Urbane Kommunikation

Veröffentlicht: 10. April 2010 in Allgemeines, Online
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Mit wem sprechen diese Leute ständig, frage ich mich, wenn ich aus dem Fenster schaue, und mindestens jeder Zweite mit einem Handy am Ohr über den Bürgersteig geht. Manchmal hat man auch das Pech, dass man sich das ja gar nicht zu fragen braucht, weil im Zug oder auf der Parkbank jemand neben einem sitzt, der oder die meint, lautstarke Telefonate führen zu müssen, die man auch noch Wort für Wort mitbekommt, wenn die Person drei Meter weg sitzt. Das sind dann oft Kommunikationsopfer, die es gar nicht mehr ertragen können, mal dreißig oder auch nur fünf Minuten auf sich allein zurück geworfen zu sein, mal mit niemandem zu sprechen.

Da gibt’s dann Leute wie jene Frau von vor ein paar Tagen, die auf einer Bank saß und eine Freundin nach dem anderen Freund anrief. Und mit denen in einer Lautstärke telefonierte, dass man gar nicht anders konnte als mitzuhören. Die Themen waren dann auch schön privat wie etwa: „Wenn die Aids hätte, wüsste es doch eh jeder…Nee, nee, die hat kein Aids, das war jetzt nur so ein Beispiel.“

Ein ähnliches Phänomen kann man als Zugfahrer regelmäßig beobachten: Menschen, die, kaum dass sie eingestiegen sind, ihr Handy aus der Tasche ziehen, um apathisch darauf zu starren, und ab und zu irgendwas einzutippen, wobei man dann bei diesen neumodischen iPhones und Surrogaten nicht weiß, ob sie gerade eine SMS abschicken wollen oder nur ihre Halluzinationen als Gedächtnisstütze verewigen. Und kurz bevor der Zug in den Hauptbahnhof einfährt, rufen sie dann noch schnell ihre Verabredung oder ihr Schatzi an: „Du, ich bin gleich da.“ Faszinierend. Wer hätte das erwartet?

Ältere Menschen wie ich erinnern sich ja noch an eine Zeit, in der es als unhöflich galt, wenn man einen Begleiter zwecks Kommunikation mit anderen, nicht anwesenden Menschen, kurz sich selbst überlassen wollte. In der man sich entschuldigte, bevor man ein Telefonat führen wollte. Heute weiß man manchmal gar nicht mehr, ob der Mensch, der einem am Tisch gegenüber sitzt oder neben einem hergeht, gerade noch mit dir spricht oder mit irgendwem telefoniert, der sich gerade per Vibrationsalarm als wichtiger positioniert hat. Wobei eine eingehende SMS oder ein Handygespräch eh grundsätzlich wichtiger zu sein scheinen als das persönliche Gespräch, das man gerade führt. Aber manchmal führen zwei sich bekannte Menschen auch gar kein Gespräch mehr, wenn sie sich treffen, sondern gehen nur nebeneinander her, während jeder mit einem jeweils anderen Menschen am Handy spricht.

Die Macht der Maschinen, der Zwang, jederzeit für jeden erreichbar zu sein, und das möglichst über alle verfügbaren Kanäle, Handy, Chat, Facebook, StudiVZ, Skype und Twitter, führt dann irgendwann dazu, dass man für persönliche Verabredungen gar nicht mehr verfügbar ist, vielleicht noch körperlich, aber schon längst nicht mehr mit vollem Bewusstsein. Wirklich erreichbar ist eigentlich auch schon fast niemand mehr, jedenfalls nicht kurzfristig und persönlich oder wenigstens telefonisch. Wenn man sich vor zehn Jahren mit jemandem verabreden wollte, rief man ihn in der Regel auf der einzigen Telefonnummer an, die derjenige hatte: dem Festnetz. Dann gab es zwei Möglichkeiten: Der Mensch war zuhause und ging ran, dann konnte man mit ihm sprechen. Oder der Mensch war nicht da und man versuchte es später noch mal. Wenn man jemandem auf einen Anrufbeantworter sprach, soweit er oder sie denn schon einen hatte, rief der Mensch meistens auch zurück – spätestens am nächsten Tag. Heute ruft fast niemand mehr zurück, weil alle denken: Wenn’s was Wichtiges ist, kann er mich ja auf dem Handy anrufen oder ’ne SMS schicken. Ein Kommunikationsversuch, der nicht unmittelbar zum Erfolg führt, hat praktisch nicht stattgefunden und endet als Phantomstimme auf irgendeinem Chip – so lange bis der Speicher gelöscht wird.

