Wie ein Blumenkübel zum Twitterstar wurde oder Die traurige Realität des Lokaljournalismus

Veröffentlicht: 7. August 2010 in Journalismus, Online, Print
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Ein Redakteur der Münsterschen Zeitung fand wahrscheinlich selbst absurd, dass in seiner Zeitung über einen umgekippten Blumenkübel berichtet wurde, verbreitete die Meldung über Twitter und löste damit eine nicht vorhersehbare Welle aus: Twitterer parodierten die Meldung in immer neuen Varianten und sorgten dafür, dass der Blumenkübel zu einem der weltweit meistdiskutierten Themen bei Twitter wurde.

Die MZ selbst nimmt’s mit Humor und freut sich wahrscheinlich, dass überhaupt mal jemand in der Netzgemeinde auf ihren Neuenkirchener Lokalteil aufmerksam geworden ist. Das Traurige an diesem lustigen Hype ist eigentlich, dass die Meldung, die ihn auslöste, nicht einmal besonders schräg oder auffallend belanglos ist. Denn gerade in kleinen Lokalteilen überall in der Republik wird über solche Nichtigkeiten täglich geschrieben. Ich durfte in meiner Zeit als freier Mitarbeiter bei einer Stadtteilausgabe unter anderem über verschmutzte öffentliche Toiletten schreiben, über Vandalen, die Spielzeugbagger auf einem Spielplatz verbogen hatten und über den Belag eines Platzes in einem Wohngebiet, der zur Auseinandersetzung zwischen Boulespielern in der Nachbarschaft und gehbehinderten Anwohnern wurde. Und zwar nicht in vier Sätze-Meldungen, sondern jeweils in 80 Zeilen-Berichten. Einfach, weil die Redakteure meinten, das gehöre schon zu den spannendsten Dingen, die in ihrem Stadtbezirk so passiert seien.

Der MZ-Mitarbeiter schreibt dann selbst, dass die Blumenkübel-Zerstörung nur einen begrenzten Nachrichtenwert hätte:

„sie ist gerade mal für die Bewohner des Hauses, deren Angehörige, die Mitarbeiter des Altenheims und vielleicht einige Anwohner der Straße relevant.“

Demnach hat sie mMn überhaupt keinen Nachrichtenwert. Denn wenn etwas nur für die Leute interessant ist, die auf einer einzigen Straße wohnen oder arbeiten, ist das noch keine Öffentlichkeit, sondern ein privater Kreis. Wenn auf Onkle Hugos 70. Geburtstag mit 150 Gästen der Gastgeber für eine halbe Stunde mit seiner Nachbarin im Schlafzimmer verschwindet, steht das ja auch nicht morgen in der BUNTEN. Wenn eine Lokalzeitung dann meint, über einen zerbrochenen Blumenkübel trotzdem eine Meldung schreiben zu müssen, zeigt das, dass es ihr im Grunde nicht um Nachrichtenwert geht, sondern nur darum, dass der Lokalteil halt auch in einem Ort, in dem nichts Berichtenswertes passiert, irgendwie gefüllt werden muss.

Es zeigt aber auch exemplarisch, welche Bevölkerungsgruppen sich in einer Lokalzeitung eigentlich noch wiederfinden: Altenheimbewohner und sonstige Senioren. Ich gehe stark davon aus, dass es die Jugendlichen selbst in Neuenkirchen wenig interessiert, wenn ein Blumenkübel in ihrem Ort kaputt geht. Gestern bekam ich zufällig mit, wie sich zwei etwa 40-Jährige neben mir über die mangelnde Qualität von Lokalzeitungen hier in der Region unterhielten. Der eine: „Optisch sieht die Zeitung in Neuss etwas anders aus als hier, inhaltlich ist das aber dasselbe.“ Der andere: „Schützenverein halt.“

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