Vom Internet ins Printformat: das Comicgate-Magazin

Veröffentlicht: 2. Juli 2010 in Print
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Da hab ich ja mit meinem Artikel über die Defizite des deutschen Comic-Journalismus‘ doch mehr Staub aufgewirbelt, als ich gedacht hätte. Das Online-Magazin Comicgate hatte ich zwar gar nicht explizit erwähnt, dessen Macher fühlten sich aber trotzdem angesprochen und fragten mich, ob ich nicht Lust hätte, mal ihr neues Print-Magazin zu besprechen.

Das erscheint nur einmal im Jahr; die vor Kurzem rausgekommene Ausgabe ist mittlerweile die fünfte. Dass ein Online-Magazin einen Print-Ableger bekommt, ist recht selten, und ungewöhnlich ist auch das Format (A5, dafür mehr als 100 Seiten) und dass es einen relativ hohen Anteil an Comicseiten hat (35), obwohl es in erster Linie ein Sekundärmagazin ist. Das Konzept erinnert auch auf Grund der seltenen Erscheinungsweise weniger an ein aktuelles Magazin, sonder eher an das COMIC!-Jahrbuch, mit dem der Interessenverband Comic (ICOM) seit einigen Jahren die Tradition der früher bei Ullstein bzw. Carlsen erschienenen Comic-Jahrbücher weiterführt (und nebenbei an seine eigene vor etwa 15 Jahren eingestellte Fachzeitschrift erinnert, die unter verschiedenenen Titeln erschien, zuletzt als COMIC!).

Die meisten Artikel im Comicgate-Magazin sind also eher grundsätzlicher Natur. Diese längeren Texte, die jeweils um die zehn Seiten umfassen, sind auch das Interessanteste: eine Abhandlung über die Funktion der Hintergründe im Comic, eine Übersicht über deutsche Zeichner im Ausland und eine Artikel über die Frgae, wozu wir eigentlich Superheldencomics brauchen. Da gibt es viel zu lernen, was ich auch als Comicfan bisher noch nicht wusste, z.B. über die Marvel-Serie „Omega the Unknown“, die schon in den 70ern das Genre dekonstruierte. Gerade diese Nebenaspekte und vergessenen Werke werden sehr interessant aufgearbeitet. Weniger spannend fand ich den recht inhaltsleeren Artikel über e.o. Plauens Karikaturen für den „Vorwärts“, nach dessen Lektüre man nicht viel schlauer ist als vorher.

Aktuelle Artikel gibt es auch, u.a. ein Interview mit Carlsen Comics-Programmleiter Ralf Keiser. Hinzu kommen Standards wie Fragebögen, die verschiedene Zeichner, Journalisten und andere Leute aus der Szene beantwortet haben, oder Rezensionen, die hier Inselcomics heißen. Und zwischendurch immer wieder mehrseitige Kurzgeschichten meist deutscher Newcomer. Die fallen allerdings von der Qualität her meistens gegenüber den Artikeln ab. Manches ist zwar gut gezeichnte, aber inhaltlich belanglos. Richtig überzeugend fand ich nur die poetisch-makabere Geschichte „Es gibt immer ein erstes Mal“ von Michael Dialynas, in der sich ein Mädchen in den Tod verliebt, sowie Michael Vogts abgefahrenen 4-Seiter „El pollo de la muerte“ (vermute mal, dass das „Das Huhn des Todes“ heißt?).

Großes Manko des Magazins ist jedoch das doch sehr spartanische Layout, das mehr an einen Gemeindebrief oder eine Schülerzeitung erinnert als dass es aktuellen Trends der Gestaltung von Publikumszeitschriften entspricht: wenig Weißräume, viel Textwüste, unattraktive Platzierung der Abbildungen inklusive langweiligen Aussehens der Bildunterschriften. Da zeigt z.B. die „Comixene“, dass es auch anders geht. Auch das kleine Format wird dem Zeitschriftenkonzept nicht so ganz gerecht.

Ein größeres Format, ein frischeres und etwas originelleres Layout und eine vierteljährliche Erscheinungsweise – und Comicgate könnte ein richtig überzeugendes Print-Sekundärmagazin sein. So ist es immerhin noch ein sehr lesenswertes Kompendium der deutschen und internationalen Comicszene, eine Art kleiner Bruder (oder Schwester) des COMIC!-Jahrbuchs. Seine 6,50 Euro ist es auf jeden Fall wert.

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Kommentare
  1. Frauke sagt:

    Danke für Deine Besprechung! Deine Kritik an „zu wenig Luft“ kann ich nachvollziehen. Es ist sicherlich nicht so geplant und ich würde manchmal auch gerne mehr Platz lassen. Aber schlussendlich haben wir immer wieder so viel Inhalt, dass wir keine Beiträge rausschmeißen oder radikal kürzen wollen. Mir geht dann der Inhalt vor die schickere Form.

    Auch andere Kritikpunkte wie Erscheinungsweise kann ich nachvollziehen, lassen sich aber aufgrund der Arbeitsaufwandes nicht umsetzen – wir machen das ja im Gegensatz zur Comixene in unserer Freizeit! Und genau das ist auch die Erklärung für viele andere Deiner Kritikpunkte. Beim Grundlayout müssen wir mal schauen, ob wir was ändern können. Ist auf jeden Fall notiert.

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