Komischerweise glaube ich nicht, dass irgendjemand sich jetzt öfter mit seinen Freunden trifft als früher. Man braucht nur mehr vorbereitende Kommunikationsakte, um überhaupt zu derselben Anzahl von Treffen zu gelangen. Erste SMS: Was machst du heute? Antwort: Weiß nicht, und du? Zweite SMS: Sollen wir uns treffen? Antwort: Wo? Dritte SMS: daundda. Antwort: Wann denn? Vierte SMS: Um acht? Antwort: Lieber um neun. Fünfte SMS: Ok. Antwort: Ach scheiße, ich kann heute gar nicht. Lass morgen mal simsen. Alles Liebe! Sechste SMS: Ok, bis dann. Erinnert sich noch irgendwer an die Zeiten, in denen man einfach unangemeldet bei Freunden an der Tür klingelte, wenn man in der Nähe war? Heute fällt sowas wohl unter die Kategorie unhöflich bis unverschämt.

Im Augenblick leben kann auch fast niemand mehr. Das sieht man an den Konzertbesuchern, die ihre Lieblingsbands lieber abfilmen oder fotografieren statt sich ihren Songs, dem Liveerlebnis und dem Gefühlseindruck des Augenblicks hinzugeben. Da ist die Konserve wichtiger, die man sich dann zuhause eh nie wieder anguckt (von der technischen Qualität mal ganz zu schweigen). Aber man kann den Schrott ja noch bei YouTube hochladen und aller Welt so beweisen: Hey, ich war da!

Die andere Seite der Medaille ist dann, dass man sich mies fühlt, wenn man nicht ständig unterwegs angerufen oder angesimst wird. „Kein Schwein ruft mich an“ hoch drei sozusagen. Nicht nur das Telefon zuhause schweigt, sondern auch Handy, Skype und die Kommentarleiste im Blog. Dann ist man auch ein Kommunikationsopfer geworden, aber eines von mangelnder Kommunikation. Weil es in einer Welt, in der alle global vernetzt sind, eher schwieriger als einfacher geworden ist, Freunde um die nächste Ecke zu finden.

Wenn „urban“ den Widerspruch bezeichnet, dass man in der Stadt von unendlich vielen potentiellen Kommunikationspartnern umgeben ist, tatsächlich aber leichter als anderswo in totale Isolation geraten kann, weil niemand erwartet, dass man ihn oder sie tatsächlich anspricht oder kontaktiert („Aus der Nachbarswohnung riecht’s so komisch, wo der wohl seit Monaten ist?“), dann möchte ich die Auswüchse von Handy, Internet & Co. als urbane Kommunikation bezeichnen oder als kommunikative Urbanität. Irgendwann ist dann jedes dieser Kommunikationsopfer vielleicht wirklich ein geschlossenes System, das nur noch über digitale Datenverbindungen Kontakt zur Außenwelt aufnimmt, wie in Houellebecqs „Die Möglichkeit einer Insel“. Hoffentlich haben sie dann wenigstens auch einen Hund als treuen Freund bei sich.

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Kommentare
  1. Olsen sagt:

    Damit die Kommentarleiste dieses Mal nicht leer bleibt: Schöner Artikel, deckt sich hundertprozentig mit meinen Erfahrungen und stößt auf meine volle Zustimmung.

    Merkwürdig bei Konzerten ist zudem, dass die Leute die ganze Zeit durchquatschen, mit den anderen Idioten, die sie mitgebracht haben. Und das, obwohl sie gerade 30 Euro Eintritt gelöhnt haben. „Ach, ist doch nur ein Konzert, fast wie Kneipe hier, kostet ja fast nix.“

    Huch, muss Schluss machen, hab eine wichtige SMS bekommen.

  2. limportant sagt:

    Ganz zu vergessen, daß Pünktlichkeit heute auch eine vergessene Eigenschaft ist – wie haben wir das nur geschafft, uns zu verabreden – ganz ohne Handy?

    1893% Zustimmung zum Artikel

  3. Knud sagt:

    Ein ähnliches Phänomen kann man als Zugfahrer regelmäßig beobachten: Menschen, die, kaum dass sie eingestiegen sind, ihre Zeitung aus der Tasche ziehen, um apathisch darauf zu starren, und ab und zu umzublättern.

    • Medienjunkie sagt:

      Zumindest frühmorgens im Pendelverkehr reagieren die meisten Zufahrer auch befremdet, wenn man sie überhaupt anspricht, z.B. um zu fragen, ob der Platz neben ihnen noch frei ist. Als höflich gilt inzwischen wohl das Gegenteil, nämlich überhaupt nicht mehr auf direkte Art zu kommunzieren.

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