über den Authentizitätsgrad eines Textes aufgeklärt zu werden. Also drücken (Chef-)Redakteure auch bei Verdachtsmomenten lieber beide Augen zu, solange es gut geht. Und wenn’s dann doch mal auffliegt, hat man ja das entsprechende Bauernopfer schnell bei der Hand.

Nicht, dass es nicht reichen würde, dass derzeit sowieso die halbe Düsseldorfer Innenstadt eine Großbaustelle ist (der Hofgarten wird scheinbar komplett zugeschüttet und neu gegraben, am Übergang von der Kö in die Altstadt hat man als Fahrradfahrer schon seit einem Jahr keine Chance mehr, sein Ziel zu erreichen, weil eine riesige U-Bahnbaustelle alle Wege abschneidet, und der Bilker Bahnhof versinkt wahrscheinlich demnächst in einer Baugrube, wenn Bilfinger & Berger hier genauso geschlampt hat wie in Köln, wofür es ja schon Indizien genug gibt): In Flingern hat vor einigen Tagen mit dem B8 ein neues Einkaufszentrum eröffnet, das ein idealtypisches Beispiel für verfehlte Stadtplanung ist: Wo früher ein Promarkt und eine Teppichhalle standen, hat man nun einen riesigen Betonklotz aus dem Boden gestampft, in dem es bisher genau drei Geschäfte gibt: einen Baumarkt, einen Saturn und einen Lidl. Wobei Lidl und der Rest dann noch über jeweils verschiedene Eingänge zu erreichen sind, die ungefähr fünfhundert Meter auseinanderliegen.

Natürlich gibt es 500 kostenfreie Parkplätze, aber für Fahrradständer reichte wahrscheinlich das Geld nicht mehr – es gibt nämlich keinen einzigen. Und das in einem Stadtteil, der zu den ärmsten in Düsseldorf gehört, und in dem wahrscheinlich 40 Prozent der Leute gar kein Auto haben. Die Autofahrer kommen aber vermutlich sowieso aus anderen Stadtteilen, und zwar heute in so rauhen Mengen, dass es an der Kreuzung Erkrather/ Werdener Str. zu totalem Verkehrschaos kam. Eine Linksabbiegespur zu dem Mall-Parkplatz gibt es nämlich auch nicht. Also fuhr einfach jeder, wie er lustig war, lustige Rückstaus und Autos, die bei Rot einfach wieter über den Fußgängerüberweg fahren, inklusive. Der Saturn, der vom Kaufhof am Wehrhahn in dieses neue Gebilde gezogen ist, hat dann auch irgendwie keinen Fußgängerausgang hinter den Kassen. Man bezahlt und steht dann mitten auf dem Parkdeck. Wenn man keine Lust hat, sich eines der herumstehenden Autos zu klauen, um das Parkdeck wieder verlassen zu können, muss man sich entweder über eine Außentreppe abseilen oder wieder durch den Laden durch, den man gerade durch die Kassen verlassen hat.

Warum Saturn überhaupt meinte, von der (ehemaligen) Haupteinkaufsstraße in der Innenstadt in diesen Stadtteil ziehen zu müssen, wissen wohl nur die Oberen in deren Chefetage. Die Innenstadt geht immer mehr vor die Hunde, weil es dort kaum noch attraktive Geschäfte gibt – der Staurn war bisher eigentlich für mich der letzte Grund, überhaupt noch mal alle halbe Jahre zum Wehrhahn zu laufen -, stattdessen zerstört man alte Arbeiterviertel am Innenstadtrand mit gesichtslosen Einkaufscentren, in deren Planung Fußgänger oder Radfahrer gar nicht mehr vorkommen. Gentrifizierung nennt man sowas wohl.

Direkt hinter dem Parkplatz beginnt übrigens die bekannte Kiefernstraße. Dazwischen hat man eine Mauer gebaut, die tatsächlich wirkt wie der „antifaschistische Schutzwall“. In Berlin wollte man die Teilung überwinden, in Düsseldorf-Flingern wird sie gerade zementiert: Auf der einen Seite der Mauer die schöne neue Warenwelt des Westens, auf der anderen Seite die Häuser der Kiefern, die an dieser Stelle so wirken, als seien sie seit den 50ern nicht mehr angestrichen worden, also richtig ostig.

In Städten wie Amsterdam, Kopenhagen oder Berlin würde man ja eine authentische, originell wirkende Straße wie die Kiefernstraße mit ihrem alternativen Flair und ihren von den Hausbewohnern teilweise farbenfroh bemalten Gebäuden als Touristenattraktion vermarkten, und so versuchen, einen Imagegewinn für die Stadt durch Präsentieren von Subkultur zu erzielen. In Düsseldorf zieht man lieber einen Zaun drum und hofft, dass kein Einkäufer diese „Schmuddelecke“ wahrnimmt.

Der neue Verbund der freien Kulturszene in D’dorf, „Freiräume“, hat es auf einem Aufkleber schön zusammengefasst, worum es eigentlich in einer lebenswerten Großstadt gehen sollte: „Parks, Spielplätze und Wohnraum statt Parkplätze, Einkaufscenter und neue Bürobauten!“ In unserer schönen, CDU-regierten, schuldenfreien Stadt scheint aber für normale Menschen, die kein dickes Auto, ebensolches Bankkonto und keine Lust auf monströse Architektur haben, kein Platz zu sein.

