Die zahnlosen Tiger und ihre Vergütungsregeln für freie Journalisten

Veröffentlicht: 30. April 2010 in Journalismus, Print, Uncategorized
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Als ich davon gehört habe, dass der deutsche Journalistenverband (DJV) und die Verdi-Sektion für Journalisten dju mit den Verlegerverbänden neue Honorarsätze für freie Tageszeitungsjournalisten ausgehandelt haben, fand ich das zunächst mal sehr positiv. Zumal diese Zeilenhonorare überwiegend wesentlich höher sind als das, was die meisten Zeitungen bisher ihren meisten Mitarbeitern zahlen (wenn es sich nicht gerade um irgendwelche prominenten Edelfedern handelt, die für die üblichen Sätze wahrscheinlich nicht mal den Füller in die Hand nehmen, geschweige denn irgendwas recherchieren würden). Was ich allerdings von Anfang an anzweifelte, war, inwieweit sich diese verhandelten Honorare auch tatsächlich bei den Zeitungen selbst durchsetzen lassen.

Am 1. Februar sind die „Gemeinsamen Vergütungsregeln“ offiziell in Kraft getreten, anwenden tut sie bisher so gut wie keine Zeitung in Deutschland. Von einer einzigen habe ich bisher gehört, dass sie es tut, zwei weitere haben das wohl zumindest für die Zukunft versprochen. Neben allem anderen, was man an dem Verhandlungsergebnis noch kritisieren könnte  – der Verband freier Journalisten „Freischreiber“ macht das recht detailliert – ist der große Knackpunkt, dass es praktisch keine Möglichkeit für den einzelnen freien Mitarbeiter gibt, die ausgehandelten Honorare auch tatsächlich durchzusetzen, wenn der Auftraggeber sie nicht zahlen will.

Das Problem ist nämlich, dass es immer genügend andere Schreiber gibt, die bereit sind, auch weiterhin für die niedrigeren Sätze der Redaktionen zu arbeiten. Überwiegend sind das eh Studenten, Schüler und Hobbyschreiber wie pensionierte Deutschlehrer und andere mitteilungsbedürftige Renter, die nicht wissen, wie ein Blog funktioniert. Hier zeigt sich der nächste große Konstruktionsfehler: Die Vergütungsregeln gelten nämlich nur für hauptberufliche Journalisten. Allen anderen darf die Zeitung sogar mit Billigung der Gewerkschaften weiterhin Zeilenhonorare ab 12 Cent zahlen. Da sagt natürlich jeder profitorientierte Verleger: Wieso soll ich einem hauptberuflichen Journalisten mindestens 52 Cent zahlen, wenn doch genügend Hobyschreiber und Nachwuchsjournalisten es auch für die Häfte oder ein Viertel machen?

DJV-Vertreter Michael Hirschler argumentiert dann im „Freischreiber“-Blog, für andere als Hauptberufler hätten die Gewerkschaften nun mal gar kein Handlungsmandat. Seltsamerweise sollen die Vergütungsregeln aber nicht nur für Gewerkschaftsmitglieder gelten, sondern für sämtliche Zeitungsmitarbeiter, sofern sie denn hauptberufliche Freie sind. Und für die haben DJV und Verdi dann ein Verhandlungsmandat, auch wenn sie gar nicht Mitglied sind? Aber rechtsverbindlich ist das ganze Regelwerk ja sowieso nicht, jedenfalls ist man sich da bei Verdi nicht sicher, inwiefern die Honorare denn auch einklagbar wären. Da es sich kein freier Mitarbeiter leisten können wird, dies auszuprobieren, da er ja als Freier auch keinerlei Kündigungschutz bzw. Anrecht hat, weiterhin Aufträge von seiner Zeitung zu bekommen, werden wir es so schnell wohl auch nicht erfahren.

Man muss es ganz klar sagen: Diese Vergütungsregeln sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Sie dienen allenfalls als Feigenblatt für die Zeitungsverlegerverbände, die jetzt sagen können: „Wieso, wir haben doch faire Honorare mit den Gewerkschaften vereinbart? Wenn sich einzelne Verlage nicht daran halten, können wier doch nichts dafür.“ Statt dass die Gewerkschaften auf juristischer Ebene dafür kämpfen, dass die Regeln auch eingehalten werden, überlassen sie das gesamte Verhandlungsrisiko den Freien selbst. Im günstigen Fall bekommen diese von ihren Redaktionen vielleicht die Antwort: „Tut uns Leid, die höheren Sätze können wir nicht zahlen“, oder sie bekommen gar keine Antwort. Im ungünstigsten Fall  geht es ihnen wie zwei Kollegen von der „Frankenpost“, die auf ihre Honorarforderungen einen Brief des Chefredaktuers bekommen haben, in dem stand: „… haben Sie Dank für Ihr großzügiges Angebot, auf das wir leider nicht zurückgreifen können. Ich wünsche Ihnen für Ihre berufliche Zukunft alles Gute.“ Aber vielleicht haben die Beiden ja auch reiche Ehefrauen, so dass sie das Ganze jetzt vor Gericht ausfechten können, wie es eine hauptamtliche Verdi-Mitarbeiterin bei einer Mitgliederversammlung als idealen Weg zur Durchsetzung ersann. Die Gewerkschaft selbst überlegte unterdessen lieber, ein Transparent zum Thema für ihre 1. Mai-Demo zu malen. Die Regeln selbst seien ja gut, nur im wirklichen  Leben laufe es halt anders.

