Der Journalismus in der Comic-Szene: trostlos

Veröffentlicht: 18. Juni 2010 in Online, Print
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Der Comic-Salon Erlangen, der alle zwei Jahre stattfindet und vor Kurzem wieder einmal, zeigte mal wieder überdeutlich, wie trostlos der Zustand des deutschen Comic-Journalismus immer noch ist. Bei den selbst ernannten Comic(fach)magazinen im Internet war am Montag nach dem Salon immer noch nicht zu erfahren, wer am Freitagabend bei der Verleihung der Max und Moritz-Preise gewonnen hatte (immerhin der wichtigste Preis im deutschsprachigen Raum). Stattdessen stellen die Splashpages lieber komplette Mitschnitte einstündiger Diskussionsrunden ins Internet, in einer absurd schlechten Bild- und Tonqualität, so dass man auf schlechteren Monitoren gar nicht erkennen kann, wer da gerade spricht.

Eine begleitende Berichterstattung, die den Namen wirklich verdient, findet man nicht etwa bei den Online-Comicmagazinen, sondern im FAZ-Comicblog von Andreas Platthaus – da merkt man dann einerseits wieder, dass es eben doch noch einen Unterschied zwischen Qualitätsjournalismus und dem Rest gibt, andererseits ist es auch bezeichnend, dass über das größte Event der deutschen Comicszene dann auch wieder nur im Blog, nicht im Nachrichtenportal von FAZ.NET berichtet wird – und auf einer Seite, wo ich gar nicht damit gerechnet hätte: Bei SF-Radio lieferten Thomas Dräger und Kollegen eine interessante Videoberichterstattung. Anders als bei den Splashpages stellten sie nicht einfach ellenlange Mitschnitte online, sondern stellten aus Ausschnitten, Interviews und Impressionen magazinartige Sendungen zusammen – eben so, wie man es auch im Fernsehen machen würde.

Die meisten Print-Fachmagazine über Comics sind ja schon vor etwa zehn Jahren eingestellt worden. Verblieben sind die wiederbelebte, aber nur noch sehr selten erscheinende „Comixene“ und die schon immer nur zwei Mal im Jahr rauskommende „Reddition“. Die ist kein aktuelles Maagzin, sondern eher eine Art Sekundärbuchreihe im Zeitschriftenformat; es geht nämlich in jeder Ausgabe nur um ein, maximal zwei Themen (einen Zeichner, eine Serie, eine Zeitschrift oder einen Verlag), die auch meistens keinerlei aktuellen Anlass haben. In der neuesten Ausgabe kann man z.B. auf knapp 80 Seiten fast alles über den Franzosen Jacques Tardi erfahren. Das ist alles sehr interessant, sehr ausführlich und überwiegend auch ansprechend geschrieben – von einem Artikel abgesehen, den ein verquast schreibender Literaturwissenschaftler beigesteuert hat.

Aber anders als in der alten 70er Jahre-„Comixene“ bleibt die Behandlung des Themas immer werkbezogen, allenfalls werden noch kurz Bezüge zu anderen Comiczeichnern aufgezeigt. Aber so etwas wie eine gesellschaftliche Einordnung, etwas über die sozialen Bedingungen und Rückwirkungen von Tardis Comics, sucht man vergebens. Letztlich schreiben hier – wenn auch auf hohem Niveau –  Nerds für Nerds über ein – zumindest für Deutschland – nerdiges Thema. Ich gehe davon aus, dass die 1500 Exemplare zu 90 Prozent von Männern gekauft werden, von denen wiederum die überwiegende Zahl älter als 40 sein wird.

Zum Schluss noch was Positives, was aber nichts mit Sekundär-, sondern mit Primärliteratur zusammenhängt: Es gibt ein neues Erwachsenen-Comicmagazin in Deutschland! Und es ist nicht nur saugünstig, sondern auch noch saugut! „Comix“ kostet nur zwei Euro, ist randvoll mit Comics deutschsprachiger Autoren, vom Newcomer zum alten Hasen, der schon in den USA Spider-Man und Batman gezeichnet hat, und zu Ralf König, den eh jeder kennen dürfte. Die Comics sind überwiegend populär, aber durchaus ambitioniert, von reinen Gagstrips über ausufernde SF bis zu künstlerisch gestalteten Graphic Novels.

