„Sadistico“ und die deutschen Verleihtitel-Verbrecher

Veröffentlicht: 13. Juni 2010 in Film
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Der so ziemlich absurdeste deutsche Verleihtitel eines US-Films, der mir untergekommen ist, ist der von Clint Eastwoods Regiedebüt „Play Misty for me“ (1971): „Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten“. Weder geht es in dem Film um Sadismus, noch heißt irgendeine Figur Sadistico, wie ich früher dachte. Man möchte sich lieber gar nicht vorstellen, wie die zuständigen Mitarbeiter der deutschen Verleihfirma da zusammen saßen, um über einen Titel nach zu denken: „Hm, der Eastwood spielt doch immer in diesen brutalen italienischen Western mit, wie wär’s denn mit was plakativem, italienisch klingendem: Sadistico ist doch super, das lockt die abgestumpfte Masse ins Kino!“

Dazu braucht man dann natürlich noch einen erklärenden deutschen Untertitel – auch heute noch gerne genommen, was uns dann  solche deutschen TV-Serien-Untertitel wie „Die jungen Ärzte“, „Gestorben wird immer“ oder „Kleine Deals unter Nachbarn“ beschert. Das Problem im Falle von „Sadistico“: Der Untertitel erkärt gar nichts, denn es gibt bis kurz vor Schluss überhaupt keinen Toten – und für den, den es dann gibt, wird natürlich kein Wunschkonzert gespielt.  Plakativ, pseudo-italienisch und irreführend – schlimmer geht’s nimmer.

Der Film selbst ist übrigens ganz gut, wenn auch beileibe nicht Eastwoods stärkster. Aber mutig war’s von ihm schon, damals so mit seinem Image zu brechen, indem er statt einen weiteren brutalen Schweiger einen eher hippiesken Jazz-Radio-DJ spielte, der sich von einer psychopathischen Frau terrorisieren lässt. Und die zweite weibliche Hauptrolle spielte Donna Mills, die ich seit meiner Jugendsünde, ein Jahr lang samstagnachmittags „Unter der Sonne Kaliforniens“ aka „Knots Landing“  im ZDF zu gucken (ja, das war ein „Dallas“-Spin Off, aber die erste Staffel war in meiner Erinnerung echt ganz nett), nirgends mehr gesehen habe. (Die Dame wirkt im DVD-Feature übrigens wesentlich unsympathischer als die andere Hauptdarstellerin Jessica Walters, u.a. weil letztere ganz natürlich gealtert ist, während Mills noch genauso glatte Haut hat wie 30 Jahre vorher, was mir irgendwie unnatürlich erscheint.)

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Kommentare
  1. Olsen sagt:

    Zum Glück ist die deutsche Titelgebung in der Zwischenzeit ein wenig besser geworden. Deutlich mehr Filme laufen einfach mit ihrem Originaltitel, oder kriegen maximal einen bescheuerten Untertitel verpasst, über den sich wegsehen lässt. Mein Vorschlag natürlich weiterhin: Weg mit der deutschen Synchro, dann gibt es auch keinen Grund mehr, sich überhaupt einen anderen Titel einfallen lassen zu müssen.

    Noch schlimmer als Titel wie „Sadistico“ (lag ich ja doch richtig mit „Play Misty For Me“) sind aber neue ENGLISCHE Titel für Filme, speziell ausgedacht von den Verleihfirmen. Schönes Beispiel, gestern noch über den Weg gelaufen: Der recht miserable B-Film „Beyond The Law“ heißt bei uns „Made Of Steel“. Oder auch was aktuelleres, „Taken“, ein miserabler Actionreißer mit Liam Neeson, trägt in Deutschland den Titel „96 Hours“.

    Da kann man nur den Kopf schütteln.

  2. medienjunkie sagt:

    Ja, schönes anderes Beispiel: „City of Industry“ mit Harvey Keitel, der auf Video plötzlich „City of Violence“ hieß. Guckte übrigens grade die Serie „Freaks & Geeks“, die im deutschen TV als „Voll daneben voll im Leben“ lief. Da wundern sich die sender noch, wenn das dann keiner einschaltet.

    Deine These, dass das nur in Ländern passiert, die Filme synchronisieren, muss ich übrigens widerlegen: In den Niederlanden gibt’s bekanntlich keine Synchros, aber die (nicht-englischsprachigen) Filme werden trotzdem gerne mit einem neuen Titel versehen (meistens aber einfach wörtlich übersetzt). Aus „Tilsamen“ wurde so merkwürdigerweise „Together“. Warum schwedische Filme in Holland einen englsichen Titel brauchen, leuchtet mir allerdings auch nicht ein.

    • Olsen sagt:

      „Tilsamen“ geht ja noch, aber nehmen wir einen Film wie „Låt den rätte komma in“. Das klingt sperrig und schwer zu merken für Nicht-Schweden. Oder asiatische Sprachen, als Beispiel mal „Lat sau san taam“ („Hard Boiled“). Da habe ich durchaus Verständnis, wenn die Filme neue Titel in Landessprache oder halt dem weit verbreiteten Englisch bekommen.

      Aber warum immer so merkwürdige Sonderwege? „Låt den rätte komma in“ heißt in fast allen Staaten „Let The Right One In“, nur bei uns natürlich wieder vollkommen anders, „So finster die Nacht“. Verquaste Pseudo-Poesie, die dem wunderbaren Film in keinster Weise gerecht wird.

      Ich muss aufhören, sonst schreibe ich mich in Rage und hetze über deutsche Titel von Italowestern, die sind nämlich am schlimmsten.

  3. Medienjunkie sagt:

    Hängt ihn höher!

    Warum die Niederländer „Tilsamen“ nicht einfach mit „Samen“ übersetzt haben, verstehe ich trotzdem nicht. Aber „Zwaartboek“ heißt ja bei uns auch plötzlich „Black Book“ und nicht „Schwarzes Buch“.

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