Das ist ja das Problem mit dem wirklichen Leben! Wenn es so abliefe wie im Lehrbuch, gäbe es auch keine Verlage, die ihre Redakteure in hauseigenen Zeitarbeitfirmen beschäftigen und ihnen dort wesentlich weniger zahlen als vorher. Und auf zahnlose Gewerkschaften, die völlig an der Arbeitsrealität von freien Journalisten vorbei argumentieren und verhandeln, wäre man dann gar nicht erst angewiesen.

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Kommentare
  1. PW sagt:

    „Statt dass die Gewerkschaften auf juristischer Ebene dafür kämpfen, dass die Regeln auch eingehalten werden, …“ – mag ja sein, dass Gewerkschaften noch nicht genug tun, aber ganz sicher ist es nicht so, dass sie gar nichts tun, siehe diese Meldung hier: http://www.djv.de/SingleNews.20+M58d6f93c967.0.html. Aber natürlich müsste es noch mehr Aktionen dieser Art geben …

    Das grundlegende Problem ist ja, dass das Angebot auf Schreiberseite die Nachfrage auf Verlagsseite übertrifft und dass deshalb die Verlage auf unprofessionelle oder semiprofessionelle Billigkräfte wie Studenten oder Rentner zurückgreifen können. Mit Neid denke ich an den Streik der US-Drehbuchautoren vor ein paar Jahren. Hier haben die Autoren gegen die Studios eine geschlossene Front gebildet und konnten daher nach einigen Streiktagen ihre Forderungen durchsetzen. Schade, dass hier gar keine geschlossene Front gebildet werden könnte; die Heerschar der Hobbyschreiber ist leider zu groß. Gerade die Regionalzeitungen haben massiv an Qualität eingebüßt – aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, der gemeine Regionalzeitungsleser hat das noch nicht einmal gemerkt. Also warum sollte ein Verlag gute Qualität einkaufen, wenn sich der Leser mit weniger zufrieden gibt?

    • Medienjunkie sagt:

      Dass bei Zeitungen auch Studenten schreiben, weil sie sich davon versprechen, so in den Beruf rein zu kommen, ist ja völlig ok. (Leider ist es ja auch wirklich so, dass man keine Chance hat, ein Volontariat zu bekommen, wenn man nicht zumindest schon als Freier gearbeitet hat.) Erst dass Redaktionen dann Studenten gegen Hauptberufler ausspielen, indem sie sich weigern, angemessene Honorare zu bezahlen, mit dem Argument: „Dann machen’s halt die Studenten.“, macht das Ganze zum Problem. In der US-Filmindustrie ist es ja wohl so, dass die Firmen überhaupt niemanden beschäftigen dürfen, der nicht in der Gewerkschaft ist.

      MMn hätten DJV und dju das Problem mit den Hobbyschreibern leicht umgehen können, indem sie in die Vergütungsregeln rein verhandelt hätten, dass die Verlage die Regeln nicht durch Beauftragung von Hobby- oder Nebenberufsschreibern umgehen dürfen. Dann hätten die Honorare indirekt eben doch für alle gegolten.

      Dass Leser nicht merken, dass ihre Regionalzeitungen immer schlechter werden, glaube ich übrigens nicht. Die sinkenden Abozahlen sprechen da ja auch eine andere Sprache.

  2. tkl sagt:

    Dass die Entlohnungen für freei Journalisten generell zu niedrig sind und in manchen Fällen ehrlicherweise nicht als Honorare, sondern als Auslagenbeteiligungen deklariert werden sollten: dem kann ich zustimmen. Als ich in der zweiten Hälfte der 80er in den Journalismus schlitterte, stand die Schere zwischen Honorarpraxis und hehren Bekundungen auch schon lange weit auf. Ca. 1987 stieß ich mal auf die Anfang der siebziger Jahre von den Verlegern zugesicherten Honorarsätze und staunte, dass ich eineinhalb Jahrzehnte später bei meinen besten Abnehmern allenfalls die Hälfte davon bekam.

