Der Trend zum Retrotrend

Veröffentlicht: 21. Mai 2010 in Print, Uncategorized
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In letzter Zeit schießen die Magazine aus dem Boden, die sich den kultuellen Erscheinungen der Vergangenheit verschrieben haben: „Retro“, eine Art Computermagazin für Intellektuelle, gibt es ja schon länger, vom „Good Times“-Ableger „Kult“ ist vor Kurzem die zweite Ausgabe erschienen, ebenso von „Retrotrend“.

Zeitschrift für intellektuelle Computerspielfreunde: "Retro"

Während „Retro“ im Segment der Computerzeitschriften das gleiche ist wie „brand eins“ bei den Wirtschaftsmagazinen oder „11 Freunde“ bei den Sportzeitschriften, also ein Magazin, das das jeweilige Themengebiet von seiner soziokulturellen Seite betrachtet und damit Intellektuellen eine Alternative zu den Bleiwüsten der anderen Zeitschriften des jeweilgen Segments bietet, kommen die beiden Neuerscheinungen profaner daher.

Debütausgabe mit Winnetou und Asterix: "Kult"

„Kult“ präsentiert so eine Art „das Beste aus den 60er, 70er und 80er Jahren“, wie es bei den ganzen Dudelradiostationen immer heißt: von deutschen Softpornos der 70er über Comics der 50er bis zu Bands der 60er Jahre, wobei das Magazin vom Layout und den Texten teilweise eher wie ein Fanzine wirkt. Der Autor, der im ersten Heft über Comics schrieb etwa, schien nicht wirklich tiefergehende Kenntnisse von seinem Themengebiet zu haben, waren da doch einige vermeidbare Fehler in seinen Artikeln.

Debütausgabe mit alten Tapes: "Retrotrend"

Wesentlich professioneller kommt „Retrotrend“ daher: Hochglanzpapier, modernes Layout, gute Fotos usw. Die Themen sind interessanterweise teils sehr ähnlich, wenn auch origineller aufbereitet: ein Holländer, der ein Pornokino mit alten Super 8-Filmen in Amsterdam betreibt, eine ellenlange Geschichte über Vinylsammler, -händler, -produzenten usw. Daneben gibt es auch eher „unkulturelle“ Themen wie Tipp-Kick und Fahrräder aus Stahl. Im nächsten Heft soll dann das unvermeidliche Thema „Der C64 – ein Kultcomputer“ kommen (immerhin erst im dritten Heft), aber auch ein Artikel über den Trans-Europa-Express. Gekauft hab ich das Heft nicht, deswegen kann ich nichts über die Qualität der Texte sagen. Auf den ersten Blick sieht „Retrotrend“ von den drei Magazinen aber am ansprechendsten aus, wie eine Zeitschrift, die eine breitere Leserschaft ansprechen könnte, während die beiden anderen doch eher Nischenmagazine sind.

Das Presseecho über „Retrotrend“ war hingegen überwiegend negativ, jedenfalls, was ich so mitbekommen habe. Im Gewerkschaftsmagazin „journalist“ war ein Fragebogen an den Chefredakteur, aus dessen Fragen doch überwiegend Herablassung über die Themenmischung und -aufbereitung von dessen Zeitschrift sprach („Gibt es in Ihrem Heft auch eine andere Darstellungsform als das Feature?“). Dem „Freitag“ hat das Ganze gar nicht gefallen, ist ihm wohl zu unpolitisch:

„In einer Gesellschaft, die den Kult der blanken Repräsentationen bestens beherrscht, will schon die Gegenwart historisiert werden, damit sie überhaupt begehbar bleibt. Retrotrend ist mithin weder retro noch Trend, sondern schlichtweg aus der Zeit und damit allen Zusammenhängen gefallen.“

Und wo retro anscheinend auf dem Print-Markt gerade so angesagt ist, könnte jetzt aber wirklich bald mal endlich ein Verlag die „64er“ neu beleben.

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Kommentare
  1. Medienjunkie sagt:

    Kommentar von Frank Erstling / Return-Magazin:

    Und genau da kommen wir ins Spiel. Nein, wir wärmen natürlich nicht die Texte der 64er wieder auf. Natürlich füttere ich hiermit den gaanz leicht sarkastisch gemeinten Schlussatz des Autors, dennoch empfehle ich allen Fans klassischer Computer unser RETURN-Magazin (www.return-magazin.de).

    Wir verstehen uns als Magazin der „Generation C64“, berichten über die Szene rund um die alten 8 Bit Computer und Spielekonsolen. Nein, wir schwimmen nicht auf einer modischen Retro-Welle, wir bedienen den Leser, den es seit den 80ern gibt: den Fan von Commodore, Atari, Sinclair, Amstad, Dragon, Oric, Intellivision, Colecovision, Texas Instruments, Nintendo und Co.

    Tatsächlich werden diese Computer, deren Prozessorleistung der eines USB-Memorysticks entspricht und deren KB-Speichergröße (ja, KiloByte, nicht Mega oder Tera) im unteren 2-stelligen Bereich liegt, auch heute noch von findigen Leuten am Leben erhalten. Neue Programme, Anwendungen und Spiele werden geschrieben, sogar neue Hardware wird auch heute noch für diese alten Geräte gebaut, Jahre nach dem Millenium.

    Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und, ähnlich wie der Autor, den Zeitschriften wie Power Play, 64er, Happy Computer und ähnlichen nachtrauert, der sollte sich mal unser Magazin ansehen.

    RETURN to 8 Bit!
    http://www.return-magazin.de

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