Der Potsmann, die Weltverschwörung und die Macht der Einbildung: Thomas Pynchons „Die Versteigerung von No. 49“

Veröffentlicht: 5. April 2010 in Bücher
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Thomas Pynchon gilt ja immer als der heißeste Literaturnobelpreiskandidat, der ihn wahrscheinlich doch nie bekommen wird, außerdem als der nach Salinger geheimnisumwobenste US-Schriftsteller der Gegenwart (seit Salingers Tod dürfte er diesen Titel jetzt exklusiv haben) und gemeinhin als schwer bis unlesbar. In den USA zählt er praktisch zur Popkultur, tauchte auch in mehreren Folgen der „Simpsons“ auf, wo seine Figur eine Papiertüte über dem Kopf trug, da es seit den 50er Jahren keine neueren Fotos mehr von ihm gibt, und deshalb niemand weiß, wie er heute aussieht.

„Die Versteigerung von No. 49“ ist sein zweiter Roman (von 1967), und außerdem sein dünnster. 200 Seiten, die man schnell weg gelesen hat, reichen ihm allerdings, eine ganze Welt zu erschaffen, wozu die meisten anderen Gegenwartsautoren mindestens die vierfache Seitenzahl brauchen würden. Und was für eine verrückte Welt das ist!

Alles beginnt, scheinbar harmlos, damit, dass Oedipa Maas überraschend zur Testamentsvollstreckerin eines verblichenen Ex-Liebhabers ernannt wird. Dieser Geschäftsmann mit dem unaussprechlichen Namen Pierce Inverarity stellt sich als Dagobert Duck ebenbürtiger Anhäufer von Besitztümern und Unternehmen heraus. Bei ihrem Versuch, in dem kleinen kalifornischen Ort San Narciso Herr bzw. Frau seiner Vermögensverhältnisse zu werden, entdeckt Oedipa nach und nach merkwürdige Zeichen und Hinweise für eine Untergrundbewegung, die seit fünfhundert Jahren in Europa und später in den USA ihr Unwesen zu treiben scheint.

Das Mittel, das diese benutzt, um sich den herrschenden Verhältnissen entgegen zu stellen, ist ausgerechnet die Postbeförderung, die in den USA (zumindest in den 60ern) noch staatlich monopolisiert ist. Einmal dafür sensibilisiert, stößt Oedipa nun überall auf die Zeichen der Trystero-Bewegung: plump gefälschte Briefmarken, gedämpfte Posthornsymbole auf Klowänden und Ansteck-Buttons, mysteriöse Postboten, die Briefe aus als Mülleimer getarnten Kästen mit der Aufschrift W.A.S.T.E. einsammeln, was nicht etwa für „Müll“ steht, abweichende Verse in shakespeareesken Dramen aus dem 17. Jahrhundert usw. usf.

Außerdem begegnen ihr die unglaubwürdigsten Gestalten, angefangen von Ingenieuren, die glauben, das perpetuum mobile wäre bereits erfunden, über Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für Anonyme Verliebte bis zu Leuten, die in einem Club für elektronische Musik abhängen und den bewaffneten Kampf vorbereiten. Da verwundert es auch nicht mehr weiter, dass ihr Psychiater glaubt, der israelische Geheimdienst werde ihn bald verschleppen, und ihr Ehemann LSD-süchtig wird. Je mehr sich Oedipa aber in die anscheinende Weltverschwörung hinein steigert, desto unklarer wird, ob sie sich all diese Zusammenhänge nur einbildet, ob ihr jemand einen Streich spielen will oder ob sie tatsächlich einem Geheimnis von unvorstellbarem Ausmaß auf der Spur ist.

Was haben die Amis bloß mit ihrem Postwesen? In „The Postman“ stand die Briefbeförderung für die Hoffnung auf Wiedererrichtung der Demokratie und der Republik, bei Pynchon bedienen sich Rebellen ihrer, die eine ganz andere Gesellschaft erkämpfen wollen. Diese Bedeutung, die US-amerikanische Autoren „fantastischer“ Literatur dem Postwesen beimessen, scheint wohl mit dessen Rolle bei der Kolonisierung des Landes zusammen zu hängen, mit dem Pony-Express und dem Postkutschenverkehr von Wells‘ Fargo. Wer das Postmonopol hatte, hatte auch die Regierungsgewalt. Aus europäischer Sicht wirkt das merkwürdig und irgendwie komisch; hier käme niemand auf die Idee zu denken, mit Abschaffung des Postmonopols sei auch der Staat gefährdet. (Dann wären die TNT- und FirstMail-Boten ja Staatsfeinde!) Zumindest macht Pynchon diese These etwas plausibler als der furchtbar hanebüchene Kevin Costner-Film.

Ansonsten ist die ganze Verschwörungsgeschichte eh nur ein Aufhänger, ein riesiger McGuffin sozusagen, für Pynchons Fabulierwut, für seine Lust, immer neue verrückte Ideen und ebenso verrückte Gestalten übereinander zu türmen. Inhaltlich erinnert das Buch mit seinen mysteriösen Anspielungen und unglaublichen Geheimnissen an Paul Auster, stilistisch an Michael Chabon, und an die Jahrhunderte alte Weltverschwörung in Theodore Roszaks „Schattenlichter“ fühlte ich mich auch öfter erinnert. Nur dass Pynchon sie sprachlich alle übertrifft und auch mehr Tiefe hat.

Schwierig zu lesen fand ich den Roman jetzt gar nicht. Klar, man muss sich durch einige Seiten Handlung eines viktorianischen Theaterstücks arbeiten, auch durch 200 Jahre niederländische Geschichte ab dem Ausbruch des Religionskrieges mit den Spaniern. Aber es hat ja noch nie geschadet, seine Bildungslücken aufzufüllen. Dafür wird man auch mit wunderbaren Sprachspielereien, herrlich skurrilen Szenen und melancholischen Weltbetrachtungen belohnt. Und auf ganz neue Ideen gebracht: Botticelli-Strippoker z.B. Eine perfekte Verbindung aus Unterhaltungs- und Hochliteratur, die Pynchon hier gelungen ist, und eines kann ich schon nach diesem einen Roman sagen: einer der ganz großen amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart.

Thomas Pynchon: „Die Versteigerung von No. 49“. Rowohlt Taschenbuch 1973. 203 Seiten, 7,95 Euro.

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