Der Clou des Ganzen: Der niedrige Preis wird u.a. durch die Verwendung billigen Zeitungspapiers ermöglicht. Laut Verleger Martin Jurgeit – der auch schon ZACK und die „Comixene“ wiederbelebt hat – soll man die Hefte gar nicht sammeln, sondern in der Bahn, in der Wanne oder im Café verschlingen – und danach ins Altpapier werfen. Und sich, wenn einem einzelne Serien besonders gut gefallen haben, die entsprechenden Alben kaufen. Jeder, der Lust hat, eine bunte Mischung guter Comics für wenig Geld zu bekommen, sollte mal am Bahnhof oder im Comicshop vorbeigehen und sich ein „Comix“ kaufen – viel falsch machen kann man bei dem Preis sowieso nicht.

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Kommentare
  1. Thomas sagt:

    Grundsätzlich gebe ich dir durchaus recht, wenn du die Lage des hiesigen Comic-Journalismus als trostlos bezeichnest.

    Allerdings ist das Beispiel schlecht gewählt: Ist es ein Zeichen von gutem Comic-Journalismus, Preisträger aufzulisten? Klar, das gehört zu einer umfassenden Berichterstattung dazu, aber wenn ich das im Internet suche, finde ich es auch. Am besten direkt an der Quelle (oder aber bei Twitter, wo u.a. Comicgate die Preisträger schon während der Veranstaltung bekanntgab).

    Auch sonst kann dein Beitrag die Überschrift nicht gut stützen. Der „Reddition“ kann man schlecht vorwerfen, dass sie das macht, was sie nunmal macht. „Comix“ hat mit Journalismus nichts zu tun und gehört hier nicht hin. Stattdessen wäre es interessant zu erfahren, was du denn konkret erwarten würdest von einer Berichterstattung vom Comic-Salon.

    Als Mitbetreiber eines der „selbst ernannten Comic(fach)magazine“ fasse ich mich hier auch an die eigene Nase. Comicgate war natürlich in Erlangen, aber unsere beschränkten Ressourcen (technisch, personell, vor allem aber zeitlich!) führen leider dazu, dass außer Kurzmeldungen bei Twitter erstmal nicht viel berichtet wurde. Wir werden aber noch diverse Eindrücke in einem Messe-ABC nachreichen, außerdem wurden vor Ort mehrere Interviews geführt, die in näherer Zukunft veröffentlicht werden.

    Als positives Beispiel möchte ich übrigens noch das Titel-Magazin nennen, das nach dem Salon viele gute Artikel veröffentlicht hat.

    • Medienjunkie sagt:

      Hallo Thomas,

      das Beispiel finde ich gar nicht schlecht gewählt, weil es mMn symptomatisch für den Comic-Journalismus hierzulande ist, wenn man auf faz.net oder die Salon-Seite gehen muss, wenn man erfahren will, wer den wichtigsten deutschsprachigen Comic-Preis gewonnen hat, weil man es bei Comicgate oder den Splashpages nicht erfährt. Dass „Comix“ nichts mit Journalismus zu tun hat, stimmt. Ich hatte bloß keine Lust, dazu einen eigenen Artikel anzulegen und wollte das Magazin mal positiv erwähnt haben :).

      Der „Reddition“ kann man natürlich sehr wohl vorwerfen, soziale Bezüge zu vernachlässigen. Dass ich sie trotzdem gerne lese und gut gemacht finde, habe ich ja auch geschrieben. Aber so etwas wie die alte „Comixene“ fehlt halt einfach, wo auch mal über den Tellerrand des eigenen Mediums hinaus geschaut wurde bzw. hinterfragt wurde, wie sich dieses denn zur Gesamtgesellschaft verhält.

      Die Berichterstattung des Titel-Magazins war wirklich sehr gut, ebenso wie auch die bei SF-Radio. So etwas in der Form, und dann halt zeitnah, würde ich mir halt auch bei den Comic-Magazinen im Internet wünschen. Gerade bei den Splashpages klaffen Selbstdarstellung und Wirklichkeit da doch desöfteren sehr stark auseinander. Insgesamt fehlt mir heute ienfach ein Magazin, dass es inhaltlich mit der alten „Comixene“ oder auch der „Speedline“ aufnehmen kann, ob in Print oder im Netz, wäre ja erst einmal egal.

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