Archiv für 9. Mai 2010

Die Erstausgabe: "Trip" Deutschland

Seit eineinhalb Wochen  liegt sie am Kiosk: die erste deutsche Ausgabe von „Trip“. Das Mutterblatt wurde 1986 von zwei Surfern in Brasilien gegründet und soll dort sehr erfolgreich sein. Der ehemalige „Hörzu“-Chefredakteur Thomas Grams hat das Magazin in einem eigens neu gegründeten Verlag für Deutschland adaptiert. Und ich muss sagen: Ich war beim ersten Durchblättern positiv überrascht – und bin es nach dem Lesen immer noch.

Männermagazine in Duetschland – das war biesher fast immer ein Trauerspiel. Zuletzt wurden „Matador“ und „Maxim“ eingestellt, kaum einer wird ihnen eine Träne nachgeweint haben. Und das Urgestein der Männermagazine, der „Playboy“, hat zwar immer wieder gute gesellschaftspolitische Reportagen und Starinterviews, aber auch viel überflüssigen Auto-, Technik- und ähnlichen Schnickschnack. Außerdem: Kann man sich als emanzipierter Mann ernsthaft von einer Zeitschrift angesprochen fühlen, die „Playboy“ heißt?

„Trip“ macht nun in seiner ersten Ausgabe fast alles richtig, was z.B. „Matador“ falsch gemacht hat: Statt seelenloser Beliebigkeit gibt es Themen, bei denen man merkt, dass sie den Autoren eine Herzensangelegenheit sind. Statt aufdringlicher und plumper Nacktfotos gibt es sparsame Fotostrecken mit ganz sanfter Erotik. Wegen der nackten Tatsachen wird sich wohl niemand das Heft kaufen – dazu sind sie einfach nicht nackt genug. Wegen der Reportagen schon eher. Denn „Trip“ traut sich, lange Texte zu drucken; da zieht sich ein Artikel über den LSD-Erfinder oder einen deutschen Top-Fotografen auch schon mal über acht oder zehn Seiten. Und: die meisten der längeren Stücke sind nicht 08/15, sondern teilweise 1a New Journalism, in der Ich-Form, mit persönlichen Ansichten und oft persönlicher Betroffenheit, schrieben doch gleich mehrere Autoren über Menschen, die sie seit längerem persönlich kennen oder mit denen sie gar seit Kindertagen befreundet sind.

Die Themenmischung ist etwas strange: Surfen, Drogen, St. Pauli und die Folgen der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha. Aber das Erstaunliche ist: Es funktioniert. Selbst etwas banalen Themen wie den unterschiedlichen Vorstellungen von Mann und Frau bei der Hochzeitsplanung gewinnt der Autor noch einen recht witzigen Text ab (Einen Extrapunkt vergebe ich alleine für die Formulierung: „Die Tische im Golfclub sind mit Rispen- und Ranunkel-Gestecken geschmückt…“). Überflüssig sind lediglich die aber wahrscheinlich unvermeidliche Modestrecke sowie einige kürzere Elemente wie Umfragen u.ä., die man auch aus fast allen anderen Lifestyle-Zeitschriften kennt. Auch der Magazinteil vorne im Heft hätte ruhig etwa schmaler ausfallen können.

Auch der Online-Auftritt von „Trip“ überzeugt auf den ersten Blick: Komplette Artikel aus dem Heft gibt es dort zwar nicht zu lesen, immerhin aber längere Auszüge – und zusätzliche Artikel, webexclusiv, zzt. etwa einen Selbstversuch in Chatroulette. Insgesamt ist „Trip“ sicher nichts Weltbewegendes, nichts, was man nun jeden Monat kaufen und lesen müsste. Aber eine angenehm unaufgeregte, gut gelayoutete Zeitschrift mit interessanten, überwiegend gut bis sehr gut geschriebenen Texten und ansprechenden Fotos. Ich habe mich jedenfalls gut unterhalten gefühlt, und musste vorher nicht einmal mein Gehirn abschalten – was wesentlich mehr ist, als man über die meisten deutschen Männer- und/oder Lifestyle-Magazine sagen kann.

100.000 Exemplare hat Grams von der Erstausgabe drucken lassen. Dem Bauer-Verlag war das vor zwei Jahren als verkaufte Auflage zu wenig, um seinen „Matador“ fortzuführen. Hoffen wir, dass Grams mehr Geduld hat bzw. dass die Absatzzaheln seinen Erwartungen entsprechen. Es wäre ein schönes Zeichen, dass man mit niveauvoller Unterhaltung immer noch nicht nur gute Print-Titel machen, sondern damit auch erfolgreich sein kann.

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