    Nun kommt das große Aber. Ich bin sehr dafür, dass es einen Entlohnungsunterschied zwischen Profis und Amateuren gibt. Wobei ich Professionalismus nicht an Verbandszugehörigkeit gemessen wissen möchte, sondern an der Qualität des Gelieferten. Ein professioneller Text hat sehr viel weniger Nachbereitungsbedarf. Absprachen werden eingehalten, und wenn sich die Längen aufgrund eines neuen Layouts doch dramatisch ändern, ist der Autor im Idealfall selbst bereit und fähig, seinen Text anzupassen. Etc., etc. …

    In der Praxis gibt es diese variable Honorierung in der Breite allerdings gar nicht. Da wird einfach fast allen gleich wenig gezahlt.

    Was nun den Vorschlag des Ausschlusses von Amateuren angeht, werter Medienjunkie, so ist der doch – von allen anderen Sorgen um die weitere geistige Austrocknung der freien Zunft abgesehen – überhaupt nicht umsetzbar. Wie sollen denn Zeitungen ihre vielen Termine nur mit Profis besetzt bekommen? Sie bräuchten aus logistischen Gründen (Gleichzeitigkeit der Ereignisse, Fachwissen, Erreichbarkeit, usw.) zu bestimmten Zeiten sehr viel mehr Schreiber, als sie dann – auch bei großzügigen Honoraren – auf den Monat gesehen mit genügend Aufträgen zur Existenzsicherung versorgen könnten. Journalismus muss zu einem gewissen Grade Amateurarbeit bleiben. Man sollte nicht das Element des Bürgerjournalismus übersehen, das eben nicht nur im Web, sondern in geringerer Dosierung auch in Print vorkommt.

    Schöne Grüße,

    tkl

    • Medienjunkie sagt:

      Du hast mich da etwas falsch verstanden: Ich bin nicht dafür, Amateure auszuschließen. Wenn in den Vergütungsregeln drin stünde, dass sie nicht durch Beauftragung von Nebenberufsjournalisten umgangen werden dürften, hieße das ja nichts anderes, als dass auch solche die gleichen (höheren) Honorarsätze bekommen müssten.

      Das mit Bezahlung nach Qualität der Arbeit ist mMn nicht praktikabel. Abgesehen davon, dass ich Verfechter des Grundsatzes „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ bin. Sollte es aber in Zukunft tatsächlich so laufen wie Verdi und DJV das ausgehandelt haben, bekämen ja nur diejenigen die höheren Honorare, die einen Presseausweis als Nachweis der hauptberuflichen journ. Tätigkeit besitzen, und den bekommt man nur, wenn man in einer der Gewerkschaften bzw. Verbände ist. Das wirkt auf mich so, als hätten diese hier ihre Pfründe sichern wollen. (Alternativ gälte noch die KSK-Mitgliedschaft, aber da fliegt man ja auch nach ein paar Jahren wieder raus oder kommt gar nicht erst rein, wenn man nicht ein bestimmtes Einkommen nachweisen kann. Und wie soll man das zusammen kriegen, wenn man ohne KSK die niederigeren Honorare bekommt?) Es gibt sicher auch „Amateure“, die professionelle Texte abliefern können (vor allem, wenn diese schon länger Journalismus studieren oder ähnliches). Da die aber meistens keinen Presseausweis haben, würden die dann weiterhin mit 12 bis 30 Cent abgespeist, während ein mittelmäßiger Profijournalist die höheren Sätze bekäme.

      P.S.: Schön übrigens, dass du wieder über Filme, Comics etc. blogst.

      • tkl sagt:

        Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: dafür bin ich auch. Aber es liefern ja nicht alle freie Journalisten die gleiche Arbeit ab. Der eine schafft es, druckreife Texte abzuliefern (unabhängig davon, ob er ansonsten dafür kämpft / wirbt / werkelt, dass anderes als das momentan Geforderte ins Blatt kommt), der andere nicht, sei’s aus Unvermögen oder aus Unwillen. Und diese beiden Leistungen müssen meiner Meinung nach nicht prinzipiell gleich bezahlt werden.

        Aber volle Zustimmung dafür: der Gewerkschaftsausweis darf keinesfalls das Sortierkriterium für diese Profi-/Amateureinteilung sein. Ein absolviertes Journalismusstudium gilt mir übrigens auch nicht als Versprechen auf brauchbarere Texte.

        Praktikabel wäre das Modell schon, aber nicht auf Manteltarifebene, sondern nur im jeweiligen individuellen Redaktionsalltag. Würde natürlich viel böses Blut geben. Scheitern würde es vermutlich trotzdem, weil es so leicht missbrauchbar wäre: weil es sich im Handumdrehen in ein System zur Belohnung von Willfährigkeit und zur Abstrafung von Widerspruchsgeist verwandeln ließe.

        Was das Bloggen angeht: das fällt mir so verflixt schwer. Aber da macht sich die neue, dichte Brotarbeitstaktung bemerkbar.

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