Die Merkwürdigkeiten der deutschen Musikpresse (III): Worauf die Welt nicht gewartet hat

Veröffentlicht: 7. März 2010 in Print
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darauf dass … der „Rolling Stone“ eine Interviewreihe „Der DAX rockt“ mit Wirtschaftsbossen startet, in der der RWE-Vorstandschef erzählt, warum er die Beach Boys so liebt.

… Schröders Ex-Regierungssprecher im gleichen Heft über das neue Album der Scorpions schreiben darf.

Ist das jetzt der Einfluss von „Welt am Sonntag“-Kommentator und Neu-„Rolling Stone“-Herausgeber Ulf Poschardt? Was qualifiziert diese Leute dazu, sich in einem Musikmagazin ausführlich über Musik äußern zu dürfen? Warum soll uns die menschliche Seite des Chefs eines Energie- und Atomkonzerns näher gebracht werden? Warum wird nicht mal ein unbekannter Hartz IV-Empfänger oder eine ebenso unbekannte alleinerziehende Mutter über drei Seiten zu ihrer Lieblingsband befragt? Vielleicht, weil das gerade nicht in die aktuelle politische Diskussion passt, deren kulturelle Interessen einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen.

Ansonsten ist der März-RS erstaunlich interessant ausgefallen (nachdem man sich in den letzten Monaten fast nur mit mehr oder weniger abgehalfterten Mainstreamstars wie Bono, Gabriel & Gabriel (Peter und Gunter), Sade etc. befasst hat): Johnny Cash-Special, Benjamin von Stuckrad-Barre auf den Spuren von Falco in Wien, Osama Bin Ladens Sohn, und Patti Smiths Autobiografie-Auszug macht einem Robert Mapplethorpe fast doch noch sympathisch (sah Mitte der 70er übrigens aus wie Mick Jagger). Eine Mischung, wie man sie echt nur im RS finden kann.

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Kommentare
  1. rockrentner sagt:

    Vergessen hast Du noch den im aktuellen Rolling Stone mit Rammstein und Bushido rockenden Bundeswehrsender Radio Andernach; gefühlsecht im Khaki-Tarnanzug, der nächste Taliban wartet schon auf dem Studio-Klo. Vergessen hast Du auch noch den Motor-Labelboss Tim Renner, der redaktionelle Werbung für’s magaoute Download-Abo als Alternative zur Kulturflatrate machen darf; vergessen hast Du dann noch Béla Anda, den Gerhard-Schröder-Adlatus, der sich mal so richtig über die Scorpions ausschleimen darf. Und dann all die schönen kilometerlangen Fotostrecken im Vanity-Fair-Stil. FDP-Bewunderer und „Sweet Neocon“ (Rolling Stones) Ulf Poschardt (Rolling Stone)lässt grüßen und der stellvertretende Chefredakteur Joachim Hentschel tut so, als wäre gar nichts passiert. Er schwafelt sogar von der größten Freiheit, die der RS-Redaktion je geschenkt wurde. Die müssen ihre Leser für reichlich bescheurt halten. Dann noch ein Wort zum Johnny-Cash-Special: Bei allem Respekt vor dem großen schwarzen Mystagogicus, der ist nun seit seinem American Recordings Comeback auch reichlich überrepräsentiert und steht darin den ganzen Springsteen-, Dylan-, Gabriel-, Bono-Hypes in nichts nach.

    • Medienjunkie sagt:

      Den Radio Andernach-Artikel fand ich eigentlich ganz interessant, das kann man schon mal machen, und Tim Renner ist doch einer der Guten (im neuesten RS gibt’s dann auch prompt eine Antwort des Chefs des Bundesverbands der Phonoindustrie, der die Geschäftsmodelle des letzten Jahrhunderts verteidigt). Béla Anda über die Scorpions hab ich unter Realsatire verbucht und gar nicht erst gelesen.

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