Die Besitzstandswahrer von der Süddeutschen

Veröffentlicht: 16. Mai 2010 in Online, Print, Uncategorized
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Was wäre die Süddeutsche ohne ihre „Internet = Untergang des Abendlandes“-Autoren? Diesen Samstag durfte ausnahmsweise mal nicht Bernd Graff selbigen herbei reden, sondern sein Kollege Hilmar Klute. Seltsamerweise ist sein ganzseitiger Artikel über die Laienrezensionskultur bei Amazon & Co. mal wieder nicht im Online-Portal der SZ zu finden, wahrscheinlich weil der Redaktion selbst bewusst ist, wie lächerlich sein Inhalt da wirken würde. Gedruckt ist er natürlich auch nicht weniger lächerlich, aber wahrscheinlich denken die, der normale Zeitungsleser ist eh ein Ewiggestriger, weshalb man ihm so eine Meinung ruhig zumuten kann.

Klute findet jedenfalls, die Laienkultur des Internets, wo jeder seine Meinung über Bücher, Musik, Restauraunts und alles mögliche andere verbreiten kann, sei der Niedergang der fundierten Rezension, wie wir sie aus Zeitungen und anderen alten Medien kennen. Jeder, der nur ein Buch in seinem Leben gelesen habe, könne nun Werke der Weltliteratur öffentlich abkanzeln. Was für eine Arroganz, davon auszugehen, dass ein beträchtlicher Teil der Kritiker bei Amazon & Co. nur ein Buch gelesen hätte! Natürlich kann ein Laienkritiker laut Klute gar nicht über den Hintergrund verfügen, ein Buch jenseits subjektiver Geschmackskriterien zu beurteilen. Nein, das kann selbstverständlich nur, wer sich bis auf den Posten eines Feuilleton-Redakteurs hoch geschlafen  gearbeitet hat. Natürlich sind die Rezensionen professioneller Kritiker auch immer völlig frei von Häme und persönlichen Abneigungen, das sieht man ja schon an den jahrzehntealten Fehden zwischen Reich-Ranicki und Martin Walser oder Günter Grass.

Dabei ist das eigentliche Problem doch ein ganz anderes: Dass da, wo man es erwarten würde, in den Feuilletons und auf den Kulturseiten der meisten Tageszeitungen z.B., schon lange gar keine fundierte Auseinandersetzung mit künstlerischen Werken mehr stattfindet. Sondern meistens nur noch Gebrauchskritik mit Servicecharakter. Eine Einordnung in den filmhistorischen, -wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang, wie ihn früher etwa Kritiker wie Hans C. Blumenberg in der „Zeit“ bei fast jeder Filmkritik vorgenommen haben, findet doch fast nirgendwo mehr statt. Man kann ja froh sein, wenn man in der Regionalzeitung überhaupt noch etwas zu Kameraarbeit und Schnitt gesagt bekommt, und nicht nur zu Schauspielern und Drehbuch. Und in den meisten so genannten Literatursendungen im TV, von Elke Heidenreich bis Christine Westermann – die allerdings auch in dem Artikel als Negativbeispiel genannt wird -, wird heutzutage gar nicht mehr kritisiert, sondern nur noch empfohlen.

Das Wesen des Internets, vor allem des Web 2.0, hat Klute natürlich mal wieder überhaupt nicht verstanden. Ja, natürlich geht es dabei um private Meinungsäußerungen, um was denn sonst? Um literaturwissenschaftliche Abhandlungen etwa? Für die würden die meisten Autoren, die sich dazu berufen fühlen, wahrscheinlich lieber bezahlt werden, um diese zu schreiben. Aber die SZ bezahlt dann doch lieber einen Autor, der den Unterschied zwischen professionellem Feuilleton und Web 2.0 nicht versteht, dafür, seine unreflektierte private Meinung (!) auf einer ganzen Seite auszubreiten.

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