Ein Schlachtfest in dreckigen Bildern: Frank Millers „300“

Veröffentlicht: 4. April 2010 in Bücher
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Neulich habe ich es endlich mal geschafft, mir Frank Millers „300“ auszuleihen, die Comicvorlage zu dem umstrittenen gleichnamigen Blockbuster von Zak Snyder (den ich damals im Gegensatz zu fast allen, die ich kenne, ziemlich gut fand). Witzigerweise nutzte der Bibliotheksmitarbeiter an der Ausleihe das als Anlass, mich in eine Diskussion über den Film zu verwickeln, den er von seiner Aussage her für faschistisch hielt. Ich versuchte, während hinter mir die Schlange der Ausleihwilligen immer länger wurde,  so gut ich konnte, mit Gegenargumenten zu kontern, muss aber zugeben, dass seine Argumentation nicht ganz von der Hand zu weisen war.

Von der Story her hält sich der Film recht eng an die Vorlage. Lediglich der Nebenplot um Leonidas‘ Ehefrau, die daheim in Sparta versucht, den Senat umzustimmen, die Armee zu mobilisieren, um ihrem auf verlorenem Posten kämpfenden Ehemann zu Hilfe zu kommen, haben die Drehbuchautoren dazu erfunden. Seltsamerweise wirken die Dialoge, die im Comic überwiegend auch dieselben sind wie im Film, beim Lesen noch hohler als auf der Leinwand. Wie auch die ganze Geschichte wesentlich menschenverachtender wirkt.

Ich hatte vorher vermutet, durch Millers recht abstrakten Zeichenstil würde der Comic weniger gewaltverherrlichend wirken als der Film. Seltsamerweise ist das aber nicht so. Von der Riefenstahl-Ästhetik Snyders ist in seinen groben, meist düsteren Bildern zwar nichts zu sehen. Trotzdem sind die Metzeleien und Leichenberge auf Papier fast noch krasser als auf der Leinwand. Bei „Sin City“ ist es genau umgekehrt: Was im Comic abstrakt bleibt, wird im Film unangenehm überdeutlich. Warum das bei „300“ nicht so ist, kann ich nicht so richtig erklären, an der Farbe alleine kann es nicht liegen. Vielleicht ist es in Snyders Film gerade dieser photoshopartige, computergenerierte Hyperrealismus, der die Schlachten so künstlich wirken lässt, dass die Gewalt nie real erscheint. In Millers Zeichnungen sehen die Tötungsorgien hingegen so dreckig aus, dass man sie sich schon wieder als wirklich vorstellen kann.

Eigentlich kann Miller ja überhaupt nicht gut zeichnen, trotzdem finde ich die von ihm selbst gezeichneten Comics meistens imposanter als diejenigen seiner Geschichten, die von anderen Zeichnern umgesetzt werden. Dieser abstrakte, grobkörnige, manchmal wie dahin geschludert wirkende Stil Millers passt nämlich perfekt zu seinen Storys. Bei „300“ ist es aber eh die Story, an der das Ganze letztlich scheitert. Die ist einfach zu flach, zu eindimensional, zu simpel in ihrem Weltbild, als dass sie einen wirklich fesseln könnte. Wobei ich mich ständig gefragt habe, ob Miller seine Aussage eigentlich ernst meint oder sich über diese ganze spartanische Heldenideologie nicht insgeheim lustig macht. Einen (latent) faschistischen Helden präsentierte er seinen Lesern auch schon in seiner legendären Batman-Geschichte „Der dunkle Ritter kehrt zurück“. Nur dass man darin die unangenehmen Charakterzüge der Hauptfigur leicht als solche erkennen konnte. In „300“ hinterfragt Miller vordergründig nichts, sondern verklärt dieses ganze Blut-, Schweiß- und Freiheit-Weltbild seiner Spartaner völlig unkritisch. Vielleicht ist aber gerade darin die Kritk versteckt, dass er dieses so überhöht, dass es schon wieder unfreiwillig komisch wirkt. Ein schwieriger Comic, und kein angenehm zu lesender.

„300“ von Frank Miller und Lynn Varley (Farben); Cross Cult; Hardcover, vierfarbig, 88 Seiten; 29,80 Euro

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