Whatever happened to Rutger Hauer

Veröffentlicht: 10. März 2010 in Film
Schlagwörter:, ,

Wenn man sich seine frühen Filme anguckt, vor allem seine ersten Hollywood-Produktionen in den frühen 80ern, fragt man sich: Warum hat der den ganz großen Durchbruch eigentlich damals nicht geschafft? Das Zeug zum Weltstar hätte er ganz klar gehabt, sowohl was das schauspielerische Können angeht als auch die Ausstrahlung. Die ersten Jahre im internationelen Filmgeschäft waren dann ja auch durchaus vielversprechend: Ridley Scotts „Blade Runner“, Nicolas Roegs „Eureka“, Paul Verhoevens internationale Produktion „Flesh +  Blood“, „Ladyhawke“ mit Michelle Pfeiffer, dazu noch „Hitcher, der Highwaykiller“.

Seine Rolle als durchgeknallter Android in „Blade Runner“ ist sowieso legendär. Aber auch in „Eureka“ (einem völlig abgedrehten, aber ziemlich guten Film, der vor allem von den schauspielerischen Leistungen Hauers und Theresa Russels lebt) hat er eine unglaubliche Präsenz: diese durchdringenden stahlblauen Augen, diese fast brutal wirkende Virilität (vom Typus her ist es eh erstaunlich, dass er in Hollywood nicht ständig Nazis spielen musste, so sehr entspricht sein Äußeres dem „Idealbild“ vom Arier). Ein Mann, dem die Frauen verfallen, dem man aber nie ganz trauen kann, weil sich hinter seinem makellosen Gesicht immer irgendwelche Abgründe zu verstecken scheinen.

Mitte der 80er ging es dann mit seiner Karriere schon stark bergab, danach spielte er meistens nur noch große Rollen in TV- und B-Filmen und ganz selten mal kleine Rollen in gr0ßen Filmen, z.B. in „Batman Begins“ oder „Sin City“. Vielleicht lag es tatsächlich daran, dass die großen Filme, die teuren Produktionen, in denen er Anfang, Mitte der 80er große Rollen spielte, überwiegend grandios gefloppt sind. Sowohl „Blade Runner“ als auch „Eureka“ und „Flesh + Blood“ waren ja (zunächst) kommerzielle Misserfolge. Wobei zumindest Scotts SF-Film ja schon wenige Jahre später zum Kultfilm und modernen Klassiker wurde.

Heute ist Hauer 66, dreht weiterhin jedes Jahr vier bis fünf Filme, von denen man selten jemals etwas hört, und ist international eigentlich nur noch wegen seiner Replikantenrolle in „Blade Runner“ in Erinnerung geblieben – und in den Niederlanden sowie bei Leuten, die sich stärker für europäische Filmgeschichte interessieren, natürlich auch für seine Rollen in den frühen Paul Verhoeven-Filmen, vor allem „Türkische Früchte“. Aber 1982, 83 war Rutger Hauer eines der größten Versprechen, das das internationale Mainstreamkino zu geben hatte.

darauf dass … der „Rolling Stone“ eine Interviewreihe „Der DAX rockt“ mit Wirtschaftsbossen startet, in der der RWE-Vorstandschef erzählt, warum er die Beach Boys so liebt.

… Schröders Ex-Regierungssprecher im gleichen Heft über das neue Album der Scorpions schreiben darf.

Ist das jetzt der Einfluss von „Welt am Sonntag“-Kommentator und Neu-„Rolling Stone“-Herausgeber Ulf Poschardt? Was qualifiziert diese Leute dazu, sich in einem Musikmagazin ausführlich über Musik äußern zu dürfen? Warum soll uns die menschliche Seite des Chefs eines Energie- und Atomkonzerns näher gebracht werden? Warum wird nicht mal ein unbekannter Hartz IV-Empfänger oder eine ebenso unbekannte alleinerziehende Mutter über drei Seiten zu ihrer Lieblingsband befragt? Vielleicht, weil das gerade nicht in die aktuelle politische Diskussion passt, deren kulturelle Interessen einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen.

Ansonsten ist der März-RS erstaunlich interessant ausgefallen (nachdem man sich in den letzten Monaten fast nur mit mehr oder weniger abgehalfterten Mainstreamstars wie Bono, Gabriel & Gabriel (Peter und Gunter), Sade etc. befasst hat): Johnny Cash-Special, Benjamin von Stuckrad-Barre auf den Spuren von Falco in Wien, Osama Bin Ladens Sohn, und Patti Smiths Autobiografie-Auszug macht einem Robert Mapplethorpe fast doch noch sympathisch (sah Mitte der 70er übrigens aus wie Mick Jagger). Eine Mischung, wie man sie echt nur im RS finden kann.

Lesetipp: Jeff Bridges

Veröffentlicht: 3. März 2010 in Film, Lesetipp
Schlagwörter:,

Ein schönes Porträt aus der aktuellen epd-Film über den unprätentiösen und deswegen gnadenlos unterschätzten Schauspieler Jeff Bridges, der diese Woche vielleicht doch noch zu seinem verdienten Oscar kommen könnte.