Vergessene Meisterwerke (II): Kraftwerk und ihre menschlichen Maschinen

Veröffentlicht: 23. Juli 2010 in Musik
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Ich kann mit rein elektronischer Musik wenig anfangen. Es gibt genau zwei Ausnahmen: Björk und Kraftwerk. Über letztere hab ich neulich gelesen, sie wären so etwas wie die Beatles der elektronischen Musik. Das stimmt sicherlich, was ihren Einfluss auf nachfolgende Bands und ganze Musikrichtungen betrifft, auch was ihre Beliebtheit im Ausland angeht.

„Die Mensch-Maschine“ von 1978 ist für mich ihr bestes Album (wenn ich auch nicht alle kenne), im Grunde nicht nur Höhepunkt, sondern auch Quintessenz ihres musikalischen Schaffens und ihrer Philosophie: die Bandmitglieder, die völlig hinter ihrer Musik zurück treten und selbst zu Maschinen werden. Bei Konzerten gingen die Musiker teilweise gar nicht mehr auf die Bühne, sondern ließen sich von Robotern mit ihren Gesichtszügen „vertreten“, während die Musik aus dem Computer kam. In zwei Stücken wird die Verschmelzung von Mensch und Maschine gefeiert, vielleicht auch parodiert, so genau weiß man das bei Kraftwerk nicht: im Titelstück natürlich und im programmatischen „Die Roboter“:

Wir laden unsere Batterie / Dann sind wir voller Energie

Die besten Stücke auf der LP/CD sind aber nicht diese beiden und auch nicht ihr wohl größter Hit „Das Modell“, der vielleicht untypischste Kraftwerk-Song, der irgendwie gar nicht in das Albumkonzept zu passen scheint. Es sind „Metropolis“, „Spacelab“ und „Neonlicht“. Die beiden ersteren überwiegend instrumentale Space Operas, in denen jeweils nur der Titel wiederholt gesungen wird. Insbesondere „Metropolis“ fährt in den ersten Minuten Soundeffekte auf, bei denen einem unter dem Kopfhörer schier die Ohren wegfliegen. „Neonlicht“ hat nur einen Satz Text, der gibt allerdings die ganze Ambivalenz des Großstadtlebens perfekt wieder:

Neonlicht, schimmerndes Neonlicht / Und wenn die Nacht anbricht, wird diese Stadt zu Licht

Die musikalischen Themen sind in allen drei Stücken kurz, aber prägnant. Der Minimalismus wird hier auf die Spitze getrieben, aber ohne jemals langweilig zu werden. Das ist auch, was Kraftwerk von 99 Prozent ihrer Epigonen unterscheidet. Schade, dass die Band in den letzten knapp 25 Jahren nichts Wesentliches mehr auf die Reihe gebracht hat. Vielleicht ist der eigene Mythos doch zu groß, als dass da noch mal was Ebenbürtiges nachkommen könnte.

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