Filmkritik und Klassenkampf: Was man beim Lesen 40 Jahre alter Zeitschriften lernen kann

Veröffentlicht: 13. Juni 2010 in Politik, Print
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Filmkritik als Systemkritik: "film"-Ausgabe April 1969

Filmkritik als Systemkritik: "film"-Ausgabe April 1969

Als ich vor ein paar Jahren auf dem Trödelmarkt einige Exemplare der 70er Jahre-Comicfachzeitschrift „Comixene“ erstand, wunderte ich mich schon einmal darüber, dass es damals ganz normal war, in einem Interview mit einem Disney-Zeichner zu fragen, ob er mit dieser Art Comics nicht den Kapitalismus verkläre oder zumindest verharmlose und dadurch eine falsche Ideologie unterstütze. Auf dem Düsseldorfer Bücherbummel bin ich vorgestern über die wohl annähernd vollständigen Jahrgänge 1968/69 der Zeitschrift „film“ gestolpert; gekauft habe ich aber nur zwei Hefte. Ich hatte vage im Kopf, dass Wim Wenders vor seiner Filmkarriere mal Kritiken für die Zeitschrift geschrieben hatte, was aber wohl nur in einem Fall stimmte, ansonsten schrieb er hauptsächlich für die „Filmkritik“ (die heute ja einen ähnlich legendären Ruf genießt wie die alte „Comixene“ in der Comicszene).

Trotzdem hochinteressant, wie Ende der 60er eine kritische Filmzeitschrift aussah: In fast jedem Artikel geht es um Kapitalismuskritik, um die Frage, wie sich das Medium Film von gesellschaftlichen Zwängen befreien , was es zum Kampf gegen die herrschende Ordnung beitragen könne etc. Beiträge über „normale“ Filme – aus Hollywood oder Unterhaltungsfilme aus Europa oder woher auch immer – gehen dabei fast unter zwischen seitenlangen Interviews mit Godard über die französischen Filmkooperativen, Artikeln über deutsche Filmemacher, die ihre eigenen Verleihinitiativen gründeten und einer Beleuchtung der amerikanischen Underground- und politische Filmemacherszene, die u.a. ihre eigenen „Newsreels“ herstellten und vertrieben, eine Art linker „Anti-Wochenschau“ über Studentenproteste, Unterdrückung ethnischer Minderheiten usw.

Neben der Themenmischung, die heute etwas anachronistisch wirkt, fällt vor allem das Vokabular der Autoren auf – da ist in jedem Artikel von „marxistisch-leninistisch“, Kulturindustrie und Verblendungszusammenhängen die Rede – und die Radikalität der Diskussion. Was heute nicht mehr möglich wäre, ohne dass der Staatsanwalt einschreiten und/oder der Autor seinen Job verlieren würde: Der damalige Leiter der WDR-Filmredaktion wirft einem ehemaligen Intendanten vor, eine faschistische Einstellung zu haben, schreibt, dass er auch gerne die Rundfunkanstalten zerschlagen würde – wenn dies denn notwendig wäre – und schildert Fälle aus seinem Berufsalltag, in denen ein bürokratischer Programmdirektor die Produktion progressiver Filme verhindert. Im gleichen Heft wirft ein anderer Autor der Zeitschrift selbst vor, den Klassenkampf zu behindern, indem neben kritischen Beiträgen irgendwelche Fotostrecken von Filmstars abgedruckt würden. Das sei falsche Liberalität, die echtem sozialistischem Bewusstsein entgegenstünde.

Zum Jahreswechsel 1969/70 wurde dem Verleger das Treiben auf den Seiten der von ihm finanzierten Zeitschrift wohl zu bunt, und er entließ den Chefredakteur Werner Kließ. Die Debatte darüber fand wiederum auf den Seiten der Zeitschrift selbst statt, wie in einem interessanten Blogbeitrag auf newfilmkritik.de nachzulesen ist.  „film“ wandelte sich demnach in der Folge in ein belangloses Film- und TV-Magazin und wurde kurz darauf eingestellt – interessanterweise bevor mit dem „Neuen Deutschen Film“ ein gesellschaftskritisches und ästhetisch weitgehend „anti-kommerzielles“ Kino aus Deutschland seinen weltweiten Siegeszug antrat. (Dass der so linke Chefredakteur später Redakteur beim ZDF wurde und dort für belanglose Krimiserien wie „Derrick“ und „Der Alte“ verantwortlich war, ist dann eine ganz andere Fußnote der deutschen Filmgeschichte, aber natürlich auch irgendwie bezeichnend für den „Marsch durch die Institutionen“.)

Klar wirkt vieles von dem, was man in den alten Heften so liest, für einen damals nicht einmal geborenen Leser heute unfreiwillig komisch und naiv. Trotzdem ist mir das insgesamt noch allemal lieber als die Belanglosigkeit, die heute im überwiegenden Teil der Kulturzeitschriften so herrscht. Da geht es ja etwa bei den Kinozeitschriften meistens nur noch um filmästhetische, -dramaturgische und -historische Aspekte, vielleicht noch um filmökonomische, aber fast gar nicht mehr um gesellschaftliche. Eine echte Bereicherung ist hier „Cargo“, wo zumindest versucht wird, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Rückwirkungen des Mediums nicht auszublenden. Bei Zeitschriften zu anderen Medien fällt mir gar kein entsprechendes Beispiel ein. Die wiederbelebte „Comixene“ ist völlig unpolitisch, im Musikbereich kenne ich da auch nichts Entsprechendes. Manchmal denke ich beim Lesen solch alter Zeitschriften nostalgisch, man müsste mal wieder Andreas C. Knigge eine Comiczeitschrift machen lassen oder Wim Wenders eine Kinozeitschrift. Wobei ich auch nicht weiß, wie viel von deren politischem Bewusstsein heute noch übrig ist.

Was die Autoren von „film“ grandios fanden: die Italo-Western von Sergio Corbucci, weil die angeblich die zynische Gewalttätigkeit des Kapitalismus‘ widerspiegelten. Was ich noch über die damalige Filmszene gelernt habe: der „Schwedenfilm“ erfreute sich großer Beliebtheit unter den Zuschauern, gemeint waren damit Soft-Erotikfilme aus Skandinavien. Und Bergman sei angeblich auch reaktionär gewesen, zumindest was seine Sexualmoral anginge. Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

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