Der Einzelne und die Bürokratie: Kurosawas Sozialdrama „Ikiru“

Veröffentlicht: 31. März 2010 in Film
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Bei uns in der westlichen Hemisphäre ist Akira Kurosawa vor allem für seine Historien- und Schwertkämpferfilme bekannt: „Ran“, Rashomon“, „Die Sieben Samurai“ etc. Da ich mit diesen Genres generell wenig anfangen kann, habe ich nie einen dieser Filme gesehen, und „Uzala, der Kirgise“ habe ich nach ein paar Minuten wieder abgeschaltet. Neu war mir bisher, dass Kurosawa auch realistische, teilweise sozialkritische Gegenwartsfilme gedreht hat, so z.B. „Ikiru – Einmal richtig leben“ von 1952.

Herr Watanabe – der in der deutschen Synchronfassung merkwürdigerweise nur Tanabe heißt – ist seit 20 Jahren Beamter in der Beschwerdestelle der Stadtverwaltung. Am Anfang des Films wird er als Mann beschrieben, der „im Grunde schon längst tot ist“, gefangen in seiner täglichen Arbeitsroutine, die längst jede Eigeninitiative erstickt hat, nur noch interessiert an der nächsten Beförderung und der Aussicht auf seine Pensionsansprüche. Das Großraumbüro, in dem er arbeitet, erinnert mit seinen grotesk aufgestapelten Aktenbergen an Kafka und an die Darstellung von Ablegesystemen in Science Fiction-Filmen wie „Brazil“. Bürokratie ist hier längst zum Selbstzweck verkommen, die Eingaben der Bürger, die sich mit ihren Anliegen an die Beschwerdestelle wenden, werden möglichst abgewehrt mit dem Standardargument: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Als Watanabe eines Tages unentschuldigt einfach nicht mehr zur Arbeit erscheint, beginnen die missgünstigen Kollegen gleich, sich über seine Nachfolge und ihre eigenen Karrierechancen die Mäuler zu zerreißen.

Watanabe ist nicht einfach ausgestiegen, sondern hat, nachdem er erfuhr, dass er Magenkrebs im Endstadium hat, schlagartig die Sinnlosigkeit seines bisherigen Lebens erkannt. Kurosawa variiert hier die uralte Frage: „Was würdest du tun, wenn du nur noch ein halbes Jahr zu leben hättest?“ Man kann diese Frage beantworten wie Elmar Wepper in Doris Dörries „Hatami – Kirschblüte“: „Ich würde weiter jeden Morgen zur Arbeit gehen, und abends zurück zu dir [seiner Ehefrau]. Das würde ich tun!“ Oder man versucht sein als vergeudet betrachtetes Leben radikal zu ändern, die verlorene Zeit irgendwie zu kompensieren, wie Watanabe, der nun verschiedene Möglichkeiten dazu „durchspielt“: sich ins Vergnügen stürzen, mit Wein, Tanz, Glücksspiel und vielleicht auch Frauen, scheint nicht das Richtige für ihn zu sein, zumal er gar keinen Alkohol mehr verträgt. Mit einer jungen, lebenslustigen Ex-Arbeitskollegin Zeit zu verbringen, ist zwar schön für ihn, nervt aber irgendwann die junge Frau. Schließlich erinnert er sich an eine der abgelehnten Eingaben aus seinem Büro und beschließt, den Bau eines Spielplatzes auf einem sumpfigen Brachgelände mitten in der Stadt durchzusetzen.

Der Film, anderthalb Stunden chronologisch aus der Perspektive Watanabes erzählt, springt nun unvermittelt in die Zukunft, zu seiner Trauerfeier. Wir erfahren, dass er den Spielplatz wirklich bauen konnte, und dass er auf diesem gestorben ist. Aus der Perspektive seiner ehemaligen Arbeitskollegen und einiger hoher Beamter der Stadt, die bei der Trauerfeier zusammen sitzen, erschließt sich in Rückblenden nun der Kampf des Verstorbenen durch die Instanzen der Verwaltung. Was fast als Satire auf die Bürokratie begann, wird nun zu einer bissigen Anklage des Staatswesens: Während der Bürgermeister und die hohen Beamten den Tod Watanabes nur zu machtpolitischen Spielen bzw. katzbuckelnder Selbstprofilierung missbrauchen,  sind die einfachen Frauen der Nachbarschaft, der der Tote den Spielplatz geschenkt hat, die Einzigen, die zu wahrer Trauer fähig sind.

Im Verlauf zunehmender Betrunkenheit kommen auch die ehemaligen Arbeitskollegen zur Einsicht, dass sie ihren Mitmenschen und sich selbst nur die Lebenszeit stehlen und sie ihr Arbeitsethos ändern müssen. Doch kaum wieder nüchtern, setzt sich die alte Routine im Büro wieder durch, und alles bleibt wie es immer war. Viel zu verfahren ist das ganze System, als dass ein Einzelner etwas daran ändern könnte.

Kurosawa erzählt seine zutiefst menschliche Geschichte mit viel Humor, mit einem Hauptdarsteller, dessen entgleisende Gesichtszüge desöfteren an einen Horrorfilm erinnern, und in wunderschönen Schwarzweißbildern. Insbesondere, wenn gegen Ende Watanabe einen Sonnenuntergang bewundert, fragt man sich, ob die Erfindung des Farbfilms wirklich ein Fortschritt in der Filmgeschichte darstellte. Ein Sonnenuntergang im Farbfilm wird nie so intensiv sein wie einer in der Wirklichkeit, wird immer nur ein Abbild bleiben, während er in schwarzweiß eine ganz eigene Intensität erreicht.

Vor allem aber ist „Ikiru“ eine gnadenlose Abrechnung mit der Bürokratie, die die Rechte der Bürger missachtet, die Mitarbeiter zu lebenden Mumien macht, und die zu einer Reform von innen heraus nicht fähig erscheint, da Selbsterhalt und Pensionsansprüche ihre einzigen Motivationen sind. Insofern sollte sich jeder Mitarbeiter einer öffentlichen Verwaltung diesen Film einmal anschauen.

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Kommentare
  1. […] zeitgenössisches Drama handeln sollte, hatte ich gehofft, dieses wäre ähnlich beeindruckend wie „Ikiru – Einmal richtig leben“. Ist es leider nicht. Der Film ist sehr zeitspezifisch, um nicht zu sagen, in seiner Zeit […]

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